The Project Gutenberg EBook of Der Courier des Czaar (Michael Strogoff) by
Jules Verne



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Title: Der Courier des Czaar (Michael Strogoff)

Author: Jules Verne

Release Date: October 12, 2010 [Ebook #34064]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)***





                       Collection Verne. Band 22.


                        *Der Courier des Czaar.*

                          (Michael Strogoff.)

                                  Von

                             *Julius Verne.*


_Autorisirte Ausgabe_

Erster Band.

*Vierte Auflage.*

Wien. Pest. Leipzig.

_A. Hartleben's Verlag._

Alle Rechte vorbehalten.





              K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.





                                 INHALT.


Erster Theil
   1. Ein Fest im Neuen Palais
   2. Russen und Tartaren
   3. Michael Strogoff
   4. Von Moskau nach Nishny-Nowgorod
   5. Eine Verordnung mit zwei Artikeln
   6. Bruder und Schwester
   7. Auf der Wolga stromabwaerts
   8. Die Kama stromaufwaerts
   9. Tag und Nacht im Tarantass
   10. Ein Unwetter in den Uralbergen
   11. Reisende in Noth
   12. Eine Herausforderung
   13. Die Pflicht ueber Alles!
   14. Mutter und Sohn
   15. Der Barabinen-Sumpf
   16. Eine letzte Anstrengung
   17. Bibelsprueche und Liederverse
Zweiter Theil
   1. Ein tartarisches Feldlager
   2. Alcide Jolivet's Haltung
   3. Schlag fuer Schlag
   4. Der siegreiche Einzug
   5. Nun sieh' Dich um
   6. Ein Freund unterwegs
   7. Die Ueberschreitung des Jenisei
   8. Ein Hase, der ueber den Weg laeuft
   9. In der Steppe
   10. Baikal und Angara
   11. Zwischen zwei Ufern
   12. Irkutsk
   13. Ein Courier des Czaar
   14. Die Nacht vom 5. zum 6. October
   15. Schluss
[Bemerkungen zur Textgestalt]






                            MICHAEL STROGOFF.




                             Erstes Capitel.


                        Ein Fest im Neuen Palais.


"Sire, eine neue Depesche.

-- Von woher?

-- Aus Tomsk.

-- Ueber diese Stadt hinaus ist die Leitung unterbrochen?

-- Sie ist seit gestern gestoert.

-- General, Sie werden von Stunde zu Stunde ein Telegramm von Tomsk
einfordern und mich auf dem Laufenden erhalten.

-- Zu Ew. Majestaet Befehl", antwortete der General Kissoff.

Diese Worte wurden gegen zwei Uhr Morgens gewechselt, als ein im Neuen
Palais abgehaltenes Fest eben in hoechstem Glanze strahlte.

Die Capellen der Regimenter von Preobrajensky und von Paulowsky spielten
zu dieser Soiree die gewaehltesten Nummern ihres Repertoires, Polkas,
Mazurkas, Schottische und Walzer, ununterbrochen auf. Immer neue Paare von
Taenzern und Taenzerinnen rauschten durch die praechtigen Salons dieses
Palastes, der sich nur wenige Schritte entfernt von dem "alten Hause aus
Stein" erhebt, in welch' letzterem sich so viele furchtbare Dramen
abgespielt haben und das jetzt nur die fluechtigen Melodien der Quadrillen
wiederhallte.

Der Oberhofmarschall fand bei Erfuellung seiner delicaten Pflichten sehr
beachtenswerthe Unterstuetzung. Die Grossfuersten selbst, deren Adjutanten,
die Kammerherren vom Dienst und die Hausofficiere des Palastes unterzogen
sich des Arrangements der Taenze. Die von Diamanten strahlenden
Grossfuerstinnen und die Hofdamen in gewaehltester Galatoilette gingen den
Frauen und Toechtern der hoechsten Militaer- und Civilbeamten mit
aufmunterndem Beispiele voran. Als das Signal zur Polonaise ertoente, als
die Eingeladenen jedes Ranges herbeieilten zu dieser rhythmischen
Promenade, welche bei derartigen Festlichkeiten die volle Bedeutung eines
Nationaltanzes erlangt, da bot das Gemisch der langen, spitzenueberwebten
Roben und der an Ordensschmuck so reichen Uniformen bei dem Glanze der
hundert Kronleuchter, deren Lichtmeer die ungeheuren Spiegel noch zu
verdoppeln schienen, dem Auge ein entzueckendes, kaum zu beschreibendes
Bild.

Dazu lieferte der grosse Salon, das schoenste der Gemaecher im Neuen Palais,
fuer diese Versammlung hoher und hoechster Personen und verschwenderisch
geschmueckter Frauen einen entsprechend prachtvollen Rahmen. Die reiche
Decke mit ihren von der Zeit schon etwas gemilderten Vergoldungen erschien
wie besaeet mit blitzenden Sternen. Der Brokat der Gardinen und der in
schweren Falten herabfallenden Portieren faerbte sich mit warmen Toenen,
welche sich nur an den schaerferen Kanten des kostbaren Stoffs lebhafter
heraushoben.

Durch die Scheiben der grossen Rundbogenfenster drang das Licht des Innern
nur wenig geschwaecht, aehnlich dem Wiederschein einer Feuersbrunst, nach
aussen, und stach grell ab von dem naechtlichen Dunkel, das seit wenig
Stunden diesen glitzernden Palast umhuellte. Dieser Contrast mochte auch
die Aufmerksamkeit zweier Ballgaeste erregen, welche am Tanze keinen
Antheil nahmen. In einer der Fensteroeffnungen stehend, konnten sie mehrere
jetzt nur undeutlich sichtbare Glockenthuerme wahrnehmen, deren riesige
Silhouetten sich am Himmel abzeichneten. Unten bewegten sich schweigend,
das Gewehr wagrecht ueber die Schulter gelegt, zahlreiche Wachtposten auf
und ab, und auf den Spitzen ihrer Pickelhauben blitzte es dann und wann
von dem darauf fallenden Lichte aus dem Palaste. Jene vernahmen wohl auch
den Schritt der Patrouillen auf den Steinplatten des Vorplatzes, der gewiss
taktgerechter war, als manchmal die Bewegungen der Tanzenden auf dem
Parket des Festsaales. Dann und wann hoerte man den Zuruf der Schildwachen
von Posten zu Posten und manchmal mischte sich ein hellschmetterndes
Trompetensignal harmonisch mit den Accorden des Orchesters.

Noch weiter unten erschienen dunkle Massen in den ungeheuren von den
Fenstern des Neuen Palais ausgestroemten Lichtkegeln. Das waren Schiffe,
die auf dem Strome herabglitten, dessen Wellen, ueberstrahlt von den
grellen Lichtbuendeln mehrerer kleiner Leuchtfeuer, den Fuss der Terrassen
des Palastes bespuelten.

Die Hauptperson des Balles, der Festgeber des heutigen Abends, dem
gegenueber General Kissoff jene nur den Souveraenen zukommende Anrede
benutzte, erschien einfach in der Uniform eines Officiers der Gardejaeger.
Seinerseits lag hierin keine Affectation, sondern die Gewohnheit eines
Mannes, der fuer aeusseren Pomp wenig empfindlich ist. Seine Erscheinung
contrastirte demnach mit den prachtvollen Costuemen, die sich um ihn
draengten, und ebenso zeigte er sich auch gewoehnlich inmitten seiner
Escorte von Georgiern, Kosaken und Lesghiern, jener praechtigen
Reiterleibwache in den brillanten Uniformen des Kaukasus.

Jener hochgewachsene Mann mit freundlichem Gesicht, ruhiger Physiognomie,
aber bisweilen sorgenvoller Stirn, ging leutselig von einer Gruppe zur
andern, sprach aber wenig und schien selbst weder den heitern Gespraechen
der juengern Welt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, noch den
ernsteren Worten seiner hoechsten Staatsbeamten oder der Mitglieder des
diplomatischen Corps, welche die Hauptstaaten Europas an seinem Hofe
vertraten. Zwei oder drei dieser scharfsichtigen Politiker - geborene
Physiognomiker, - glaubten auf dem Antlitz ihres hohen Wirths einige
Zeichen von Unruhe bemerkt zu haben, deren Ursache ihnen zwar unerklaerlich
blieb, aber ohne dass Einer derselben sich erlaubt haette, eingehender
danach zu forschen. Auf jeden Fall lag es, daran war gar nicht zu
zweifeln, in der Absicht des Officiers der Gardejaeger, durch seine
Geheimnisse die Festesfreude in keiner Weise zu beeintraechtigen, und da er
einer der seltenen Fuersten war, dem fast eine ganze Welt, sogar im
Gedanken, zu gehorchen sich gewoehnt hatte, so wurden auch die Vergnuegungen
des Balles nicht einen Augenblick unterbrochen.

Indessen wartete General Kissoff von dem Officier, dem er das Telegramm
aus Tomsk ueberreicht hatte, auf die Erlaubniss sich zurueckziehen zu duerfen;
aber jener verharrte in Schweigen. Er hatte das Blatt angenommen,
durchlesen und mehr und mehr Wolken lagerten sich auf seine Stirn.
Unwillkuerlich fasste seine Hand nach dem Degengriff und erhob er diese
wieder bis an die Augen, welche er einen Augenblick bedeckte. Es schien,
als blende ihn der Schein der tausend Flammen und als suche er etwas
Schatten, um besser in sein Inneres blicken zu koennen.

"Wir sind also, begann er wieder, nachdem er den General Kissoff in eine
Fensternische gefuehrt, seit gestern ohne alle Verbindung mit dem
Grossfuersten?

-- Ohne Verbindung, Sire, und es steht zu befuerchten, dass die Depeschen
bald nicht einmal die Grenze Sibiriens mehr ueberschreiten koennen.

-- Aber die Truppen des Amurgebietes, sowie die von Transbaikalien haben
die Ordre empfangen, sofort nach Irkutsk aufzubrechen?

-- Diesen Befehl enthielt das letzte Telegramm, welches ueber den Baikalsee
hinaus zu senden moeglich war.

-- Doch mit den Gouvernements Jeniseisk, Omsk, Semipalatinsk und Tobolsk
stehen wir seit Beginn des Einfalls stets in directer Communication?

-- Gewiss, Sire, dahin gelangen unsere Depeschen und wir sind sicher, dass
die Tartaren zur Stunde den Irtysch und Obi noch nicht ueberschritten
haben.

-- Und von dem Verraether Iwan Ogareff hat man noch keine weitere Kunde?

-- Nein, antwortete General Kissoff; der Polizeichef vermag nicht zu sagen,
ob jener die Grenze ueberschritten hat oder nicht.

-- Sein Signalement werde sofort nach Nishny-Nowgorod, Perm, Jekaterinburg,
Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan, Tomsk und ueberhaupt nach
allen Stationen gesandt, mit denen wir noch in telegraphischem Verkehr
stehen.

-- Ew. Majestaet Befehle werden unverzueglich ausgefuehrt werden, erwiderte
der General.

-- Kein Wort ueber alles Dieses!"

Nach einem stummen Zeichen ehrfurchtsvoller Ergebenheit verneigte sich der
General, mischte sich erst unbefangen unter die Gaeste, verliess aber bald
die Salons, ohne dass sein Verschwinden irgend welches Aufsehen erregte.

Der Officier blieb traeumerisch noch kurze Zeit stehen, und als er sich den
verschiedenen Gruppen von Diplomaten und Militaers wieder naeherte, hatte
sein Gesicht die einen Augenblick verlorene Ruhe vollstaendig
wiedergefunden.

Die sehr ernste Ursache jener schnell gewechselten Worte war aber
keineswegs so unbekannt, als der Gardejaegerofficier und der General
Kissoff glauben mochten. Man sprach zwar nicht officiell davon, ja nicht
einmal officioes, da die Zungen jetzt noch nicht geloest waren, aber
verschiedene hochgestellte Personen hatten doch mehr oder weniger genaue
Berichte erhalten ueber die Vorgaenge jenseit der Grenze.

Was man nur so vom Hoerensagen wusste, davon unterhielt man sich nicht,
nicht einmal die Mitglieder der Diplomatie unter einander; zwei
Eingeladene aber, welche weder eine Uniform, noch sonst welche
Auszeichnung als berechtigt zu dieser Festlichkeit kennzeichnete, sprachen
mit gedaempfter Stimme ueber diese Angelegenheit und schienen sehr genaue
Informationen zu besitzen.

Auf welchem Wege, durch welches Zwischenmittel wussten aber diese beiden
einfachen Sterblichen das, was andere und selbst sehr einflussreiche
Personen kaum muthmassten? - Niemand haette das sagen koennen. Waren sie mit
einem Vorgefuehl oder mit einer Voraussicht begabt? Besassen sie noch einen
sechsten Sinn, der es ihnen ermoeglichte, ueber den begrenzten Horizont
hinaus zu blicken, der sonst die Tragweite des Menschenauges abschliesst?
Hatten sie eine besonders scharfe Witterung, um die geheimsten Neuigkeiten
auszuspueren? Sollte sich ihre Natur bei der tief eingewurzelten
Gewohnheit, von und durch die Information zu leben, gaenzlich veraendert
haben? Man wurde versucht, das zu glauben.

Diese beiden Maenner, der eine Englaender, der andere Franzose, waren lange,
hagere Gestalten, - dieser gebraeunt wie die Suedlaender der heissen Provence,
- jener roth, wie ein Gentleman aus Lancashire. Der abgemessene, kalte,
phlegmatische, mit Bewegungen und Worten haushaelterische Anglo-Normanne
schien nur bei der Ausloesung einer Feder zu reden und zu gesticuliren, die
von Zeit zu Zeit in ihm wirkte. Der lebhafte, fast ungestueme Gallo-Romane
dagegen sprach gleichzeitig mit Lippen, Augen und Haenden, und schien seine
Gedanken auf zwanzigerlei Art mitzutheilen, waehrend seinem Partner nur
eine zu Gebote stand, welche stereotypisch in seinem Hirn fest sass.

Diese physischen Unterschiede haetten des oberflaechlichen Beobachters
Urtheil gewiss leicht irre fuehren koennen; der Physiognomiker aber, der
diese beiden Persoenlichkeiten aus der Naehe beobachtete, haette den
physiologischen Contrast, der sie charakterisirte, gewiss in die Worte
zusammen gefasst, dass der Franzose "ganz Auge" und der Englaender "ganz Ohr"
sei.

In der That hatte sich der Gesichtssinn des Einen durch den Gebrauch ganz
ausserordentlich geschaerft. Seine Netzhaut besass dieselbe
Augenblicksempfindlichkeit, wie die der geuebten Taschenspieler, welche
eine Karte schon beim schnellen Mischen oder an einem so unscheinbaren
Zeichen erkennen, dass es jedem Anderen zweifellos entgeht. Dieser Franzose
besass also in hoechstem Grade das, was man so bezeichnend "das Gedaechtniss
des Auges" nennt.

Der Englaender im Gegentheil schien ganz speciell organisirt, nur zu hoeren
und in sich aufzunehmen. Traf seinen Gehoerapparat der Ton einer Stimme nur
ein einzig Mal, so vergass er diesen niemals mehr und haette diese Stimme
nach zehn, nach zwanzig Jahren unter tausend anderen wieder herausgehoert.
Seine Ohren besassen zwar sicherlich nicht das Vermoegen, sich so zu
bewegen, wie die der Thiere, welche mit sehr entwickelten Ohrmuskeln
versehen sind; da die Gelehrten aber ausser Zweifel gesetzt haben, dass die
aeusseren Ohren des Menschen nur "nahezu" unbeweglich sind, so waere man
anzunehmen berechtigt gewesen, dass die des genannten Englaenders sich
mussten strecken, verschieben und winden koennen, um die Schallwellen unter
den guenstigsten Verhaeltnissen aufzunehmen, so dass einem Sachverstaendigen
ihre Bewegungen wohl nicht entgangen waeren.

Es sei gleich hierbei bemerkt, dass diese Vervollkommnung des Gesichts und
Gehoers den beiden Maennern bei ihrer Beschaeftigung sehr zu Statten kam,
denn der Englaender war ein Correspondent des Daily-Telegraph, der Franzose
Correspondent des ... ja, welches oder welcher Journale, das sagte er
nicht, und wenn man ihn darum fragte, so antwortete er scherzend, er
correspondire mit "seiner Cousine Madelaine". Im Grunde war dieser
Franzose trotz seines legeren Auftretens ein sehr scharfer Beobachter, und
wenn er so in den Tag hinein plauderte, vielleicht um seine eigentliche
Absicht desto mehr zu verdecken, so gab er sich doch niemals eine Bloesse.
Gerade seine Redseligkeit diente ihm dazu, zu schweigen, und
wahrscheinlich war er eigentlich verschlossener und discreter, als sein
College vom Daily-Telegraph.

Wenn Beide diesem in der Nacht vom 15. zum 16. Juli im Neuen Palais
gegebenen Feste beiwohnten, so geschah das in ihrer Eigenschaft als
Journalisten und zwar zur groessten Erbauung ihrer Leserkreise.

Es versteht sich ganz von selbst, dass diese beiden Maenner fuer ihre Mission
in der Welt wirklich begeistert waren; dass sie es liebten, sich wie
Spuerhunde auf die Faehrte der unerwartetsten Neuigkeiten zu stuerzen, dass
Nichts sie zurueckschreckte oder abhielt, zu ihrem Ziele zu gelangen, und
dass sie das absolut unerregbare, kalte Blut und den wirklichen Muth dieser
Helden von der Feder besassen. Wahrhafte Jockeys dieser Steeple-chase,
dieser Jagd nach Neuigkeiten, sprangen sie ueber die Hecken, flogen ueber
die Fluesse, setzten ueber die Huerden mit dem unvergleichlichen Feuereifer
jener Vollblutrenner, die entweder die Ersten am Ziele sein oder sterben
wollen.

Uebrigens geizten ihre Journale nicht mit dem Gelde, jenem bis jetzt
sichersten, schnellsten und vollkommensten Mittel, sich zu informiren. Zu
ihrer Ehre sei aber hier eingeflochten, dass weder der Eine noch der Andere
je ueber die Mauer des Privatlebens sah oder horchte, und dass sie nur dann
in Thaetigkeit traten, wenn politische oder sociale Interessen in's Spiel
kamen. Mit einem Worte, sie waren, wie man seit den letzten Jahren zu
sagen pflegt, "die grossen politischen und militaerischen Berichterstatter".

Indess wird man bei naeherer Betrachtung sehen, dass sie die Thatsachen und
ihre Consequenzen meist auf besondere Art und Weise ansahen, da sie eben
jeder seine besondere Manier hatten, zu sehen und zu urtheilen. Da sie
jedoch stets mit Freimuth handelten und bei jeder Gelegenheit ihr
Moeglichstes thaten, so wuerde man Unrecht thun, sie deshalb zu tadeln.

Der franzoesische Correspondent hiess Alcide Jolivet. Harry Blount war der
Name des englischen Reporters. Sie begegneten sich eben zum ersten Male
bei dem Feste im Neuen Palais, ueber welches sie ihren Journalen Bericht
erstatten wollten. Die Verschiedenheit ihres Charakters in Verbindung mit
einer gewissen Geschaeftsvorsicht, konnte ihnen nur wenig gegenseitige
Sympathie einfloessen. Jedoch, sie vermieden sich deshalb nicht, ja, sie
suchten sich sogar, um Einer dem Anderen die Neuigkeiten des Tages
abzulocken. Sie waren Alles in Allem zwei Nimrods, die auf dem naemlichen
Gebiete jagten. Was der Eine fehlte, konnte ja dem Anderen zum Schusse
gelegen kommen und ihr Interesse verlangte es, dass sie immer so weit
Fuehlung behielten, um einander zu sehen und zu hoeren.

An diesem Abend befanden sich Beide auf dem Anstande. Offenbar lag etwas
in der Luft.

"Und wenn's nur ein Volk Enten waere, sagte sich Alcide Jolivet, einen
Flintenschuss wird's doch werth sein!"

Die beiden Correspondenten kamen also in ein Gespraech waehrend des Balles,
kurze Zeit, nachdem General Kissoff die Salons verlassen hatte, und Beide
klopften erst gegenseitig auf den Busch.

"Wahrlich, mein Herr, dieses kleine Fest ist reizend! begann Alcide
Jolivet, mit der liebenswuerdigsten Miene von der Welt die Unterhaltung mit
dieser ausgesprochen franzoesischen Phrase einleitend.

-- Ich habe schon telegraphirt: splendid! antwortete frostig Harry Blount
mit besonderer Betonung dieses Wortes, welches jeder Buerger des
Vereinigten Koenigreichs als Ausdruck seiner Bewunderung zu gebrauchen
pflegt.

-- Ich jedoch, fuegte Alcide Jolivet hinzu, glaubte meiner Cousine ...

-- Ihrer Cousine?... wiederholte Harry Blount erstaunt, indem er seinen
Collegen unterbrach.

-- Ja wohl, fuhr Alcide Jolivet fort, ich stehe mit meiner Cousine
Madelaine in Briefwechsel, sie hat es gern, schnell Alles zu erfahren,
meine Cousine!... Ich glaubte ihr also mittheilen zu muessen, dass die Stirn
des Souveraens bei diesem Feste doch von einigen Woelkchen beschattet
gewesen sei.

-- Mir dagegen schien sie strahlend frei, antwortete Harry Blount, der
wahrscheinlich seine Ansicht ueber diesen Gegenstand zu verbergen suchte.

-- Und in Folge dessen haben Sie sie auch in den Spalten des
Daily-Telegraph 'strahlen' lassen?

-- Gewiss.

-- Erinnern Sie sich, Herr Blount, sprach Alcide Jolivet weiter, was im
Jahre 1812 in Zakret vorgekommen ist?

-- So genau, als ob ich dabei gewesen waere, erwiderte der englische
Reporter.

-- Nun, sagte Alcide Jolivet, so ist Ihnen bekannt, dass man bei einem dem
Kaiser Alexander zu Ehren gegebenen Feste diesem die Nachricht brachte,
dass Napoleon mit der franzoesischen Vorhut soeben den Niemen ueberschritten
habe. Der Kaiser verliess jedoch das Fest nicht, trotz der Wichtigkeit
dieser Nachricht, die ihm seine Herrschaft kosten konnte, und bekaempfte
aeusserlich jede Unruhe ...

-- So wenig wie unser Wirth eine solche zeigte, als ihm General Kissoff die
Meldung machte, dass die telegraphischen Verbindungen zwischen der Grenze
und dem Gouvernement von Irkutsk unterbrochen seien.

-- Ah, Sie kennen diese Einzelheiten?

-- Ich kenne sie.

-- Ich muss wohl davon unterrichtet sein, da mein letztes Telegramm bis
Udinsk gelangt ist, bemerkte Alcide Jolivet mit einer gewissen
Genugthuung.

-- Und die meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte Harry Blount etwas
unwirsch.

-- So wissen Sie auch, dass schon Befehle an die Truppen von Nicolajewsk
abgegangen sind?

-- Ja wohl, mein Herr, gleichzeitig als man den Kosaken des Gouvernements
Tobolsk telegraphisch die Ordre zugehen liess, sich zu sammeln.

-- Sehr richtig, Herr Blount, auch diese Massnahmen sind mir vollkommen
bekannt, und glauben Sie, meine liebenswuerdige Cousine wird schon morgen
Einiges davon zu erzaehlen wissen.

-- Ganz so wie die Leser des Daily-Telegraph davon unterrichtet sein
werden, Herr Jolivet.

-- Das kommt davon, wenn man Alles sieht, was ringsum vorgeht ...

-- Und wenn man Alles hoert, was gesprochen wird!

-- Da wird's einen interessanten Feldzug zu verfolgen geben.

-- Dem ich mich anschliesse, Herr Jolivet.

-- O, dann kann sich's treffen, dass wir uns auf einem minder sicheren
Terrain, als das Parket dieses Saales, wieder begegnen.

-- Wohl einem minder sicheren, aber auch ...

-- Einem weniger glatten!" antwortete Alcide Jolivet, der seinen Collegen
in den Armen auffing, als dieser eben beim Rueckwaertsgehen fast umgefallen
waere.

Spaeter trennten sich die beiden Collegen, ganz zufrieden zu wissen, dass
Keiner dem Andern um eine Nasenlaenge voraus war.

Jetzt sprangen die Thueren der anstossenden Saele auf. Dort zeigten sich
verschiedene grosse und praechtig servirte Tafeln, schwer beladen mit
kostbarem Porzellan und goldenen Gefaessen. Auf der mittelsten, fuer die
Prinzen, Prinzessinnen und die Mitglieder des diplomatischen Corps
reservirten Tafel glaenzte ein Tafelaufsatz von unschaetzbarem Werthe aus
Londoner Werkstaetten und rund um dieses Meisterwerk der Juwelierarbeit
spiegelten sich unter dem Glanze der Lustres die unzaehligen Stuecken des
herrlichsten Geschirrs, das jemals die Manufacturen von Sevres verlassen
hatte.

Die Gaeste des Neuen Palais begaben sich nach den Speisesaelen.

In diesem Augenblicke naeherte sich der General Kissoff, der inzwischen
zurueckgekehrt war, rasch dem Officier der Gardejaeger.

"Nun, wie steht's? fragte dieser lebhaft.

-- Die Telegramme gehen nicht ueber Tomsk hinaus, Sire.

-- Sofort einen Courier!"

Der Officier verliess den grossen Saal und zog sich in ein daneben liegendes
grosses Gemach zurueck. Es war das ein mit Eichenmoebeln sehr einfach
ausgestattetes Arbeitscabinet an einer Ecke des Neuen Palais. Einige
Bilder, darunter einzelne Oelgemaelde von Horace Vernet, hingen an den
Waenden.

Der Officier riss schnell ein Fenster auf, als habe es seinen Lungen an
Sauerstoff gemangelt, und sog auf einem maechtigen Balcon die laue Luft der
schoenen Julinacht ein.

Vor seinen Augen breitete sich, in sanftes Mondlicht gebadet, eine Art
Festungswerk aus, in welchem sich zwischen zwei Kathedralen drei Palaeste
und ein Arsenal erhoben. Rings um dasselbe die bestimmt unterschiedenen
Staedte: Kitai-Gorod, Boloi-Gorod und Zemlianoi-Gorod, das ungeheure
europaeische, tartarische und chinesische Quartier, ueberragt von Thuermen
und Minarets, von den Kuppeln der dreihundert Kirchen mit ihren gruenen
Daechern und dem silbernen Kreuz darauf. Ein kleiner Fluss mit
vielgewundenem Laufe glaenzte manchmal in den Strahlen des Mondes. Das
Ensemble bildete eine wunderbare, verschieden gefaerbte Mosaik, welche ein
zehn Stunden langer Rahmen umschloss.

Dieser Fluss war die Moskowa; diese Stadt war Moskau, jenes Festungswerk
war der Kreml und jener Officier der Gardejaeger, der mit gekreuzten Armen
und traeumerischer Stirn nur halb den Laermen des Festes hoerte, der sich aus
dem Neuen Palais ueber die alte Stadt der Moskowiter verbreitete - das war
der Czaar.




                             Zweites Capitel.


                           Russen und Tartaren.


Wenn der Czaar so unerwartet und gerade in dem Augenblicke, als das Fest,
welches er den Spitzen der Civil- und Militaerbehoerden gab, in schoenstem
Glanze strahlte, die Salons des Neuen Palais verliess, so kam das daher,
dass sich jenseit des Ural sehr wichtige Ereignisse vorbereiteten. Es war
gar nicht zu bezweifeln: eine furchtbare Invasion drohte die sibirischen
Provinzen der russischen Autonomie zu entziehen.

Das asiatische Russland oder Sibirien bedeckt eine Oberflaeche von 560,000
Quadratmeilen (franzoesische Lieues) und zaehlt etwa zwei Millionen
Einwohner. Es erstreckt sich von dem Gebirgszuge des Ural, der es von dem
europaeischen Russland trennt, bis nach dem Gestade des Pacifischen Oceans.
Nach Sueden zu schliesst es Turkestan und das Chinesische Reich mit einer,
haeufig unbestimmten Grenze ab, im Norden der arktische Ocean von dem
Karameere bis zur Behringsstrasse. Es wird in Gouvernements oder Provinzen
getheilt, naemlich die von Tobolsk, Jeniseisk, Irkutsk, Omsk und Jakutsk;
ferner umfasst es zwei Districte, die von Ochotsk und von Kamschatka, und
besitzt endlich zwei Laender, welche jetzt dem moskowitischen Scepter
unterthan sind, das Land der Kirghisen und das Land der Tschuktschen.

Diese ungeheure Strecke von Steppen, in der Laengenausdehnung ueber 110
Graden von Westen nach Osten umfassend, bildet den Deportationsort fuer
Verbrecher, das Exil fuer diejenigen, welche ein Ukas mit Verbannung
belegte.

Zwei Generalgouverneure vertreten die Oberherrschaft des Czaaren in diesem
weiten Reiche. Der Eine residirt in Irkutsk, der Hauptstadt des westlichen
Sibiriens. Der Tchuma, ein Nebenfluss des Jenisei, trennt die beiden
Haelften des Territoriums.

Noch furcht keine Eisenbahn diese unendlichen Ebenen, unter denen einige
ausnehmend fruchtbar sind; kein Schienenweg entlastet die reichen Mienen,
welche bei ihrer Ausdehnung ueber grosse Strecken den Boden Sibiriens unter
der Erde kostbarer erscheinen lassen, als auf der Oberflaeche. Im Sommer
reist man daselbst im Tarantass; im Winter im Schlitten.

Eine einzige Verbindung, aber eine elektrische, verknuepft die beiden
Grenzen im Westen und im Osten Sibiriens durch einen Draht, der nicht
weniger als 8000 Werst (gleich 8536 Kilom.) lang ist. Nach Ueberschreitung
des Ural passirt er Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk,
Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk, Verkne-Nertschinsk,
Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde, Orlomskaya, Alexandrowskoe,
Nicolajewsk, und kostet jedes bis an das aeusserste Ende zu befoerdernde Wort
6 Rubel 19 Kopeken (= fast genau 20 Mark oder 10 Gulden oestr.). Von
Irkutsk aus verlaeuft eine Zweigleitung nach Kjachta an der mongolischen
Grenze, von wo aus die Depeschen, das Wort fuer 30 Kopeken (= 96,7 Pf. oder
48,3 Kreuzer), in weiteren vierzehn Tagen bis Peking befoerdert werden.

Jene Drahtleitung war zuerst zwischen Jekaterinburg und Nicolajewsk,
nachher vor Tomsk und einige Stunden spaeter zwischen Tomsk und Kolyvan
durchschnitten worden.

Eben deshalb hatte der Czaar, nach der zweiten Mittheilung, welche General
Kissoff ihm machte, nur geantwortet: "Sofort einen Courier!"

Seit kurzer Zeit nun stand der Czaar bewegungslos am Fenster seines
Cabinets, als die Huissiers wiederum dessen Thueren oeffneten. Der erste
Chef der Polizei erschien auf der Schwelle.

"Tritt ein, sagte der Czaar kurz, und theile mir Alles mit, was Du ueber
Iwan Ogareff weisst.

-- Es ist das ein sehr gefaehrlicher Mann, Sire, erwiderte der hohe
Polizeibeamte.

-- Er hatte den Rang eines Obersten?

-- Ja, Sire.

-- Und war ein intelligenter Officier?

-- Gewiss, sehr intelligent, aber unmoeglich zu zuegeln und von sinnlosem
Ehrgeiz, der vor nichts zurueckschreckte. Er verwickelte sich sehr bald in
verschiedene Intriguen und wurde damals von Sr. kaiserlichen Hoheit dem
Grossfuersten erst degradirt und spaeter nach Sibirien verwiesen.

-- Wann ungefaehr?

-- Vor etwa zwei Jahren. Nach sechsmonatlicher Verbannung durch Ew.
Majestaet Gnade erloest, kehrte er nach Russland zurueck.

-- Und seit dieser Zeit wandte er sich nicht wieder nach Sibirien?

-- Doch, Sire, aber diesmal kehrte er freiwillig dahin zurueck", antwortete
der Chef der Polizei.

Dann fuegte er mit etwas zurueckgehaltener Stimme hinzu:

"Es gab eine Zeit, Sire, da man nicht zurueckkehrte, wenn man nach Sibirien
ging!

-- Mag sein, so lange ich lebe, soll aber Sibirien ein Land sein, aus dem
man auch wiederkehrt!"

Der Czaar hatte wohl ein Recht, auf diese Worte einen besonderen Ausdruck
zu legen, denn wiederholt hatte er durch seine Milde bewiesen, dass die
russische Justiz auch zu verzeihen vermoege.

Der Polizeichef erwiderte nichts, aber offenbar war er kein Freund von
halben Massregeln. Seiner Ansicht nach durfte Keiner, der den Ural unter
Bedeckung von Gensdarmen ueberschritten hatte, jemals daran denken, es noch
einmal zu thun. Anders war es aber jetzt unter der neuen Regierung, und
der Chef der Polizei bedauerte das aufrichtig. Wie! Es sollte keine andere
Verbannung auf Lebenszeit mehr geben, als fuer Verbrechen gegen das gemeine
Recht? Politische Straeflinge kehrten von Tobolsk, von Jakutsk, von Irkutsk
in das Vaterland zurueck? Wahrlich, der Polizeichef, gewoehnt an die
autokratischen Ukase, welche jede Amnestie ausschlossen, konnte sich mit
dieser Art und Weise zu regieren niemals aussoehnen. Doch er schwieg und
wartete es ab, dass der Czaar ihn weiter fragen werde.

Das liess nicht lange auf sich warten.

"Ist Iwan Ogareff, begann der Czaar, nach dieser Reise nach den
sibirischen Provinzen, einer Reise uebrigens, deren eigentlicher Zweck wohl
unerkannt blieb, nicht auch ein zweites Mal nach Russland gekommen?

-- Gewiss, Sire.

-- Und seit dieser Rueckkehr hat die Polizei seine Spur verloren?

-- O nein, denn ein Verbannter wird von dem Tage seiner Begnadigung an erst
gefaehrlich!"

Ueber die Stirn des Czaaren flog eine leichte Wolke. Vielleicht fuerchtete
der Polizeichef etwas zu weit gegangen zu sein, obwohl das Festhalten
seiner Ideen gewiss nicht groesser und staerker war, als seine unbegrenzte
Ergebenheit gegen seinen Herrn. Der Czaar aber, der solche indirecte
Vorwuerfe bezueglich seiner innern Politik unbeachtet liess, fuhr einfach in
seiner Fragestellung fort:

"Und wo befand sich Iwan Ogareff zuletzt?

-- Im Gouvernement von Perm.

-- In welcher Stadt?

-- In Perm selbst.

-- Was that er daselbst?

-- Er schien unbeschaeftigt und erregte durch seine Lebensweise keinerlei
Verdacht.

-- Er stand nicht unter polizeilicher Aufsicht?

-- Nein, Sire.

-- Zu welcher Zeit hat er Perm verlassen?

-- Etwa im Maerz.

-- Und wandte sich wohin?

-- Das ist mir unbekannt.

-- Seit dieser Zeit weiss man auch nicht, was aus ihm geworden ist?

-- Niemand weiss es.

-- Recht schoen, aber ich, ich weiss es! antwortete der Czaar. Geheime
Nachrichten, welche die Bureaux der Polizei nicht passirten, sind an mich
gelangt und in Beruecksichtigung der Thatsachen, welche sich jetzt jenseit
der Grenze vollziehen, habe ich allen Grund, an die Richtigkeit derselben
zu glauben!

-- Wollen Sie damit sagen, Sire, rief der Polizeichef, dass Iwan Ogareff bei
der Tartaren-Invasion die Hand im Spiele habe?

-- Ja, General, und ich will Dir auch sagen, was Du noch nicht weisst. Iwan
Ogareff ueberschritt, nachdem er das Gouvernement Perm verlassen, den Ural.
Er begab sich nach Sibirien, in die Steppen der Kirghisen, und hat dort
nicht ohne Erfolg die Nomadenvoelker aufzuwiegeln gesucht. Darauf hat er
sich weiter nach Sueden, bis nach dem unabhaengigen Turkestan begeben. Dort
fand er in den Khanaten von Bukhara, Khokhand und Kunduz Haeuptlinge,
welche bereit waren, ihre Tartarenhorden in die sibirischen Provinzen zu
werfen und einen allgemeinen Aufstand gegen die russische Herrschaft in
Asien hervorzurufen. Die ganze Bewegung ist sehr geheim geschuert worden,
sie bricht aber jetzt wie ein Donnerschlag aus und schon sind alle Wege
und Communicationsmittel zwischen dem oestlichen und dem westlichen
Sibirien abgeschnitten! Dazu trachtet Iwan Ogareff, von Rache getrieben,
meinem Bruder nach dem Leben!"

Als er so sprach, war der Czaar erregter geworden und ging mit raschen
Schritten auf und nieder. Der erste Chef der Polizei erwiderte kein Wort,
aber er sagte sich, dass Iwan Ogareff's Plaene zur Zeit, als die
Selbstherrscher aller Reussen niemals einen Exilirten begnadigten, nicht
haetten zur Reife gedeihen koennen.

Still vergingen einige Augenblicke, dann naeherte er sich dem Czaaren, der
sich in einen Fauteuil geworfen hatte.

"Ew. Majestaet, sagte er, haben unzweifelhaft Befehl gegeben, dass dieser
Einfall so schnell als moeglich zurueckgewiesen wird?

-- Ja, antwortete der Czaar. Das letzte Telegramm, das Nishny-Udinsk hat
erreichen koennen, hat auch die Truppen der Gouvernements Jeniseisk,
Irkutsk und Jakutsk, sowie diejenigen der Amurprovinzen und des Baikalsees
in Bewegung setzen muessen. Gleichzeitig ziehen die Regimenter von Perm und
Nishny-Nowgorod in Eilmaerschen nach der Grenze am Ural; leider brauchen
sie aber mehrere Wochen, bevor ein Zusammentreffen mit den Tartarenhorden
moeglich ist!

-- Und Ew. Majestaet Bruder, Se. kaiserl. Hoheit der Grossfuerst, der in
diesem Augenblicke allein im Gouvernement Irkutsk weilt, steht mit Moskau
in keiner directen Verbindung mehr?

-- Nein.

-- Er muss aus den letzten Depeschen aber die Massregeln Ew. Majestaet
erfahren haben und auch wissen, welche Hilfe er aus den Irkutsk zunaechst
gelegenen Gouvernements zu erwarten hat?

-- Das ist ihm bekannt, erwiderte der Czaar, er weiss aber nicht, dass Iwan
Ogareff sich unter falschem Namen bei ihm zu dienen anbieten wird. Gelang
es ihm dann, sein Vertrauen zu gewinnen, so wird er, wenn die Tartaren
Irkutsk angreifen, die Stadt ausliefern, nebst meinem Bruder, dessen Leben
unmittelbar bedroht ist. Das sind die Nachrichten, welche ich erhielt, die
aber der Grossfuerst nicht kennt und folglich sofort erfahren muss!

-- Nun wohl, Sire, ein tuechtiger, muthiger Courier ...

-- Den erwarte ich.

-- Und beeilen muss er sich, fuegte der Chef der Polizei hinzu, denn Sie
gestatten mir auszusprechen, Sire, dass dieses ganze Sibirien zur Rebellion
sehr geneigt ist!

-- Glaubst Du, General, dass die Straeflinge mit den Feinden
gemeinschaftliche Sache machen koennten? rief der Czaar, der bei dieser
Andeutung des Polizeichefs ganz ausser sich gerieth.

-- Verzeihung, Majestaet!... entgegnete stammelnd der Chef des
Polizeiwesens, denn wirklich war das der Gedanke gewesen, der in seinem
unruhigen und misstrauischen Kopfe aufgestiegen war.

-- Ich traue den Verbannten mehr Vaterlandsliebe zu! erwiderte der Czaar.

-- In Sibirien befinden sich auch andere Straeflinge, als die politischen
Verbannten, antwortete der Polizeichef.

-- Die Verbrecher! O, General, die ueberlasse ich Dir! Das ist der Auswurf
des menschlichen Geschlechts; diese haben ueberhaupt kein Vaterland. Die
Erhebung, oder vielmehr der Einfall, ist aber nicht gegen den Kaiser
gerichtet, sondern gegen Russland, gegen die Heimat, welche die Verbannten
doch noch einmal wieder zu sehen hoffen, und die sie wieder sehen
werden!... Nein, nein, nie wird ein Russe sich auch nur eine Stunde lang
mit einem Tartaren verbinden, um die moskowitische Macht zu untergraben
und zu schwaechen!"

Der Czaar war berechtigt, an den Patriotismus Derjenigen zu glauben, die
seine Politik zeitweilig verbannt hatte. Jene Milde, der Grundzug seiner
Justiz, wenn er dieselbe selbst handhabte, die weitgehenden
Erleichterungen bei Ausfuehrung der frueher so schrecklichen Ukase
garantirten ihm, dass er sich hierin nicht taeusche. Aber auch ohne diese
maechtige Beihilfe zu einem Erfolge der Tartaren-Invasion gestaltete sich
die Sachlage ueberaus ernst, denn es stand mindestens zu befuerchten, dass
sich ein grosser Theil der Kirghisenbevoelkerung den Angreifern anschliessen
werde.

Die Kirghisen zerfallen in drei Horden, die Grosse, die Kleine und die
Mittlere, und zaehlen etwa 40,000 "Zelte", d. h. gegen 2,000,000 Seelen.
Von diesen verschiedenen Tribus sind die Einen ganz unabhaengig, Andere
erkennen entweder die russische Oberhoheit an, oder die der Khanate von
Khiwa, Khokhand oder Bukhara, d. h. der maechtigsten Haeuptlinge von
Turkestan. Die Mittlere Horde, die rechte, ist uebrigens auch die
bedeutendste und ihre Lager bedecken den ganzen Raum zwischen den
Wasserlaeufen des Sara-Su, des Irtysch, des obern Thim und dem Hadisang-
und Aksakalsee. Die Grosse Horde, welche die oestlich von der Mittleren
gelegenen Gegenden bewohnt, dehnt sich bis zu den Gouvernements Omsk und
Tobolsk aus. Empoerten sich diese Kirghisenvoelker, so ueberschwemmten sie
das asiatische Russland und rissen Sibirien oestlich vom Jenisei los.

Zwar sind diese Kirghisen nur Neulinge in der Kriegskunst und weit mehr
naechtliche Raeuber oder gewohnt, die Karawanen zu ueberfallen, als regulaere
Soldaten. Levchine sagte von ihnen: "Eine geschlossene Front oder ein
Quarre tuechtiger Infanterie widersteht einer zehnfach groesseren Anzahl
Kirghisen und eine einzige Kanone richtet sie in Massen zu Grunde."

Das mag wohl wahr sein, aber erst ist es doch noethig, dass ein Quarre
Infanterie in dem empoerten Lande bei der Hand sei und dass die
Feuerschluende die Artillerieparks der russischen Provinzen verlassen,
welche immerhin zwei- bis dreitausend Werst entfernt sind. Ausser auf der
directen Strasse von Jekaterinburg nach Irkutsk sind aber die haeufig
sumpfigen Steppen nur schwierig passirbar und mehrere Wochen mussten
unzweifelhaft vergehen, bevor die russischen Truppen in die Lage kamen,
die Tartarenhorden zu Paaren zu treiben.

Omsk, das Centrum der Militaerorganisation von Westsibirien, ist dazu
bestimmt, die Kirghisenbevoelkerung in Respect zu erhalten. Dort verlaufen
die Grenzen, welche die halbunterjochten Nomaden wiederholt verletzt
haben, und im Kriegsministerium nahm man nicht ohne Ursache an, dass Omsk
schon sehr bedroht sei. Die Linie der Militaercolonien, d. h. der
Kosakenposten, welche von Omsk bis Semipalatinsk vertheilt sind, war gewiss
an verschiedenen Punkten durchbrochen, und es stand zu befuerchten, dass die
"Grosssultane", welche die Kirghisendistricte regieren, entweder freiwillig
oder gezwungen die Herrschaft der Tartaren, Muselmaenner so wie sie selbst,
anerkannten und dabei der durch ihre Botmaessigkeit schon genaehrte Hass sich
durch den Antagonismus der muselmaennischen und griechischen Religion
verstaerkte.

Schon seit langer Zeit suchten thatsaechlich die Tartaren von Turkestan,
und vor Allen die aus den Khanaten von Bukhara, Khiwa und Khokhand, durch
Gewalt ebenso, wie durch Ueberredung, die Kirghisenhorden dem
moskowitischen Scepter zu entreissen.

Ueber diese Tartaren nur einige Worte.

Speciell gehoeren die Tartaren zu zwei verschiedenen Racen, der
kaukasischen und der mongolischen Menschenrace.

Die kaukasische Race, diejenige, von der A. von Remusat sagt, "dass sie in
Europa als der Typus der Schoenheit unserer Menschenklassen angesehen wird,
weil alle Voelker dieses Erdtheiles von ihr abstammen", umfasst unter
demselben Namen die Tuerken und die Eingeborenen persischer Abkunft.

Die rein mongolische Race finden wir bei den Mongolen, den Mandschus und
den Thibetanern.

Die Tartaren, welche damals das russische Reich bedrohten, gehoerten zur
kaukasischen Race und waren vorzueglich in Turkestan zu Hause. Dieses weite
Gebiet wird in verschiedene Staaten getheilt, welche von Khans, daher auch
der Name Khanat, regiert werden. Die wichtigsten Khanate sind die von
Bukhara, Khokhand, Kunduz u. s. w.

Das Khanat von Bukhara war jener Zeit das einflussreichste und maechtigste.
Schon mehrmals hatte Russland Krieg gefuehrt mit seinen Haeuptlingen, welche
aus persoenlichem Interesse und um sie unter ihr Joch zu beugen, die
Unabhaengigkeit der Kirghisen gegen die moskowitische Herrschaft
vertheidigten. Der dermalige Haeuptling, Feofar-Khan, folgte ganz den
Fussstapfen seiner Vorgaenger.

Dieses Khanat von Bukhara erstreckt sich von Sueden nach Norden vom 37. bis
zum 41. Breitengrade, von Osten nach Westen vom 61. bis 66. Laengengrade,
d. h. ueber eine Flaeche von gegen 10,000 Quadratmeilen.

Die Bevoelkerung des Staates schaetzt man auf 2,500,000 Einwohner mit einer
Armee von 60,000 Mann Fussvolk, welches in Kriegszeiten auf das Dreifache
verstaerkt wird, und etwa 30,000 Reitern. Es ist ein reiches Land mit
grossen Schaetzen aus dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreiche, und noch
durch den Hinzutritt der Territorien von Balkh, Aukoi und Meimaneh nicht
unwesentlich vergroessert. Es besitzt neunzehn bemerkenswerthe Staedte.
Bukhara, umschlossen von einer acht englischen Meilen langen und von
Thuermen flankirten Mauer, eine beruehmte Stadt, deren schon die Ovicenna's
und andere Gelehrte des 10. Jahrhunderts erwaehnen, wird als Mittelpunkt
muselmaennischer Wissenschaft betrachtet und zu den Hauptplaetzen
Centralasiens gerechnet; Samarkand, mit dem Grabe Tamerlan's und jenem
beruehmten Palaste mit dem blauen Stein darin, auf welchen sich jeder Khan
bei Antritt seiner Regierung setzen muss, wird von einer ungemein starken
Citadelle vertheidigt; Karschi mit seiner dreifachen Mauer und gelegen in
einer Oase mit sumpfiger, von Schildkroeten und Eidechsen wimmelnden
Umgebung, erscheint fast uneinnehmbar; Tscharoschui wird von einer
Volksmenge von fast 20,000 Seelen vertheidigt; endlich Katta-Kurgan,
Nurata, Djizah, Paikande, Karakul, Khuzar und andere, - sie alle bilden
einen Kranz von schwer zu baendigenden Staedten. Dieses durch seine Berge
geschuetzte und durch seine Steppen isolirte Khanat von Bukhara ist demnach
ein in Wahrheit zu fuerchtender Staat, und Russland muss ihm stets nicht
unbetraechtliche Streitkraefte entgegenwerfen. Damals beherrschte nun der
ehrgeizige und wilde Feofar diesen Winkel der Tartarei. Gestuetzt auf die
andern Khans, - vorzueglich die von Khokhand und von Kunduz, zwei grausame
und beutegierige Kriegsmaenner, welche stets bereit waren, sich zu
betheiligen, wo es ihr Interesse galt, - und unter Mitwirkung der
Haeuptlinge, welche alle die Horden in Centralasien befehligten, stellte er
sich an die Spitze dieser Invasion, deren eigentliche Seele Iwan Ogareff
war. Dieser Verraether hatte, getrieben durch einen sinnlosen Ehrgeiz und
gestachelt von wildem Hasse, die Bewegung so geleitet, dass man zuerst die
grosse sibirische Strasse in seine Gewalt bekam. In Wahrheit ein
Tollhaeusler, glaubte er die russische Macht brechen zu koennen, und auf
seine Anordnung ueberschritt der Emir, es ist das der Titel, den sich die
Khans von Bukhara ausnehmend beilegen, die russische Grenze. Er fiel in
das Gouvernement Semipalatinsk ein, woselbst die zu schwachen
Kosakenposten sich vor seiner Uebermacht hatten zurueckziehen muessen. Sogar
ueber den Balkhachsee drang er vor und riss die Kirghisenbevoelkerung mit
sich fort. Raubend, sengend und brennend waelzte sich der Schwarm von Stadt
zu Stadt. Wer sich unterwarf, ward eingereiht in's Heer, wer Widerstand
leistete, umgebracht. So drang er vor, gefolgt von den unausbleiblichen
Anhaengseln eines orientalischen Souveraens, seiner aus den Frauen und
Sklaven bestehenden Hausdienerschaft, - immer mit der gedankenlosen
Tollkuehnheit eines modernen Gengis-Khan.

Wo stand er in diesem Augenblicke? Bis wohin waren seine Schaaren zu der
Stunde vorgedrungen, als die Nachricht von dem Einfall nach Moskau
gelangte?

Bis zu welchem Punkte in Sibirien hatten die russischen Truppen
zurueckweichen muessen? - Niemand vermochte das zu sagen. Die Verbindungen
waren gestoert. Hatten den Draht zwischen Kolyvan und Tomsk aber nur einige
Reiter aus der Vorhut der Tartarenarmee zerschnitten oder ueberzog schon
der Emir selbst die Provinzen von Jeniseisk? Stand das ganze suedliche
Westsibirien in Flammen? Reichte die Empoerung schon bis nach den Gebieten
im Osten? - Keiner wusste es. Der einzige Kundschafter, der weder die Kaelte
noch die Hitze fuerchtet, weder die Rauhigkeit des Winters, noch die
verdorrende Gluth des Sommers, und der dahin fliegt mit der rasenden
Schnelligkeit des Blitzes, der elektrische Funke, konnte nicht mehr durch
die Steppen laufen, war ausser Stande, den Grossfuersten zu benachrichtigen
von der Gefahr, die ihm in Irkutsk durch den Verrath Iwan Ogareff's
bedrohte.

Nur ein Courier konnte den unterbrochenen Strom einigermassen ersetzen.
Dieser Mann bedurfte einer gewissen Zeit, um die 5200 Werst (= 5523
Kilom.) von Moskau bis Irkutsk zurueckzulegen. Er musste, um die Haufen der
Rebellen und der Feinde zu durchbrechen, einen so zu sagen
uebermenschlichen Muth und eben solche Klugheit entwickeln. Doch, mit Kopf
und Herz kommt man ja weit!

"Werde ich diesen Kopf und dieses Herz finden?" fragte sich der Czaar.




                             Drittes Capitel.


                            Michael Strogoff.


Bald oeffnete sich die Thuer des kaiserlichen Cabinets und der Huissier
meldete den General Kissoff.

"Nun, der verlangte Courier? fragte rasch der Czaar.

-- Ist schon da, Sire, antwortete der General.

-- Du hast einen geeigneten Mann gefunden?

-- Ich wage, mich Ew. Majestaet dafuer zu verbuergen.

-- Stand er in Palastdiensten?

-- Ja, Sire.

-- Du kennst ihn?

-- Persoenlich; und mehrmals hat er schon schwierige Missionen zur
Zufriedenheit ausgefuehrt.

-- Im Auslande?

-- Gerade in Sibirien.

-- Woher ist er?

-- Aus Omsk, also selbst ein Sibirier.

-- Er besitzt kaltes Blut, Intelligenz und Muth?

-- Gewiss, Sire, er besitzt alle Eigenschaften, auch da zu reussiren, wo
Andere vielleicht scheitern koennten.

-- Wie alt?

-- Dreissig Jahre.

-- Es ist ein gesunder, kraeftiger Mann?

-- Sire, er vermag Frost, Hunger, Durst und Anstrengung bis zum Aeussersten
zu ertragen.

-- Er hat einen Koerper von Stahl?

-- Ohne Zweifel, Sire.

-- Und ein Herz?...

-- Ein Herz von Gold.

-- Sein Name?

-- Michael Strogoff.

-- Er ist bereit abzureisen?

-- Im Saale der Garden erwartet er Ew. Majestaet Befehle.

-- Er soll hierher kommen", sagte der Czaar.

Einige Augenblicke spaeter trat Michael Strogoff in das Cabinet des Kaisers
ein.

Michael Strogoff war hochgewachsen, kraeftig, hatte breite Schultern und
eine volle Brust. Sein maechtiger Kopf zeigte die besten Merkmale
kaukasischer Race. Seine wohlgebildeten Gliedmassen erschienen wie eben so
viel mechanische Hebel zur sicheren Ausfuehrung kraeftiger Bewegungen. Der
aeusserlich ansprechende Mann mit gewinnendem Auftreten schien nicht leicht
wider Willen aus seiner Stellung gebracht werden zu koennen, denn wenn er
seine Fuesse auf den Boden gesetzt hatte, schienen sie schon mehr darin zu
wurzeln. Auf seinem nicht eben kleinen Kopf mit breiter Stirn kraeuselte
sich ueppiges Haar, das in Locken herabfiel, wenn er es mit der
moskowitischen Muetze bedeckte. Veraenderte sich sein gewoehnlich etwas
blasses Gesicht, so geschah das nur, wenn ihm das Herz schneller schlug,
unter dem Einflusse einer beschleunigten Blutcirculation, welche jenes
lebhafter faerbte. Seine tiefblauen Augen mit geradem, offenem und sicherem
Blicke glaenzten unter dem vollen Bogen der durch ihre Muskeln etwas
zusammengezogenen Augenbrauen und verriethen seinen Muth, "jenen Muth ohne
Zorn, den die Helden besitzen", wie die Physiologen sagen. Seine nicht zu
kleine Nase beherrschte einen symmetrischen Mund mit ein wenig
hervorspringenden Lippen, jenem Zeichen eines edelmuethigen und guten
Charakters.

Michael Strogoff besass das Temperament des entschiedenen Mannes, der
seinen Entschluss schnell zu fassen gewoehnt ist, der nicht in der
Ungewissheit die Naegel zernagt, sich nicht im Zweifel hinter den Ohren
kraut und nicht unentschlossen mit den Fuessen stampft. Karg in Bewegungen
und Worten, stand er vor seinem Vorgesetzten still wie ein Soldat; wenn er
jedoch ging, so zeigte seine Haltung eine grosse Leichtigkeit, eine
auffallende Sicherheit der Bewegungen - ein Zeichen des Selbstvertrauens
und der Lebhaftigkeit seines Geistes. Er gehoerte zu den Leuten, die immer
etwas vorzuhaben scheinen und die Ausfuehrung nicht zu verzoegern pflegen.

Michael Strogoff trug eine elegante Uniform, aehnlich jener des
Officiercorps der berittenen Feldjaeger, Stiefeln, Sporen, anliegende
Beinkleider und einen pelzverbraemten Dolman mit gelben Schnueren auf
braunem Grunde. Auf seiner breiten Brust glaenzten ein Kreuz und
verschiedene Medaillen.

Michael Strogoff gehoerte zu der Specialabtheilung der Couriere des Czaaren
und stand bei dieser Elitetruppe in Officiersrang. Ganz zweifellos
erkannte man an seinem Gange, seiner Physiognomie, seiner ganzen Person,
und leicht genug erkannte es auch der Czaar, dass dieser Mann gewoehnt war,
einem erhaltenen Befehl unbedingt nachzukommen. Er besass also eine der in
Russland schaetzenswerthesten Eigenschaften, eine Eigenschaft, welche, nach
Aussage des beruehmten Schriftstellers Turgenjew, im Moskowitenreiche die
Staffel nach den hoechsten Ehrenstellen bildet.

Gewiss, wenn Einer diese Reise von Moskau nach Irkutsk gluecklich vollenden,
in jenem empoerten Gebiete alle Hindernisse besiegen, alle Gefahren
ueberwinden konnte, so war es Michael Strogoff.

Ein fuer das Gelingen jenes Vorhabens sehr guenstiger Umstand war es, dass
Michael Strogoff das zu durchziehende Land vollkommen kannte und die
verschiedenen Sprachen desselben verstand; nicht weil er jenes schon
bereist hatte, sondern weil er, wie erwaehnt, von Geburt selbst Sibirier
war.

Sein Vater, der vor zehn Jahren verstorbene Peter Strogoff, bewohnte die
in dem gleichnamigen Gouvernement gelegene Stadt Omsk, woselbst seine
Mutter, Marfa Strogoff, noch jetzt lebte. Dort, in jenen wilden Steppen
der Provinzen Omsk und Tobolsk, war es, wo der furchtbare sibirische Jaeger
seinen Sohn Michael "verstaehlt" hatte, wie der landlaeufige Ausdruck hiess.
Sommer und Winter, im gluehenden Sonnenbrande, wie in der grimmigsten
Kaelte, streifte er ueber die endlosen Ebenen, durch die Laerchen- und
Weidengebuesche, durch die duestern Kiefernwaelder, legte seine Fallen aus,
verfolgte das kleinere Wild mit dem Gewehre, das grosse mit dem Spiesse und
dem Waidmesser. Unter grossem Wilde verstand man hierbei aber den
sibirischen Baeren, eine furchtbare und sehr wilde Art, welche an Groesse
ihren Verwandten in den Polargegenden vollstaendig gleichkommt. Peter
Strogoff hatte mehr als neununddreissig Baeren erlegt, das will sagen, dass
auch schon der vierzigste unter seiner Hand gefallen war, - und man weiss
ja, wenn den Jagdgeschichten aus Russland einigermassen zu trauen ist, wie
viele Jaeger bis zum neununddreissigsten Baeren gluecklich davon kamen und
beim vierzigsten unterliegen mussten!

Peter Strogoff hatte diese Unglueckszahl also ueberschritten, ohne auch nur
eine Schramme davon zu tragen. Von da ab unterliess es der damals
elfjaehrige Michael Strogoff niemals, seinen Vater bei den Jagdausfluegen zu
begleiten, wobei er die "Ragatina" trug, d. h. eine Art Gabelspiess, um
seinem Vater, der meist nichts als ein Messer bei sich fuehrte, im Nothfall
zu Hilfe zu kommen. Mit dem vierzehnten Jahre hatte Michael Strogoff
seinen ersten Baeren erlegt, und zwar ganz allein, was nicht so gar viel
heissen will; nachdem er diesen aber abgezogen, hatte er auch das Fell des
riesigen Thieres bis nach dem mehrere Werst entfernten vaeterlichen Hause
geschleppt, - was bei dem Kinde eine ungewoehnliche Kraft voraussetzen
liess.

Diese Lebensweise bekam ihm gut, und als er das Mannesalter erreichte,
vermochte er Alles zu ertragen, Frost und Hitze, Hunger und Durst, Muehsal
und Plage.

Er war mit einem Wort, so wie die Jakuten des unwirthbaren Nordens, ein
ganzer Mann von Eisen. Er hielt leicht vierundzwanzig Stunden aus, ohne
etwas zu essen, zehn Naechte, ohne zu schlafen, und begnuegte sich mit einem
Lager in der freien Steppe, wo tausend Andere sich zum Tode erkaeltet
haetten. Begabt mit unendlich feinen Sinnen, durch die weisse Ebene gefuehrt
von einem reinen Delawareninstinct, wenn auch der Nebel den ganzen
Horizont verhuellte, und das selbst in hoehern Breiten, wo die Polarnacht
schon mehrere Tage anhaelt, fand er doch immer seinen richtigen Weg, wo
Andere nicht mehr gewusst haetten, wohin sie den Fuss setzen sollten. Alle
Geheimnisse seines Vaters waren auch ihm bekannt. Er wusste sich nach kaum
bemerkenswerthen Anzeichen zu richten, nach der Lage der Eisnadeln, der
Stellung der duennsten Baumzweige, nach schwachen Geruechen, welche von
ausserhalb der Grenze des Horizontes herkamen, nach der Spur der Blaetter im
Walde, nach den schwaechsten Geraeuschen in der Luft oder nach entfernten
Detonationen, wie nach dem Zuge der Voegel in der dunstigen Atmosphaere, -
nach tausend Einzelheiten, welche fuer den Kenner eben so viel Wahrzeichen
sind. Dabei hatte er, der von dem Schneetreiben abgehaertet war, wie der
Stahl in den Wassern von Damascus, wirklich eine Gesundheit von Eisen, und
doch, wie der General Kissoff ganz richtig gesagt hatte, dabei ein Herz
von Gold.

Eine einzige Leidenschaft besass Michael Strogoff, die Liebe zu seiner
alten Mutter Marfa, welche nicht zu bewegen gewesen war, das alte Haus der
Strogoff's in Omsk, an der Grenze von Irtysch, zu verlassen, in dem sie so
lange Zeit mit dem alten Jaeger vereint gelebt hatte. Als der Sohn sie
verliess, geschah es, um seinem Triebe nach einem groesseren Wirkungskreise
zu genuegen; aber er versprach ihr dabei, stets zeitweilig zu ihr
zurueckzukehren, sobald die Umstaende es erlaubten - ein Versprechen, das
mit religioeser Strenge eingehalten wurde.

Es war beschlossen worden, dass Michael Strogoff mit seinem zwanzigsten
Jahre in den persoenlichen Dienst des Kaisers von Russland eintreten sollte,
und zwar in das Corps der Couriere des Czaaren. Der kuehne, intelligente,
eifrige und sich wacker auffuehrende junge Sibirier fand die erste
Gelegenheit, sich auszuzeichnen, bei einer Sendung nach dem Kaukasus,
mitten durch das von einigen unruhigen Nachfolgern Schamyl's aufgewuehlte
Land; spaeter bei einer wichtigen Mission, welche ihn bis Petropolawsk in
Kamtschatka, nach den aeussersten Grenzen des asiatischen Russland, fuehrte.
Waehrend dieser so weiten Reisen legte er wiederholte Proben seiner
ausgezeichneten Eigenschaften, seiner Kaltbluetigkeit, Klugheit und seines
Muthes ab, welche ihm die Anerkennung und das Wohlwollen seiner
Vorgesetzten erwarben und seine Carriere beschleunigten. Den ihm nach so
muehseligen Expeditionen mit Recht zukommenden Urlaub versaeumte er nie
seiner alten Mutter zu widmen - und wenn er auch Tausende von Wersten
entfernt war von ihr, und der Winter alle Wege fast ungangbar machte.
Jetzt hatte Michael Strogoff, der im Sueden des Reichs vielfach beschaeftigt
wurde, die alte Marfa zum ersten Male seit drei Jahren, fuer ihn drei
Jahrhunderte - nicht gesehen! In wenig Tagen sollte er seinen
reglementsmaessigen Urlaub antreten und hatte auch schon alle Vorbereitungen
zur Reise nach Omsk getroffen, als die uns schon bekannten Ereignisse
eintraten.

Michael Strogoff wurde vor den Czaaren gefuehrt, in vollstaendiger
Unkenntniss dessen, was derselbe von ihm verlangen wuerde.

Einige Augenblicke betrachtete ihn der Czaar, ohne ein Wort zu reden, mit
durchdringendem Blicke, waehrend Michael Strogoff unbeweglich stehen blieb.

Dann wendete sich der Czaar, offenbar befriedigt von dieser Vorpruefung,
nach seinem Schreibtische, machte dem Chef der Polizei ein Zeichen, sich
dahin zu setzen, und dictirte ihm mit leiser Stimme einen Brief von wenig
Zeilen.

Nach Vollendung des Schreibens durchlas es der Kaiser noch einmal mit
groesster Aufmerksamkeit und unterzeichnete es, nachdem er seinem Namen noch
die Worte: "_Byt po semu_", welche "So geschehe es" bedeuten und eine
gewoehnliche Bestaetigungsformel der russischen Kaiser ausmachen, vorgesetzt
hatte.

Der Brief ward dann in ein Couvert gesteckt und mit einem Siegel mit dem
kaiserlichen Wappen verschlossen.

Der Czaar erhob das Schriftstueck und winkte Michael Strogoff, sich zu
naehern.

Dieser that dann einige Schritte vorwaerts und blieb wieder unbeweglich vor
seinem Kaiser stehen.

Noch einmal sah der Czaar ihn durchdringend, Auge in Auge, in's Gesicht.
Dann begann er:

"Dein Name?

-- Michael Strogoff, Sire.

-- Deine Stellung?

-- Kapitaen bei den Courieren des Czaaren.

-- Du kennst Sibirien?

-- Ich stamme daher.

-- Du bist geboren?

-- In Omsk.

-- Hast Du Verwandte in Omsk?

-- Meine alte Mutter."

Der Czaar unterbrach einen Augenblick die Reihe seiner Anfragen. Dann fuhr
er fort, indem er dem Courier den Brief zeigte, den er in der Hand hielt:

"Hier ist ein Brief, den ich Dich, Michael Strogoff, beauftrage, dem
Grossfuersten eigenhaendig, keinem, keinem Anderen! - zu ueberliefern.

-- Ich werde ihn besorgen, Sire.

-- Der Grossfuerst befindet sich in Irkutsk.

-- Ich werde nach Irkutsk gehen.

-- Es handelt sich hier aber darum, ein von Rebellen unsicher gemachtes,
von den Tartaren ueberfallenes Land zu durchreisen, in welchem jene
Meuterer ein Interesse haben koennten, diesen Brief aufzufangen.

-- Ich werde hindurch kommen.

-- Und wirst Dich vor Allem vor einem Verraether, Iwan Ogareff, zu hueten
haben, dem Du auf dem Wege vielleicht begegnen koenntest.

-- Ich werde ihm auszuweichen wissen.

-- Kommst Du ueber Omsk?

-- Mein Weg fuehrt mich dahin.

-- Wenn Du Deine Mutter sehen wolltest, wuerdest Du Gefahr laufen, erkannt
zu werden. Du darfst Deine Mutter nicht besuchen!"

Michael Strogoff zoegerte einen Augenblick mit seiner Antwort.

"Ich werde sie nicht sehen, sagte er.

-- Schwoere mir, dass nichts Dich vermoegen wird, Dir zu entlocken, wer Du
bist und wohin Du gehst.

-- Ich schwoere es.

-- Michael Strogoff, fuhr der Czaar fort, indem er dem jungen Courier das
Schreiben einhaendigte, so nimm diesen Brief, von dem das Heil Sibiriens
und vielleicht das Leben meines Bruders, des Grossfuersten, abhaengt.

-- Dieser Brief wird in die Hand Sr. Hoheit des Grossfuersten gelangen.

-- Du wirst also auf jeden Fall durchzudringen suchen?

-- Ich dringe hindurch ueberall, bis man mich toedtet.

-- Ich bedarf aber Deines Lebens.

-- Ich werde auch lebend durch Sibirien kommen", antwortete Michael
Strogoff.

Der Czaar schien mit der einfachen und ruhigen Sicherheit der Antworten
Michael Strogoff's wohl zufrieden.

"So geh' also, Michael Strogoff, sagte er, geh' mit Gott fuer Russland, fuer
meinen Bruder und fuer mich!"

Michael Strogoff gruesste militaerisch, verliess sofort das Cabinet des
Kaisers und wenige Minuten spaeter das Neue Palais.

"Ich glaube, Du hast eine glueckliche Hand gehabt, General, sagte der
Czaar.

-- Ich glaube es, Sire, antwortete General Kissoff, und Ew. Majestaet koennen
versichert sein, dass Michael Strogoff alles thun wird, was ein Mann zu
leisten vermag.

-- In der That, das schien ein ganzer Mann zu sein!" bemerkte der Czaar.




                             Viertes Capitel.


                     Von Moskau nach Nishny-Nowgorod.


Die Entfernung, welche Michael Strogoff von Moskau nach Irkutsk
zurueckzulegen hatte, betrug 5200 Werst (= 5523 Kilom.). Als noch kein
Telegraphendraht den Zwischenraum zwischen den Bergen des Ural und der
Ostkueste Sibiriens ueberspannte, wurde der Depeschendienst durch Couriere
versehen, deren schnellster mindestens achtzehn Tage bedurfte, um sich von
Moskau nach Irkutsk zu begeben. Das war aber nur eine Ausnahme und dauerte
die Reise durch das asiatische Russland gewoehnlich vier bis fuenf Wochen,
obwohl alle Befoerderungsmittel den Abgesandten des Czaaren zur Verfuegung
gestellt wurden.

Als ein Mann, der weder Frost noch Schnee fuerchtete, haette es Michael
Strogoff vorgezogen, waehrend der rauhen Winterszeit zu reisen, welche es
erlaubt, die ganze Strecke zu Schlitten zurueckzulegen. Dann sind alle
Schwierigkeiten, mit denen man sonst des Fortkommens wegen zu kaempfen hat,
bei der Nivellirung der endlosen Steppen durch den Schnee, merklich
vermindert. Kein Wasserlauf tritt hindernd in den Weg. Ueberall die glatte
Eisflaeche, auf welcher der Schlitten leicht und schnell dahin gleitet.
Zwar sind zu dieser Zeit gelegentlich wohl verschiedene Naturerscheinungen
zu fuerchten, wie andauernde, dicke Nebel, sehr strenge Kaelte, lange
andauerndes, furchtbares Schneetreiben, dessen Wirbel manchmal ganze
Karawanen verwehen und begraben. Es kommt wohl auch vor, dass von Hunger
gequaelte Woelfe die Ebenen zu Tausenden bedecken. Doch immer waere es noch
besser gewesen, sich diesen Gefahren auszusetzen, denn bei solch' hartem
Winter mussten die tartarischen Eindringlinge sich vorzugsweise in den
Staedten aufhalten, ihre Marodeure haetten die Steppen nicht unsicher
gemacht, jede Truppenbewegung waere unausfuehrbar gewesen und Michael
Strogoff leichter hindurch gekommen. Indess er konnte weder Zeit noch
Stunde selbst waehlen. Wie auch die Umstaende lagen, er musste sie hinnehmen
und abreisen.

Derart war also die Lage, welche Michael Strogoff klar ueberschaute, und er
richtete sich darauf ein, sich mit ihr abzufinden.

Dazu kamen ihm nicht die gewoehnlichen Verhaeltnisse eines Couriers des
Czaaren zu Statten. Im Gegentheil durfte Niemand waehrend seiner Fahrt
diese Eigenschaft vermuthen. In einem von Feinden ueberschwemmten Lande
wimmelt es auch von Spionen. Ward er erkannt, so war auch seine Mission
compromittirt. Auch als General Kissoff ihm eine bedeutende Summe
einhaendigte, welche zur Reise hinreichen und dieselbe nach Moeglichkeit
erleichtern musste, gab er ihm keinerlei schriftliche Ordre mit der
Bezeichnung: "Specialdienst des Kaisers", das Sesam, dessen Kraefte nie
versagen. Er begnuegte sich, ihm nur einen "Podaroshna" auszustellen.

Dieser Podaroshna lautete auf den Namen eines Kaufmanns, Nicolaus
Korpanoff, wohnhaft in Irkutsk. Er berechtigte denselben, sich gegebenen
Falles von einer oder mehreren Personen begleiten zu lassen, und daneben
enthielt er die ausdrueckliche Bemerkung, dass er selbst dann giltig sei,
wenn das Gouvernement von Moskau auch jedem Anderen den Austritt aus
Russland verbieten sollte.

Der Podaroshna war nichts Anderes, als ein Erlaubnissschein, Postpferde zu
requiriren; Michael Strogoff aber sollte davon nur Gebrauch machen in dem
Falle, wenn dieser Schein keinen Verdacht bezueglich seiner Eigenschaft
hervorrufen konnte, d. h. so lange er sich auf europaeischem Boden befand.
Hieraus folgte, dass er in Sibirien, wenn er die aufstaendischen Provinzen
durchreiste, sich nicht als Gebieter den Postrelais gegenueber benehmen,
noch sich vor Anderen Pferde verschaffen, noch endlich Transportmittel fuer
seine eigene Person requiriren konnte. Michael Strogoff durfte das nicht
vergessen; er war nicht mehr ein Courier, sondern ein einfacher Kaufmann,
Nicolaus Korpanoff, der sich von Moskau nach Irkutsk begab, und als
solcher allen Zufaelligkeiten einer gewoehnlichen Reise unterworfen.

Unbemerkt hindurch zu kommen - ob mehr oder weniger schnell, - aber
jedenfalls hindurch zu kommen, darin lag seine Aufgabe.

Vor dreissig Jahren bestand die Escorte eines Reisenden von Stand aus nicht
weniger als zweihundert berittenen Kosaken, zweihundert Mann Fussvolk,
fuenfundzwanzig Baskiren zu Pferde, dreihundert Kameelen, vierhundert
Pferden, fuenfundzwanzig Wagen, zwei tragbaren Booten und zwei Stueck
Kanonen. Das war das noethige Material bei einer Reise durch Sibirien.

Michael Strogoff freilich sollte weder Reiter, noch Fusssoldaten oder
Saumthiere haben. Er reiste zu Wagen, zu Pferde, wenn das moeglich war; zu
Fuss, wenn es nicht anders anging.

Die ersten 1400 Werst (= 1493 Kilom.), die Strecke zwischen Moskau und der
Grenze Russlands, konnten keine besonderen Schwierigkeiten bieten.
Eisenbahnen, Postwagen, Pferde zum Wechseln an verschiedenen Stationen,
Dampfschiffe - standen hier Jedermann zur Verfuegung und waren folglich
auch dem Courier des Czaaren zur Hand.

Am Morgen des 16. Juli begab sich Michael Strogoff ohne jede Uniform, aber
mit einem Reisesack, den er auf dem Ruecken trug, bekleidet mit einem
gewoehnlichen russischen Anzug, einem an der Taille geschlossenen Oberrock,
dem herkoemmlichen Mujik (Guertel), weiten Beinkleidern und an den Knoecheln
anschliessenden Stiefeln, nach dem Bahnhofe, um den naechsten Zug zu
benutzen. Er fuehrte, wenigstens dem Anscheine nach, keine Waffen bei sich,
unter dem Guertel aber stak ein Revolver und in seiner Tasche einer jener
langen Dolche, welche das Mittel zwischen dem Messer und dem Yatagan
bilden und mit dem ein sibirischer Jaeger einen Baeren sauber auszuweiden im
Stande ist, ohne dessen kostbares Fell zu beschaedigen.

Auf dem Bahnhofe in Moskau war ein ansehnliches Menschengedraenge. Die
Perrons der russischen Eisenbahnen bilden haeufig gewissermassen
Versammlungsoerter ebensowohl fuer Diejenigen, welche abreisen, als fuer
Solche, welche der Abfahrt nur zusehen. Dort ist fast eine kleine Boerse
fuer Neuigkeiten.

Der Zug, den Michael Strogoff benutzte, sollte ihn nach Nishny-Nowgorod
fuehren. Dort war jener Zeit das Ende des Schienenweges, der Moskau mit St.
Petersburg verbindet und bis zur Grenze Russlands fortgefuehrt werden soll.
Die Strecke bis dahin mass etwa 400 Werst (= 426 Kilom.), welche der Zug in
ungefaehr zehn Stunden zuruecklegen musste. In Nishny-Nowgorod angelangt,
wollte Michael Strogoff je nach den Umstaenden entweder zu Lande weiter
reisen oder die Wolgadampfboote benutzen, um die Berge des Ural so schnell
als moeglich zu erreichen.

Michael Strogoff machte es sich in seiner Ecke so bequem, wie ein braver
Buerger, den seine Geschaefte nicht uebermaessig beunruhigen und der sich die
Zeit durch Schlafen zu vertreiben sucht.

Da er in dem Coupe aber nicht allein war, schlief er auch nur mit einem
Auge, hoerte aber dabei mit beiden Ohren.

Der Aufstand der Kirghisenhorden und der Einfall der Tartaren machte doch
schon einigermassen von sich reden. Die Leute, mit denen der Zufall ihn
zusammenwuerfelte, plauderten ebenfalls davon, doch immer noch mit einer
gewissen Zurueckhaltung.

Diese Reisenden waren ebenso, wie die meisten Insassen des Zuges,
Kaufleute, die sich zur grossen Messe nach Nishny-Nowgorod begaben, eine
erklaerlicher Weise sehr gemischte Gesellschaft, welche aus Juden, Tuerken,
Kosaken, Russen, Georgiern, Kalmuecken und Anderen bestand, die sich
indessen Alle der Nationalsprache bedienten.

Man besprach das Fuer und Wider der ernsthaften Ereignisse, welche sich
eben jenseit des Ural abspielten; auch schienen diese Kaufleute zu
fuerchten, dass die russische Regierung sich veranlasst sehen koennte, einige
beschraenkende Massregeln, mindestens in den Nachbarprovinzen der
asiatischen Grenze, zu ergreifen, - Massregeln, unter denen der Handel ohne
Zweifel leiden musste.

Diese unverbesserlichen Egoisten betrachteten den Krieg, d. h. die
Unterdrueckung der Rebellion und die Abwehr jenes Einfalls, nur von dem
einen Standpunkte ihrer bedrohten Interessen. Die Anwesenheit eines
einfachen Soldaten in Uniform - man weiss ja, wie gross der Einfluss der
Uniform gerade in Russland ist, - haette gewiss hingereicht, die Zungen
dieser Handelsleute zu zuegeln. In dem von Michael Strogoff benutzten Coupe
liess nichts die Gegenwart einer Militaerperson vermuthen, und der Courier
des Czaaren, der sein Incognito bewahren musste, huetete sich wohl, seinen
wahren Charakter zu verrathen.

Er horchte gespannt.

"Man spricht von einer Preissteigerung des Karawanenthees, sagte ein
Perser, den man an seiner mit Astrachan besetzten Muetze und dem
abgetragenen braunen und weitfaltigen Rocke erkannte.

-- O, der Thee hat auch keine Baisse zu fuerchten, erwiderte ein alter Jude
mit verschmitzten Zuegen. Was davon in Nishny-Nowgorod am Markte ist, wird
nach Westen hin willigen Absatz finden; leider steht es mit den Teppichen
aus Bukhara aber anders.

-- Wie? Sie erwarten eine Sendung aus Bukhara? fragte ihn der Perser.

-- Das zwar nicht, wohl aber aus Samarkand, und Waarensendungen von dorther
sind eher noch mehr gefaehrdet. Verlassen Sie sich einmal auf Zufuhren aus
einem Lande, das durch die Khans von Khiva bis zur chinesischen Grenze in
helle Empoerung gebracht ist.

-- Gut! meinte der Perser, wenn die Teppiche nicht ankommen, so ist das von
den Verraethern noch weniger zu erwarten, denke ich.

-- Und der Profit? heiliger Gott Israels, rief der Jude, rechnen Sie den
fuer nichts?

-- Sie haben Recht, mischte sich ein anderer Reisender in das Gespraech,
asiatische Artikel werden am Platze empfindlich fehlen; die Teppiche aus
Samarkand ebenso, wie die Wollenwaaren, die Seifen, Oele und die Shawls
aus dem Morgenlande.

-- Ei, nehmen Sie sich in Acht, Vaeterchen, antwortete ein russischer
Reisender mit spoettelnder Miene, Sie werden sich furchtbare Fettflecke in
ihre Shawls bringen, wenn Sie sie mit den Seifen und Oelen zusammenpacken!

-- Das kommt Ihnen wohl sehr komisch vor! versetzte etwas spitzig der
Kaufmann, der solche Scherze nicht besonders liebte.

-- Nun, und wenn man sich die Haare ausraufen und Asche auf's Haupt streuen
wollte, fuhr jener Reisende fort, wuerde das den Lauf der Dinge aendern?
Nein! Um keinen Deut mehr als den Transport der Messgueter.

-- Man erkennt es, dass Sie kein Kaufmann sind, bemerkte der kleine Jude.

-- Meiner Treu, nein, wuerdiger Nachkomme Abraham's! Ich verkaufe weder
Hopfen noch Theer, Honig oder Wachs, weder Hanfsamen noch Poekelfleisch,
Caviar, Holz, Wolle, Baender, nicht Hanf oder Leinen, keine Maroquins oder
Pelzwaaren!...

-- Aber kaufen Sie vielleicht davon? fragte der Perser, den Redestrom des
Reisenden unterbrechend.

-- So wenig als moeglich und nur fuer meinen Privatbedarf, antwortete jener
mit den Augen zwinkernd.

-- Das ist ein Spassvogel, raunte der Jude dem Perser zu.

-- Oder ein Spion! erwiderte dieser mit gedaempfter Stimme. Hueten wir uns
und sprechen nicht mehr als noethig. Die Polizei ist bei jetzigen Zeiten
nicht sehr zart, und man weiss nie, mit wem man zusammen sitzt."

In einer andern Ecke der Wagenabtheilung sprach man etwas weniger ueber
Handelsgeschaefte, aber etwas mehr von dem Einfalle der Tartaren und dessen
moeglichen Folgen.

"Man wird in Sibirien die Pferde requiriren, aeusserte sich ein Reisender,
und die Communicationen zwischen den verschiedenen Provinzen Centralasiens
werden sehr erschwert sein!

-- Bestaetigt es sich, fragte sein Nachbar, dass die Kirghisen der Mittleren
Horde mit den Tartaren gemeinschaftliche Sache gemacht haben?

-- Man sagt es, antwortete der Reisende halblaut, wer kann sich aber in
diesem Lande ruehmen, etwas Bestimmtes zu wissen!

-- Ich hoerte schon von Truppenzusammenziehungen an der Grenze sprechen. Die
Donischen Kosaken sollen bereits laengs der Wolga versammelt sein und man
will sie den aufruehrerischen Kirghisen entgegen werfen.

-- Wenn die Kirghisen dem Ufer des Irtysch gefolgt sind, wird auch die
Strasse nach Irkutsk unsicher sein, bemerkte der Nachbar. Uebrigens wollte
ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk senden, das hat aber nicht bis
dahin gelangen koennen. Es steht zu befuerchten, dass die Tartarenhaufen
binnen Kurzem das ganze oestliche Sibirien isolirt haben werden!

-- In Summa, Vaeterchen, sprach sich der erste Frager aus, diese
Handelsleute da haben alle Ursache, wegen ihrer Geschaeftsabwickelung
besorgt zu sein. Nach Requisition der Pferde werden die Schiffe an die
Reihe kommen, dann die Wagen und ueberhaupt alle Transportmittel, bis es
endlich nicht mehr erlaubt sein wird, im ganzen Reiche einen Fuss zu
bewegen.

-- Ich fuerchte sehr, in Nishny-Nowgorod werde die Messe nicht so brillant
enden, wie sie begonnen hat, antwortete der Zweite kopfschuettelnd. Aber
die Sicherheit und Integritaet des russischen Gebietes geht ueber Alles!
Geschaefte sind eben doch nur Geschaefte!"

Wenn in diesem Coupe der Gegenstand der Unterhaltung nicht sehr wechselte,
so war das auch nicht mehr der Fall in den anderen Wagen des Zuges; ein
strenger Beobachter wuerde aber in allen Reden der Reisenden unschwer eine
ungemeine Zurueckhaltung entdeckt haben. Wagten diese sich einmal auf das
Gebiet der Thatsachen, so gingen sie niemals so weit, weder die Absichten
der moskowitischen Regierung vorauszusehen, noch deren Massnahmen zu
kritisiren.

Dieselbe Beobachtung machte auch ein Reisender in einem der vorderen Wagen
des Zuges. Dieser - offenbar ein Auslaender, - hatte seine Augen ueberall
und warf zwanzigerlei Fragen auf, welche nur ausweichende Beantwortung
fanden. Fortwaehrend betrachtete er dabei auch durch das Wagenfenster,
dessen Scheibe er stets zum grossen Unbehagen seiner Reisegefaehrten
niedergelassen hielt, die Gegend bis zum fernen Horizont. Er erkundigte
sich nach den Namen der unbedeutendsten Ortschaften, ihrer Lage, ihren
Handelsbeziehungen und Gewerbsverhaeltnissen, nach den Einwohnerzahlen, der
mittleren Sterblichkeit beider Geschlechter u. s. w., und Alles, was er
erfahren konnte, schrieb er in ein mit Bemerkungen ueberladenes Notizbuch.

Unsere Leser erkannten in ihm wohl schon den Correspondenten Alcide
Jolivet, der so viele Fragen in der Hoffnung stellte, unter den Antworten
doch dann und wann etwas Interessantes "fuer seine Cousine" zu erhaschen.
Natuerlich sah man ihn deshalb fuer einen Spion an und sprach vor ihm keine
Sylbe bezueglich der Tagesereignisse.

Als er sich ueberzeugt, dass er ueber den Tartareneinfall hier nichts zu
erfahren vermoege, schrieb er in das Notizbuch: "Die Reisenden absolut
discret. Schiessen ueber Politik nur sehr schwer los."

Waehrend aber Alcide Jolivet seine Reiseeindruecke mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit schriftlich fixirte, lag sein College, der in demselben
Zuge sass und in derselben Absicht reiste, in einem andern Coupe ganz der
naemlichen Beschaeftigung ob. Beide waren sich am Morgen im Bahnhofe zu
Moskau nicht begegnet, und Keiner wusste von des Andern Aufbruche nach dem
voraussichtlichen Kriegsschauplatze, um den Ereignissen naeher zu stehen.

Dabei hatte nur der allzeit schweigsame Harry Blount bei seinen
Reisegefaehrten nicht denselben Verdacht erweckt, wie Alcide Jolivet. Ihn
hatte man nicht fuer einen Spion gehalten, und seine Nachbarn plauderten
vor ihm ohne jede Zurueckhaltung, wobei sie sich sogar weiter gehen liessen,
als man es von ihrer anerzogenen Zaghaftigkeit erwartet haette. Der
Correspondent des Daily-Telegraph konnte also beobachten, wie sehr die
Ereignisse des Tages alle nach Nishny-Nowgorod ziehenden Kaufleute
beruehrten und wie stark der Handel mit Central-Asien dadurch bedroht sei.

Er zoegerte also nicht, seinem Notizbuch die ganz gerechtfertigte Bemerkung
einzuverleiben:

"Die Reisenden sehr beunruhigt. Der Krieg steht in Aussicht und man
behandelt dieses Thema mit einer Freimuethigkeit, welche zwischen Weichsel
und Wolga erstaunlich zu nennen ist."

Die Leser des Daily-Telegraph mussten demnach ebenso gut unterrichtet
werden, wie "die Cousine" Alcide Jolivet's.

Weiter, da Harry Blount an der linken Seite des Zuges sass, hatte er nur
den einen Theil der hier ziemlich huegeligen Landschaft ueberblicken koennen,
ohne dass er es der Muehe werth erachtete, sein Auge einmal nach der rechten
Seite, welche vollkommen eben war, zu wenden, und somit fuegte er seiner
Notiz kurz und buendig hinzu:

"Zwischen Moskau und Wladimir Bergland."

Inzwischen lag es auf der Hand, dass die russische Regierung angesichts der
ernsten Verwickelungen selbst im Innern des Reiches einige strenge
Massregeln nehmen werde. Die Empoerung griff zwar noch nicht ueber die Grenze
Sibiriens hinueber, doch in den dem Lande der Kirghisen so nahe liegenden
Wolgaprovinzen durfte man sich leicht eines uebeln Einflusses jener
Ereignisse versehen.

Noch hatte die Polizei Iwan Ogareff's Spuren nicht wieder zu finden
vermocht. Ob dieser Verraether, der die Fremden aufhetzte, um seine
persoenliche Rache zu befriedigen, sich wieder mit Feofar-Khan verbunden
habe, oder im Gouvernement Nishny-Nowgorod heimlich die Empoerung schuere,
wo sich zu dieser Jahreszeit eine aus so bunten Elementen zusammen
gewuerfelte Bevoelkerung tummelte, - kein Mensch wusste es.

Hatte er vielleicht unter diesen bei der Messe so zahlreich vertretenen
Persern, Armeniern und Kalmuecken Vertraute, welche die Bewegung im Innern
des Reiches in Fluss bringen sollten? Alle diese Hypothesen waren,
vorzueglich in einem Lande wie das Reich des Herrschers aller Reussen, nicht
zurueck zu weisen.

In der That kann dieses ungeheure Laendergebiet von zwoelf Millionen
Quadratkilometern die Homogenitaet der westlichen Staaten Europas ueberhaupt
nicht besitzen. Zwischen den verschiedenen Voelkerschaften desselben
herrschen mehr tiefere Unterschiede, als oberflaechliche Nuancen. In
Europa, Asien und Amerika (unsere Erzaehlung spielt in der Zeit, da das
russische Amerika noch nicht an die Vereinigten Staaten abgetreten war)
erstreckt sich sein Gebiet vom 35. Grade oestl. Laenge (von Ferro) bis zum
110. Grade westlicher Laenge und vom 38. bis zum 81. Grade noerdl. Breite.
Es zaehlt nicht weniger als siebenzig Millionen Einwohner, welche dreissig
verschiedene Sprachen sprechen. Die herrschende Race ist zwar die der
Slaven, aber ausser den eigentlichen Russen zaehlen zu dieser auch die
Polen, Litthauer und die Kurlaender. Rechne man zu diesen noch die Finnen,
Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken, Permiaken, die Deutschen,
die Griechen, Tartaren, die kaukasischen Staemme, die Mongolenhorden,
Kalmuecken, Samojeden, Kamtschadalen und Aleuten, so sieht man leicht ein,
wie schwierig es sein muss, die Einheit eines so ungeheuren Reiches
aufrecht zu erhalten, und dass diese dereinst nur von der Zeit und der
Weisheit der Regierung wirklich geschaffen werden kann.

Wie dem auch sei, jedenfalls hatte Iwan Ogareff sich bisher allen
Nachforschungen zu entziehen gewusst. Auf jeder Station aber, wo der Zug
anhielt, erschienen Inspectoren, welche die Reisenden musterten und Alle
scharf in's Auge fassten, denn sie hatten auf Befehl des Grossmeisters der
Polizei nach Iwan Ogareff zu fahnden. Die Regierung glaubte zu wissen, dass
dieser Verraether das europaeische Russland noch nicht habe verlassen koennen.
Erschien ein Reisender verdaechtig, so musste er sich im Polizeibureau
ausweisen, waehrend der Zug weiter sauste, ohne sich um solche
unfreiwillige Nachzuegler zu bekuemmern.

Es ist voellig nutzlos, mit der russischen Polizei bei ihrer bekannten
Ruecksichtslosigkeit verhandeln zu wollen. Ihre Beamten stehen in
militaerischem Range und handeln als Soldaten. Hierin liegt das Mittel,
womit ein Souveraen sich unbedingten Gehorsam erzwingt, der das Recht hat,
an die Spitze seiner Ukase zu setzen: "Wir, von Gottes Gnaden Kaiser und
Selbstherrscher aller Reussen, von Moskau, Kiew, Wladimir und Nowgorod,
Czaar von Kasan, Astrachan, Polen, Sibirien und des Taurischen Chersones,
Fuerst von Skof, Grossherzog von Smolensk, Litthauen, Wolhinien, Podolien
und Finnland, Herzog von Esthland, Liefland, Kurland und Samland, von
Bialystock, Karelien, Jugrien, Perm, Viatka, Bulgarien und von anderen
Laendern, Herrscher und Grossfuerst der Territorien von Nishny-Nowgorod,
Tschernikow, Riatsan, Polotzk, Restow, Jeroslaw, Bielozersk, Udorien,
Obdorien, Kondinien, Witepsk und Mtislaw, Machthaber ueber die
hyperboraeischen Lande, Herr der Lande von Iberien, der Kartalinie,
Gruzinien, Kabardinien, Armenien, Erbherr und Souveraen der
Tscherkessenfuersten der Berge und der Ebenen, Erbe von Norwegen,
Schleswig-Holstein, Stormarn, Dithmarschen und Oldenburg." In der That ein
maechtiger Herrscher, dessen Wappen, ein zweikoepfiger Adler mit Scepter und
Erdkugel in den Klauen, umgeben ist von den Wappenschildern von Nowgorod,
Wladimir, Kiew, Kasan, Astrachan und Sibirien, und umrahmt von dem grossen
Bande des St. Andreasordens, ueber dem eine Kaiserkrone schwebt! -

Michael Strogoff entging auf Grund seiner Papiere allen polizeilichen
Scheerereien.

Auf der Station Wladimir verweilte der Zug einige Minuten, die dem
Reporter des Daily-Telegraph hinreichend erschienen, eine umfassende
Skizze dieser alten Hauptstadt Russlands zu entwerfen.

Im Bahnhofe zu Wladimir kamen neue Passagiere. Unter Anderen erschien auch
ein junges Maedchen an der Thuer von Michael Strogoff's Coupe.

Vor dem Couriere des Czaaren war noch ein Platz leer. Das junge Maedchen
nahm diesen ein, nachdem sie eine bescheidene, rothlederne Reisetasche,
scheinbar ihr ganzes Gepaeck, neben sich gestellt hatte. Dann setzte sie
sich mit niedergeschlagenen Augen und ohne ihren zufaelligen Reisegefaehrten
auch nur einmal angesehen zu haben, fuer eine mehrstuendige Fahrt zurecht.

Michael Strogoff konnte sich nicht enthalten, seine neue Nachbarin
theilnehmend zu betrachten. Da sie einen Ruecksitz einnahm, bot er ihr
seinen Platz an, wenn sie diesen vorzoege, aber sie lehnte das mit einer
leichten Verbeugung dankend ab.

Das junge Maedchen mochte sechzehn bis siebenzehn Jahre zaehlen. Ihr
wirklich huebscher Kopf verrieth den rein slavischen Typus, - einen etwas
strengen Typus, nach welchem sie einst mehr schoen als huebsch werden musste,
wenn einige Jahre die Zuege ihres Gesichtes weiter befestigt haben wuerden.
Aus einer Art Fanchon quoll ihr eine Fuelle goldblonden Haares. Ihre
braunen Augen erstrahlten von einem ungemein sanften Blicke. Die gerade
Nase verband mit beweglichen Fluegeln ihre etwas schmalen und blassen
Wangen. Ihr sehr fein geschnittener Mund schien seit laengerer Zeit alles
Laecheln verlernt zu haben.

Die junge Reisende war, so weit man das vor dem faltigen Pelze, den sie
trug, erkennen konnte, gross und schlank. Obwohl sie noch im vollen Sinne
des Wortes als "ein sehr junges, unschuldiges Kind" erschien, so war doch
ihre Stirn gut entwickelt und die bestimmte Form der unteren Partien des
Gesichtes liess auf eine ungewoehnliche Energie schliessen, - Einzelheiten,
welche Michael Strogoff nicht entgingen. Offenbar hatte das junge Maedchen
frueher schon manches gelitten und auch die Zukunft schien ihr nicht in
rosigem Lichte zu winken; aber ebenso sicher hatte sie gegen die
Widerwaertigkeiten des Lebens sowohl anzukaempfen gewusst, als sie die
Entschlossenheit besass, es auch in Zukunft zu thun. Ihre Willenskraft
schien ebenso lebhaft als ausdauernd zu sein, ihre Ruhe unerschuetterlich,
vielleicht selbst unter Umstaenden, welche einen Mann in Verlegenheit
gebracht haetten.

Diesen Eindruck erweckte das junge Maedchen auf den ersten Blick. Michael
Strogoff, selbst ein energischer Charakter, musste sich von einer solchen
Erscheinung getroffen fuehlen und beobachtete, bei aller Vorsicht, sie
dadurch nicht zu belaestigen, seine Nachbarin doch mit einer gewissen
Aufmerksamkeit.

Die Kleidung der jungen Reisenden zeichnete sich durch die groesste
Einfachheit und Sauberkeit aus. Von reichem Herkommen konnte sie offenbar
nicht sein; aber man haette vergeblich nach einer Spur von Nachlaessigkeit
an ihr gesucht. Ihr ganzes Gepaeck barg jene rothe Tasche, die sie aus
Mangel an Platz auf den Knieen hielt.

Sie trug einen langen, aermellosen Pelz von dunkelbrauner Farbe, der sich
mit einem blauen Saume anmuthig um ihren Hals schloss. Unter demselben
bedeckte eine ebenfalls dunkelfarbige Tunica das bis zum Fussgelenk
reichende Kleid, dessen unterer Saum wiederum mit wenig auffaelliger
Stickerei geziert war. Lederne Halbstiefel mit starken Sohlen, so als
waeren sie fuer eine lange Reise bestimmt, schuetzten die kleinen Fuesschen.

Michael Strogoff glaubte an manchen Details dieses Costuems die Tracht der
Lieflaenderinnen zu erkennen und setzte also voraus, dass seine Nachbarin in
den baltischen Provinzen zu Hause sei.

Doch wohin ging dieses Kind, allein, in diesem Alter ohne Unterstuetzung
des Vaters oder der Mutter, ohne den Schutz eines Bruders? Kam sie
wirklich schon nach Zuruecklegung einer laengeren Reise aus den westlichen
Provinzen des Reiches? Begab sie sich nur nach Nishny-Nowgorod oder lag
ihr Ziel noch ueber den oestlichen Grenzen? Erwartete sie ein Anverwandter,
ein Freund bei Ankunft des Zuges? War es nicht vielmehr wahrscheinlich,
dass sie sich nach Verlassen des Waggons in der Stadt ebenso vereinsamt
befinden werde, wie in diesem Coupe, wo sich, ihrer Ansicht nach, keine
Seele um sie kuemmerte?

Das Auftreten, welches man sich in der Vereinsamung anzugewoehnen pflegt,
zeigte sich zu deutlich in dem Wesen der jungen Reisenden. Die Art und
Weise, wie sie in das Coupe einstieg und sich fuer die Fahrt einrichtete,
das Vermeiden jeder Belaestigung Anderer, welches an eine gewisse
Schuechternheit grenzte, Alles zeigte ihre Gewohnheit, allein zu sein und
nur auf sich selbst zu rechnen.

Michael Strogoff beobachtete sie mit zurueckhaltendem Interesse und suchte
nicht einmal ein Gespraech anzuknuepfen, wiewohl die Fahrt bis
Nishny-Nowgorod noch mehrere Stunden dauerte.

Nur einmal, als der Nachbar des jungen Maedchens, - jener Kaufmann, welcher
so unvorsichtig Oele und Shawls durch einander warf, - im Einschlafen
seine Nachbarin mit dem grossen, auf den Schultern hin und her taumelnden
Kopfe zu belaestigen drohte, weckte er diesen etwas barsch auf und gab ihm
zu verstehen, dass er gerade sitzen und sich etwas ruecksichtsvoller
betragen solle.

Der Kaufmann, von etwas grobem Schrot und Korn, knurrte einige Worte "von
Leuten, die sich in Sachen mischen, welche ihnen nichts angehen"; Michael
Strogoff warf ihm aber einen so viel versprechenden Blick zu, dass der
Schlaftrunkene sich nach der andern Seite neigte und die junge Reisende
von seiner unliebsamen Nachbarschaft befreite.

Diese richtete das Auge einen Moment auf den jungen Mann mit einem Blicke,
der ihm einen stummen, bescheidenen Dank ausdrueckte.

Es sollte aber noch ein Umstand eintreten, der Michael Strogoff den
Charakter des jungen Maedchens noch klarer erkennen liess.

Etwa zwoelf Werst vor Nishny-Nowgorod erhielt der Zug bei einer sehr kurzen
Curve des Geleises einen sehr heftigen Stoss. Dann lief er noch eine Minute
neben der Boeschung eines Dammes hin.

Ein tuechtiges Schuetteln der Passagiere, Geschrei, Verwirrung, allgemeine
Unordnung in den Waggons bezeichneten die ersten Folgen des Unfalls. Man
konnte wohl noch ein schweres Unglueck befuerchten. Noch bevor der Zug zum
Stehen kam, sprangen schon die Waggonthueren auf, die entsetzten Reisenden
suchten ihr Heil in der Flucht und stuerzten aus den Coupes.

Michael Strogoff dachte zunaechst an seine Nachbarin; doch waehrend die
uebrigen Insassen sich schreiend und stossend hinaus draengten, hielt das
junge Maedchen, deren Gesicht kaum etwas blaesser geworden war, ruhig auf
ihrem Platze aus.

Sie wartete. Michael Strogoff ebenfalls.

Sie hatte gar keinen Versuch gemacht, den Waggon zu verlassen. Kein Laut
kam ueber ihre Lippen.

Beide blieben ganz ruhig.

"Eine energische Natur!" dachte Michael Strogoff.

Inzwischen war jede Gefahr vorueber. Ein Radreifensprung am Gepaeckwagen
hatte erst den Stoss und dann das Anhalten des Zuges veranlasst, doch haette
nicht viel gefehlt, dass er in Folge einer Entgleisung von dem hohen Damme
in die Tiefe gestuerzt waere. Es entstand eine Stunde Aufenthalt. Endlich,
nach Freilegung der Fahrbahn, setzte der Train seinen Weg fort und
gelangte um halb neun Uhr Abends nach Nishny-Nowgorod.

Bevor Jemand die Waggons verlassen durfte, erschienen wieder die
unvermeidlichen Polizisten und inquirirten die Reisenden.

Michael Strogoff wies seinen auf den Namen Nicolaus Korpanoff lautenden
Podaroshna vor, der ihn genuegend legitimirte.

Auch die andern Insassen des Coupes, welche alle nur nach Nishny-Nowgorod
gingen, schienen zu ihrem Gluecke unverdaechtig.

Das junge Maedchen fuer ihre Person brachte keinen eigentlichen Reisepass
hervor, der ja im Innern Russlands jetzt nicht mehr verlangt wird, sondern
einen Schein mit besonderem Siegel, welcher ganz specieller Art zu sein
schien.

Der Beamte las ihn aufmerksam durch. Dann sagte er nach sorgfaeltiger
Musterung Derjenigen, deren Signalement der Schein enthielt:

"Du bist aus Riga?

-- Ja, erwiderte das junge Maedchen.

-- Und willst nach Irkutsk?

-- Ja.

-- Auf welchem Wege?

-- Auf der Strasse ueber Perm.

-- Gut, antwortete der Inspector. Vergiss in Nishny-Nowgorod nicht, Deinen
Schein durch das Polizei-Amt visiren zu lassen."

Das junge Maedchen verneigte sich bejahend.

Als er diese Fragen und Antworten hoerte, empfand Michael Strogoff
gleichzeitig eine gewisse Bewunderung und ein ehrliches Mitleid. Wie!
Dieses Kind war auf der Reise nach dem entlegenen Sibirien, und noch dazu
jetzt, wo zu den gewoehnlichen Unzutraeglichkeiten noch alle Gefahren eines
von Feinden ueberschwemmten, aufruehrerischen Landes hinzutraten! Wie wuerde
sie ankommen? - was aus ihr werden?...

Nach Schluss der Inspection wurden die Waggonthueren geoeffnet, doch bevor
Michael Strogoff auch nur eine Bewegung gegen sie machen konnte, war die
junge Lieflaenderin bereits ausgestiegen und unter der Menge, welche die
Perrons bedeckte, verschwunden.




                             Fuenftes Capitel.


                    Eine Verordnung mit zwei Artikeln.


Nishny-Nowgorod, Unter-Nowgorod, am Zusammenflusse der Wolga und Oka, ist
die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Hier musste Michael
Strogoff den Schienenweg verlassen, der jener Zeit ueber die Stadt noch
nicht hinausreichte. Je weiter er vorwaerts kam, desto langsamer und
gleichzeitig desto unsicherer wurden die Communicationsmittel.

Nishny-Nowgorod, das gewoehnlich nur 30-35,000 Einwohner zaehlt, beherbergte
jetzt ueber 300,000 Seelen, d. h. die Kopfzahl hatte sich verzehnfacht.
Dieser Zuwachs ruehrte von der weltberuehmten Messe her, welche in seinen
Mauern, eigentlich nur drei Wochen lang, abgehalten wurde. Frueher erfreute
sich die Stadt Makariew dieses Zusammenflusses so vieler Fremden, seit dem
Jahre 1817 aber ward die grosse Messe hierher verlegt.

Die sonst ziemlich duestere, einsame Stadt war jetzt der Schauplatz der
lebhaftesten Bewegung. Zehn verschiedene Racen europaeischer und
asiatischer Kaufleute fraternisirten hier, so lange gegenseitige
Handelsgeschaefte im Spiel waren.

Trotz der vorgeschrittenen Stunde, zu welcher Michael Strogoff den Bahnhof
verliess, regte sich doch in den beiden durch das Bett der Wolga getrennten
Stadttheilen Nishny-Nowgorods noch ein ungeheures Leben. Von jenen Theilen
ist die obere, auf einem abschuessigen Felsen erbaute Stadt von einer jener
Festungsanlagen vertheidigt, die man in Russland ganz allgemein "Kreml" zu
nennen pflegt.

Waere Michael Strogoff genoethigt gewesen, sich in Nishny-Nowgorod laengere
Zeit aufzuhalten, so haette er wohl Muehe haben sollen, ein Hotel oder doch
eine halbwegs passende Herberge zu finden, - Alles war ueberfuellt. Da er
indess auch nicht unmittelbar weiter reisen, sondern nur den
naechstabgehenden Wolgadampfer benutzen konnte, so musste er sich doch wohl
oder uebel wenigstens ein Nachtlager suchen. Vorher trieb es ihn indess,
sich ueber die Abfahrtszeit des Dampfbootes zu unterrichten; deshalb begab
er sich sofort nach den Bureaux der Gesellschaft, deren Schiffe den Dienst
zwischen Nishny-Nowgorod und Perm versehen.

Dort erfuhr er zu seinem grossen Missvergnuegen, dass der "Kaukasus" - so hiess
das reisefertige Schiff - erst zu Mittag am naechsten Tage abgehen werde.
Siebenzehn Stunden Aufenthalt! Das war unangenehm fuer einen Mann, der es
eilig hatte, und doch musste er sich darein finden. Er that es auch ruhig,
da er nicht unnoethig zu aussergewoehnlichen Mitteln greifen wollte.

Uebrigens haette ihn unter den gegebenen Umstaenden auch kein Teleg oder
Tarantass, keine Berline oder Postchaise und kein Reitpferd schneller nach
Perm oder Kasan befoerdert. Immer blieb es das Beste, die Abfahrt des
Steamers zu erwarten - jenes Befoerderungsmittels, das ihn schneller als
jedes andere vorwaerts schaffen und die hier verlorene Zeit reichlich
wieder einbringen musste.

Michael Strogoff schlenderte also durch die Stadt und suchte dabei ohne
Uebereilung ein Unterkommen, in dem er die Nacht zubringen koennte. Der
letztere Zweck lag ihm zwar gar nicht sonderlich am Herzen, und ohne das
Gefuehl des Hungers, das sich ihm etwas aufdringlich fuehlbar machte, haette
er die Strassen Nishny-Nowgorods wohl auch die ganze Nacht ueber durchirrt.
Es geluestete ihn also weit mehr nach einem tuechtigen Abendimbiss, als nach
einem Bette. Beides fand er noch unter dem Schilde der "Stadt
Konstantinopel".

Hier konnte ihm der Wirth noch ein mittelmaessiges Zimmerchen ablassen, das
zwar nur ein duerftiges Mobiliar enthielt, dem aber der gebraeuchliche
Wandschmuck, ein Bild der Jungfrau Maria und mehrere Heiligenbilder in
Goldrahmen, nicht abging. Entenbraten mit einer Farce von saeuerlichem
Fleisch und rahmartig dicker Sauce, Gerstenbrod, saure Milch, klarer
Zucker mit Zimmet, ein Krug "Kwass", d. i. eine in Russland sehr verbreitete
Art Bier, wurde ihm bald aufgetragen, und er brauchte gar nicht so viel,
seinen Hunger zu stillen. Jedenfalls ass er sich aber satt, und das auch
besser, als sein Tischnachbar, ein orthodoxer "Altglaeubiger" von der Secte
der Raskolniks, der bei seinem Geluebde der Enthaltung gewisser Speisen die
Kartoffeln von sich wies und sich weislich huetete, seinen Thee zu
versuessen.

Nach beendigter Mahlzeit nahm Michael Strogoff, statt sich nach seinem
Zimmer zu begeben, ganz maschinenmaessig die unterbrochene Promenade durch
die Stadt wieder auf. Trotz der noch andauernden langen Daemmerung
lichteten sich doch schon die Mengen, die Strassen wurden allmaelig oeder und
Jedermann suchte sein Lager.

Warum Michael Strogoff sich nicht gemaechlich in's Bett begab, wie man es
nach einem auf der Eisenbahn hingebrachten Tage wohl erwarten sollte?
Dachte er vielleicht noch an die junge Lieflaenderin, seine Reisegenossin
waehrend einiger fluechtiger Stunden? Ja! Da er nichts Besseres zu thun
wusste, dachte er wohl an diese. Kam ihm die Befuerchtung an, dass sie in
dieser geraeuschvollen Stadt leicht einem Insulte ausgesetzt sein koennte? -
Er fuerchtete es, und gewiss mit Recht. Hoffte er etwa, ihr zu begegnen und
im Nothfall sich zu ihrem Beschuetzer aufzuwerfen? Nein. Eine Begegnung war
nur schwierig zu erwarten. Und was seinen Schutz betraf ... mit welchem
Rechte durfte er ihn anbieten?

"Allein, sprach er so fuer sich hin, allein inmitten dieser Nomaden! Und
doch verschwinden die jetzigen Gefahren noch gegen die, welche die Zukunft
birgt. Sibirien! Irkutsk! Das, was ich fuer Russland, fuer den Czaaren wagen
will, das unternimmt sie fuer ... Ja, fuer wen? Fuer was ... Sie hat einen
Pass zur Ueberschreitung der Grenze! Und das Land ueber derselben ist in
Empoerung; Tartarenhorden jagen durch die Steppen!..."

Michael Strogoff blieb einen Augenblick, wie ueberlegend, stehen.

"Unzweifelhaft, dachte er bei sich, fasste sie den Plan zu dieser Reise vor
dem Einfalle. Vielleicht weiss sie nicht einmal, was jetzt vorgeht. Doch
nein, die Kaufleute haben ja vor ihr von den Unruhen in Sibirien
gesprochen, und sie schien darueber nicht im Mindesten betroffen ... Sie
verlangte keine naeheren Erklaerungen ... Aber dann wusste sie davon auch
schon vorher ... und trotzdem brach sie auf? Das arme Kind! Der Grund
dieser gefahrvollen Reise muss ein sehr zwingender sein! Doch so
entschlossen sie auch sein mag - und sie ist es ganz gewiss, - die Kraefte
werden ihr unterwegs ausgehen, und sie wird, von etwaigen Gefahren und
Hindernissen ganz zu schweigen, die Anstrengungen einer solchen Reise gar
nicht zu ertragen im Stande sein!... O, sie wird niemals bis Irkutsk
gelangen!"

Michael Strogoff ging hierbei immer auf's Gerathewohl weiter. Bei seiner
ausreichenden Localkenntniss konnte ihm die Wiederauffindung seiner
Herberge ja nicht schwer fallen.

Nach einstuendigem Umherwandeln setzte er sich von ungefaehr auf eine Bank
an einer Art Holzhuette, die sich inmitten vieler anderer auf einem grossen
Platze erhob.

Etwa fuenf Minuten mochten verstrichen sein, als sich eine Hand schwer auf
seine Schulter legte.

"Was treibst Du hier? rief ihn die rauhe Stimme eines hochgewachsenen
Mannes an, dessen Annaeherung ihm entgangen war.

-- Ich ruhe aus, erwiderte Michael Strogoff.

-- Hast wohl die Absicht, die ganze Nacht hier auf der Bank zu bleiben?
fragte der Mann.

-- Wenn mir das passt, gewiss! versetzte Michael Strogoff in einem etwas
bestimmteren Tone, als er seinem Aeussern, d. h. einem einfachen Kaufmanne,
entsprach.

-- Tritt heran, dass ich Dich erkenne!"

Michael Strogoff, der sich noch rechtzeitig erinnerte, dass er auf keinen
Fall eine Unklugheit begehen duerfe, wich unwillkuerlich aus.

-- "Mich hat Keiner noethig zu erkennen", erwiderte er.

Ganz ruhig trat er etwa zehn Schritte von dem Anfragenden zurueck.

Bei genauerer Betrachtung ueberzeugte er sich, dass er es mit einer Art
Zigeuner zu thun hatte, wie man sie haeufig bei allen Messen und Maerkten
trifft, und deren Beruehrung nach keiner Seite hin angenehm ist. Weiter
erkannte er auch noch trotz der zunehmenden Dunkelheit einen geraeumigen
Wagen, die gewoehnliche Wohnung dieser Zigeuner oder Tsiganen, die sich in
Russland ueberall in Massen umhertreiben, wo einige Kopeken zu erhaschen
sind.

Der Zigeuner war inzwischen einige Schritte vorgetreten und schickte sich
eben an, Michael Strogoff weiter auszufragen, als sich die Thuer der Bude
oeffnete. Ein Weib, welches kaum zu sehen war, trat rasch heraus und
eiferte in einem rohen Dialect, den Michael Strogoff als ein Gemisch von
mongolischer und sibirischer Sprache erkannte:

"Wieder ein Spion! Lass ihn und komm zum Essen. Die 'Papluka'(1) wartet."

Michael Strogoff musste unwillkuerlich lachen, als er diesen Titel hoerte,
er, der vielmehr allen Spionen moeglichst auswich.

In derselben Sprache, aber mit wesentlich abweichendem Accente, antwortete
der Zigeuner einige Worte, etwa des Inhalts:

"Du hast recht, Sangarre; uebrigens werden wir morgen weg sein!

-- Schon morgen? entgegnete das Weib halblaut und offenbar einigermassen
ueberrascht.

-- Ja wohl, Sangarre, bedeutete sie der Zigeuner, morgen, unser Vater
selbst sendet uns weg ... wohin wir wollen!"

Hiernach zogen sich Beide in die Bude zurueck, deren Thuer von Innen
sorgfaeltig geschlossen wurde.

"Recht nett, sagte sich Michael Strogoff; wenn diese Zigeuner aber hoffen,
nicht verstanden zu werden, so rathe ich ihnen, sich in meiner Gegenwart
einer andern Sprache zu bedienen."

Als geborener Sibirier, der seine ganze fruehe Jugend in der Steppe verlebt
hatte, kannte Michael Strogoff, wie erwaehnt, fast alle gebraeuchlichen
Mundarten von der Tartarei bis zum Eismeere. Um die zwischen dem Zigeuner
und dem Weibe gewechselten Worte selbst bekuemmerte er sich blutwenig.
Welches Interesse konnte er daran haben?

Bei der schon vorgeschrittenen Nachtstunde gedachte er nun auch nach der
Herberge zurueckzukehren, um sich einige Ruhe zu goennen. Er folgte auf
seinem Rueckwege dem Laufe der Wolga, deren Wasser unter der dunklen Masse
unzaehliger Fahrzeuge fast verschwand. An der Richtung des Flusses erkannte
er genauer den eben verlassenen Ort. Diese Haufen von Fuhrwerken und Buden
standen auf eben dem geraeumigen Platze, auf dem alljaehrlich die grosse
Messe von Nishny-Nowgorod abgehalten wurde - ein Erklaerungsgrund fuer die
Anwesenheit einer ganzen Menge von Gauklern und Zigeunern, welche der Wind
von allen Ecken der Welt her hier zusammengeweht hatte.

Eine Stunde spaeter ruhte Michael Strogoff in etwas unruhigem Schlummer auf
einem jener russischen Betten, welche dem Auslaender so hart vorkommen, und
erwachte am andern Morgen, am 17. Juli, bei hellem Tage.

Noch hatte er fuenf Stunden in Nishny-Nowgorod auszuhalten, die ihm ein
Jahrhundert duenkten. Womit konnte er diesen Vormittag anders hinbringen,
als mit einer Wanderung durch die Strassen wie am Tage vorher? Hatte er
sein Fruehstueck verzehrt, seinen Reisesack geschnallt, den Podaroshna von
der Polizei visirt erhalten, so konnte er sofort abreisen. Er war aber
nicht der Mann dazu, bei Sonnenschein sich im Bette zu waelzen; deshalb
stand er auf, kleidete sich an, verbarg den Brief mit dem kaiserlichen
Siegel sorgsam tief in der inneren Tasche seines Ueberkleides, um welches
er den Guertel schnallte. Dann schloss er seinen Reisesack und warf ihn ueber
den Ruecken. Da er nicht noch einmal nach "Stadt Konstantinopel"
zurueckkehren wollte und an dem Ufer der Wolga zu fruehstuecken gedachte, um
nahe dem Dampfschifflandungsplatze zu sein, bezahlte er seine Rechnung und
verliess das Gasthaus.

Aus uebergrosser Sorge begab sich Michael Strogoff nochmals nach den Bureaux
der Steamer und versicherte sich, dass der "Kaukasus" zur angegebenen
Stunde abfahren werde. Da stieg ihm zum ersten Male der Gedanke auf, dass
die junge Lieflaenderin, da sie ja ebenfalls ueber Perm reisen musste, sich
hoechst wahrscheinlich auch auf dem "Kaukasus" einschiffen wuerde, in
welchem Fall Michael Strogoff sicher mit ihr zusammentreffen musste.

Die obere Stadt mit ihrem Kreml von zwei Werst Umfang, der dem in Moskau
uebrigens sehr aehnlich ist, erschien damals merkwuerdig veroedet. Selbst der
Gouverneur hatte seinen Sitz daselbst nicht mehr. So todt aber die obere
Stadt war, so belebt war dafuer die untere.

Michael Strogoff gelangte, nach Ueberschreitung einer von Kosakenpiquets
bewachten Schiffbruecke ueber die Wolga, nach dem naemlichen Platze, wo er am
Abend vorher den kleinen Auftritt neben der Zigeunerbude erlebt hatte. Die
Messe von Nishny-Nowgorod, mit der sich nicht einmal die Leipziger Messe
vergleichen kann, wird ein wenig ausserhalb der Stadt abgehalten. Auf
weiter Ebene jenseits der Wolga erhebt sich der provisorische Palast des
Generalgouverneurs, in welchem derselbe auf hohen Befehl waehrend der
ganzen Dauer der Messe seinen Sitz hat, jener Messe, welche Dank den
Elementen, die auf ihr vertreten sind, eine unaufhoerliche Bewachung
erfordert.

Diese Ebene war jetzt bedeckt mit symmetrisch vertheilten Holzbauten und
langen, breiten Gaengen dazwischen, auf denen die Menschenmenge bequem auf-
und abfluthen konnte. Eine gewisse Anzahl Buden der verschiedensten Groesse
und Form bildete allemal ein besonderes Quartier fuer je einen bestimmten
Handelszweig. Da gab es Quartiere fuer den Handel mit Eisenwaaren,
Quartiere fuer die Rauchwaaren, fuer Wolle, Holzwaaren, Gewebe, getrocknete
Fische u. s. w. Manche dieser Bauwerke zeigten sich auch aus dem
sonderbarsten Materiale errichtet, so die einen aus kleinen Theekistchen
in Form von Ziegelsteinen, andere aus bruchsteinartig angeordnetem
Salzfleische; - es galt das als Musterkarte fuer die Waaren, welche die
Inhaber der Messmagazine ihrer Kundschaft anboten. Eine etwas sonderbare,
fast amerikanische Reclame!

Der Menschenzudrang in diesen Budenreihen, ueber denen die frueh um vier Uhr
aufgegangene Sonne schon hoch am Himmel stand, war ein ungeheurer. Russen,
Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkomanen, Perser, Georgier, Griechen,
Ottomanen, Hindus, Chinesen, eine unentwirrbare Mischung von Europaeern und
Asiaten, - Alles plauderte, eroerterte, stritt und feilschte daselbst.
Traeger, Pferde, Kameele, Esel, Boote und Fuhrwerke, was nur je zum
Waarentransport dienen konnte, war auf und an diesem Messplatze angehaeuft.
Pelzwerke, Edelsteine, Seidenstoffe, indische Kaschemirs, tuerkische
Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Ispahan, Ruestungen aus Tiflis,
Karawanenthee, europaeische Bronzen, Schweizer Uhren, Sammet und Seide aus
Lyon, englische Baumwollwaaren, Sattler- und Wagenbauerarbeiten, Fruechte,
Gemuese, Mineralien vom Ural, Malachite, Lasursteine, Parfums,
Arzneipflanzen, Holz, Pech, Tauwerk, Horn, Kuerbisse, Wassermelonen u. s.
w., alle Erzeugnisse Indiens, Chinas, Persiens, die vom Kaspischen und die
vom Schwarzen Meer, aus Amerika und Europa, waren auf diesem einen Punkte
der Erde zusammengehaeuft.

Das Leben und Treiben, das Toben und Schreien hier spottet jeder
Beschreibung, denn die Eingeborenen der niederen Klassen sind von Natur
sehr zum Laermen geneigt, und die Fremden glaubten ihnen in dieser Hinsicht
nichts nachgeben zu duerfen. Da waren Kaufleute aus Innerasien, die ein
ganzes Jahr daran gesetzt hatten, ihre Waaren ueber die endlosen Ebenen zu
bringen und welche vor Verlauf eines weiteren Jahres ihre Laeden und
Comptoirs gar nicht wieder sehen konnten. Ja die Bedeutung dieser Messe in
Nishny-Nowgorod ist so gross, dass der Werth der Handelstransactionen
daselbst sich auf mindestens hundert Millionen Rubel (= 314 Mill. Mark,
also 157 Mill. Gulden) beziffert.

Auf den Plaetzen zwischen den Quartieren dieser improvisirten Stadt
tummelten sich eine ganze Menge wandernder Kuenstler. Seiltaenzer und
Akrobaten betaeubten mit dem Spektakel ihrer Orchester und dem Ausrufen
ihrer Vorstellungen; Zigeuner aus den Gebirgen, welche den gedankenlosen
Muessiggaengern aus dem stets wechselnden Publicum wahrsagten, oder ihre
ergreifendsten Weisen sangen und ihre originellsten Taenze producirten;
Schauspieler von auswaertigen Gesellschaften, welche die Dramen
Shakespeare's auffuehrten, aber zugestutzt nach dem Geschmacke der Menge,
die in hellen Haufen herzustroemte. In den langen Zwischengaengen trieben
sich Baerenfuehrer mit ihren vierbeinigen Kuenstlern ganz sorglos umher, und
aus den Menagerien toenten die Schreie der Bestien, wenn sie die scharfe
Geissel oder das rothgluehende Eisen des Thierbaendigers in Wuth brachte;
endlich in der Mitte des grossen Centralplatzes, umrahmt von einem
vierfachen Kreise enthusiastischer Kunstliebhaber, ein Chor "Seeleute der
Wolga", die auf dem Boden sassen, wie auf dem Verdeck ihrer Barken, und
unter dem Taktstocke eines Orchesterdirigenten, eines wirklichen
Untersteuermanns dieses imaginaeren Schiffes, gleichzeitig Ruderbewegungen
nachahmten.

Da, welch' eigenthuemliche und reizende Sitte! Ueber den Koepfen dieses
Menschenknaeuels flogen ganze Wolken von Voegeln aus den Kaefigen, in denen
man sie zu Markte gebracht hatte, davon. Nach einem in Nishny-Nowgorod
sehr beliebten Gebrauche oeffneten die Kerkermeister der Voegel gegen einige
von gutmuethigen Seelen gespendete Kopeken ihren befiederten Gefangenen die
Pforten und diese flatterten zu Hunderten mit freudigem Gezwitscher
hinaus.

Das etwa war das Bild dieses Platzes; so blieb es auch waehrend der sechs
Wochen, so lange die beruehmte Messe zu Nishny-Nowgorod gewoehnlich dauert.
Nach dieser geraeuschvollen Periode erstirbt der ungeheure Laerm wie durch
einen Zauber; die obere Stadt gewinnt ihren officiellen Charakter wieder,
die untere versinkt zu ihrer gewoehnlichen Eintoenigkeit, und von all'
diesem ungeheuren Zusammenfluss von Kaufleuten, welcher aus aller Herren
Laendern in Europa und Asien quillt, bleibt kein einziger Verkaeufer zurueck,
der irgend etwas ausboete, noch auch nur ein einziger Einkaeufer, der irgend
etwas zu erhandeln suchte.

Es verdient wohl bemerkt zu werden, dass England und Frankreich bei der
dermaligen Nishny-Nowgoroder Messe durch zwei hervorragende
Mustererzeugnisse der modernen Civilisation vertreten waren, - durch die
Herren Harry Blount und Alcide Jolivet.

Die beiden Correspondenten hatten sich naemlich zunaechst hier eingefunden,
um zum Besten ihrer Leserkreise Eindruecke zu sammeln, und nutzten auch die
wenigen freien Stunden nach besten Kraeften aus, denn sie wollten ebenfalls
mit dem Dampfer "Kaukasus" weiter reisen.

Sie begegneten sich gerade auf dem Messplatze, ohne sonderlich darueber zu
erstaunen, denn der naemliche Instinct musste sie ja auf ein und dieselbe
Spur leiten. Diesmal wechselten sie aber keine Silbe mit einander, sondern
beschraenkten sich auf eine gegenseitige, etwas kuehle Begruessung.

Alcide Jolivet, ein Optimist von Haus aus, glaubte zu finden, dass hier
Alles nach Wunsch und Ordnung gehe, und da der Zufall ihm ein gutes
Unterkommen und schmackhafte Tafel bescheert hatte, bereicherte er sein
Notizbuch um einige fuer die Stadt Nishny-Nowgorod sehr empfehlende
Anmerkungen.

Harry Blount dagegen, der erst lange Zeit nach einem Abendbrode
umhergetrollt war, hatte endlich gar unter freiem Himmel uebernachten
muessen. Er sah demnach Alles von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus und
ueberlegte sich schon einen geharnischten Artikel ueber die Stadt, in der
die Hoteliers die Reisenden von der Thuer wiesen, welche doch bereit waren,
sich "moralisch und physisch misshandeln zu lassen."

Michael Strogoff schien, als er so die eine Hand in der Tasche und mit der
andern eine lange Pfeife mit Vogelkirschbaumrohr hielt, der
gleichgiltigste und am mindesten ungeduldige von Allen. Indess haette es ein
feinerer Beobachter an dem leichten Runzeln seiner Brauen wohl erkannt,
dass er an seinem Zaume nagte.

Schon seit etwa zwei Stunden ging er zwecklos durch die Strassen der Stadt,
um immer wieder nach dem Messplatze zurueckzukehren. Als er sich da so durch
die Menge wand, bemerkte er an allen Kaufleuten aus den benachbarten
asiatischen Laendern eine offenkundige Unruhe. Die Geschaefte lahmten
sichtlich. Zwar setzten die verschiedenen Taschenspieler, Seiltaenzer und
Equilibristen ihr Geschrei keineswegs aus; das begreift sich wohl, da sie
ja mit keinem Risico bei irgend einer Speculation betheiligt waren; die
Haendler aber zauderten, sich mit den Kaufleuten aus Central-Asien
einzulassen, deren Heimat durch den Tartarenangriff bedroht erschien.

Hier noch ein anderes Symptom, welches nicht mindere Beachtung verdiente.
In Russland erblickt man den Soldaten ueberall. Die Mitglieder des Heeres
mischen sich mit Vorliebe unter die Menge, und vor Allem finden die
Polizeibeamten gerade zur Zeit der Messe zu Nishny-Nowgorod eine allzeit
bereite Hilfe an den zahlreichen Kosaken, welche mit der Lanze auf der
Schulter fuer Aufrechterhaltung der Ordnung unter dieser Masse von 300,000
Fremdlingen sorgen.

Heute fehlte es auf dem Messplatze sichtlich an Soldaten, an Kosaken wie an
anderen. Ohne Zweifel blieben sie im Hinblick auf ein ploetzliches
Ausruecken in ihren Kasernen consignirt.

Wenn aber keine Soldaten zu sehen waren, so lag das doch anders bezueglich
der Officiere. Schon seit dem Tage vorher flogen die Feldjaeger und
Adjutanten aus dem Palaste des Gouverneurs nach allen Richtungen der
Windrose. Ueberall verrieth sich eine ungewoehnliche Bewegung, welche man
sich allein durch den Ernst der Ereignisse erklaeren konnte. Die Stafetten
jagten einander auf den Strassen der Provinz, sowohl in der Richtung von
Wladimir, als nach dem Ural zu. Zwischen Moskau und St. Petersburg
wechselten die Telegramme unaufhoerlich. Die Lage Nishny-Nowgorods, unfern
der sibirischen Grenze, erheischte offenbar durchgreifende
Vorsichtsmassregeln. Man durfte nicht vergessen, dass die Stadt im 14.
Jahrhundert zweimal von den Vorfahren jener Tartaren eingenommen worden
war, welche Feofar-Khan's Ehrgeiz jetzt durch die Kirghisensteppen jagte.

Eine andere hohe Person, den Polizeipraefecten, drueckte die Last der
Geschaefte nicht weniger, als den Generalgouverneur. Seine Beamten und er
selbst, denen es oblag, Ordnung zu erhalten, Beschwerden entgegen zu
nehmen, die Ausfuehrung aller Reglements zu ueberwachen, kamen nicht dazu,
die Haende in den Schooss zu legen. Die Tag und Nacht geoeffneten Raeume des
Polizeiamtes waren unaufhoerlich belagert, ebenso von Einwohnern der Stadt,
wie von Fremden aus Europa und Asien.

Michael Strogoff befand sich gerade auf dem grossen Mittelplatze, als sich
das Geruecht verbreitete, der Polizeipraefect sei soeben durch Estafette zum
Generalgouverneur berufen worden. Eine wichtige, von Moskau eingegangene
Depesche solle die Veranlassung hierzu sein.

Der Chef der Polizei begab sich also nach dem Palaste des
Generalgouverneurs, und bald circulirte auch die Neuigkeit, wie in Folge
einer allgemeinen Ahnung, dass eine eingreifende, ganz unerwartete und
aussergewoehnliche Massnahme in Aussicht stehe.

Michael Strogoff lauschte auf das Geruecht, um im Nothfall davon Nutzen zu
ziehen.

"Man will die Messe schliessen! rief der Eine.

-- Das Regiment Nishny-Nowgorod hat den Befehl zum Ausruecken erhalten!
meinte ein Anderer.

-- Man sagt, die Tartaren bedrohen schon Tomsk!

-- Da kommt der Polizeipraefect!" scholl es von allen Seiten.

Ein wuestes Geschrei hatte sich ploetzlich erhoben, legte sich dann allmaelig
und machte einer lautlosen Stille Platz. Jeder fuehlte, dass jetzt eine
wichtige Mittheilung seitens des Generalgouvernements erfolgen werde.

Der Chef der Polizei hatte eben, gefolgt von einem Tross Beamter, den
Palast des Regierungsstellvertreters verlassen. Eine Abtheilung Kosaken
begleitete ihn und brach ihm durch ruecksichtslos ausgetheilte und geduldig
hingenommene Rippenstoesse Bahn durch die Menge.

Der Polizeipraefect gelangte so nach der Mitte des centralen Platzes, wo
Jedermann sehen konnte, dass er ein Papier in der Hand hielt.

Dort angekommen, verlas er mit lauter Stimme:

            _Verordnung des Gouverneurs von Nishny-Nowgorod._

"1) Kein russischer Unterthan darf, es sei aus welchem Grunde es wolle,
das Land verlassen.

"2) Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden
das Land zu verlassen."




                            Sechstes Capitel.


                          Bruder und Schwester.


In viele Privatinteressen mochten diese Verordnungen sehr unangenehm
eingreifen; die Umstaende rechtfertigten sie gewiss vollkommen.

"Kein russischer Unterthan darf das Land verlassen" - wenn sich Iwan
Ogareff jetzt noch hier aufhielt, musste er verhindert oder es ihm
mindestens ungemein erschwert werden, sich Feofar-Khan wieder
anzuschliessen, womit Letzterem der beachtenswertheste Unterbefehlshaber
entzogen wurde.

"Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das
Land zu verlassen"; damit schaffte man sich gruendlich alle jenen Haendler
aus Innerasien vom Halse, alle Zigeuner und anderes Gesindel, welches mit
den Tartaren und Mongolen mehr oder weniger verwandt ist und das die Messe
hier zusammengehaeuft hatte. So viele Koepfe, so viele Spione; ohne Zweifel
erschien ihre Vertreibung bei der jetzigen Sachlage dringend angezeigt.

Man begreift aber leicht den Eindruck dieser beiden Donnerschlaege, welche
auf die Stadt Nishny-Nowgorod niederfielen, die von denselben offenbar
empfindlicher als jede andere getroffen wurde.

Einheimische, deren Geschaeftsangelegenheiten sie vielleicht ueber die
sibirische Grenze gerufen haetten, konnten das Land also nicht verlassen,
mindestens fuer den Augenblick nicht. An dem Tenor des ersten Artikels der
Verordnung war nichts zu deuteln. Er gestattete keine Ausnahme. Jedes
Privatinteresse musste dem oeffentlichen Wohle weichen.

Auch der zweite Artikel der Verordnung liess keinen Zweifel uebrig. Er bezog
sich nur auf diejenigen Fremden, welche asiatischen Ursprungs waren; diese
hatten auch nichts anderes zu thun, als sofort ihre Waaren zu packen und
des Wegs zu ziehen, auf dem sie gekommen. Fuer die Seiltaenzer und derlei
Volk, welche mehr als tausend Werst bis zur Grenze zurueckzulegen hatten,
erschien der Befehl als ein wahres Unglueck.

Zwar erhob sich zuerst gegen diese unerhoerten Massregeln ein Murmeln der
Entruestung, die Kosaken und Polizisten wussten dasselbe aber bald zum
Schweigen zu bringen.

Fast augenblicklich begann nun, was man etwa die Abruestung dieses
ungeheuren Lagers nennen koennte. Die vor und ueber den Buden ausgespannten
Planen falteten sich zusammen; die fremden Theater gingen in Stuecke; Taenze
und Gesaenge hoerten auf; die Ausrufer verstummten; die Feuer verloschen;
die Seile der Equilibristen glitten herab; die abgetriebenen alten Pferde
der wandelnden Wohnungen kamen aus den Staellen wieder an die Deichseln.
Beamte und Soldaten mit der Knute oder einem Stocke in der Hand trieben
die Saeumigen an und zoegerten sogar nicht, die Zelte gleich selbst
abzureissen, wenn sich auch die halbzerlumpten Insassen noch darin
befanden. Offenbar musste unter dem Einflusse dieser Massregeln der Messplatz
von Nishny-Nowgorod bald vollstaendig geraeumt sein, und dem geraeuschvollen
Leben das Schweigen der Wueste folgen.

Und - um es noch einmal zu wiederholen, denn darin lag eine weitere
Erschwerung bei dieser Verordnung - allen jenen Nomaden, welche der
Ausweisungsbefehl direct anging, waren selbst die Steppen Sibiriens
verboten, und diese mussten sich nach dem Sueden des Kaspischen Meeres, nach
Persien, der Tuerkei oder nach Turkestan wenden. Die Posten des Ural und
der Berge, welche gewissermassen eine Verlaengerung dieses Flusses laengs der
russischen Grenze darstellten, haetten ihnen den Uebertritt verwehrt. Sie
hatten also eine Strecke von tausend Werst zu durchziehen, bevor sie den
Fuss auf freien Boden setzen konnten.

Eben als der Polizeipraefect jene Verordnung verlesen hatte, wurde Michael
Strogoff durch eine Erinnerung, welche sich seiner bemaechtigte, sonderbar
erregt.

"Ein ungewoehnlicher Zufall! dachte er. Welche Uebereinstimmung zwischen
dieser Verordnung bezueglich der Vertreibung der Fremden von asiatischer
Herkunft und den in vergangener Nacht von den beiden Tsiganen gewechselten
Worten! 'Der Vater selbst ist es, der uns wegschickt ... wohin wir
wollen', hatte der Alte gesagt. Aber 'der Vater', das ist der Kaiser! Man
bezeichnet ihn bei diesem Volke niemals anders. Wie konnten diese Leute
die gegen sie ergriffenen Massregeln voraussehen, so als haetten sie
dieselben gekannt, und wohin wollten sie nun ziehen? Das scheinen mir
verdaechtige Leute, denen gegenueber die Verordnung des Generalgouverneurs
weit mehr nuetzlich als schaedlich sein wird."

Diese ganz zeitgemaesse Reflexion wurde aber in Michael Strogoff's Geist
durch eine andere Gedankenreihe, welche sich ploetzlich ihm aufdraengte,
bald unterbrochen. Er vergass die Tsiganen, ihre verdaechtigen Aeusserungen,
die sonderbare Uebereinstimmung mit dem Inhalte der Verordnung ... dafuer
trat das Bild und das Schicksal der jungen Lieflaenderin lebhaft vor sein
Auge.

"Das arme Kind! rief er ganz wider Willen, nun wird sie die Grenze nicht
ueberschreiten koennen!"

In der That, das junge Maedchen aus Riga war ja Lieflaenderin, also Russin
und durfte demnach das russische Gebiet nicht verlassen. Ihr vor diesen
neuesten Massregeln ausgestellter Schein konnte jetzt unmoeglich noch
Giltigkeit haben. Alle Wege nach Sibirien wurden ihr nun unerbittlich
verschlossen, und welche Ursache sie auch haben mochte, sich nach Irkutsk
zu begeben, jetzt musste es ihr unmoeglich werden, dasselbe zu erreichen.

Dieser Gedankengang beschaeftigte Michael Strogoff nicht wenig. Er sagte
sich zuerst so ganz oben hin, dass er, ohne bezueglich der wichtigen ihm
anvertrauten Mission etwas zu verletzen, vielleicht im Stande sein koennte,
dem guten Kinde einigermassen behilflich zu sein, und er freute sich fast
ueber diese Idee. Bekannt mit den Gefahren, denen er persoenlich entgegen
ging, konnte er, der energische und kraftvolle Mann, gar nicht verkennen,
dass dieselben in einem Lande, dessen Wege und Stege er zwar aus dem Grunde
kannte, fuer jenes junge Maedchen doch ungleich furchtbarer werden mussten.
Da er sich nach Irkutsk begab, hatte er ja denselben Weg vor sich, wie
Jene; auch sie wuerde durch die Horden der Feinde zu dringen suchen muessen,
wie er es selbst versuchen wollte. Wenn ihr, wie hoechst wahrscheinlich,
nur die fuer eine Reise unter gewoehnlichen Umstaenden berechneten
Hilfsmittel zu Gebote standen, wie sollte sie damit unter Verhaeltnissen
auskommen, welche eine solche Reise nicht nur weit gefaehrlicher, sondern
auch weit kostspieliger machten?

"Nun gut, schloss er seine Selbstbetrachtung, da sie den Weg nach Perm
einschlaegt, ist es ja fast unmoeglich, dass ich ihr nicht begegnen sollte.
Dann werde ich ueber sie wachen koennen, ohne dass sie es weiss, und da sie es
nicht minder eilig als ich zu haben scheint, nach Irkutsk zu gelangen,
wird sie mir keine Ursache zur Verzoegerung werden."

Doch ein Gedanke erzeugt ja immer einen andern. Michael Strogoff hatte bis
jetzt nichts anderes im Sinne gehabt, als ein gutes Werk zu thun, einen
Liebesdienst zu erweisen. Da kam ihm ploetzlich ein anderer Gedanke, der
die ganze Frage in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen liess.

"Ja, sagte er sich, ich koennte ihrer vielleicht doch noch mehr noethig
haben, als sie meiner Hilfe. Ihre Gegenwart kann mir nicht unnuetzlich sein
und wird dazu beitragen, jeden Verdacht wegen meiner Person zu zerstreuen.
Unter einem Manne, der ganz allein durch die Steppen zieht, koennte man
weit eher einen Courier des Czaaren vermuthen. Begleitete mich dagegen
jenes junge Maedchen, so muesste ich ja in aller Augen weit mehr als der
Kaufmann Nicolaus Korpanoff meines Podaroshna erscheinen. Nun wohl, sie
muss mich also begleiten, ich muss sie wiederfinden! Unmoeglich kann sie sich
seit gestern Abend einen Wagen verschafft haben, um Nishny-Nowgorod zu
verlassen. Ich will sie suchen, und Gott leite meine Schritte!"

Michael Strogoff verliess den grossen Platz, wo der durch die Ausfuehrung
jener Verordnung erzeugte Tumult eben den hoechsten Grad erreicht hatte.
Die Einsprueche der vertriebenen Fremden, das Rufen der Agenten und der
Kosaken, welche sich einmengten, mischte sich zu einem unbeschreiblichen
Getoese. Hier konnte sich die Gesuchte unmoeglich aufhalten.

Es war jetzt neun Uhr Morgens. Der Dampfer sollte erst zu Mittag abgehen.
Michael Strogoff konnte also wohl zwei Stunden verwenden, diejenige zu
suchen, welche er so dringend als Begleiterin auf seiner Reise wuenschte.

Von Neuem ueberschritt er die Wolga und lief durch die Quartiere am anderen
Ufer, wo die Menschenmenge minder betraechtlich war. Er durchforschte, man
konnte sagen, Strasse fuer Strasse, die obere und die untere Stadt. Er trat
in die Kirchen, jener natuerliche Zufluchtsort aller Weinenden und
Leidenden. Nirgends traf er auf eine Spur der jungen Lieflaenderin.

"Und dennoch, redete er sich ein, kann sie Nishny-Nowgorod nicht verlassen
haben. Ich muss weiter suchen!"

So irrte Michael Strogoff zwei Stunden lang umher. Er eilte weiter ohne
auszuruhen, er empfand keine Ermuedung, er gehorchte einem ihn ganz
beherrschenden Gefuehle, das ihm keine Zeit liess, lange nachzudenken. Alles
vergeblich!

Da fiel ihm ein, dass das junge Maedchen vielleicht noch ohne alle Kenntniss
war von der ergangenen Verordnung, - zwar ein unwahrscheinlicher Umstand,
denn ein solcher Blitzschlag konnte sich gar nicht entladen, ohne von
Allen gehoert zu werden. Da sie ein offenbares Interesse haben musste an
Allem, was Sibirien betraf, wie haetten ihr die Massnahmen des Gouverneurs
entgehen koennen, Massnahmen, welche ihr so direct angingen?

Kannte sie dieselben indessen nicht, so musste sie ja in wenig Stunden nach
dem Landungsplatze kommen, wo ein unbarmherziger Beamter schon ihre
Weiterreise hindern werde. Unbedingt musste Michael Strogoff sie noch
vorher sehen und sprechen, um mit seiner Hilfe diesem Schachzuge zu
entgehen.

Doch alle Nachforschungen schienen vergeblich, und schon gab er alle
Hoffnung auf, sie je wieder zu finden.

Die elfte Stunde kam heran. Michael Strogoff dachte daran, - was unter
anderen Verhaeltnissen ganz unnoethig gewesen waere, seinen Podaroshna im
Bureau der Polizei zu praesentiren. Die Verordnung konnte ihn offenbar
nicht treffen, da dieser Fall fuer ihn vorhergesehen war; aber er wollte
sich ueberzeugen, dass seinem Austritt aus der Stadt nichts im Wege stehe.

Der Courier musste deshalb nach der andern Seite des Flusses zurueckkehren,
nach dem Quartiere, in dem sich die Bureaux des Polizeipraefecten zur Zeit
befanden.

Dort war ein grosser Zusammenfluss von Menschen, denn wenn die Auslaender
auch den Befehl erhalten hatten, die Provinzen zu verlassen, so ersparte
ihnen das doch keineswegs gewisse Formalitaeten vor der Abreise. Ohne dem
haette auch jeder bei dem Tartareneinfalle mehr oder weniger betheiligte
Russe unter dem Schutze einer beliebigen Verkleidung das Land verlassen
koennen, was die Verordnung ja gerade verhindern wollte. Man wies mit einem
Worte die Leute fort, zwang sie aber auf der anderen Seite, sich die
Erlaubniss zur Abreise erst zu beschaffen.

Der Hof und die Bureaux des Polizeiamtes waren also von Gauklern,
Baenkelsaengern, Zigeunern und Tsiganen, ausser diesen aber von Kaufleuten
aus Persien, der Tuerkei, Turkestan und China buchstaeblich vollgepfropft.

Jeder beeilte sich, da die Transportmittel bei dieser Masse Ausgetriebener
bald mangeln mussten, so dass Saeumige leicht in die Lage kommen konnten, die
festgesetzte Frist zu ueberschreiten und in Folge dessen sich einer
brutalen Intervention der Beamten des Gouverneurs auszusetzen.

Michael Strogoff vermochte, Dank seiner kraeftigen Ellenbogen, durch den
Hof zu dringen. Aber in die Expeditionen und bis zu den Schaltern der
Beamten zu gelangen, das war ein weit schwereres Stueck Arbeit. Indessen
ein Wort, das er einem Inspector in's Ohr fluesterte, und einige
rechtzeitig in dessen Hand gedrueckte Rubel besassen die Macht, ihm den
Durchgang zu erzwingen.

Nachdem er den Courier in einen Wartesaal geleitet, meldete ihn der Agent
bei einem Oberbeamten an.

Michael Strogoff musste also mit der Polizei bald in Ordnung und frei in
seinen Bewegungen sein.

Inzwischen sah er sich von ungefaehr etwas um. Und was erblickte er?

Da, mehr hingesunken als sitzend auf einer Bank ein junges Maedchen, ein
Opfer der stummen Verzweiflung, deren Gesicht er nicht einmal ganz sehen
konnte, da sich nur das Profil desselben von der weissgetuenchten Mauer
abhob.

Michael Strogoff taeuschte sich nicht; er hatte die junge Lieflaenderin
wieder erkannt.

Unbekannt mit der Verordnung des Gouverneurs war sie nach der Polizei
gekommen, ihren Schein visiren zu lassen!... Man hatte ihr das Visum
versagt. Ohne Zweifel war sie legitimirt, nach Irkutsk zu reisen, jene
Verordnung war aber einmal bekannt gegeben, sie machte alle frueher
ausgestellten Legitimationen ungiltig und verschloss alle Wege nach
Sibirien.

Michael Strogoff, in seiner Freude sie endlich wieder gefunden zu haben,
naeherte sich dem jungen Maedchen.

Diese sah ihn einen Moment an, und ueber ihr Gesicht flog ein leichter
Schimmer, als sie den Reisegefaehrten wieder erkannte. Sie erhob sich fast
instinctmaessig und wollte, so wie ein Schiffbruechiger sich an jedes
Truemmerstueck klammert, ihn um seine Hilfe ansprechen ...

In diesem Augenblick beruehrte der Agent Michael Strogoff's Schulter.

"Der Polizeipraefect erwartet Sie, sagte er.

-- Gut", erwiderte Michael Strogoff.

Und ohne ein Wort zu Der zu sprechen, welche er so lange in der ganzen
Stadt gesucht hatte, ohne sie durch irgend eine Bewegung, welche ihn
selbst oder auch sie haette compromittiren koennen, zu beruhigen, folgte er
dem Agenten durch die gedraengten Massen.

Als die junge Lieflaenderin Den verschwinden sah, von dem sie allein einige
Unterstuetzung erwartet haette, sank sie auf die Bank zurueck.

Kaum drei Minuten verstrichen, als Michael Strogoff in Begleitung eines
Agenten wieder im Saale erschien.

In der Hand hielt er seinen Podaroshna, der ihm den Weg nach Sibirien
oeffnete.

Er ging auf die junge Lieflaenderin zu, streckte ihr die Hand entgegen und
sagte:

"Schwester ...!"

Sie verstand ihn; sie erhob sich, als ob eine ploetzliche Eingebung ihr
nicht erlaubte, zu zaudern.

"Sei ruhig, Schwester, wiederholte Michael Strogoff, wir sind autorisirt,
unsere Reise nach Irkutsk fortzusetzen. Kommst Du?

-- Ich folge Dir, Bruder", antwortete das junge Maedchen und legte ihre Hand
in die Michael Strogoff's.

Sofort verliessen Beide das Gebaeude des Polizeiamtes.




                            Siebentes Capitel.


                       Auf der Wolga stromabwaerts.


Kurz vor zwoelf Uhr rief die Glocke des Dampfbootes zu dem Landungsplatze
an der Wolga eine grosse Menschenmenge zusammen, weil sich daselbst nicht
nur Die einfanden, welche wirklich abreisten, sondern auch Die, welche
hatten abreisen wollen. Die Kessel des "Kaukasus" besassen schon
hinreichende Dampfspannung. Ueber dem Schlote kraeuselten sich nur leichte
Rauchwirbel, waehrend aus dem Dampfrohre und um die Sicherheitsventile der
weisse Dampf brodelte.

Selbstverstaendlich ueberwachte die Polizei die Abfahrt des Steamers und
schritt unerbittlich gegen die Reisenden ein, welche sich nicht als
ausreichend legitimirt zum Verlassen der Stadt erwiesen.

Zahlreiche Kosaken ritten den Kai auf und ab, bereit die Polizeiagenten zu
unterstuetzen; nirgends machte sich indessen ihre Intervention noethig und
Alles verlief ohne offenen Widerstand.

Rechtzeitig ertoente das letzte Glockensignal; die Taue wurden geloest, die
maechtigen Raeder des Dampfers peitschten das Wasser mit ihren beweglichen
Schaufeln, und schnell glitt der "Kaukasus" zwischen den beiden
Stadttheilen, welche Nishny-Nowgorod bilden, dahin.

Michael Strogoff und die junge Lieflaenderin hatten sich mit eingeschifft
und waren ohne Schwierigkeiten an Bord gekommen. Man erinnert sich, dass
der auf den Namen Nicolaus Korpanoff ausgestellte Podaroshna den Kaufmann
berechtigte, sich auf der Reise durch Sibirien begleiten zu lassen. Unter
dem Schutze der kaiserlichen Polizei reisten hier also Bruder und
Schwester.

Still sassen Beide auf dem Hinterdeck und sahen die durch den Erlass des
Gouverneurs so aufgeregte Stadt ihren Augen entfliehen.

Michael Strogoff hatte kein Wort zu dem jungen Maedchen gesprochen, keine
Frage an sie gestellt. Er wartete es ab, dass sie reden wuerde, wenn es ihr
passend erschien. Ihr war es ja von Wichtigkeit, diese Stadt zu verlassen,
in der sie ohne das wunderbare Dazwischentreten ihres unerwarteten
Beschuetzers gefangen zurueckgeblieben waere. Sie sprach zwar nicht, aber
ihre Augen dankten ihm.

Die Wolga, die Rha der Alten, wird fuer den bedeutendsten Strom ganz
Europas gehalten, und es erstreckt sich ihr Lauf auf nicht weniger als
4000 Werst (= 4300 Kilom.). Das etwas ungesunde Wasser derselben wird bei
Nishny-Nowgorod durch die Einmuendung der Oka, eines schnell fliessenden
Nebenstromes aus den mittelrussischen Provinzen, wesentlich verbessert.

Man hat die Gesammtheit der Kanaele und Wasserlaeufe Russlands mit einem
riesigen Baume verglichen, dessen Zweige sich in allen Theilen des
Czaarenreiches veraesteln. Die Wolga ist es, welche den Stamm dieses Baumes
darstellt, den Stamm, der seinerseits wiederum mit siebenzig Muendungen in
dem Kuestengebiete des Kaspischen Meeres wurzelt. Sie ist von Rjef, einer
Stadt im Gouvernement Tver, aus, d. h. im groessten Theile ihres Laufes
schiffbar.

Die Schiffe der Speditions-Gesellschaft zwischen Perm und Nishny-Nowgorod
legen die 350 Werst (373 Kilom.) lange Strecke zwischen letzterer Stadt
und Kasan sehr schnell zurueck. Freilich laufen die Dampfer dabei mit der
Stroemung, die ihrer eigenen Schnelligkeit noch mit zwei Meilen per Stunde
zu Hilfe kommt. Erreichen sie aber die Einmuendung der Kama, so vertauschen
sie den Strom mit diesem Flusse, den sie dann bis Perm stromaufwaerts
fahren muessen. Alles in Allem gerechnet und trotz seiner maechtigen
Maschine konnte der "Kaukasus" nicht mehr als sechzehn Werst in der Stunde
zuruecklegen. Bei nur einstuendigem Aufenthalt in Kasan nahm die Fahrt von
Nishny-Nowgorod bis Perm doch sechzig bis zweiundsechzig Stunden in
Anspruch.

Der Steamer besass uebrigens sehr bequeme Einrichtungen fuer die Passagiere,
welche je nach Gefallen oder nach ihren Mitteln in drei verschiedenen
Klassen befoerdert wurden. - Michael Strogoff hatte zwei Cabinen erster
Klasse belegt, um seiner Begleiterin zu gestatten, sich in die ihrige
zurueck zu ziehen und allein zu sein, soviel es ihr beliebte.

Heut war der "Kaukasus" von Passagieren aller Art ueberfuellt. Eine grosse
Anzahl asiatischer Handelsleute mochten es fuer gerathen erachtet haben,
Nishny-Nowgorod mit erster Gelegenheit zu verlassen. In der fuer die erste
Klasse reservirten Abtheilung des Dampfers begegnete man Armeniern in
langen Gewaendern und einer Mitra aehnlichen Kopfbedeckungen, - Juden, mit
ihren hohen, konischen Muetzen, - reichen Chinesen in Landestracht, mit
sehr weitem, blauem, violettem oder auch schwarzem, an der Vorder- und
Rueckseite offenem Oberkleide und bedeckt von einem zweiten, weitaermeligen
Ueberwurf, der in seinem Schnitte an den Talar der Popen erinnerte, -
Tuerken mit dem nationalen Turban, - Indier mit viereckiger Muetze, einem
einfachen Stricke als Guertel, von denen einige Staemme, vorzueglich aber die
Shikapuris, den ganzen Handel Centralasiens in der Hand haben, - endlich
Tartaren mit buntgestickten Stiefeln und ueber der Brust reichverzierten
Kleidern. Diese Kaufleute alle mussten im Schiffsraume oder auf dem Verdeck
ihr umfaengliches Gepaeck unterbringen, dessen Transport ihnen gewiss theuer
zu stehen kam, da sie vorschriftsmaessig nur zwanzig Pfund Freigepaeck
mitfuehren durften.

Im Vordertheile des "Kaukasus" befanden sich noch weit zahlreichere
Passagiere, nicht allein Auslaender, sondern auch Russen, denen die
Verordnung nach den Heimatsstaedten der Provinz zurueckzukehren nicht
verbot.

Dort sassen oder standen Mujiks umher mit Kappen oder Muetzen auf dem Kopfe,
bekleidet mit einer Art Hemd aus kleinquarrirtem Stoffe unter dem Pelze;
Bauern aus den Wolgadistricten, die blauen Beinkleider in den Stiefeln,
das Hemd von roethlichem Baumwollengewebe mit einem Strick geguertet, und
mit flacher Kappe oder Filzmuetze. Einige Frauen in gebluemten
Baumwollkleidern trugen Schuerzen mit moeglichst lebhaften Farben und
grellroth gemusterte Tuecher um den Kopf. Hieraus setzten sich meist die
Passagiere der dritten Klasse zusammen, welche die Aussicht auf eine
langdauernde Rueckfahrt nicht sonderlich zu belaestigen schien. Jedenfalls
war dieser Theil des Decks dicht mit Menschen besetzt. Die Insassen des
Hinterdecks vermieden es auch, sich unter Jene zu mischen, deren Bereich
uebrigens durch Bezeichnung auf den Klappen der Luken begrenzt war.

Mit der vollen Kraft seiner Schaufeln eilte der "Kaukasus" indessen
zwischen den Ufern der Wolga dahin. Er kreuzte sich mit vielen durch
Remorqueure stromaufwaerts geschleppten Booten, welche noch allerlei Waaren
nach Nishny-Nowgorod befoerderten. Dann schwammen Holzfloesse daher, so lang
wie die unmessbaren Sargassobuendel im Atlantischen Ocean, und bis zum
Versinken beladene Flachschiffe, die bis zum Dahlbord im Wasser gingen.
Uebrigens sehr unnuetze Waarentransporte, insofern ja die Messe bald nach
ihrem Anfang ploetzlich geschlossen worden war.

Die von dem Wellenschlage des Dampfers ueberspuelten Ufer der Wolga zeigten
sich mit grossen Entenschwaermen besetzt, welche mit betaeubendem Geschnatter
aufflogen. Darueber hinaus weideten auf den duerren, von Birken, Weiden und
Espen umrahmten Ebenen einzelne rothbraune Kuehe, Heerden von Schafen mit
braeunlichem Fell und ganze Haufen von weissen und schwarzen Schweinen und
Ferkeln. Einige mit magerem Buchweizen oder duerftigem Korn bestandene
Felder dehnten sich bis ueber kleine Landerhebungen aus, welche indess
nirgends eine bemerkenswerthe Aussicht bildeten. In diesen einfoermigen
Landstrichen haette der Stift des Zeichners, wenn er pittoreske Bilder
suchte, gewiss nichts zu thun gefunden.

Zwei Stunden nach der Abfahrt des "Kaukasus" wandte sich die junge
Lieflaenderin an Michael Strogoff und fragte:

"Du gehst nach Irkutsk, Bruder?

-- Ja, Schwester, erwiderte der junge Mann. Wir haben Beide den naemlichen
Weg. Wo ich hindurchkomme, wirst auch Du hindurchkommen.

-- Morgen, Bruder, sollst Du erfahren, warum ich die Kueste der Ostsee
verliess, um nach jenseits der Berge des Ural zu ziehen.

-- Ich frage nach Nichts, Schwester.

-- Du sollst Alles wissen, antwortete das junge Maedchen, auf deren Lippen
ein schmerzliches Laecheln spielte. Eine Schwester darf ihrem Bruder nichts
verheimlichen. Heute koennte ich aber nicht!... Die Anstrengung, die
Verzweiflung haben meine Kraefte verzehrt.

-- Willst Du in Deiner Cabine ausruhen? fragte Michael Strogoff.

-- Ja ... ja ... und morgen ...

-- So komm ...!"

Er brach den Satz ab, so als haette er ihn mit dem ihm noch unbekannten
Namen seiner Begleiterin schliessen wollen.

"Nadia, sagte sie und reichte ihm die Hand.

-- Komm, Nadia, und verfuege ueber Deinen Bruder Nicolaus Korpanoff ohne alle
Umstaende."

Er geleitete das junge Maedchen nach ihrer Cabine nahe dem Salon des
Hintertheils.

Michael Strogoff kehrte nach dem Deck zurueck und mischte sich, begierig zu
hoeren, doch ohne sich an den Gespraechen zu betheiligen, unter die Gruppen
der Passagiere, aus deren Worten er Das oder Jenes zu vernehmen hoffte,
was seine Reiseprojecte vielleicht zu beeinflussen im Stande waere. Sollte
er zufaellig selbst gefragt und zu einer Antwort genoethigt werden, so
wollte er sich fuer den Kaufmann Nicolaus Korpanoff ausgeben, den der
"Kaukasus" nur nach der Grenze zuruecktrug, denn Niemand sollte vermuthen,
dass ihn eine specielle Mission berechtigte, nach Sibirien zu reisen.

Die Auslaender auf dem Dampfer konnten offenbar nur von den
Tagesereignissen, jener Verordnung und ihren Folgen, sprechen. Die armen
Leute, welche kaum die Strapazen einer Reise durch das innere Asien hinter
sich hatten, sahen sich gezwungen, wieder umzukehren, und wenn sie ihrem
Zorn nicht in lautem Ausbruche Luft machten, so lag die Ursache nur darin,
dass sie das nicht wagten. Eine respectvolle Furcht hielt sie zurueck.
Moeglicher Weise befanden sich zur Ueberwachung der Reisenden auch auf dem
"Kaukasus" geheime Polizisten; da galt es, die Zunge im Zaum zu halten,
denn diese Austreibung war der Einsperrung in einer Festung doch immer
noch vorzuziehen. Deshalb schwiegen auch die meisten Gruppen oder
fluesterten sich die Worte gegenseitig nur so vorsichtig zu, dass daraus im
Zusammenhange nichts zu entnehmen war.

Konnte Michael Strogoff aber von dieser Seite nichts vernehmen, oder
schwiegen die Leute wohl auch ganz und gar - denn man kannte ihn ja nicht,
- so traf sein Ohr dafuer der Laut einer Stimme, welche ziemlich unbesorgt
zu sein schien, ob sie gehoert wurde oder nicht.

Der Mann mit der hellen Stimme sprach russisch, aber mit fremdem Accente,
und sein mehr zugeknoepfter Nachbar antwortete ihm in derselben Mundart,
welche offenbar auch seine Muttersprache nicht war.

"Wie! rief der Erste, wie, auf diesem Schiffe, Herr College, Sie, den ich
bei dem Feste des Kaisers in Moskau und dann erst in Nishny-Nowgorod
wieder sah?

-- Gewiss, ich selbst! entgegnete trocken der Andere.

-- Nun, frei heraus gesagt, ich erwartete nicht, dass Sie mir so
unmittelbar, so auf den Fersen folgen wuerden.

-- Ich folge Ihnen nicht, mein Herr, ich gehe Ihnen voraus.

-- Vorausgehen! Vorausgehen! Wir wollen wenigstens sagen, wir marschiren
gleichen Schrittes in der Front, wie zwei Soldaten bei der Parade, und
vorlaeufig koennten wir uebereinkommen, Keiner dem Andern zuvor zu kommen.

-- Ich werde es doch thun!

-- Das wird sich erst auf dem Kriegsschauplatze zeigen; doch bis dahin
koennen wir, zum Teufel, doch Reisegenossen sein. Spaeter werden wir noch
Zeit genug finden, gelegentlich Rivalen zu werden.

-- Feinde!

-- Meinetwegen auch Feinde! Ihre Worte, Herr College, besitzen eine
Klarheit des Ausdrucks, welche mich hoechst angenehm beruehrt. Bei Ihnen
weiss Einer doch, woran er ist.

-- Nun, was ist daran so schlimm?

-- O nichts, gar nichts! Erlauben Sie, dass auch ich mir die Freiheit nehme,
unseren gegenseitigen Standpunkt fest zu stellen.

-- Nach Belieben.

-- Sie gehen nach Perm ... wie ich?

-- Wie Sie.

-- Und begeben sich von Perm aus wahrscheinlich nach Jekaterinburg, auf dem
besten und sichersten Wege zur Ueberschreitung des Uralkammes.

-- Wahrscheinlich.

-- Nach Ueberschreitung der Grenze werden wir in Sibirien, d. h. inmitten
des ueberfallenen Gebietes sein.

-- So ist es.

-- Nun dann, aber auch erst dann wird es Zeit sein, zu sagen: 'Jeder fuer
sich und Gott mit ...'

-- Gott mit mir!

-- Gott mit Ihnen! Ganz allein! Sehr schoen! Da wir indess noch acht neutrale
Tage vor uns haben und es unterwegs voraussichtlich keine Neuigkeiten
regnen duerfte, so lassen Sie uns Freunde sein, bis wir zu Rivalen werden.

-- Zu Feinden!

-- Ja wohl, das ist richtiger: Zu Feinden! Bis dahin koennen wir aber in
Uebereinstimmung handeln und brauchen uns gegenseitig nicht zu verzehren!
Ich verspreche Ihnen ueberdies, Alles fuer mich zu behalten, was ich etwa
sehe ...

-- Und ich Alles, was ich etwa hoere.

-- Abgemacht?

-- Abgemacht!

-- Ihre Hand darauf?

-- Hier ist sie!"

Und die Hand des ersten Sprechers, d. h. fuenf weit offene Finger,
schuettelte kraeftig die beiden Finger, welche der Zweite phlegmatisch
hinhielt.

"Was ich noch sagen wollte, begann der Erste, es gelang mir noch, den
Inhalt der Verordnung diesen Morgen um 10 Uhr 17 Minuten an meine Cousine
zu telegraphiren.

-- Und ich habe dem Daily-Telegraph dieselbe Nachricht um 10 Uhr 13
gesendet.

-- Bravo, Herr Blount!

-- Zu guetig, Herr Jolivet!

-- Bis ich mich revanchire!

-- Duerfte Ihnen schwer fallen!

-- Man versucht eben Alles!"

Bei diesen Worten gruesste der franzoesische Correspondent vertraulich den
englischen Reporter, der ihm mit vollem britannischen Stolze dankte.

Diese beiden Neuigkeitsjaeger, welche ja weder Russen, noch Fremde von
asiatischer Herkunft waren, traf die Verordnung des Generalgouverneurs
nicht. Sie reisten also ab, und wenn sie Nishny-Nowgorod zu derselben
Stunde verliessen, so geschah das, weil der naemliche Instinct sie vorwaerts
trieb. Ganz natuerlich bedienten sie sich also derselben Fahrgelegenheit
und folgten bis zu den sibirischen Steppen demselben Wege. Ob als einfache
Reisegefaehrten, als Freunde oder Feinde, noch hatten sie acht Tage "bis
zum Aufgang der Jagd" vor sich. Dann hiess es: Dran und drauf! Jetzt hatte
Jolivet die ersten Zwischenvorschlaege gemacht und der Brite sie, wenn auch
so kuehl als moeglich, angenommen.

Jedenfalls sassen Beide, der Franzose immer offenherzig bis zur
Schwatzhaftigkeit, der Englaender immer verschlossen, an derselben Tafel
und probirten, zu sechs Rubel die Flasche, einen sogenannten echten
Cliquot, offenbar den Abkoemmling des frischen Birkensaftes der Umgegend.

Als Michael Strogoff Alcide Jolivet und Harry Blount so reden hoerte,
sprach er fuer sich:

"Das sind ein Paar neugierige und indiscrete Leute, denen ich auf der
Reise jedenfalls noch ferner begegne. Mir scheint es geboten, sich diese
drei Schritt vom Leibe zu halten."

Die junge Lieflaenderin erschien nicht bei Tische. Sie schlummerte in ihrer
Cabine und Michael Strogoff wollte sie nicht wecken lassen. Der Abend kam
heran, ohne dass sie wieder auf Deck erschienen waere.

Mit der langen Daemmerung gewann die Atmosphaere eine wohlthuende Frische,
an welcher sich nach der Hitze des Tages Alle gern erquickten. Selbst in
vorgeschrittener Nachtstunde dachten die Meisten gar nicht daran, die
Salons oder Cabinen aufzusuchen. Auf die Baenke gestreckt, athmeten sie
behaglich in dem Luftzuge, den die schnelle Bewegung des Schiffes erregte.
Der Himmel verfinsterte sich in dieser Jahreszeit und in diesen Breiten
zwischen Abend und Morgen nicht allzu sehr und erleichterte es dem
Steuermann, zwischen den vielen Schiffen hindurch zu gleiten, welche die
Wolga stromauf und stromab befuhren.

Inzwischen ward es, da gerade Neumond war, in der Zeit von elf und ein Uhr
doch nahezu Nacht. Die meisten Deckpassagiere schliefen schon und das
Schweigen wurde nur durch das regelmaessige Klatschen der Schaufelraeder
unterbrochen.

Eine eigenthuemliche Unruhe hielt Michael Strogoff wach. Er ging, doch
meist nur auf dem Hinterdeck, auf und ab. Einmal jedoch streifte er auch
ueber den Maschinenraum hinaus. Er befand sich damit in der fuer die
Passagiere zweiter und dritter Klasse bestimmten Abtheilung.

Dort schlief Alles nicht nur auf den Baenken, sondern auch auf Ballen und
Gepaeckstuecken, selbst auf dem Brettboden des Verdecks. Nur die Matrosen
der Wache standen auf dem Vordercastell. Zwei Laternen, eine gruene und
eine rothe, vom Backbord und vom Steuerbord, warfen einige schiefe
Strahlen auf die Wand des Dampfers.

Es erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit, die ganz beliebig umher
liegenden Schlaefer nicht zu treten. Es waren das meist Mujiks, denen bei
ihrer Gewoehnung an ein hartes Lager auch das Verdeck des Schiffes schon
genuegte, die aber doch Jeden schlecht empfangen haetten, der sie vorzeitig
durch einen Fusstritt erweckte.

Michael Strogoff huetete sich also wohl, an Jemand zu stossen. Bei seiner
Wanderung bis an das Ende des Schiffes hatte er keine andere Absicht, als
sich durch eine laengere Promenade des Schlafes zu erwehren.

Auf dem Vorderdeck angelangt, wollte er schon die Stufen nach dem
Vordercastell hinaufsteigen, als er neben sich sprechen hoerte. Er hielt
an. Die Stimmen schienen aus einer Gruppe Passagiere zu kommen, welche mit
allerhand Shawls und Decken verhuellt dasass, die er aber bei der Dunkelheit
nicht weiter zu erkennen vermochte. Nur manchmal gelang es ihm ein wenig,
wenn dem Rauchfange des Dampfers zwischen den schwarzen Wolken einige
roethliche Flammen entstiegen; dann schien es, als wirbelten Funken mitten
durch die Gruppe oder als erglaenzten Tausende von Metallflitterchen in dem
ungewissen Lichte.

Michael Strogoff wollte schon weiter gehen, als er einige Worte deutlicher
vernahm und noch dazu in dem auffallenden Idiome, das schon auf dem
Messplatze in vergangener Nacht an sein Ohr gedrungen war.

Unwillkuerlich draengte es ihn, zu lauschen. In dem Schatten des
Vordercastells konnte er nicht gesehen werden, so wenig, wie er die mit
einander redenden Fahrgaeste eigentlich sehen konnte. Er musste sich demnach
begnuegen, zu horchen.

Die anfaenglich gewechselten Worte besassen, - wenigstens fuer ihn, - keine
besondere Bedeutung, doch genuegten sie ihm, unzweifelhaft die Stimmen der
Frau und des Mannes wieder zu erkennen, die er schon in Nishny-Nowgorod
gehoert hatte. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Es schien nicht
unmoeglich, dass jene Tsiganen, von deren Gespraech er einige Brocken
aufgefangen, jetzt nach der Austreibung sammt ihren Landsleuten, an Bord
des "Kaukasus" Passage genommen haetten.

Wie gut es war, dass er horchte, ergab sich aus folgenden in tartarischer
Mundart gewechselten Worten:

"Man sagt, es sei ein Courier auf dem Wege von Moskau nach Irkutsk.

-- Das sagt man wohl, Sangarre, aber dieser Bote wird entweder zu spaet oder
auch gar nicht ankommen!"

Michael Strogoff fuehlte, wie diese ihn persoenlich so nahe angehende
Antwort ihn durchzuckte. Er versuchte sich zu vergewissern, ob der Mann
und die Frau, welche eben sprachen, dieselben seien, die er unter ihnen
vermuthete; aber die tiefe Dunkelheit vereitelte seine Bemuehungen.

Bald nachher war Michael Strogoff unbemerkt wieder nach dem Hinterdeck
gelangt und setzte sich, den Kopf in die Haende gestuetzt, nieder. Man haette
meinen sollen, er schliefe.

Er schlief aber weder, noch dachte er ueberhaupt daran. Er ueberlegte sich
vielmehr, nicht ohne eine gewisse Besorgniss, was er gehoert hatte.

"Wer in aller Welt weiss von meiner Abreise und wer hat ein Interesse
daran, sie zu kennen?"




                             Achtes Capitel.


                         Die Kama stromaufwaerts.


Am Morgen des 18. Juli kam der "Kaukasus" um sechs Uhr vierzig Minuten an
dem Landeplatze fuer Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.

Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des
Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universitaet und eines
griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevoelkerung dieser
Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken,
Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den
asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.

Trotz der grossen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze draengte sich eine
ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der
Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie
sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzaermeligem
Kaftan und mit spitzen Muetzen, deren breite Krempen an den gewoehnlichen
Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe
ein kleines Scheitelkaeppchen, wie es die polnischen Juden tragen.
Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich
halbmondfoermig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in
Gruppen bei einander.

Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der
Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl fuer die Passagiere,
die den "Kaukasus" hier verliessen, als auch fuer andere, welche hier das
Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfaeltiger Musterung jedes
Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene
Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.

Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zustroemen, das
man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der "Kaukasus" sollte
behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.

An's Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er haette
die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Lieflaenderin nicht auf
dem Schiffe allein lassen koennen.

Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie
sich's eben fuer eifrige Jaeger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und
mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff
beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er
entweder einige Erscheinungen fluechtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug,
als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines
Gedaechtnisses nur plaudernd umher lief.

Laengs der ganzen Ostgrenze Russlands schwirrte das Geruecht durch die Luft,
dass die Empoerung und der Einfall sehr gefaehrliche Dimensionen annaehmen.
Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein
schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den "Kaukasus" verlassen zu
haben, von verschiedenen neuen Ankoemmlingen.

Erfuellten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so
erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die
Uralkette zu ueberschreiten, um selbst ueber die Bedeutung der Ereignisse
urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen
zu koennen. Fast haette er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere
Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit ploetzlich abgelenkt wurde.

Unter den Reisenden, welche den "Kaukasus" verliessen, erkannte Michael
Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod
figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die
ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer
Fuehrung, schifften sich etwa zwanzig Taenzerinnen und Saengerinnen im Alter
von fuenfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothduerftig
den Flitterstaat darunter verhuellten.

Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen,
erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht.
Es war der naemliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem
Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.

"Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsueber
unter dem Verdeck auf und wollte sich waehrend der Nacht unter dem
Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es fuer gut, moeglichst wenig
gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!"

Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel, dass der ihn besonders
angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergeruehrt habe, die nur dann
und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und dass jene Worte zwischen
dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt
worden seien.

Wider Willen naeherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des
Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verliess, um nicht wieder zu
kehren.

Dort stand der Alte in sehr demuethiger, mit der natuerlichen
Unverschaemtheit seiner Stammesgenossen wenig uebereinstimmender Haltung. Er
sah aus, als meide er es moeglichst gesehen zu werden, statt die Blicke
Anderer auf sich zu lenken. Sein schaebiger, von der Sonne des ganzen
Erdballs verbrannter Hut sass tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem
breiten Ruecken bauschte sich trotz der Waerme der Sonne ein weiter Kittel.
Es waere schwierig gewesen, unter dieser erbaermlichen Huelle seine Figur
deutlich zu erkennen.

Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine grosse Frau von dreissig
Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, praechtigen Augen und
ueppigem Haar in stolzer Haltung.

Einige der jungen Taenzerinnen waren von auffallender Schoenheit, und Alle
zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind
im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Grossen, welche
mit den Englaendern gern an Excentricitaet wetteifern, hat sich nicht
entbloedet, ein Weib aus diesem Stamme zu waehlen.

Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthuemlichem Rhythmus vor sich
hin, dessen erste Verse man etwa so uebersetzen koennte:

  Am braunen Hals die Koralle blinkt,
  Die goldene Nadel im Haar;
  Ich ziehe, wo immer das Glueck mir winkt,
  Zum Lande der ...

Die lustige Dirne sang gewiss weiter, doch Michael Strogoff hoerte sie nicht
mehr.

Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre's mit besonderer
Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Zuege
ihrem Gedaechtniss unausloeschlich einpraegen.

Einige Minuten spaeter verliess dann auch Sangarre den "Kaukasus", als der
Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.

"Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich
als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit 'Spion'
titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch
deutlich in der Nacht, und Diese koennte wohl wissen ..."

Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu
folgen, aber er bezwang sich noch.

"Nein, nein, dachte er, keinen unueberlegten Schritt! Lasse ich den alten
Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito
aufgeben zu muessen. Sie sind ja fort, und bevor sie ueber die Grenze
gelangen koennen, werde ich schon weit ueber den Ural hinaus sein. Ich weiss
wohl, dass sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen koennen, aber
dieser bietet keinerlei Befoerderungsmittel, und ein Tarantass mit tuechtigen
sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig,
bleib' ruhig, Freund Korpanoff!"

Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge
verschwunden.

Wenn Kasan mit Recht "das Thor Asiens" genannt wird, wenn man diese Stadt
als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt
das von den zwei hier zusammenlaufenden Strassenzuegen her, welche ueber die
Paesse des Uralwalles fuehren. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den
ueber Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die grosse
Poststrasse, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit
Relais und setzt sich ueber Tschim bis Irkutsk fort.

Daneben verbindet freilich eine zweite Strasse, - eben jene von Michael
Strogoff erwaehnte, - Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges
ueber Perm, welche ueber Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie
Europa verlaesst, und ueber Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne fuehrt. Mag
sie auch etwas kuerzer sein, als jene, so haelt der Mangel an Posthaeusern,
der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Doerfern diesem
Vortheil gewiss die Wage. Michael Strogoff musste mit seiner Wahl um so
zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach
Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.

Eine Stunde spaeter laeutete die Glocke auf dem Vorderdeck des "Kaukasus",
rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurueck. Es mochte bald acht
Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der
Kessel zitterten unter der Pressung der Daempfe. Das Schiff konnte jeden
Augenblick abfahren.

Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plaetze an Bord schon
eingenommen.

Da fiel es Michael Strogoff auf, dass von den beiden Journalisten nur der
eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurueck gekehrt war.

Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versaeumen?

Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue loeste, erschien Alcide
Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestossen und die
Landungsbruecke auf den Kai zurueck gerollt, der leichtfuessige Held der Feder
bekuemmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte
er ueber die Luecke und fiel auf dem Deck des "Kaukasus", fast in die Haende
seines Collegen, nieder.

"Ich glaubte schon, der 'Kaukasus' sollte ohne Sie weiter gehen, sagte
Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube
aehnelte.

-- Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich haette Sie schon einzuholen gewusst
und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff
chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst fuer zwanzig Kopeken,
nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau
ist's eine tuechtige Strecke.

-- Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich
dabei zusammenzogen.

-- Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem
liebenswuerdigsten Laecheln.

-- Nun, er ist bis Kolyvan noch in Ordnung?

-- Das weiss ich nicht, kann Ihnen dafuer aber versichern, dass er z. B. von
Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.

-- Sie gaben eine Depesche auf ... an Ihre Cousine?...

-- Mit reinem Feuereifer!

-- Sie haben also gehoert ...

-- Erlauben Sie, Vaeterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete
Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniss vor
Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind ueber
Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwaermen in hellen Haufen laengs der
Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!"

Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht,
waehrend sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben
mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische
Zeitung war um zwei Pferdelaengen geschlagen!

Der arme Harry Blount wandelte, die Haende auf dem Ruecken gekreuzt, nach
dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.

Gegen zehn Uhr Morgens verliess die junge Lieflaenderin ihre Cabine und
erschien auf dem Verdeck.

Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.

"Sieh Dich hier um, Schwester", mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile
des Schiffes gelangt waren.

Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.

Der "Kaukasus" erreichte jetzt den Zusammenfluss der Wolga und Kama. Hier
verliess er nach einer Thalfahrt von ueber 400 Werst jenen Strom, um den
immerhin bedeutenden Fluss 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu
durchpfluegen.

An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserlaeufe mischten sich deren
verschieden gefaerbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer
denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten,
und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.

Die Kama endigte in weitgeoeffneter Muendung, umrahmt von lieblich
bewaldeten Ufern. Einige weisse Segel belebten das reinliche Wasser, auf
dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit
maechtigen Eichen geschmueckte Huegel schlossen den Horizont in harmonischer
Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen
des Himmels zu verschmelzen schien.

Und doch schien es, als blieben diese Naturschoenheiten ohne allen Eindruck
auf den Gedankengang des jungen Maedchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr
Reiseziel zu erreichen! - Die Kama bildete fuer sie nur einen leichteren
Weg, dahin zu gelangen. Wie glaenzten ihre Augen in schoenem Feuer auf, wenn
sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont
durchbohren.

Nadia hatte die Hand in der ihres Gefaehrten gelassen und fragte, indem sie
sich zu ihm hinwendete:

"Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?

-- Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.

-- Neunhundert auf sieben Tausend!" seufzte das junge Maedchen.

Die Zeit zum Fruehstuecken war gekommen; das Laeuten einer Glocke meldete es
den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsraeumen
des Steamers. Sie beruehrte die auf einer seitlichen Tafel servirten
Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Haering in Stuecken, anishaltiger
Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte,
der man in allen noerdlichen Laendern, in Russland ebenso wie in Schweden und
Norwegen begegnet. Nadia ass nur wenig, etwa wie ein armes Maedchen, deren
beschraenkte Mittel sie nicht weiter gehen liessen. Michael Strogoff glaubte
sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner
Gefaehrtin genuegten, naemlich ein wenig "Kulbat", eine Art Pastete aus Reis,
Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getraenk etwas
Thee.

Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten,
nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und
Nadia wieder das Deck des "Kaukasus".

Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle
Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehoert zu
werden:

"Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heisse Nadia Fedor. Vor
kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt
nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.

-- Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es
als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in
die Arme ihres Vaters zu fuehren.

-- Ich danke, Bruder!" erwiderte Nadia.

Michael Strogoff fuegte noch hinzu, dass er fuer Sibirien einen speciellen
Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behoerden
kein Hinderniss im Wege stehen werde.

Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufaelligen Begegnung dieses
einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem
Vater zu gelangen!

"Ich besass, fuhr sie fort, einen Pass, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu
gehen; ihn hat der Erlass des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod
ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, haette ich die Stadt, in der Du
mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen waere, nicht verlassen
koennen.

-- Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du
Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?

-- Es war meine Pflicht, Bruder.

-- Wusstest Du aber nicht, dass das empoerte und von Feinden ueberschwemmte
Land kaum zu passiren ist?

-- Der Tartareneinfall war, als ich Riga verliess, noch nicht bekannt,
erwiderte die junge Lieflaenderin. In Moskau erst erfuhr ich diese
Neuigkeiten.

-- Und setztest trotzdem Deine Reise fort?

-- Es war meine Pflicht."

Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Maedchens.
Was sie fuer ihre Pflicht erkannte, zoegerte Nadia niemals auszufuehren.

Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein
geschaetzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte gluecklich im
Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer auslaendischen geheimen
Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen
und die Gensdarmen, welche jene Ordre ueberbrachten, geleiteten ihn ohne
Verzug ueber die Grenze.

Wassili Fedor liess man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und
seine hilflos zurueckbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoss heisse
Thraenen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.

Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte
dort, aber fast ohne pecuniaeren Vortheil, seine Praxis weiter betreiben
koennen. Und doch waere er wohl so gluecklich gewesen, wie das einem
Verbannten ueberhaupt moeglich ist, haette er Weib und Kind um sich haben
koennen. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwaechlichkeit wegen aber auch
schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des
Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist
dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behoerden nun um die bald
zugestandene Erlaubniss an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb
Diesem, dass sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser
weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen.
Sie that, was sie konnte!... Gott wuerde das Uebrige thun!

Indess arbeitete sich der "Kaukasus" gegen den Strom vorwaerts. Die Nacht
brach an und die Luft kuehlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen die
Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem
Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das
Geheul der Woelfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.




                             Neuntes Capitel.


                        Tag und Nacht im Tarantass.


Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der "Kaukasus" am Landungsplatze in
Perm an, der letzten Station, die er an der Kama beruehrte.

Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der
umfaenglichsten in ganz Russland und greift ueber das Uralgebirge hinweg bis
nach Sibirien hinueber. Marmorbrueche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie
Steinkohlengruben werden dort in grossem Massstabe ausgebeutet. Perm mag
allen Umstaenden nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorlaeufig
aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen.
Fuer Diejenigen, welche von Russland nach Sibirien gehen, faellt jener Mangel
an Comfort nicht allzu sehr in's Gewicht, denn Diese sind gewoehnlich mit
allem Noethigen hinlaenglich versehen; den Ankoemmlingen aus Centralasien
dagegen wuerde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiss recht
angenehm sein, die erste europaeische Stadt des Reiches an der asiatischen
Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenstaenden des Bedarfs
versorgt zu sehen.

In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen
meist mehr oder weniger beschaedigten Wagen zu veraeussern; andererseits
kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im
Winter Schlitten, bevor er sich fuer mehrere Monate in die verlassenen
Steppenwuesten wagt.

Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und
durfte dasselbe nur erfuellen.

Gewoehnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich
schnell ueberschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhaeltnisse
hatte man diesen aber einstellen muessen. Auch ohnedem haette Michael
Strogoff, dem es auf die groesste Eile ankam, auf dieses Befoerderungsmittel
verzichtet, und wuerde er es, um von Niemand abhaengig zu sein, vorgezogen
haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu
wechseln, wobei er durch splendide "_na vodku_" (Trinkgelder) den Eifer
der Postillone anzuspornen hoffen durfte.

Zum Unglueck hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft
beliebten Massnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge
dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam
also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmaehten zu begnuegen.
Bezueglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren ausserhalb
Sibiriens wohl seinen Podaroshna in's Treffen fuehren, auf welchen hin ihn
die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen befriedigen
wuerden. Einmal ausser dem europaeischen Reiche aber sah er sich gleich jedem
Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschraenkt.

An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen
Tarantass oder einen Teleg?

Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierraederiges Waegelchen und durchweg
aus Holz construirt. Raeder, Axen, Schlussnaegel, Sitze und Deichsel, alles
stammt von den Baeumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der
einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke
hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles
Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer
Beschaedigung leichter wieder in Stand zu setzen waere. An Tannen fehlt es
laengs der russischen Grenze nicht, und die Schlussnaegel wachsen in den
Waeldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden
die unter dem Namen "Perekladnoi" bekannten Extraposten befoerdert.
Manchmal reissen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und
waehrend der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der
Vordertheil des Fuhrwerks bei dem naechsten Relais auf zwei Raedern an; aber
man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.

Michael Strogoff haette sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen
muessen, wenn es ihm nicht gelungen waere, noch einen Tarantass aufzutreiben.

Es glaube aber Niemand, dass ein derartiges Gefaehrt auf der obersten
Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem
Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart;
aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuss von einander entfernten
Raeder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen
Strassen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schuetzt die Insassen vor
dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche
herabgezogen das Gefaehrt fast hermetisch verschliesst, vor dem Sonnenbrande
und den nicht seltenen Windstoessen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantass
ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits
weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.

Michael Strogoff gelang es nur mit grosser Muehe, einen solchen Tarantass
aufzufinden; vielleicht gab's in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen
zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe
nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff
auch hier treu zu bleiben.

Nadia folgte ihrem Reisegefaehrten bei seinen Nachsuchungen nach einem
Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe
Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man koennte
sagen, dass sie ein und derselbe Wille draengte.

"Schwester, begann Michael Strogoff, ich haette fuer Dich gerne eine
bequemere Fahrgelegenheit gesucht.

-- Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuss
aufgebrochen waere, um meinen Vater zu finden.

-- An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische
Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.

-- Ich wuerde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das
junge Maedchen. Wenn Du eine Klage ueber meine Lippen kommen hoerst, so
verlass mich und setze Deinen Weg allein fort!"

Eine halbe Stunde spaeter standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei
Postpferde vor dem Tarantass angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere
aehnelten fast den Baeren. Sie waren, wie die sibirische Race ueberhaupt,
klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermassen
angespannt: das eine, etwas groessere, stand zwischen einer Gabeldeichsel
mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Gloeckchen behangen
war, d. i. der russische "_duga_"; die beiden andern waren einfach mittels
Seilen an das Fussgestell des Tarantass gekoppelt. Von Zaum und Gebiss keine
weitere Spur; als Zuegel diente einfache Hanfschnur.

Weder Michael Strogoff noch die junge Lieflaenderin fuehrten vieles Gepaeck
mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen
musste, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede
Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das
sehr zu Statten, denn der Tarantass haette entweder das Gepaeck oder die
Reisenden nicht aufnehmen koennen. Er war, den Postillon ungerechnet, nur
fuer zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch
nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.

Dieser Jemschik wechselt uebrigens bei jedem Relais. Der Fuehrer des
Tarantass auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen
Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen
langen Haare ueber der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen
Hut, rothen Guertel und einen Capot mit kreuzweisen Schnueren an Knoepfen mit
dem kaiserlichen Abzeichen.

Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden
des Tarantass erst mit pruefendem Blicke. Kein Gepaeck! - Aber wo zum Teufel
haette er solches unterbringen wollen? - Magere Aussichten! Er machte eine
nicht misszudeutende Bewegung.

"Ein Paar Raben, sagte er halb fuer sich und unbekuemmert darum, ob er
verstanden wurde oder nicht, Raben fuer sechs Kopeken die Werst.

-- Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon
recht wohl verstand, Adler, hoerst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das
Trinkgeld!"

Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der "Rabe" bedeutet in der
Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten
Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei
Kopeken per Werst bezahlt. Ein "Adler" dagegen ist der Reisende, der auch
vor hohen Preisen nicht zurueckschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft.
Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu
fliegen, wie der Koenig der Voegel.

Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plaetze in dem Tarantass ein.
Einiger wenig umfaenglicher Proviant, der in den Sitzkaesten untergebracht
wurde, gewaehrte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzoegerung erleiden zu
koennen, wenn sie einmal die durch Fuersorge des Staates wohlversehenen
Posthaeuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde
uebergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag
verliess der Tarantass, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog
in eine dichte Staubwolke gehuellt dahin.

Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, haette jedem
Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, hoechlichst
verwundern muessen. Das etwas groessere Pferd in der Gabel hielt ungestoert,
wie abschuessig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter
Regelmaessigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart
als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der
Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen
Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber,
wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der
Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er fuer sie borgte! Die Schnur, die
ihm als Zuegel diente, waere gegenueber den ausgelassenen Thieren wohl ganz
nutzlos gewesen, aber "_na pravo_", rechts, oder "_na levo_", links,
diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr
Wirkung, als Zuegel und Zaum.

Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der wuerdige Rosselenker!

"Vorwaerts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwaerts meine artigen
Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltaeubchen! Immer dran, mein Vetter zur
Linken! Greif' aus, Vaeterchen zur Rechten!"

Wenn sie aber nachliessen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso
vielseitige Verwuenschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen
schienen.

"Lauf zu, Du Hoellenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwuerge
Dich bei lebendigem Leibe, Du Schildkroete! Du sollst noch in jener Welt
verdammt sein!"

Was man aber auch denken moege ueber diese Art der Pferdefuehrung, welche
mehr die Soliditaet der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in
Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantass nur so dahin und bewaeltigte
zwoelf bis vierzehn Werst in der Stunde.

Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Befoerderung
gewoehnt. Weder das Schuetteln noch das Huepfen des Gefaehrtes belaestigte ihn.
Er wusste, dass ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder
tiefe Loecher vermeidet, so wenig wie umgestuerzte Baumstaemme oder Graeben,
die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefaehrtin freilich lief
Gefahr, durch dieses Stossen des Tarantass verletzt zu werden, doch sie
beklagte sich nicht.

Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin
gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur
ankommen! verfolgt, begann sie:

"Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich
mich geirrt?

-- Gewiss nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg
werden wir den Fuss des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.

-- Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?

-- Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, - ich sage Tag und
Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muss ohne Saeumen nach
Irkutsk eilen.

-- Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen
Tag und Nacht fahren.

-- Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so
koennen wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.

-- Du hast diese Reise schon einmal gemacht?

-- Schon mehrere Male.

-- Im Winter wuerden wir schneller und sicherer vorwaerts kommen, nicht wahr?

-- Schneller gewiss, doch wuerdest Du von der Kaelte und dem Schnee schwer
gelitten haben.

-- Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.

-- Ja wohl, Nadia, aber es gehoert doch ein gewisses Temperament dazu, diese
Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kaelte in den Steppen
Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner
Kleidung aus Rennthierfell(2) mein Herz sich mit Eis ueberziehen, meine
Glieder sich zusammenkruemmen, meine Fuesse unter dreifacher wollener
Umhuellung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt
mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nuestern erstarren. Ich sah es,
wie der Branntwein in meiner Kuerbisflasche zu Stein wurde, so dass kein
Messer ihn schneiden konnte!... Mein Schlitten aber flog dahin wie ein
Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglaetteten und unuebersehbar
weissen Ebene! Keine Wasserlaeufe, durch die man sonst eine passirbare Furth
suchen musste! Keine Seen, welche Schiffe noethig machten! Allueberall das
harte Eis, die freie, sichere Strasse. Aber um den Preis welcher Leiden,
Nadia! Die allein koennten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren
Leichname der wehende Schnee begrub!

-- Und doch bist Du zurueck gekehrt, Bruder! sagte Nadia.

-- Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei
seinen Jagdzuegen folgte, gewoehnte ich mich an all' diese harten Proben.
Als Du, Nadia, mir aber sagtest, dass der Winter Dich nicht zurueck gehalten
haette, dass Du abgereist waerst mit dem Vorsatze, gegen das fuerchterliche,
unwirthbare Klima Sibiriens anzukaempfen, da sah ich Dich schon im Geiste
verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!

-- Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge
Lieflaenderin.

-- Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.

-- Und was thatest Du in Omsk?

-- Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.

-- Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm
die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, dass mich
Nichts haette zurueckhalten koennen?

-- Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott
wuerde Dir geholfen haben!"

Diesen Tag ueber wurde der Tarantass durch die bei jedem Relais wechselnden
Jemschiks sehr schnell weiter befoerdert. Die Adler der Berge haetten ihren
Namen durch jene "Adler" der Landstrasse nicht als entehrt ansehen koennen.
Der hohe Preis fuer jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder
dienten den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den
Postmeistern mochte es nach Veroeffentlichung jener Verordnung wohl
auffallen, dass ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar
Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indess waren ihre
Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn
auch die Kilometer-(Werst-)Pfaehle bald im Ruecken des Tarantass.

Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden
auf der Strasse von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais
ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, dass ein Wagen ihm vorausging, ohne
sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darueber besondere Sorge zu
machen.

Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die noethigen
Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthaeuser boten Unterkunft und
Staerkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht haette, waere das Haus
jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geoeffnet gewesen. In diesen
einander ueberaus aehnlichen Doerfern mit ihren weissen steinernen Capellen
und gruenlichen Daechern kann der Reisende wohl an jede Thuer klopfen; sie
wird sich gewiss oeffnen. Dann erscheint der Mujik laechelnden Gesichts und
giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rueckt den
"Samowar" ueber's Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fuehlen. Die
Familie wuerde im Nothfalle das Haus raeumen, um ihm Platz zu machen. Der
ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der "den Gott selbst
sendet".

Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem
unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie
viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.

"Vor zwei Stunden, Vaeterchen, berichtete der Postmeister.

-- Es ist eine Berline?

-- Nein, ein Teleg.

-- Wie viel Reisende?

-- Zwei.

-- Sie haben es eilig?

-- Es sind Adler!

-- Lasst schleunigst anspannen."

Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang
aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.

Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fuehlte man, dass die
drueckender gewordene Luft sich allmaelig mit Elektricitaet saettigte. Kein
Woelkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein
warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befuerchten, dass in den
Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael
Strogoff, der gewoehnt war, alle atmosphaerischen Vorzeichen zu deuten,
fuehlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger
Besorgniss erfuellte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stoesse
des Tarantass vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb
zurueckgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schoepfen, nach der
die Lungen in dieser erstickenden Atmosphaere begierig verlangten.

Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er misstraute den Jemschiks,
weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den
Relais verloren, keine Stunde unterwegs.

Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die
ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese maechtige Kette, die
Grenzmauer zwischen dem europaeischen Russland und Sibirien, lag jedoch noch
in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen
hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst
waehrend der folgenden Nacht stattfinden.

Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgaengig bedeckt und in Folge
dessen auch die Luftwaerme ertraeglicher, doch wurde die Witterung immer
gewitterschwueler.

Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten
in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff wuerde es gewiss
unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt haette; als ihn der
Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden
Donner aufmerksam machte, fragte er nur:

"Ein Teleg faehrt uns noch immer voraus?

-- Ja.

-- Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?

-- Ungefaehr eine Stunde.

-- Vorwaerts! - Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen frueh in
Jekaterinenburg sind."




                             Zehntes Capitel.


                     Ein Unwetter in den Uralbergen.


Die Uralkette erstreckt sich auf einer Laenge von nahe 3000 Werst (3200
Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht,
der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung "Poyas" aus
russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den
betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmaessig den "Guertel". Mit
dem einen Fusse an der unwirthlichen Kueste des Arktischen Oceans netzen sie
den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.

Das war die Grenze, welche Michael Strogoff ueberschreiten musste, um von
Russland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwaehnt, die Strasse
einschlug, die auf der oestlichen Abdachung des Ural von Perm nach
Jekaterinenburg fuehrt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der
leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten
centralasiatischen Handels dient.

Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniss eintrat, wohl zum Passiren der
Berge ausreichen. Leider kuendigte das erste Grollen des Donners ein
Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphaere furchtbar zu
werden drohte. Die elektrische Spannung war so gross, dass sie sich nur
durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.

Michael Strogoff achtete darauf, dass seine junge Begleiterin bestmoeglich
versorgt war. Die Wagendecke, die ein schaerferer Windstoss leicht haette
wegreissen koennen, wurde durch ueber und hinter ihr gekreuzte Stricke besser
gesichert. Man verdoppelte die Zugstraenge der Pferde und polsterte aus
uebergrosser Vorsicht das Stosseisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die
Haltbarkeit der Raeder zu vergroessern, als auch um die Stoesse zu mildern, die
in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein wuerden.
Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefaehrtes,
deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantass angepfloeckt waren, mit
einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange.
Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstueckes, das an den
Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.

Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte
sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei
Ledervorhaenge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem
Regen und Sturme schuetzen mussten.

An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei grosse Laternen
angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht
gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung
des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so
dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstossen mit einem etwa
entgegenkommenden Wagen.

Man erkennt hieraus, dass keine Vorsichtsmassregel versaeumt wurde, und
gegenueber einer so drohenden Nacht waren sie gewiss am Platze.

"Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.

-- So wollen wir fahren", antwortete das junge Maedchen.

Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantass schwankte die ersten
Vorberge des Urals hinan.

Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es,
trotz der in jenen Breiten laenger andauernden Daemmerung, schon recht
dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Woelbung des Himmels herab zu
druecken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie
auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das
doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom
Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art
phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von
sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise naeherten sie sich der
Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den
Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den hoeheren
Luftschichten von oben nach unten. Die Strasse fuehrte diesen gewaltigen,
dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen.
Binnen Kurzem mussten Strasse und Dunstmassen einander begegnen, und loesten
die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel,
durch welchen der Tarantass nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu
laufen in einen Abgrund zu stuerzen.

Die Kette der Uralberge erreicht uebrigens nur eine mittlere Hoehe; ihr
bedeutendster Gipfel uebersteigt noch nicht 5000 Fuss. Der ewige Schnee ist
daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter
ueber das Gebirge schuettet, schmelzen vollstaendig bei der Sonnenwaerme des
Sommers. Pflanzen und Baeume gedeihen noch in betraechtlicher Hoehenlage. Die
Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstaetten kostbarer
Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleissiger Haende. So
begegnet man denn auch den "Zarody" genannten Dorfschaften ziemlich haeufig
und der durch die gewaltigen Engpaesse gefuehrte Weg ist fuer die Postwagen
in gut fahrbarem Zustande.

Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet
Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kaempfen und
man sich in diesem Gewuehle befindet.

Aus Erfahrung wusste Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen
bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor fuer
ebenso gefahrbringend, als die fuerchterlichen Schneestuerme, die hier
waehrend des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wuethen.

Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das
Wageninnere schuetzenden Ledervorhaenge aufgehoben, sah hinaus und achtete
scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit
phantastischen Schattenbildern belebte.

Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, waehrend
ihr Begleiter mit halbem Koerper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel
und die Erde musterte.

Die Atmosphaere war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen
ruehrte sich vom Platze. Man haette sagen moegen, dass die halberstickte Natur
nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene duesteren, dichten Wolken,
aus irgend welchem Grunde gelaehmt, nicht mehr functioniren konnten. Das
Schweigen waere ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Raeder des
Tarantass, die die Kiesel der Strasse zerrieben, ohne das Seufzen der Naben
und ueberhaupt des Holzwerkes am Gefaehrte, ohne den keuchenden Athem des
Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte
Funken spruehten.

Uebrigens war die Strasse vollkommen oede. Der Tarantass begegnete weder
einem Fussgaenger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden
Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Koehlers rauchte
im Walde, keine Lagerstaette von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar,
keine einzige im Gehoelz verlorene Huette. Es bedurfte solcher Gruende,
welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die
Gebirgskette unter den gegebenen Verhaeltnissen zu unternehmen. Michael
Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmoeglich; aber - und das
fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniss einzufloessen, - wer in aller
Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantass vorausgehenden
Teleg sein; welch' gewichtige Gruende hatten sie, eben so tollkuehn zu
handeln?

Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr
begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr
aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten maechtiger Kiefern
auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Strasse
gruppenweise flankirten. Naeherte sich der Tarantass dem Rande der Strasse,
dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgruende neben jener. Von
Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stossen, dass der Wagen eine
Bruecke aus Baumstaemmen passirte, welche kaum zugehauen eine Hoehlung des
Weges ueberdeckten. Je hoeher sie hinauf kamen, desto mehr ertoente ein
monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe
des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmaehreden an seine Thiere
verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphaere als durch den
Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens
vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast
zusammen.

"Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael
Strogoff den Jemschik.

-- Um ein Uhr frueh ... wenn wir ueberhaupt hinkommen! antwortete dieser mit
unglaeubigem Kopfschuetteln.

-- Sag' doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den
Bergen, nicht wahr?

-- Nein, und gebe Gott, dass es auch nicht mein letztes ist.

-- Hast Du Furcht?

-- Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, dass Du unrecht handeltest,
abzufahren.

-- Ich haette noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.

-- Na, dann vorwaerts, meine Taeubchen!" erwiderte der Jemschik, als ein
Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.

In diesem Augenblicke liess sich ein entferntes Geraeusch vernehmen; es
glich einem tausendfachen gellenden und betaeubenden Pfeifen in der bisher
noch halb ruhigen Atmosphaere. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes,
dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte, bemerkte Michael Strogoff
einige grosse Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm
brach los, jagte aber bis jetzt nur die hoehern Luftschichten
durcheinander. Ein trockenes Geknatter liess erkennen, dass einige alte oder
schlecht bewurzelte Baeume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht
hatten Widerstand leisten koennen. Eine Lawine gebrochener Staemme rollte
bald ueber die Strasse, schlug huepfend auf die Felsenvorspruenge und verlor
sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantass, in den Tiefen zur Linken.

Stutzend hielten die Pferde still.

"Immer vorwaerts, meine Turteltaeubchen!" rief der Jemschik, und munter
knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.

Michael Strogoff ergriff Nadia's Hand.

"Schlaefst Du, Schwester? fragte er.

-- Nein, Bruder.

-- Sei bereit fuer Alles. Jetzt kommt das Unwetter!

-- Ich bin bereit."

Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhaenge zu schliessen.

Wild tobte der Sturmwind heran.

Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die
Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine
schreckliche Gefahr.

Unbeweglich stand der Tarantass an einer Biegung des Weges, durch welche
der Sturm hereintobte. Der Wagen musste also dem Winde gerade entgegen
gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so waere er
unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden.
Von den Windstoessen zurueckgedraengt baeumten sich die Pferde, ohne dass es
ihrem Fuehrer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die
Schmeichelworte folgten die kraeftigsten Flueche. Nichts half. Die armen,
von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen,
Artilleriesalven aehnlichen Donner betaeubten Thiere drohten die Straenge zu
zerreissen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines
Gespannes.

Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantass und kam dem Kutscher zu Hilfe.
Seiner aussergewoehnlichen Koerperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Muehe,
die Thiere zu baendigen.

Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Strasse erweiterte sich an
der eben erreichten Stelle tonnenartig, so dass sich der Wind hineinpresste,
etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht.
Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstaemmen den Abhang
herab zu poltern.

"Hier koennen wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.

-- Wir werden auch gar nicht laenger hier sein! rief der Jemschik, waehrend
er ganz bestuerzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht
einherstuermenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran,
uns bergab zu befoerdern und das auf dem kuerzesten Wege.

-- Nimm das Handpferd beim Zuegel, Memme! antwortete Michael Strogoff; fuer
das linke werde ich stehen!"

Ein neuer heftiger Windstoss unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und
er mussten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu
werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie
jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine
Strecke zurueck, und haette ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm
aufgehalten, so waere er wohl vom Wege abgedraengt worden.

"Fuerchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.

-- Ich habe keine Furcht", erwiderte die junge Lieflaenderin, ohne dass ihre
Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen haette.

Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm
verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.

"Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.

-- Nein, wir muessen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu
ueberwinden, hoeher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.

-- Aber die Pferde wollen nicht vorwaerts.

-- Mach' es wie ich, ziehe sie!

-- Diese Windstoesse werden sich wiederholen.

-- Wirst Du gehorchen?

-- Du willst es.

-- Der 'Vater' selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum
ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmaechtigen Namen des Kaisers
gebrauchte.

-- Dann also vorwaerts, meine Schwalben!" rief der Jemschik und ergriff das
Pferd zur Rechten, waehrend Michael Strogoff die Zuegel des linken packte.

So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht
mehr seitwaerts ausbiegen, und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das
nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Strasse einhalten.
Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei
Schritte vorwaerts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren.
Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefaehrt
schwebte jeden Augenblick in Gefahr, ausser Ordnung zu kommen. Waere die
Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so haette sie der
erste Anprall des Sturmes gewiss schon entfuehrt.

Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese
kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurueckzulegen, welche der Geissel
des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein
in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzueglich auch in jenem Hagel
von Geroell und geknickten Staemmen, welchen der Berg um sie herum
niederschuettete.

Ploetzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein groesserer
Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den
Tarantass herabstuerzte.

Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.

Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe
antreiben.

Nur wenige Schritte, und das Felsstueck waere hinter ihnen niedergeschlagen.

In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, dass der Tarantass
getroffen, seine Gefaehrtin zerschmettert werden muesste! Er fuehlte, dass er
sie lebend nicht mehr herauszuholen vermoechte ...

Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der Gefahr schoepfte er eine
fast uebermenschliche Kraft, stemmte den Ruecken gegen die Achse, die Fuesse
fest auf den Boden und draengte das schwerfaellige Fuhrwerk einige Schritte
vorwaerts.

Der gewaltige Block flog vorueber, streifte dem jungen Manne fast die Brust
und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd
und Funken spruehend zersprangen die Steine auf der Strasse.

"Bruder!" hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene
beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.

-- Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!

-- Um meinetwillen koennte ich mich niemals fuerchten.

-- Gott ist mit uns, Schwester!

-- Mit mir gewiss, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!" sagte
halblaut das junge Maedchen.

Der Anstoss, den der Tarantass durch Michael Strogoff's Anstrengung erhielt,
sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung fuer die stutzenden
Pferde, die fruehere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff
und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem
schmalen von Norden nach Sueden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den
directen Anprall des Unwetters einigermassen gesichert waren. Die Berglehne
zur Rechten bildete hier eine Art Saegewerk durch einen vorspringenden
Felsen, der sich mitten in einem schaeumenden Wildwasser erhob. Hier
wuethete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien
einigermassen haltbar, waehrend in der Peripherie dieser scheinbaren Cyclone
sich gewiss kein Mensch oder Thier haette aufrecht erhalten koennen.

Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel
ueberragten, in einem Augenblick gekoepft, so als sauste eine Riesensense
ueber die Hochflaeche dahin.

Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in
den Engpass hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der
Boden schien unter den furchtbaren Schlaegen zu erzittern, so als wuerde die
ganze Uralkette erschuettert.

Zum Glueck hatte man den Tarantass in einer tiefen Felsenaushoehlung ziemlich
gut unterbringen koennen, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf;
doch war er nicht so vollkommen geschuetzt, dass er nicht manchmal durch
einige von den Bergvorspruengen abgeleitete Seitenstroemungen tuechtig
geschuettelt worden waere. Dabei stiess er wohl gegen die Felsmauer, dass man
befuerchten musste, ihn in tausend Truemmer zersplittert zu sehen.

Nadia musste den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff
fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushoehlung,
die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herruehrte und in
welche sich das junge Maedchen verkriechen musste, bis es moeglich wuerde, die
Fahrt wieder fortzusetzen.

Jetzt begann - es war gegen ein Uhr Morgens - der Regen in Stroemen
herabzustuerzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten
Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu
verloeschen. Unter diesen Verhaeltnissen war an den Wiederaufbruch natuerlich
gar nicht zu denken.

Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff's - und man begreift wohl, wie gross
diese war - musste er doch das schlimmste Unwetter erst voruebergehen
lassen. Da uebrigens der Bergruecken, ueber den die Strasse von Perm nach
Jekaterinenburg fuehrt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch
darum, die Bergabhaenge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt,
jetzt, ueber einen von unzaehligen Bergbaechen durchwuehlten Boden, mitten in
dem Sturm und den Regenschauern, hiess wirklich das Leben auf's Spiel
setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.

"Abwarten - es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch
gegen vielleicht noch laengere Verzoegerungen. Die Heftigkeit des Gewitters
laesst mich annehmen, dass es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr
muss der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen duerfen, in der
Finsterniss bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch
nicht leicht, so doch mindestens ausfuehrbar sein.

-- So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt
aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu
ersparen.

-- Ich weiss es, Nadia, dass Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich
uns Beide aber blossstelle, dann setze ich einen noch hoeheren Preis ein,
als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und
dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfuellen habe.

-- Einer Pflicht!..." murmelte Nadia.

Eben zerriss ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen
gleichsam zu zerstaeuben. Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen
Krach. Die Luft erfuellte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche
und eine zwanzig Schritte von dem Tarantass entfernte Gruppe alter Kiefern
flammte, von dem elektrischen Fluidum entzuendet, gleich einer
Gigantenfackel lodernd in die Hoehe.

Der Jemschik stuerzte, wie von einem Rueckschlag getroffen, zu Boden, erhob
sich aber gluecklicher Weise unverletzt wieder.

Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges
verloren hatte, fuehlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia's
ergriffen und hoerte sie die Worte in sein Ohr sprechen:

"Hilferufe, Bruder! Hoerst Du sie?"




                             Elftes Capitel.


                            Reisende in Noth.


Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Strasse
her und unfern der Aushoehlung, welche den Tarantass deckte, wiederholtes
Hilferufen.

Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von
irgend einem gefaehrdeten Reisenden ausging.

Michael Strogoff lauschte aufmerksam.

Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschuetteln, so als
scheine es ihm unmoeglich, hier Beistand zu leisten.

"Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.

-- Auf uns werden sie nicht zaehlen duerfen!... fiel rasch der Jemschik ein.

-- Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene
unter gleichen Verhaeltnissen gewiss fuer uns thun wuerden, sollen wir das
unversucht lassen?

-- Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf's Spiel!...

-- Ich werde zu Fuss gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten
Geschirrfuehrer.

-- Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Lieflaenderin.

-- Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich moechte diesen
nicht allein lassen ...

-- So werd' ich dableiben, erwiderte Nadia.

-- Was auch geschehe, verlasse diese geschuetzte Stelle nicht!

-- Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin."

Michael Strogoff drueckte dankend die Hand seiner Gefaehrtin, eilte nach der
Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.

"Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Maedchen.

-- Er handelt recht", antwortete einfach Nadia.

Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er grosse Eile hatte
den Bedraengten, welche jene Rufe erschallen liessen, helfend beizuspringen,
so war doch auch sein Wunsch nicht minder gross, zu erfahren, wer jene
Reisenden sein moechten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte,
sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht daran, dass es
dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantass vorausrollte.

Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit
verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden
immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurueck
gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Strasse verlief mehrfach gekruemmt
und der blaeuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der
sich in einen solchen Strassenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er
sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende
Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kraefte zu
widerstehen vermochte.

Jedoch, es zeigte sich sehr bald, dass die Reisenden, von denen jene
Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie fuer
Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar - ob das nun daher kam, dass Jene
sich nicht auf der Strasse selbst befanden, oder dass nur die herrschende
Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, - jedenfalls verstand er ihre
Worte schon ganz deutlich.

Da hoerte er denn, - natuerlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, -
Folgendes:

"Wirst Du wohl zurueckkommen, Schlingel?

-- Dich erwartet die Knute auf dem naechsten Relais.

-- Hoerst Du, Du Postillon der Hoelle! He! Du, da unten!

-- So wird man in diesem verwuenschten Lande befoerdert.

-- Und das nennen sie einen Teleg!

-- He, Du dreifacher Erztoelpel! - Da reisst er aus und scheint's gar nicht
zu bemerken, dass er uns hier sitzen gelassen hat!

-- Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Englaender! Ich
werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen
lassen!"

Der, welcher diese Worte herauspolterte, schaeumte vor Wuth. Aber ploetzlich
schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz
anderer Seite betrachtete, denn er hoerte nach einem hellen, bei solcher
Scene gewiss unerwarteten Gelaechter die Worte:

"Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!

-- Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in aergerlichem Tone der
Buerger des Vereinigten Koenigreichs.

-- Natuerlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn
Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort!
Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!..."

Da erfuellte ein heftiger Donnerschlag den Engpass mit schrecklichem
Krachen, das der Widerhall der Berge noch maechtig verstaerkte. Dann, als
das letzte schwache Rollen verloescht war, liess sich wiederum die lustige
Stimme vernehmen:

"Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das koennte in Frankreich wahrlich nicht
passiren!

-- In England auch nicht!" antwortete der Brite.

Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Strasse und
gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Maenner auf dem hohen Ruecksitz eines
sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen
Geleises fest zu sitzen schien.

Michael Strogoff naeherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer
weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald
die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem "Kaukasus" den Weg von
Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurueckgelegt hatten.

"Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter
diesen Umstaenden wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten
Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen."

Der englische Reporter gruesste und vielleicht wollte er nach allen Regeln
des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen,
als ihn Michael Strogoff unterbrach:

"Nicht noethig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga
gemeinschaftlich befahren haben.

-- Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr ...?

-- Nicolaus Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff.
Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher fuer den Einen so erheiternde,
fuer den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?

-- Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide
Jolivet. Stellen Sie sich vor, dass unser Postillon mit dem Vordertheile
seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig
sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswuerdigen Fahrzeugs.
Da haben wir nun die schlechtere Haelfte eines Telegs fuer uns Zwei, aber
keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt
und ueber alle Massen drollig?

-- Ich finde gar nichts Laecherliches dabei! knurrte der Englaender.

-- Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten
Seite anzusehen.

-- Aber wie denken Sie denn, dass es moeglich werden soll, unsern Weg
fortzusetzen? fragte Harry Blount.

-- Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich
beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife
die Zuegel, ich nenne Sie 'mein Taeubchen', wie ein leibhaftiger Jemschik,
und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein ...

-- Herr Jolivet, fiel der Englaender ein, ein solcher Scherz geht zu weit
und ...

-- O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben,
trete ich an Ihre Stelle und Sie moegen mich dann als engbruestige Schnecke
oder ohnmaechtige Schildkroete behandeln, wenn ich Sie nicht in einem
Hoellengalop dahinfahre!"

Alcide Jolivet schuettelte das Alles mit einem so liebenswuerdigen Humor
hervor, dass Michael Strogoff sich eines Laechelns nicht enthalten konnte.

"Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiss ich doch besseren Rath.
Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem hoechsten Kamme des Ural und
folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen
befindet sich fuenfhundert Schritt weiter rueckwaerts. Ich will Ihnen eines
meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und
kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhaelt, morgen zusammen in
Jekaterinenburg an.

-- Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich, das ist ein Vorschlag,
der aus sehr edelmuethigem Herzen kommt.

-- Ich bemerke noch, mein Herr, dass ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen
Tarantass mit zu benutzen, weil er nur zwei Plaetze enthaelt, die ich mit
meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.

-- O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein
College und ich wuerden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers
Halbtelegs noethigenfalls bis an's Ende der Welt kommen.

-- Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren grossmuethigen
Vorschlag an. Aber jener Jemschik ...

-- O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, dass ihm solch'
kleiner Unfall zustiess, bemerkte Michael Strogoff.

-- Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurueck? Er wird recht gut wissen,
dass er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!

-- Er!? Er weiss sicher kein Sterbenswoertchen davon.

-- Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreissung des Telegs in zwei Haelften
gar nicht bemerkt haben?

-- Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben
von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.

-- Sagt' ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide
Jolivet, dass uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?

-- Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefaellig
ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen ...

-- Aber der Teleg? bemerkte der Englaender.

-- Fuerchten Sie nicht, dass er uns davon fliege, mein lieber Blount,
troestete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt,
dass er kommendes Fruehjahr Knospen treiben muesste, wenn man ihn stehen
liesse.

-- Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den
Tarantass nun hierher schaffen."

Der Franzose und der Englaender verliessen ihre Bank, die aus einem Ruecksitz
zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.

Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner
rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstoeren im Stande war.

"Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie
ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.

-- Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als
was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan haette. Wenn sich
Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstuetzen wollen, moege man lieber
gleich die Landstrassen sperren.

-- Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie
weit durch die Steppe reisen, koennten wir uns wohl auch noch einmal
begegnen, und ..."

Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge,
dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu
geben:

"Ich reise nach Omsk, meine Herren.

-- Und Herr Blount und ich, erklaerte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich
nur der Nase nach, dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber
Neuigkeiten zu erwischen giebt.

-- Nach den empoerten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen
Eifer.

-- Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort
wohl nicht wieder!

-- Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht
luestern nach einer Buechsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu
friedliebender Natur, um mich unnoethig dahin zu begeben, wo man sich
herumschlaegt.

-- Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiss leid thun, so schnell
von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern
aber doch, dass wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stueck Weges
zusammen zuruecklegen, und waere es nur waehrend weniger Tage?

-- Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer
Ueberlegung.

-- Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet.
Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die
Verhaeltnisse unseren weiteren Weg bestimmen.

-- Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden
wir also zusammen sein."

Michael Strogoff haette es gewiss vorgezogen, allein zu reisen, er konnte
sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden
absondern, welche des naemlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide
Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu
machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen, lag fuer ihn
uebrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer
Gesellschaft zurueck zu legen.

"Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen."

Dann setzte er mit moeglichst gleichgiltigem Tone hinzu:

"Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten ueber den
Tartareneinfall?

-- Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als
in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan's haben die
ganze Provinz Semipalatinsk ueberschwemmt und dringen jetzt in Eilmaerschen
laengs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen
muessen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.

-- Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.

-- Dazu geht das Geruecht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet
die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten
Provinz, dem Tartarenchef unverzueglich anschliessen.

-- Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr
oder weniger begruendeten Neuigkeiten selbstverstaendlich sehr
interessirten.

-- Ei, so wie man eben Alles weiss, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so
in der Luft.

-- Und Sie haben begruendete Ursache zu glauben, dass Colonel Ogareff in
Sibirien sei?

-- Ich habe mindestens davon sprechen hoeren, dass er den Weg von Kasan nach
Jekaterinenburg eingeschlagen habe.

-- O, Sie wuessten das, Herr Jolivet? liess sich da Harry Blount vernehmen,
den jene Bemerkung des franzoesischen Correspondenten aus seiner
Schweigsamkeit aufruettelte.

-- Ich wusste es, erwiderte Alcide Jolivet.

-- Und es war Ihnen auch bekannt, dass er als Zigeuner verkleidet ging?
fragte Harry Blount.

-- Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkuerlich, da er sich der
Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem
"Kaukasus" und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.

-- Ich hatte davon eben genug erfahren, um darueber einen Brief an meine
Cousine zu richten, antwortete laechelnd Alcide Jolivet.

-- Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Englaender in
trockenem Tone.

-- Gewiss nicht, liebster College, und waehrend der 'Kaukasus' sich
verproviantirte, that ich ganz dasselbe!"

Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplaenkel, das sich
zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte
jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht
ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die
jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemuehte sich, alle
Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedaechtniss aufzufrischen, als in
geringer Entfernung ein Knall hoerbar wurde.

"Ah, vorwaerts, meine Herren! rief Michael Strogoff.

-- Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschuesse flieht, meinte
Alcide Jolivet, der laeuft ueber Hals und Kopf dahin, wo er solche hoert!"

Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter ihm Harry Blount, der auch
nicht der Mann dazu war, feig zurueck zu bleiben, Michael Strogoff
furchtlos nach.

Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der
den Tarantass deckte.

Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzuendeten
Fichtengruppe empor. Die Strasse war leer. Und doch, Michael Strogoff
konnte sich unmoeglich getaeuscht haben; das musste ein Gewehrschuss sein, der
vorher an sein Ohr schlug.

Da hoerte man ploetzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte
ein zweiter Schuss.

"Ein Baer! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war.
Nadia! Nadia!"

Sein Dolchmesser aus dem Guertel reissend stuerzte Michael Strogoff hastig
vorwaerts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Maedchen zu warten
versprochen hatte.

Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten
den Schauplatz.

In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantass erreichte, waelzte
sich ihm eine enorme Masse entgegen.

Es war ein ungeheurer Baer. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehoelz, das diese
Abhaenge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner
gewohnten Hoehle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.

Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt ueber den Anblick des
furchtbaren Raubgesellen, ihre Straenge und entflohen; der Jemschik, dem
nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergass, dass das junge
Maedchen nun allein dem Angriffe des Baeren ausgesetzt blieb, jagte ihnen
nach.

Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst
nicht bemerkt haben, denn es stuerzte sich auf das dritte Pferd. Nadia
schluepfte aus der Hoehlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen,
ergriff einen von Michael Strogoff's Revolvern, ging kaltbluetig auf den
Baeren los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Naehe.

Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge
Maedchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantass lief,
dessen einzig uebrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureissen suchte.
Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze
Weiterfahrt zunaechst in Frage gestellt. Nadia war also dem Baeren wieder
entgegen getreten und gab mit bewunderungswuerdig ruhigem Blute, gerade als
jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum
zweiten Male Feuer.

Das war jener zweite Schuss, welcher ganz in der Naehe Michael Strogoff's
aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Baeren und das
junge Maedchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und
das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine
leblose Masse, vor ihm zusammen.

Es war ein huebsches Proebchen jener Methode der sibirischen Jaeger, die
stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene
Fell eines Baeren nicht zu beschaedigen.

"Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff's erste Frage,
als er sich zu dem jungen Maedchen wandte.

-- Nein, Bruder", antwortete Nadia.

Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.

Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er musste wohl eine
kraeftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu baendigen. Sein
Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff's mit angesehen.

"Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, fuer einen einfachen Kaufmann,
Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich
umzugehen.

-- Sogar sehr geschickt, fuegte Harry Blount hinzu.

-- In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir
genoethigt, uns um Alles ein wenig zu bekuemmern."

Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.

Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in
der Hand, den einen Fuss auf dem Koerper des erlegten Baeren, sah Michael
Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich
schoen aus.

"Ein famoser Kerl!" sagte Alcide Jolivet fuer sich.

Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begruesste das junge
Maedchen.

Nadia verneigte sich leicht.

Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:

"Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Baer waere, ich riebe
mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswuerdigen
Paerchen!"

Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange, mit abgezogenem Hute in
einiger Entfernung. Die zwanglose Hoeflichkeit seines Collegen vermehrte
nur seine natuerliche Steifheit.

Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden
Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das
praechtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute fuer die Raubvoegel
liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr
wieder in Ordnung zu bringen.

Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in
Kenntniss und sagte, dass er diesen ein Pferd vom Tarantass zur Verfuegung
stellen wolle.

"Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indess, zwei Wagen statt
des einen ...

-- Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zoegern schnell
genug verstand, ihm in's Wort, Du wirst natuerlich auch doppelte Bezahlung
erhalten.

-- Nun denn vorwaerts, meine Turteltaeubchen!" rief der Jemschik.

Nadia hatte den Tarantass wieder bestiegen, waehrend Michael Strogoff und
seine Begleiter diesem zu Fusse nachfolgten.

Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte
nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so dass man
leidlich schnell vorwaerts kam.

Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantass das
Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Raeder in den
Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl, dass ein heftiger
Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlasst hatte.

Das eine der Seitenpferde des Tarantass ward nun so gut es eben anging mit
Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten
nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und
gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja
nur die Bergabhaenge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere
Schwierigkeit bot.

Sechs Stunden spaeter langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem
anderen in Jekaterinenburg an, ohne dass ein weiterer Unfall diesen zweiten
Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen haette.

Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses
in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der groessten
Gemuethsruhe zu erwarten schien.

Ohne alle Verlegenheit ging der gutmuethige Russe seinen Passagieren
laechelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld
einzuheimsen.

Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, dass Harry Blount's Zorn
dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und waere der
Jemschik nicht klueglich zurueckgewichen, so haette ihm ein nach allen Regeln
der edlen Boxkunst gefuehrter Faustschlag wohl sein '_na vodku_' mitten
in's Gesicht gezeichnet.

Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen
und jubelte auf, wie er vielleicht frueher noch nie gelacht hatte.

"Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem
vollen Rechte, lieber College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir
keine Mittel fanden, ihm zu folgen!"

Er zog einige Kopeken aus der Tasche.

"Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da,
steck' sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war's ja Deine Schuld
nicht!"

Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount's, der sich an
dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozess an den Hals werfen
wollte.

"Einen Prozess! Und in Russland! rief Alcide Jolivet; aber unter den
obwaltenden Verhaeltnissen, bester College, waeren Sie nicht im Stande,
dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener
russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Saeuglings
gegenueber klagbar wurde, dass sie jenen weiter naehren wollte?

-- Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.

-- Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Saeugling geworden war, als das
Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten faellte?

-- Und was, wenn ich bitten darf?

-- Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!"

Alle brachen in helles Gelaechter aus.

Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und
bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Woerterbuche zu figuriren,
durch folgende Bemerkung:

"Teleg, ein in Russland gebraeuchlicher Wagen, wenn er abfaehrt mit vier, -
wenn er ankommt mit zwei Raedern!"




                            Zwoelftes Capitel.


                          Eine Herausforderung.


Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens,
denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Auslaeufern der
oestlichen Berglehne. Trotzdem gehoert es zu dem Gouvernement von Perm und
bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europaeischen
Russlands. Dieser administrative Uebergriff muss wohl seinen Grund haben. Er
betrifft ein Stueck Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Russlands
verblieb.

Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer
so grossen, schon im Jahre 1723 gegruendeten Stadt um die Beschaffung der
noethigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.

In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Muenzstaette des
ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der
Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen
Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhuetten, Gold- und Platinwaeschereien fast
im Ueberfluss vorhanden sind.

Zu jener Zeit hatte die Bevoelkerung Jekaterinenburgs sich ganz
ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen
und Sibirier stroemten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von
Feofar-Khan's Horden schon ueberflutheten Provinzen und vorzueglich aus dem
Lande der Kirghisen, das sich im Suedwesten des Irtysch bis zu den Grenzen
von Turkestan ausdehnt.

Fehlten also die Befoerderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu
gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluss vorhanden, um diese Stadt
verlassen zu koennen. Bei der jetzigen Lage der Dinge fuehlten die meisten
Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.

Unter eben diesen Umstaenden gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount
natuerlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen.
Was Michael Strogoff betrifft, so gehoerte der Tarantass ja ihm an;
letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht
sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter
Pferde, um ihn schnell auf der Strasse nach Irkutsk weiter zu befoerdern.

Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoe verlief diese Strasse noch sehr
huegelig, denn sie wand sich bis dahin ueber die launenhaften
Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden.
Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoe aber begann die grenzenlose Steppe, die
sich bis in die Naehe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. ueber einen Raum von
1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.

Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im
Vorigen erfahren haben, zunaechst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von
Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich naeher ueber den Verlauf
der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den
im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint,
je nachdem ihr Jaegerinstinct sie auf die eine oder die andere Faehrte
leiten wuerde.

Dieselbe Strasse von Jekaterinenburg nach Ischim, - die sich auch nach
Irkutsk fortsetzt, - war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff
unbedingt benutzen musste. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von
Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu
vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er fuer seinen Theil
fest entschlossen, nirgends unnoethig eine Stunde zu verweilen.

"Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr
angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft
zurueckzulegen, doch muss ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, dass
ich die groesste Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich
wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiss, ob es uns ueberhaupt moeglich
werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Haende
faellt! Ich werde mich also auf den Relais nie laengere Zeit aufhalten, als
das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.

-- Wir denken vorlaeufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.

-- Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen
Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der ...

-- Der so freundlich ist, fuegte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem
Vorder- und Hintertheil bei der naechsten Station anzukommen."

Eine halbe Stunde spaeter hatte der ruehrige Franzose denn auch ohne
besondere Muehe einen Tarantass aufgetrieben, der dem Michael Strogoff's
ziemlich aehnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort
bequem einrichtete.

Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plaetze im Tarantass ebenfalls wieder
ein, und zu Mittag verliessen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.

Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach
Irkutsk fuehrt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Lieflaenderin da
wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten,
in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten
Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich
kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht
einmal haette betreten duerfen; ihr Blick schweifte hinaus ueber den
entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie
beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von
sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des
westlichen Sibiriens, die sich von dem des oestlichen so merklich
unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern,
einem, mindest auf der Oberflaeche, sehr mageren Boden, denn in seinem
Innern birgt er neben einem Ueberfluss von Eisen auch viel Kupfer, Gold und
Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl huettengewerbliche Anlagen, aber
fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch
die noethigen Arme nehmen, die Erde zu pfluegen, die Felder zu besaeen, die
Erndten einzuholen, wenn es eintraeglicher ist, die Eingeweide der Erde mit
Spitzhaue und Schlaegel zu durchwuehlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann
den Platz geraeumt. Die Hacke trifft man ueberall, den Spaten nirgends.

Manchmal loesten sich Nadia's Gedanken indess doch von den entlegenen
Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre
gegenwaertige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie
sah wieder ihren edelmuethigen Reisegefaehrten zuerst auf der Eisenbahn von
Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen gefuehrt
hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit waehrend der Fahrt, seines
Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden
Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner
Sorgfalt fuer sie waehrend der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen,
was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit
Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!

Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafuer, dass er ihr
gerade diesen wachsamen Beschuetzer, diesen edelmuethigen und verschwiegenen
Freund zugefuehrt hatte. Sie fuehlte sich neben ihm, unter seinem Schutze
vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder haette nicht besser an ihr
handeln koennen. Sie fuerchtete jetzt kein Hinderniss mehr; sie war
ueberzeugt, ihr Endziel zu erreichen.

Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen
Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, dass er ihm durch diese Begegnung
mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualitaet gegen
Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes
Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Maedchens erweckte
die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine
Schwester? Er empfand fuer seine schoene heroische Begleiterin ebenso viel
Hochachtung als Zuneigung. Er fuehlte es, dass in ihr eines jener reinen und
seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zaehlen kann.

Seitdem er indess den Boden Sibiriens durchzog, begannen fuer Michael
Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden
Journalisten sich nicht etwa taeuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die
Grenze ueberschritten hatte, so musste er ueberall mit der groessten Vorsicht
auftreten. Die Verhaeltnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen
Provinzen wimmelte es gewiss von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito
gelueftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um
seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff
empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.

So gestalteten sich die Umstaende in dem ersten Wagen, und wie sah es denn
in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewoehnlich. Alcide Jolivet sprach in
lustigen Saetzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder
sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich
Anmerkungen ueber Vorkommnisse waehrend der Reise, Ereignisse, welche
uebrigens waehrend dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens
nicht von besonderem Gewichte waren.

Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten
Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen
werden, so verliess Nadia den Tarantass gar nicht. Beabsichtigte man zu
fruehstuecken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel
Platz, hielt sich aber sehr zurueckgezogen und betheiligte sich moeglichst
wenig bei der Unterhaltung.

Ohne jemals die Grenzen gebildeter Hoeflichkeit zu ueberschreiten, zeigte
Alcide Jolivet doch fuer die junge Lieflaenderin, die er uebrigens reizend
fand, stets die groesste Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie,
die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umstaenden ausgefuehrten
Reise gegenueber zeigte.

Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr
mittelmaessig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die
Postmeister an, liess die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das
Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt - gewoehnlich zu schnell
und zum grossen Leidwesen Harry Blount's, der nun einmal ein methodischer
Esser war, - so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn
sie bezahlten fuerstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, "als und mit
russischen Adlern(3)".

Es versteht sich von selbst, dass Harry Blount sich des jungen Maedchens
wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen
Unterhaltungsgegenstaende, ueber welche er mit seinem Gefaehrten nicht gern
plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei
Sachen auf einmal zu thun.

Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge
Lieflaenderin wohl sein moege, antwortete er ganz ernsthaft und mit
halbgeschlossenen Augen:

"Welche junge Lieflaenderin?

-- Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff's.

-- Das ist seine Schwester?

-- Nein, seine Grossmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma
ausser Fassung brachte. -- Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?

-- Waere ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so wuerde ich es wissen!"
antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen
wollte.

Der Landstrich, durch den die beiden Tarantass dahinrollten, war fast
vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht
bewoelkt, die Temperatur ertraeglich. Mit besser auf Federn befestigten
Wagen haetten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie
kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell
vorwaerts.

Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwaertigen
Verhaeltnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar
keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche
Bauern eine beruehmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt
ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige
verlassene Doerfer die Annaeherung der tartarischen Heerhaufen. Die
Einwohner waren unter Mitfuehrung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und
Pferden nach den noerdlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene
Staemme der grossen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls ueber den
Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Pluenderungen der Eindringlinge zu
entgehen.

Gluecklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Stoerung, so wenig
wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch
reichte. Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den
vorschriftsmaessigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die
Beamten an ihren Schaltern zur Befoerderung der aufgegebenen Telegramme,
welche hoechstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzoegerung
erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen
ausgiebigen Gebrauch.

Bis hierher ging Michael Strogoff's Reise also unter befriedigenden
Umstaenden von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends
verspaetet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan ueber
Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch
sicher, vor ihnen und in der kuerzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in
Irkutsk anzulangen.

Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantass Jekaterinenburg verliessen,
erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach
Zuruecklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne dass sich dabei ein irgend
nennenswerther Zufall ereignet haette.

Dort wurde dem Fruehstueck ein halbes Stuendchen gegoennt. Gleich darauf
eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das
Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklaerlich machte.

Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst
weiter in Tiumen an.

Tiumen, dessen normale Bevoelkerung gegen 10,000 Seelen zaehlt, beherbergte
jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, uebrigens das erste von den
Russen in Sibirien gegruendete Industriestaedtchen, dessen schoene
metallurgische Werkstaetten und Glockengiessereien weithin bekannt sind, bot
noch nie vorher einen so belebten Anblick.

Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach
Neuigkeiten. Was die sibirischen Fluechtlinge vom Kriegsschauplatze
mittheilten, klang nicht eben sehr troestlich.

Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan's naehere sich in
Eilmaerschen dem Thale des Ischim, und man bestaetigte mehrfach, dass der
Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten
werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz
richtig, dass die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens
gefuehrt werden wuerden.

Die russischen Truppen mussten ihrer Mehrzahl nach erst aus den
europaeischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu
entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu koennen. Dagegen bewegten
sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Maerschen auf Tomsk
zu und hofften die Tartarenschwaerme dort abzuschneiden.

Um acht Uhr Abends hatten die Tarantass weitere fuenfundsiebzig Werst
zurueckgelegt und kamen in Jalutorowsk an.

Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich ausserhalb der Stadt auf
einer Faehre den Tobolfluss. Sein sehr friedliches Gewaesser erleichterte
diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals,
und dann wohl unter minder guenstigen Umstaenden wiederholen musste.

Gegen Mitternacht wurde, fuenfundfuenfzig Werst weiter, der Flecken
Novo-Saimsk erreicht und nun liessen die Reisenden endlich den leicht
wellenfoermigen Boden mit seinen waldbedeckten Huegeln, den letzten Wurzeln
der Uralberge, hinter sich.

Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis
in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne
Grenzen, eine Art mit Graesern bestandener Wueste, an deren Umfang sich
Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen beruehrten.
Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die
Telegraphenpfaehle zu beiden Seiten der Strasse, laengs der die Draehte leise,
wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen.
Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den
feinen Staub, der unter den Raedern der Tarantass aufwirbelte. Ohne dieses
weissliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, haette man
geglaubt, in der Wueste zu sein.

Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefaehrten mit noch
groesserer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten
kein besonderes Hinderniss zu ueberwinden, und der Weg verschwand sichtbar
hinter ihnen. Die Tarantass flogen direct auf Ischim zu, woselbst die
beiden Correspondenten zunaechst bleiben wollten, wenn kein besonderer
Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.

Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am
Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurueckgelegt sein,
vorausgesetzt, dass man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der
Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich grosse Herren
oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht auch nur in
der Freigebigkeit bezueglich der vertheilten Trinkgelder begruendet sein.

Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantass in der
That nur noch dreissig Werst von Ischim.

Da bemerkte Michael Strogoff auf der Strasse und vor einer wallenden
Staubwolke kaum sichtbar, dass noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da
seine weniger ermuedeten Pferde sehr schnell liefen, musste er diesen
offenbar bald einholen.

Jenes war weder ein Tarantass, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche;
ueber und ueber mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich
zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gaeule los und suchte
sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline
hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie musste auf die Strasse nach
Irkutsk ueber irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.

Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie
Alle nur den naemlichen Gedanken, sie zu ueberholen, vor ihr beim Relais
anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes
an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der
von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.

Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.

Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.

Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er
indessen voruebereilte, so hoerte er den Fremden doch mit befehlendem Tone
ihm zurufen:

"Anhalten!"

Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell
ueberholt.

Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf
der voruebersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline
gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke
verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weisslich-grauen Masse
erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit
den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.

Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im
Vorsprung, - ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das
Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das
verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach
einander, wohl zu leisten vermochte.

Eine halbe Stunde spaeter sah man die weit ueberholte Berline kaum noch als
ein Puenktchen am Horizonte der Steppe.

Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantass am Posthause, gleich am
Eingange der Stadt Ischim anlangten.

Die Nachrichten ueber den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die
Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen
bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehoerden auf
Tobolsk zurueckgezogen. Ischim besass jetzt weder einen Beamten noch einen
Soldaten.

Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais fuer sich
frische Pferde.

Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline noch auszustechen. Gerade
drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die
andern lagen erschoepft von irgend einem kurz zuvor zurueckgelegten langen
Wege in den Stallungen.

Der Postmeister gab Befehl, den Tarantass zu bespannen.

Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige
Weiterbefoerderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es fuer gerathen hielten,
vorlaeufig in Ischim zu verweilen; sie liessen also nur ihren Wagen in einer
Remise des Posthofes unterbringen.

Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die
Meldung, dass sein Tarantass zum Abfahren bereit sei.

"Gut", erwiderte er.

Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.

"Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl
die Zeit des Abschieds fuer uns gekommen.

-- Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht
ein Stuendchen lang auch in Ischim aufhalten?

-- Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu
haben, bevor die von uns ueberholte Berline hier eintrifft.

-- Fuerchten Sie, dass der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde
streitig machen koennte?

-- Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.

-- Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, haetten wir nur nochmals fuer
den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie fuer das Vergnuegen, welches es
uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.

-- Es ist uebrigens moeglich, setzte Harry Blount hinzu, dass wir uns nach
Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.

-- Das koennte wohl sein, bestaetigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin
abgehe.

-- Also glueckliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und
Gott bewahre Sie vor allen Telegs."

Die beiden Correspondenten ergriffen die Haende Michael Strogoff's, um sie
ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu druecken, als von draussen das
Heranrollen eines Wagens hoerbar wurde.

Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebaeudes stuermisch aufgerissen und
erschien in demselben eine maennliche Gestalt.

Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militaerischem Aussehen,
der gegen vierzig Jahre zaehlen mochte, von hoher, kraeftiger Gestalt,
maechtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen
Schnurrbart, der unmittelbar in den roethlichen Backenbart ueberging. Er
trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesaebel hing an seiner
Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.

"Pferde!" rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu
befehlen leicht heraushoerte.

-- Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfuegung, antwortete der
Postmeister mit einer hoeflichen Verbeugung.

-- Ich brauche solche aber im Augenblick.

-- Es ist unmoeglich.

-- Was sind das fuer Pferde, welche ich eben vor der Thuer des Relais an den
Tarantass gespannt sah?

-- Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit
einem Hinweis auf Michael Strogoff.

-- So spanne man sie wieder ab!..." sagte der Reisende in einem Tone, der
jeden Widerspruch fast abschnitt.

Michael Strogoff trat einen Schritt vor.

"Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.

-- Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwaerts - lebhaft! Ich habe keine Zeit zu
verlieren.

-- Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar", erwiderte Michael
Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Muehe zurueckhalten
konnte.

Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien aeusserlich ruhig und doch
fuerchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen
haette.

"Genug der Worte!" versetzte der fremde Reisende.

Dann wandte er sich an den Postmeister:

"Sie lassen jenen Tarantass wieder abschirren, rief er und bekraeftigte
seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor
meine Berline gespannt."

In seiner Verlegenheit wusste der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen
sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den
unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.

Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe
seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken musste,
nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde
seine Reise verzoegern, und ausserdem lag es ihm am Herzen, keinen
zwecklosen Streit zu provociren, der die Ausfuehrung seiner Mission haette
in Frage stellen koennen.

Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar
bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstuetzung anrufen sollte.

"Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben", sagte Michael Strogoff,
aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es fuer einen einfachen
sibirischen Kaufmann passend erschien.

Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine
Hand derb auf dessen Schulter fallen liess: "Also so steht es! Du weigerst
Dich, mir Deine Pferde abzutreten?

-- Gewiss, antwortete Michael Strogoff.

-- Nun gut, so werden sie dem gehoeren, der nachher noch im Stande ist
weiter zu reisen! Vertheidige Dich - ich schone Dich nicht!"

Bei diesen Worten riss der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide
und legte sich zum Fechten aus.

Nadia stuerzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.

Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.

"Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und
kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.

-- Du wirst Dich nicht schlagen?

-- Nein.

-- Auch hiernach nicht?" schrie der Reisende.

Und bevor man ihn zurueckhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche
Michael Strogoff's Schulter.

Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen
des jungen Mannes. Seine Haende hoben sich krampfhaft, als wollten sie den
rohen Gegner zermalmen. Nur mit aeusserster Anstrengung blieb er seiner
maechtig. Ein Duell, - das war mehr, als eine Verzoegerung, das konnte ihn
seine Mission gaenzlich verfehlen lassen!... Es schien ihm besser, einige
Stunden zu opfern!... Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!

"Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den
Raufbold eines weiteren Wortes zu wuerdigen, waehrend er dem Fremden aber
fest in's Auge sah.

-- Die Pferde fuer mich! Und augenblicklich!" herrschte Jener.

Er verliess mit diesen Worten das Zimmer.

Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den
Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick
zu.

Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten
hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders guenstig sein. Sie
erschienen sichtlich enttaeuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann liess
sich schlagen und forderte auch fuer eine solche rohe Beleidigung keine
Genugthuung! Sie gruessten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich
zurueck, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:

"Das haette ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Baeren des Ural
so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, dass der Muth
seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir
unverstaendlich. Uns Andern koennte hier vielleicht nur das Eine abgehen,
dass wir niemals Leibeigene gewesen sind."

Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Raedern und das Knallen einer
Peitsche, dass die mit den Pferden des Tarantass bespannte Berline das
Posthaus verliess.

Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd
in dem Wartesaale des Relais zurueck.

Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen
niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsaeule. Nur hatte
eine tiefe Roethe, welche einer Schamroethe dennoch nicht aehnlich sah, die
fruehere Blaesse seines Gesichtes verdraengt.

Fuer Nadia lag es ausser allem Zweifel, dass nur die gewichtigsten Gruende
einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich
ungestraft hingehen zu lassen.

Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in
Nishnij-Nowgorod genaehert hatte.

"Deine Hand, Bruder!" redete sie ihn an.

Dabei fing ihre Hand bei einer fast muetterlich-zaertlichen Bewegung eine
Thraene auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordraengte.




                           Dreizehntes Capitel.


                         Die Pflicht ueber Alles!


Nadia hatte es durchschaut, dass irgend ein wichtiges Geheimniss die
Handlungsweise Michael Strogoff's bestimmte, dass dieser, aus welchem
Grunde wusste sie nicht, sich nicht selbst angehoerte, nicht das Recht
hatte, ueber seine Person zu verfuegen, und dass er unter diesen Umstaenden
sich heroisch seiner Pflicht zum Opfer brachte, selbst gegenueber einer so
frechen, toedtlichen Beleidigung.

Nadia vermied es, von Michael Strogoff irgend eine Erklaerung zu
beanspruchen. Der Postmeister vermochte frische Pferde vor dem kommenden
Morgen nicht zu beschaffen; man musste demnach die ganze Nacht auf dem
Relais zubringen. Fuer Nadia hatte das den Vortheil, ihr einmal die so
noethige Ruhe nach den Strapazen der letzten Tage zu gewaehren. Es wurde fuer
sie also ein Zimmer zurecht gemacht.

Gewiss waere das junge Maedchen lieber bei ihrem Reisegefaehrten geblieben,
aber sie fuehlte doch auch die Nothwendigkeit, allein zu sein, und schickte
sich an, das fuer sie bestimmte Zimmer aufzusuchen.

Unmoeglich war es ihr aber, sich zurueck zu ziehen, ohne sich von Jenem
wenigstens zu verabschieden.

"Lieber Bruder ...", fluesterte sie noch einmal.

Aber Michael Strogoff unterbrach sie durch eine abwehrende Bewegung. Ein
Seufzer entrang sich der Brust des jungen Maedchens, und schweigend verliess
sie das Zimmer.

Michael Strogoff legte sich nicht nieder. Er haette unmoeglich Schlaf finden
koennen. Die Stelle seiner Schulter, welche die Peitsche des brutalen
Reisenden getroffen hatte, brannte ihm wie Feuer.

"Fuer das Vaterland und fuer dessen Vater!" murmelte er endlich am Schlusse
eines stillen Abendgebetes.

Jedenfalls empfand er aber eine unbesiegbare Begierde, zu wissen, wer der
Mann sein moege, der ihn zu schlagen gewagt hatte, woher er kaeme, wohin er
ginge. Die Gesichtszuege desselben hatten sich seinem Gedaechtniss so tief
eingepraegt, dass er nie zu befuerchten brauchte, dieselben zu vergessen.

Michael Strogoff liess den Postmeister rufen.

Dieser, ein Sibirier von altem Schlage, kam sofort, sah den jungen Mann
etwas ueber die Achsel an und erwartete dessen Begehren.

"Du bist selbst aus diesem Lande?

-- Ja.

-- Kennst Du den Mann, der meine Pferde nahm?

-- Nein.

-- Du hast ihn nie vorher gesehen?

-- Niemals.

-- Wer glaubst Du mochte jener Fremde sein?

-- Ein grosser Herr, der seinen Willen durchzusetzen weiss!"

Wie ein Dolchstoss traf Michael Strogoff's Blick den Sibirier bis in's
Herz, aber der Postmeister ruehrte die Augenlider nicht.

"Du unterstehst Dich, ueber mich abzuurtheilen? rief Michael Strogoff.

-- Ja, antwortete der Sibirier, denn es handelte sich hier um Dinge, die
auch ein einfacher Kaufmann nicht ohne Abwehr hinnimmt.

-- Den Schlag mit der Peitsche meinst Du?

-- Den Peitschenschlag, junger Mann! Ich bin in den Jahren und in der Lage,
Dir das sagen zu koennen."

Michael Strogoff naeherte sich dem Postmeister und legte ihm seine beiden
wuchtigen Haende auf die Schultern.

Dann sagte er mit besonders gemaessigter Stimme:

"Geh' Deines Weges, guter Freund! - Geh', ich koennte Dich umbringen!"

Diesmal hatte der Postmeister ihn nicht missverstanden. "So sehe ich Dich
lieber", sagte er noch halblaut.

Ohne ein weiteres Wort verliess er den Wartesaal.

Andern Tags, am 24. Juli, stand der Tarantass Morgens acht Uhr mit drei
muthigen Rossen bespannt bereit. Michael Strogoff und Nadia nahmen Platz,
und Ischim, fuer Beide eine Stadt mit so betruebender Erinnerung, verschwand
bald hinter einer Biegung der Strasse.

Auf den verschiedenen Relais, welche Michael Strogoff im Laufe des Tages
beruehrte, konnte er sich ueberzeugen, dass die Berline ihm immerfort auf dem
Wege nach Irkutsk vorausfuhr und dass der Reisende, der es offenbar ebenso
eilig hatte wie er, keinen Augenblick verlor, die Steppe zu durchjagen.

Gegen vier Uhr Abends musste, fuenfundsiebzig Werst weiter, bei der Station
Abatskaja, der Ischimfluss, einer der bedeutendsten Nebenarme des Irtysch,
ueberschritten werden.

Die Ueberfahrt war etwas schwieriger, als jene ueber den Tobol. Die
Stroemung des Ischim ist naemlich gerade an dieser Stelle eine besonders
heftige. Waehrend des sibirischen Winters sind alle diese Steppenfluesse,
welche der Frost mit mehrere Fuss dickem Eise belegt, leicht zu passiren;
ihr Bett verschwindet dann unter der ungeheuren weissen Decke, welche sich
ueber die ganze Haelfte des groessten Erdtheils lagert; im Sommer koennen sie
dagegen dem Verkehr nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten.

Zwei volle Stunden gingen mit der Ueberfahrt ueber den Ischim hin, - zwei
Stunden, welche Michael Strogoff schon an sich fast zur Verzweiflung
brachten, noch viel mehr aber, als die Ruderknechte ihm sehr beunruhigende
Nachrichten von dem Tartareneinfalle mittheilten.

Diese lauteten etwa folgendermassen:

Einzelne Plaenkler von Feofar-Khan's Truppen waren schon an beiden Ufern
des unteren Ischim, in den suedlichen Landstrichen des Gouvernements
Tobolsk erschienen. Omsk war sehr bedroht. Man sprach unter der Hand von
einem Treffen zwischen den sibirischen und tartarischen Heerhaufen an der
Grenze des Gebietes der grossen Kirghisenhorde, - ein Treffen, das fuer die
auf diesem Punkte viel zu schwachen Russen nicht zum Vortheile ausgefallen
sein konnte, denn deren Truppen wandten sich zum Rueckzug, der gleichzeitig
eine allgemeine Auswanderung der in jenen Gegenden ansaessigen Bauern zur
Folge hatte. Man erzaehlte sich von haarstraeubenden Frevelthaten der
Eindringlinge, von Pluenderungen, Diebstaehlen, Brandstiftungen und
Mordthaten. Das war die gewohnte Kriegfuehrung der Tartaren. Von allen
Seiten suchte man also den Vortruppen Feofar-Khan's zu entfliehen. Bei
dieser Entvoelkerung der Flecken und Doerfer fuerchtete Michael Strogoff vor
Allem, dass es ihm an den noethigen Vorspannpferden zur Weiterreise fehlen
koenne. Er beeilte also seine Ankunft in Omsk auf jede moegliche Weise.
Jenseits dieser Stadt schien es eher moeglich, den tartarischen Plaenklern,
die laengs des Irtysch herabkamen, zuvor zu kommen und die noch freie
Strasse nach Irkutsk zu erreichen.

Der Tarantass ueberschritt den Fluss uebrigens gerade am Ende der Stelle,
welche man in der Militaersprache als "die Ischimsperre" bezeichnet, eine
Reihe von hoelzernen Thuermen und Fortificationsanlagen, die sich von der
suedlichen Grenze Sibiriens in einer Laenge von 400 Werst (= 427 Kilometer)
nach Norden ausdehnt. Sonst waren die Blockhaeuser u. s. w. von
Kosakenabtheilungen besetzt und sicherten die Umgebung ebenso wohl gegen
Uebergriffe der Kirghisen, wie gegen solche der Tartaren. Als die
moskowitische Regierung diese Horden aber fuer vollstaendig unterworfen
hielt, hatte man sie verlassen, und sie konnten nun nichts mehr nuetzen,
obschon sie gerade jetzt haetten recht vortheilhaft vertheidigt werden
koennen. Der groesste Theil dieser Blockhaeuser lag in Asche, und einige
Rauchwolken, auf welche die Ruderer Michael Strogoff aufmerksam machten,
bezeugten, am fernen Horizonte aufziehend, die Annaeherung der tartarischen
Vorhut.

Sobald die Faehre den Tarantass nebst Bespannung an das rechte Flussufer
befoerdert hatte, ward der Weg durch die Steppe in moeglichster
Geschwindigkeit weiter fortgesetzt.

Es war sieben Uhr Abends, der Himmel gleichmaessig verschleiert. Wiederholt
fiel ein kurzer, aber heftiger Regen, der den Vortheil hatte, den Staub zu
loeschen und den Weg eher zu bessern.

Von dem Relais in Ischim aus verharrte Michael Strogoff in truebem
Schweigen, ohne dass er deshalb die gewohnte Sorgfalt aus den Augen verlor,
Nadia die Anstrengungen einer solchen Fahrt ohne Ruhe und Rast moeglichst
zu erleichtern, wenn auch nie eine Klage ueber des jungen Maedchens Lippen
kam. Wie gern haette sie den Pferden des Tarantass Fluegel verliehen! Ein
unbekanntes Etwas rief ihr zu, dass ihr Begleiter wohl noch mehr Eile habe,
in Irkutsk anzukommen, als sie selbst; und wie viele Werst trennten sie
jetzt noch von diesem Ziele!

In ihr stieg auch der Gedanke auf, dass bei einer Besetzung von Omsk durch
die Tartaren Michael Strogoff's alte Mutter, welche ja in dieser Stadt
wohnte, manchen Gefahren ausgesetzt war, die ihren Sohn auf's
schmerzlichste beunruhigen mussten, und dass hierin wohl ein hinreichender
Erklaerungsgrund zu finden sei fuer seine Ungeduld, moeglichst schnell bei
ihr einzutreffen.

Nadia hielt es also fuer gerathen, gelegentlich von der alten Marfa zu ihm
zu sprechen, von der Vereinsamung, in der sie sich inmitten dieser so
ernsthaften Ereignisse befand.

"Du hast seit dem Anfange des Tartareneinfalles von Deiner Mutter keine
Nachricht erhalten? fragte sie.

-- Nein, Nadia. Der letzte Brief meiner Mutter datirt schon von vor zwei
Monaten, dieser enthielt jedoch nur guenstige Nachrichten. Marfa ist eine
energische Frau, eine Sibirierin mit offenem Auge. Trotz ihres Alters
bewahrte sie bis jetzt noch ihre ganze moralische Energie. Sie weiss sich
auch in missliche Umstaende zu schicken.

-- Ich werde sie besuchen, Bruder, versetzte lebhaft das junge Maedchen. Da
Du mir den Namen Schwester gegeben hast, bin ich auch Marfa's Tochter!"

Michael Strogoff antwortete nicht sofort.

"Vielleicht hat Deine Mutter Omsk schon verlassen koennen? fuegte sie hinzu.

-- Das ist wohl moeglich, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und ich hoffe
sogar, dass es ihr schon gelungen ist, in Tobolsk Zuflucht zu suchen. Die
alte Marfa ist von Hass gegen die Tartaren erfuellt. Sie kennt die Steppe,
sie hat keine Furcht, und ich wuenschte, sie haette ihren Stab ergriffen und
waere laengs des Irtysch nach Norden gewandert. In der Provinz giebt es
keinen Ort, der ihr unbekannt waere. Wie oft hat sie das ganze Land an der
Seite meines alten Vaters durchzogen, und wie oft bin ich, selbst noch als
Kind, bei ihnen gewesen auf diesen Jagdzuegen durch die sibirische
Wuestenei! Gewiss, Nadia, ich hoffe, meine Mutter wird Omsk gluecklich
verlassen haben.

-- Und wann denkst Du sie wieder zu sehen?

-- Jedenfalls ... auf der Rueckreise.

-- Wenn Deine Mutter aber noch in Omsk waere, wirst Du ein Stuendchen opfern,
sie zu umarmen?

-- Ich werde nicht erst zu ihr gehen.

-- Du willst sie nicht einen Augenblick sehen?

-- Nein, Nadia ...! entgegnete Michael Strogoff, dessen Brust sich muehsam
hob und der wohl einsah, dass er die Fragen des jungen Maedchens noch weiter
zu beantworten nicht im Stande sei.

-- Du sagst: Nein! Ach, Bruder, welche Ursachen koennten Dich, wenn Deine
Mutter in Omsk ist, hindern sie zu sehen und zu besuchen?

-- Welche Ursachen, Nadia? Du fragst mich nach den Gruenden meiner
Handlungsweise! rief Michael Strogoff mit einer so auffallend veraenderten
Stimme, dass das junge Maedchen fast dabei erzitterte. Aber wegen der
Ursachen, die mich meinen Zorn ueberwinden liessen gegenueber jenem Elenden,
dessen ..."

Er konnte den Satz nicht vollenden, die Zunge versagte ihren Dienst.

"Beruhige Dich, mein Bruder, redete ihn Nadia mit sanftester Stimme zu.
Ich weiss nur Eines, oder vielmehr ich weiss es nicht, aber ich fuehle es,
dass jetzt nur ein Gefuehl Dich ganz und gar beherrscht, das Gefuehl einer
noch heiligeren Pflicht, als die, welche den Sohn gegen die Mutter
bindet!"

Nadia schwieg und vermied auch von diesem Augenblicke ab jedes Gespraech,
welches zu der gegenwaertigen eigenthuemlichen Lage Michael Strogoff's
irgend Bezug haben konnte. Hier lag ein Geheimniss, gewiss ein wichtiges,
vor. Sie achtete es aufrichtig.

Am andern Tage, dem 25. Juli, langte der Tarantass um drei Uhr frueh bei dem
Postrelais zu Tjukalinsk an, nachdem er von der Ueberfahrtsstelle am
Ischim gegen 120 Werst zurueckgelegt hatte.

Schnell wurden die Pferde gewechselt. Indess erhob hier zum ersten Male der
Jemschik Einspruch gegen die Weiterfahrt mit dem Bemerken, dass
Tartarenabtheilungen durch die Steppe streiften und dass Reisende, Pferde
und Wagen fuer jenes Raubgesindel eine erwuenschte Beute sein wuerden.

Michael Strogoff besiegte den Widerwillen des Jemschiks nur mit klingender
Muenze, denn in diesem wie in mehreren anderen Faellen wollte er von seinem
Podaroshna keinen Gebrauch machen. Der letzte, durch den Telegraphen
uebermittelte Ukas war in den sibirischen Provinzen bekannt, und auf einen
Russen lenkte sich dadurch, dass er von der Befolgung der in jenem
enthaltenen Vorschriften speciell dispensirt war, schon die allgemeine
Aufmerksamkeit, die der Courier des Czaar doch vor Allem zu vermeiden
suchte. Sollten die ausgesprochenen Befuerchtungen des Jemschiks vielleicht
nur daher ruehren, dass der Schlaukopf seine Rechnung auf die Ungeduld des
Reisenden gruendete? Oder war in der That jetzt ein unliebsames Abenteuer
zu befuerchten?

Endlich fuhr der Tarantass ab und bewegte sich mit einer solchen
Schnelligkeit weiter, dass er um drei Uhr Nachmittags Kulatsinskoe, in
einer Entfernung von 80 Werst, gluecklich erreichte. Eine Stunde spaeter
befand er sich an dem Ufer des Irtysch. Omsk lag von hier aus nur noch 20
Werst entfernt.

Dieser Irtysch ist ein bedeutender Strom, eine der sibirischen
Hauptarterien, die ihre Waesser nach dem Norden Asiens hinabrollen.
Entsprungen in den Altaibergen, wendet er sich schraeg von Suedosten nach
Nordwesten und muendet zuletzt, nach einem Stromlaufe von 700 Werst, in den
Obi ein.

Zu dieser Zeit des Jahres, der Periode des Hochwassers aller Stroeme der
sibirischen Niederung, war auch der Wasserstand des Irtysch ein
ungewoehnlich hoher, so dass die heftige, fast reissende Stroemung die
Ueberschreitung des Flusses ziemlich schwierig machte. Auch der beste
Schwimmer haette sich wohl nicht hindurch zu arbeiten vermocht; ja, selbst
eine Faehre, das einzige Mittel zur Ueberfahrt ueber den Irtysch, bot jetzt
einige Gefahren.

Diese Gefahren aber konnten, ebenso wenig wie alle anderen, Michael
Strogoff und Nadia auch nur einen Augenblick aufhalten, da Beide
entschlossen waren, all' und jedem Hinderniss ohne Besinnen zu trotzen.

Inzwischen machte Michael Strogoff seiner jungen Begleiterin den
Vorschlag, erst allein ueber den Fluss zu gehen, indem er sich auf der mit
dem Fuhrwerk und der Bespannung beladenen Faehre einschiffen wollte, denn
er fuerchtete, dass das Gewicht dieser Ladung die Sicherheit der Faehre
einigermassen in Frage stellen koenne. Nachdem er Pferde und Wagen am
jenseitigen Ufer gelandet, wollte er zurueckkehren, um Nadia abzuholen.

Nadia verweigerte diese Ruecksichtnahme, welche eine volle Stunde
Zeitverlust veranlasst haette, und sie wollte um ihrer persoenlichen
Sicherheit halber nie die Ursache einer Verzoegerung sein.

Die Einschiffung ging nicht gar so leicht von statten, denn das Ufer stand
jetzt theilweise unter Wasser und die Faehre konnte in Folge dessen nicht
so nahe anlegen.

Nach halbstuendiger Anstrengung brachte der Faehrmann den Tarantass und die
drei Pferde gluecklich auf dem Fahrzeug unter. Michael Strogoff, Nadia und
der Jemschik schifften sich ein, und man stiess nun vom Ufer.

Waehrend der ersten Minuten ging Alles ganz gut. Der Strom des Irtysch, der
sich weiter stromauf an einer weit vorspringenden Landzunge brach, bildete
hier eine Art Wirbel, welchen die Faehre leicht ueberwand. Die beiden
Schiffer stiessen das Fahrzeug mit zwei langen Stangen, deren sie sich sehr
geschickt bedienten, vorwaerts; je mehr sie sich aber der Mitte des Stromes
naeherten, desto mehr vertiefte sich dessen Bett, so dass von den Stangen
kaum noch der obere Theil frei blieb, auf den jene sich mit der Schulter
stemmten. Dieser Kopf der Stange ragte zuletzt kaum noch einen Fuss aus dem
Wasser, was die Arbeit der Leute natuerlich nicht wenig erschwerte.

Michael Strogoff und Nadia hatten im hinteren Theile der Faehre Platz
genommen und beobachteten, immer in der Furcht eine Verzoegerung zu
erleiden, aufmerksam die Anstrengungen der Bootsfuehrer.

"Achtung!" rief da der Eine hastig seinem Kameraden zu.

Diesen Zuruf veranlasste eine unerwartete Wendung der Faehre, welche mit
grosser Geschwindigkeit vor sich ging. Sie ward direct von der Stroemung des
Flusses ergriffen und von dieser stromabwaerts mit fortgerissen. Es
handelte sich also darum, durch geschickte Handhabung der Stangen die
Faehre wieder in schraege Linie gegen die Richtung der Wellenbewegung zu
bringen. Die Bootsfuehrer liessen nichts unversucht, und es gelang ihnen,
wenn auch mit einiger Muehe, die Direction des Fahrzeugs wieder zu
veraendern und nach dem rechten Ufer zu etwas an Weg zu gewinnen.

Man konnte schon mit Sicherheit berechnen, dass das Faehrboot fuenf bis sechs
Werst stromab von der Abfahrtsstelle das Ufer erreichen wuerde, was ja
nicht von zu grosser Bedeutung war, wenn nur Menschen und Thiere gluecklich
das Land erreichten.

Die beiden Bootsfuehrer, kraeftige Maenner, welche noch das Versprechen eines
reichlichen Faehrgeldes besonders antrieb, setzten nicht den mindesten
Zweifel in das glueckliche Ueberschreiten des angeschwollenen Irtysch.

Dabei liessen sie freilich einen Zwischenfall ausser Acht, den sie unmoeglich
voraussehen konnten, und weder ihr Eifer noch ihr Geschick haetten eben
gegen diesen etwas auszurichten vermocht.

Die Faehre befand sich inmitten der Stroemung, etwa in gleicher Entfernung
von beiden Ufern, und schwamm mit der Schnelligkeit von zwei Werst in der
Stunde mit jener thalabwaerts, als Michael Strogoff sich erhob und mit
gespannter Aufmerksamkeit die Blicke stromaufwaerts richtete.

Er bemerkte in dieser Richtung einige Barken, die der Strom mit ungeheurer
Schnelligkeit herabtrug, denn zu der der Wasserbewegung gesellte sich noch
der Druck der Ruder, mit denen sie ausgeruestet waren.

Auf Michael Strogoff's Stirn bildeten sich ploetzlich einige Falten und ein
leiser Schrei kam unwillkuerlich ueber seine Lippen.

"Was giebt es?" fragte das junge Maedchen.

Aber bevor Michael Strogoff noch Zeit fand zu antworten, rief einer der
Bootsfuehrer mit erschrockener Stimme:

"Die Tartaren! Die Tartaren!"

Wirklich glitten einige von Bewaffneten besetzte Barken den Irtysch in
groesster Schnelligkeit hinab und mussten binnen wenigen Minuten die Faehre
erreichen, welche viel zu tief im Wasser ging, um jenen schnell genug
entweichen zu koennen.

Erschreckt durch diesen Anblick schrieen die Faehrleute verzweifelt auf und
verliessen ihre Bootshaken.

"Muth, Muth, Freunde! rief ihnen Michael Strogoff zu! Fuenfzig Rubel sind
euer, wenn wir das Ufer noch vor der Ankunft jenes Raubgesindels
erreichen!"

Dieses Versprechen belebte noch einmal die kleinmuethigen Faehrleute so
weit, dass sie mit dem Aufgebot aller Kraefte die scharfe Stroemung zu
durchschneiden suchten, aber dennoch zeigte sich bald die Unmoeglichkeit,
vor Ankunft der Tartaren zu landen.

Wuerden diese nun vorueberfahren, ohne die Faehre und ihre Insassen zu
belaestigen? Wahrscheinlich nicht! Im Gegentheil hatte man von diesen
Barbaren Alles zu fuerchten.

"Hab' keine Furcht, Nadia, sagte Michael Strogoff, aber bereite Dich vor
auf Alles!

-- Ich bin es, antwortete Nadia.

-- Selbst Dich in den Fluss zu stuerzen, wenn ich es verlangte?

-- Auf Dein erstes Wort.

-- Vertraue mir, Nadia.

-- Ich vertraue Dir stets."

Die Tartarenboote schwammen jetzt nur noch in einer Entfernung von hundert
Schritten daher. Sie trugen eine Abtheilung bukharischer Soldaten, welche
offenbar eine Recognoscirung von Omsk beabsichtigten.

Die Faehre befand sich jetzt noch zwei Schiffslaengen weit vom Ufer. Die
Schiffer verdoppelten ihre Anstrengungen. Auch Michael Strogoff sprang
ihnen noch bei und ergriff einen Bootshaken, den er mit uebermenschlicher
Kraft handhabte. Vermochte er den Tarantass noch auszuschiffen und im Galop
davon zu fahren, so schimmerte ihm doch noch einige Hoffnung, den nicht
berittenen Tartaren zu entgehen.

Aber alle Muehe, alle Anstrengung sollte vergeblich sein!

"_Sarin na kitschu!_" riefen die Soldaten aus dem ersten Boote.

Michael Strogoff verstand das Kriegsgeschrei der tartarischen Piraten, auf
das es keine andere Antwort gab, als sich platt auf den Boden zu werfen.

Und da weder er selbst noch die Bootsfuehrer diesem Befehle gehorchten,
knatterte eine kraeftige Gewehrsalve, von der zwei der Pferde toedtlich
getroffen wurden.

Da - in diesem Augenblick, - folgte auch ein heftiger Stoss: die Barken
waren an der Langseite der Faehre angelangt.

"Komm, Nadia!" rief Michael Strogoff, bereit sich mit ihr ueber Bord zu
stuerzen.

Eben wollte das junge Maedchen ihm nachfolgen, als Michael Strogoff von
einem Lanzenstosse getroffen in den Strom fiel. Das Wasser riss ihn mit weg;
einen Augenblick noch kaempften seine Arme ueber den Fluthen, dann
verschwand er unter den wirbelnden Wellen.

Nadia hatte es mit einem Schrei gesehen; doch bevor sie noch Zeit gewann,
sich Michael Strogoff nachzustuerzen, ward sie ergriffen, weggeschleppt und
in eines der Boote gefangen gesetzt.

Einen Augenblick nachher fielen die Bootsfuehrer, von Lanzenstichen
durchbohrt, und die Faehre trieb steuerlos weiter, waehrend die Tartaren den
Lauf des Irtysch weiter stromab ruderten.




                           Vierzehntes Capitel.


                             Mutter und Sohn.


Omsk ist die officielle Hauptstadt des westlichen Sibiriens. Es ist zwar
nicht die bedeutendste Stadt des gleichnamigen Gouvernements, da Tomsk
mehr Einwohner zaehlt und einen betraechtlicheren Umfang hat, in Omsk
residirt jedoch der Generalgouverneur dieser ersten Haelfte des asiatischen
Russlands.

Omsk besteht genau genommen aus zwei verschiedenen Staedten, von denen die
eine ausschliesslich von den Behoerden eingenommen und von den zugehoerigen
Beamten bewohnt ist, waehrend die andere vorzueglich die sibirischen
Kaufleute, deren Handelsbeziehungen freilich von keiner besonderen
Bedeutung sind, beherbergt.

Die Einwohnerzahl dieser Stadt mag sich auf 12-13,000 Seelen belaufen. Sie
wird durch eine von Bastionen verstaerkte Umwallung vertheidigt; freilich
bestehen diese Befestigungen nur aus Erdwerken und bieten nur einen sehr
unzulaenglichen Schutz. Die Tartaren gingen, wohl bekannt mit obiger
Sachlage, eben jetzt daran, die Stadt durch einen Sturmangriff in ihre
Gewalt zu bringen, was ihnen auch nach einer Einschliessung von nur wenigen
Tagen gelingen sollte.

Die kaum 2000 Mann zaehlende Besatzung von Omsk hatte mannhaften Widerstand
geleistet. Das obere Quartier von Omsk war hierbei in eine Art Citadelle
umgewandelt, die Haeuser und Kirchen mit Schiessscharten versehen worden,
und in diesem improvisirten Kreml hielten sich die Truppen zur Zeit noch,
trotz der mangelnden Aussicht auf eine baldige Entsetzung. Die
tartarischen Truppen dagegen erhielten unter Benutzung des Wasserweges auf
dem Irtysch tagtaeglich neuen Zuzug und wurden, - hier ein besonders
wichtiger Umstand, - von einem Officier angefuehrt, der zwar ein Verraether
an seinem Vaterlande, aber doch ein Mann von hohem Verdienste und
beispielloser Kuehnheit war.

Iwan Ogareff befehligte die feindlichen Schaaren.

Iwan Ogareff, ebenso furchtbar, wie der Tartarenchef, den er vorwaerts
draengte, zeichnete sich durch tiefe militaerische Kenntnisse aus. In seinen
Adern rollte, ein Erbtheil von seiner Mutter, welche von asiatischer
Herkunft war, auch etwas mongolisches Blut; er liebte jede List, legte
gern Hinterhalte und schreckte vor keinem Mittel zurueck, wenn es ihm
darauf ankam, dem Gegner eine Falle zu stellen. Arglistig von Natur,
bediente er sich bald der gemeinsten Verkleidungen und trat gelegentlich
selbst als Bettler auf, wobei ihn seine ausserordentliche Geschicklichkeit
der Verstellung des aeussern Ansehens und des ganzen Benehmens wesentlich
unterstuetzte. Dabei befaehigte ihn seine Grausamkeit, im Nothfall den
Henker selbst zu spielen. Feofar-Khan besass in ihm einen Stellvertreter,
der es vollkommen verdiente, ihm bei jenem wilden Kriegszuge beizustehen.

Als Michael Strogoff an den Ufern des Irtysch anlangte, war Iwan Ogareff
schon Herr in Omsk und beeilte die Belagerung des hoeher gelegenen
Stadtviertels um so mehr, als er Eile hatte, sich nach Tomsk zu begeben,
wo sich die Hauptmacht der Tartarenhorden concentrirte.

Tomsk war naemlich vor einigen Tagen in Feofar-Khan's Haende gefallen und
von hier aus wollten die Eindringlinge, nach der Besitznahme der
centralsibirischen Gebiete, nach Irkutsk aufbrechen.

Irkutsk bildete das eigentliche Ziel Iwan Ogareff's.

Der Plan des erbaermlichen Verraethers ging dahin, sich dem Grossfuersten
daselbst unter falschem Namen anzuschliessen, sein Vertrauen zu
erschleichen und ihn zur gegebenen Stunde sammt der Stadt den Tartaren in
die Haende zu liefern.

Mit dieser Stadt und einer solchen Geissel im Besitz musste das ganze
asiatische Sibirien in die Gewalt der Eindringlinge kommen.

Wir wissen ja von frueher, dass dieser Anschlag zur Kenntniss des Czaaren
gelangt war, und um ihn zu vereiteln, hatte man Michael Strogoff mit der
hochwichtigen Mission betraut. Deshalb erhielt der junge Mann seiner Zeit
auch die gemessensten Befehle, das von den Feinden ueberschwemmte Land
unter falschem Namen zu durchreisen.

Bis hierher hatte er seine Mission getreulich erfuellt - wuerde er sie aber
auch jetzt noch ebenso zu Ende fuehren koennen?

Der Lanzenstoss, den Michael Strogoff empfing, war nicht toedtlich gewesen.
Unter dem Wasser schwimmend erreichte er ungesehen das rechte Flussufer und
brach in dem Gebuesch daselbst kraftlos zusammen.

Als er wieder zum Bewusstsein kam, sah er sich zu seiner Verwunderung in
der Huette eines Mujik, der ihn aufgehoben und verpflegt hatte, und dem er
zunaechst die Rettung seines Lebens dankte. Seit wie lange mochte er der
Gast des braven Sibiriers sein? - er vermochte sich darueber keine
Rechenschaft zu geben. Als er die Augen oeffnete, bemerkte er ueber sich ein
baertiges, aber freundliches Gesicht, auf dem ein theilnehmendes Laecheln
spielte. Schon wollte er fragen, wo er sich befinde, als der besorgte
Mujik ihm zuvorkam:

"Sprich nicht, Vaeterchen, sprich nicht! Du bist noch zu schwach. Ich werde
Dir sagen, wo Du bist, und erzaehlen, was sich zugetragen hat, seitdem ich
Dich in mein Haeuschen schaffte."

Der redliche Landmann erzaehlte hierauf den Verlauf des kurzen Kampfes,
dessen Augenzeuge er zufaellig geworden, den Angriff der Tartarenboote, die
Pluenderung des Tarantass, die Ermordung der Faehrleute ...

Doch darauf hoerte Michael Strogoff kaum, er fuhr mit der Hand unter seine
Kleidung und fuehlte den kaiserlichen Brief noch immer unversehrt auf
seiner Brust.

Er athmete auf, noch war er indess nicht jeder Sorge ledig.

"Mich begleitete ein junges Maedchen, sagte er.

-- Sie wurde nicht getoedtet! antwortete der Mujik, der die Unruhe zu
beschwichtigen suchte, die aus den Augen seines Pflegebefohlenen
leuchtete. In einer Barke haben sie jene entfuehrt, als sie den Irtysch
weiter stromab ruderten! Sie ist jetzt eine Gefangene mehr, welche man mit
ihren Leidensgefaehrtinnen nach Tomsk schleppt!"

Michael Strogoff konnte keine Sylbe erwidern, er presste seine Hand auf's
Herz, um dessen stuermisches Klopfen zu bewaeltigen.

Und doch, trotz aller Pruefungen, beherrschte nur ein Gefuehl seine ganze
Seele, das Gefuehl seiner heiligen Pflicht.

"Wo bin ich? fragte er.

-- Auf dem rechten Ufer des Irtysch und nur fuenf Werst von Omsk entfernt,
antwortete ihm der Mujik.

-- Was fuer eine Wunde empfing ich damals, dass sie mich so lange
besinnungslos machen konnte? Vielleicht einen Flintenschuss?

-- Nein, einen jetzt vernarbten Lanzenstich am Kopfe, erwiderte der Mujik.
Nach einigen Tagen der Ruhe, Vaeterchen, wirst Du, denk' ich, Deinen Weg
fortsetzen koennen. Du warst in's Wasser gestuerzt. Die Tartaren haben Dich
weder beruehrt noch gepluendert; auch Deine Boerse steckt noch in Deiner
Tasche."

Michael Strogoff reichte dem ehrlichen Bauer die Hand. Dann richtete er
sich mit einer ploetzlichen Anstrengung auf und fragte:

"Wie lange liege ich schon in Deinem Hause, guter Freund?

-- Seit drei Tagen.

-- Drei ganze Tage verloren!

-- Drei Tage, waehrend der Du bewusstlos dalagst.

-- Kannst Du mir ein Pferd verkaufen?

-- Du willst weiter reisen?

-- Womoeglich noch diesen Augenblick.

-- Ich habe weder ein Pferd, noch einen Wagen, Vaeterchen. Wo die Tartaren
vorueber zogen, da ist von solchen Dingen nichts uebrig geblieben.

-- So werde ich nach Omsk zu Fuss gehen muessen, um dort ein Pferd zu kaufen.

-- Pflege Dich nur noch einige Stunden, dann wirst Du besser im Stande
sein, Deinen Weg fortzusetzen.

-- Keine Stunde laenger!

-- So komm, antwortete der Mujik, da er einsah, dass er vergeblich dem
festen Willen seines Gastes entgegen trat. Ich werde Dir selbst das Geleit
geben, fuegte er hinzu. Uebrigens befinden sich noch viele Russen in Omsk
und vielleicht gelangst Du noch unbemerkt hindurch.

-- Vergelte Dir der Himmel, wackrer Freund, erwiderte Michael Strogoff,
lohne er Dir, was Du Alles fuer mich gethan hast!

-- Eine Belohnung! versetzte der Mujik, nur die Thoren erwarten eine solche
auf der Erde."

Michael Strogoff trat aus der Huette. Als er gehen wollte, uebermannte ihn
ein so heftiger Schwindel, dass er ohne die hilfreiche Unterstuetzung des
Bauern wohl umgesunken waere, aber bald staerkte ihn der Genuss der freien
Luft sichtlich. Jetzt fuehlte er erst die Nachwehen jenes gegen seinen Kopf
gefuehrten Stosses, dessen Heftigkeit seine Pelzmuetze gluecklicher Weise
gebrochen hatte. Bei der bekannten, ihm innewohnenden Energie war er nicht
der Mann, sich viel um diese Kleinigkeit zu kuemmern. Vor seinen Augen sah
er nur das eine Ziel, das entlegene Irkutsk, welches er erreichen musste!
Omsk musste er deshalb ohne jeden Aufenthalt passiren.

"Gott schuetze meine Mutter und Nadia, murmelte er, jetzt habe ich kein
Recht, an Beide zu denken."

Michael Strogoff und der Bauer kamen bald in dem Kaufmannsviertel der
Unterstadt an, in welche sie trotz der militaerischen Besetzung derselben
unschwer hineingelangten. Der Erdwall um jene zeigte sich an vielen
Stellen zerstoert, die ebenso viele Breschen darstellten, durch welche sich
die Marodeurs der Armee Feofar-Khan's eindraengten.

Im Innern von Omsk, auf den Strassen und Plaetzen, wimmelte es von
tartarischen Soldaten, aber man konnte dabei doch leicht wahrnehmen, dass
eine eiserne Faust sie hier in den Fesseln einer Disciplin hielt, an
welche Jene wohl nur wenig gewoehnt waren. Sie liefen auch nie einzeln
umher, sondern marschirten in bewaffneten Abtheilungen, um in der Lage zu
sein, jeden Angriff abzuwehren.

Auf dem zu einem Lager umgestalteten und dicht mit Wachposten besetzten
Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren in guter Ordnung. An eingerammten
Pfaehlen standen die Pferde angebunden, aber stets in voller Ausruestung, um
beim ersten Befehl zum Aufbruch fertig zu sein. Immerhin bildete Omsk nur
einen provisorischen Halteplatz fuer die Tartarenreiter, welche die
reicheren Ebenen Ostsibiriens vorziehen mussten, weil dort die Staedte
bedeutender, die Landschaften fruchtbarer, die Raubzuege also jedenfalls
ergiebiger wurden.

Ueber dem Handelsviertel erhaben thronte die obere Stadt, welche Iwan
Ogareff trotz mehrerer stuermischer Angriffe, die immer standhaft
abgewiesen worden waren, in seine Gewalt noch nicht hatte bringen koennen.
Von den in Vertheidigungszustand gesetzten Gebaeuden flatterten noch immer
die Fahnen mit den russischen Farben.

Nicht ohne einen gewiss berechtigten Stolz begruessten Michael Strogoff's und
seines Fuehrers Wuensche das wehende Banner.

Michael Strogoff kannte die Stadt Omsk natuerlich vollstaendig. Waehrend er
scheinbar seinem Fuehrer folgte, wusste er doch geschickt die lebhaftesten
Strassen zu vermeiden. Das geschah nicht aus Besorgniss erkannt zu werden.
In dieser Stadt haette nur seine alte Mutter ihn bei seinem wahren Namen
rufen koennen; aber er hatte geschworen, sie nicht zu sehen, er war
entschlossen, an diesem Versprechen zu halten. Uebrigens war diese
vielleicht - was er von ganzem Herzen wuenschte, - nach irgend einem
ruhigeren Theil der Steppe entflohen.

Zum Glueck kannte der Mujik persoenlich einen Postmeister, der es seiner
Annahme nach fuer gute Bezahlung nicht ausschlagen wuerde, einen Wagen und
Pferde entweder zu verleihen oder zu verkaufen. Dann blieb nur noch die
Schwierigkeit uebrig, die Stadt selbst zu verlassen, wobei die zahlreichen
Breschen in der Umwallung freilich Michael Strogoff's Entkommen
einigermassen erleichtern mussten.

Der Mujik fuehrte seinen Gast also geraden Weges nach dem Relais, als
Michael Strogoff ploetzlich in einer engen Strasse stehen blieb und sich
hinter einem Mauervorsprunge verbarg.

"Was ist Dir? fragte der Bauer, erstaunt ueber dieses unerklaerliche
Benehmen.

-- Still, still!" fluesterte ihm Michael Strogoff hastig zu, indem er noch
den Finger auf seine Lippen legte.

Eben schwenkte eine Abtheilung Tartaren von dem Hauptplatze ab und bog in
dieselbe Gasse ein, welche Michael Strogoff und sein Begleiter ganz kurz
vorher betreten hatten.

An der Spitze der aus etwa zwanzig Berittenen bestehenden Schaar trabte
ein Officier in sehr einfacher Uniform. Obwohl seine Augen immer von einer
Seite zur andern schweiften, konnte er Michael Strogoff, der seinen
Rueckzug ebenso schnell als geschickt bewerkstelligte, unmoeglich gesehen
haben.

Das Detachement zog in scharfem Trabe durch die enge Strasse. Weder der
Officier noch seine Leute achteten besonders auf die Bewohner. Die
Ungluecklichen gewannen kaum Zeit, der Reiterabtheilung genuegenden Platz zu
machen. Da und dort wurde auch ein halb erstickter Schrei mit einem
ruecksichtslosen Lanzenstosse beantwortet und der Weg auf diese Weise in
kuerzester Zeit gesaeubert.

"Wer war dieser Officier?" fragte Michael Strogoff, als die Abtheilung
vorueber getrabt war, den Bauer, dem er sich jetzt wieder anschloss.

Schon als er diese Frage stellte, ward sein Gesicht so bleich, wie das
einer Leiche.

"Das war Iwan Ogareff, antwortete der Sibirier mit leiser Stimme, aus der
man einen verhaltenen Hass heraushoerte.

-- Er!" rief Michael Strogoff, dem dieses Wort mit einem Accente des Zornes
entfuhr, den er nicht zu bemeistern vermochte.

Er hatte in dem Officier jenen Reisenden wieder erkannt, der ihn auf dem
Relais zu Ischim geschlagen hatte.

Und gleichzeitig, so als ob ihm ploetzlich ein Licht aufging, erinnerte ihn
dieser Reisende, trotzdem er ihn nur ganz kurze Zeit gesehen hatte, an den
alten Zigeuner, von dem er jene Worte auf der Messe in Nischnij-Nowgorod
vernommen hatte.

Michael Strogoff taeuschte sich nicht. Diese beiden Erscheinungen gehoerten
nur einer Person an. In der Verkleidung als Zigeuner hatte Iwan Ogareff
unter der Truppe der alten Sangarre die Provinz Nischnij-Nowgorod zu
verlassen gewusst, wo er unter den zahllosen Fremden, welche die Messe nach
jener Stadt aus Centralasien heranzieht, Spiessgesellen zur Ausfuehrung
seines fluchwuerdigen Vorhabens gesucht haben mochte. Sangarre nebst der
ganzen uebrigen Gesellschaft standen nur als Spione in seinem Sold und
waren ihm auf Leben und Tod ergeben. Er war es gewesen, der in der Nacht
auf dem Messplatze jene auffallenden Worte gesprochen hatte, deren Sinn
Michael Strogoff jetzt erst ordentlich verstand; er reiste damals mit der
ganzen Zigeunerbande auf dem Dampfer "Kaukasus"; er ueberschritt den Ural
jedenfalls auf einem andern Wege von Kasan nach Ischim und erreichte
endlich Omsk, das jetzt unter seinem Befehle seufzte.

Iwan Ogareff war selbst vor kaum drei Tagen erst in Omsk eingetroffen und
ohne jenes unangenehme Zusammentreffen in Ischim und dem beklagenswerthen
Vorfalle, der ihn drei Tage lang am Ufer des Irtysch festhielt, haette
Michael Strogoff Jenen auf dem Wege nach Irkutsk gewiss weit ueberholt.

Und wer weiss, wie viel Unglueck in der naechsten Zeit dadurch vermieden
worden waere!

Jedenfalls, ja, mehr als je vorher musste Michael Strogoff Iwan Ogareff
ausweichen, um von Letzterem nicht gesehen zu werden. Kam einst der
Zeitpunkt, ihm Auge in Auge gegenueber zu treten, so wuerde er ihn wieder zu
finden wissen, wenn Jener sich auch zum Herrn von ganz Sibirien
aufgeworfen haette.

Der Mujik und er nahmen also ihren Weg durch die Stadt wieder auf und
gelangten unbelaestigt nach dem Posthause. Nach Einbruch der Nacht konnte
es nicht allzu schwierig sein, Omsk durch eine der Breschen zu verlassen.
Dagegen stellte sich die Unmoeglichkeit heraus, an Stelle des Tarantass ein
anderes Fuhrwerk zu erhalten. Es fand sich weder ein Wagen zu miethen,
noch zu kaufen. Aber bedurfte denn Michael Strogoff jetzt wirklich eines
Wagens? War er fuer den uebrigen Theil der Reise nicht allein? Ihm musste
auch schon ein Reitpferd genuegen, und ein solches war gluecklicher Weise zu
beschaffen. Er bekam ein tuechtiges, zum Ertragen schwerer Strapazen
offenbar geeignetes Thier, von dem sich Michael Strogoff, ein gewandter,
ausdauernder Reiter, den groessten Nutzen versprach.

Das Pferd kostete eine bedeutende Summe; nach einigen Minuten schon stand
es zum Aufbruch bereit.

Es war jetzt etwa um vier Uhr Nachmittags.

Da Michael Strogoff die Nacht abwarten musste, um die Umwallung zu
passiren, sich in den Strassen von Omsk aber doch nicht zeigen wollte, so
blieb er gleich im Posthause und liess sich daselbst einige Staerkungsmittel
besorgen.

In dem oeffentlichen Wartesaale des Hauses ging es sehr lebhaft zu. So wie
wir es von den russischen Bahnhoefen kennen gelernt haben, liefen die
aengstlichen Einwohner hier zusammen, um neue Nachrichten zu erhaschen. Man
sprach von der bevorstehenden Ankunft eines Corps russischer Truppen, zwar
nicht in Omsk, aber in Tomsk, - eines Corps, das diese Stadt den Tartaren
Feofar-Khan's wieder entreissen sollte.

Michael Strogoff lauschte gespannt auf jedes in seiner Umgebung
gesprochene Wort, vermied es aber, sich selbst in ein Gespraech
einzulassen.

Ploetzlich machte ein Aufschrei ihn erzittern, ein Schrei, der hinabdrang
bis zum Grunde seiner Seele, und an sein Ohr schlugen die beiden Worte:

"Mein Sohn! Mein Sohn!"

Seine Mutter, die alte Marfa, stand vor ihm. Sie laechelte und sie zitterte
doch vor Freude und streckte ihm sehnsuechtig die Arme entgegen.

Michael Strogoff erhob sich. Er wollte ihr entgegenfliegen ....

Da hielt ihn der Gedanke an seine Pflicht, an die ernsthafte Gefahr fuer
seine Mutter und ihn bei dieser bedauerlichen Begegnung ploetzlich zurueck,
und er gewann so viel Herrschaft ueber sich, dass auch nicht ein Muskel
seines Gerichtes zuckte.

Zwanzig Personen fuellten jetzt den Wartesaal. Unter ihnen konnten recht
wohl einige Spione sein, und wusste man denn nicht auch, dass Marfa
Strogoff's Sohn zu dem Specialcorps der Couriere des Czaaren gehoerte?

Michael Strogoff sprach kein Wort.

"Michael! rief seine Mutter.

-- Wer sind Sie, geehrte Dame? fragte Michael Strogoff, der die Worte mehr
hervorstammelte als aussprach.

-- Wer ich bin? Das fragst Du? Mein Kind, erkennst Du Deine Mutter nicht
mehr wieder?

-- Sie taeuschen sich! ... antwortete Michael Strogoff kalt, eine
Aehnlichkeit fuehrt Sie irre ...."

Die alte Marfa ging gerade auf ihn zu und stellte sich ihm Aug' in Auge
gegenueber.

"Du bist nicht Peter und Marfa Strogoff's Sohn?" sagte sie.

Michael Strogoff haette sein Leben darum gegeben, seine Mutter offen in die
Arme schliessen zu duerfen, aber wenn er nachgab, war es nicht nur um ihn,
sondern auch um sie, um seinen Auftrag, um seinen Eid geschehen! Er
bezwang sich nach Kraeften, er schloss die Augen, um nicht die angsterregten
Zuege in dem Antlitz der kindlich verehrten Mutter sehen zu muessen; er zog
seine Haende zurueck, um nicht unwillkuerlich den zitternden Haenden, die nach
ihm verlangten, zu begegnen.

"Ich weiss in der That nicht, liebe Frau, was ich aus Ihren Worten machen
soll, antwortete er, einige Schritte zurueckweichend.

-- Michael! rief noch einmal die bejahrte Mutter.

-- Ich heisse nicht Michael! Ich bin nie Ihr Sohn gewesen. Ich bin Nicolaus
Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk!..."

Hastig verliess er den Wartesaal, in dem noch einmal die Worte
wiedertoenten:

"Mein Sohn! Mein Sohn!"

Michael Strogoff war abgereist, so schwer es ihm wurde. Er sah seine alte
Mutter, welche bewusstlos auf einer Bank zusammen gebrochen war, fuer jetzt
nicht mehr. Gerade als der Postmeister ihr zu Hilfe eilen wollte, erhob
sich die alte Frau selbst schon wieder. In ihrem Geiste war es ploetzlich
hell geworden. Sie, - verleugnet von ihrem leiblichen Sohne, - das war
unmoeglich! Ebenso unmoeglich erschien es ihr aber, sich getaeuscht und einen
Anderen fuer ihn gehalten zu haben. Ohne Zweifel war es ihr Sohn gewesen,
den sie eben gesehen hatte, und wenn Dieser sie nicht wieder erkannte, so
wollte er es nicht, so durfte er sie nicht erkennen, so hatte er triftige,
zwingende Gruende, so zu handeln. Dann unterdrueckte sie allen Mutterschmerz
in ihrer Brust und peinigte sich mit dem einzigen Gedanken: "Sollte ich
ihn wider Willen in's Verderben gestuerzt haben?"

"Ich bin eine Thoerin! antwortete sie Allen, die sie fragten. Meine Augen
haben mich betrogen! Dieser junge Mann ist mein Kind nicht! Er hatte ja
gar nicht dessen Stimme! Lassen wir es. Zuletzt werde ich meinen Sohn noch
in Jedermann zu sehen glauben."

Kaum zehn Minuten spaeter erschien ein Tartarenofficier im Posthause.

"Marfa Strogoff? fragte er laut.

-- Das bin ich, antwortete die betagte Frau so ruhig im Ton und im Antlitz,
dass die Zeugen der vorigen Scene sie kaum wieder erkannten.

-- Komm mit mir!" sagte der Officier.

Mit sicherem Schritte folgte Marfa Strogoff dem tartarischen Officier und
verliess das Posthaus.

Wenige Minuten spaeter befand sich Marfa Strogoff mitten in dem
Truppenlager des Hauptplatzes und gegenueber dem gefuerchteten Iwan Ogareff,
dem alle Einzelheiten der oben erzaehlten Scene unverweilt berichtet worden
waren.

Iwan Ogareff muthmasste ebenfalls den wahren Sachverhalt und hatte die alte
Sibirierin selbst darueber befragen wollen.

"Dein Name? leitete er das Verhoer in strengem Tone ein.

-- Marfa Strogoff.

-- Du hast einen Sohn?

-- Ja.

-- Er ist Courier des Czaaren?

-- Ja.

-- Wo befindet er sich?

-- In Moskau.

-- Du bist von ihm ohne Nachrichten?

-- Ohne jede Nachricht.

-- Seit wie lange?

-- Seit zwei Monaten.

-- Wer ist aber der junge Mann, den Du noch vor wenig Augenblicken im
Posthause Deinen Sohn nanntest?

-- Ein junger Sibirier, den ich fuer ihn hielt, antwortete Marfa Strogoff.
Das ist der Zehnte, in dem ich meinen Sohn zu finden glaubte, seit die
Stadt voller Fremden ist. Ich glaube ihn eben ueberall zu erkennen.

-- Jener junge Mann war demnach Michael Strogoff nicht?

-- Er war es leider nicht.

-- Weisst Du, alte Frau, dass ich Dich foltern lassen kann, bis Du die
Wahrheit eingestehst?

-- Ich spreche die Wahrheit, und keine Folter wuerde meine Aussage
abzuaendern vermoegen.

-- Jener Sibirier war Michael Strogoff wirklich nicht? fragte zum zweiten
Male und eindringlicher Iwan Ogareff.

-- Nein! Er war es nicht! antwortete Marfa Strogoff zum zweiten Male.
Glaubt Ihr, ich wuerde um Alles in der Welt einen solchen Sohn, wie mir ihn
Gott gegeben hat, verleugnen?"

Mit boshaftem Auge fixirte Iwan Ogareff die Frau, die ihm in's Gesicht zu
trotzen wagte. Er zweifelte keinen Augenblick, dass sie in dem jungen
Sibirier ihren Sohn wirklich erkannt habe. Und wenn dennoch der Sohn
zuerst die Mutter verleugnet hatte, wie es die Mutter jetzt ihrerseits
that, so mussten dem unzweifelhaft sehr ernste Ursachen zu Grunde liegen.

Iwan Ogareff galt es als unbestreitbare Thatsache, dass der angebliche
Nicolaus Korpanoff kein Anderer sei, als Michael Strogoff, der Courier des
Czaaren, der sich unter einem falschen Namen verbarg und der einen Auftrag
haben musste, dessen Kenntniss fuer ihn von der weitgehendsten Bedeutung sein
konnte. Er gab also sofort Befehl, Jenen zu verfolgen.

Dann wendete er sich gegen Marfa Strogoff zurueck und sagte:

"Diese Frau soll sofort nach Tomsk uebergefuehrt werden!"

Und waehrend die Soldaten Jene roh und grausam fortdraengten, murmelte er
zwischen den Zaehnen:

"Zur passenden Zeit werde ich ihr schon die Zunge zu loesen wissen, der
alten Hexe!"




                           Fuenfzehntes Capitel.


                           Der Barabinen-Sumpf.


Es war Michael Strogoff's Glueck gewesen, dass er das Posthaus so schnell
als moeglich verliess. Auf Iwan Ogareff's Befehl wurden sofort alle Ausgaenge
der Stadt scharf bewacht und sein Signalement allen Postmeistern
mitgetheilt, um sein Entkommen aus Omsk zu verhindern. Als das aber
geschah, hatte er schon eine Bresche des Erdwalls hinter sich, sein Pferd
jagte durch die Steppe, und da er keine unmittelbaren Verfolger hinter
sich sah, durfte er auf das Gelingen seiner Flucht wohl hoffen. Am 29.
Juli, Abends gegen acht Uhr, hatte Michael Strogoff Omsk verlassen. Diese
Stadt liegt ungefaehr in der Mitte des Weges von Moskau nach Irkutsk,
woselbst er vor Ablauf von zehn Tagen eintreffen musste, wenn er die
tartarischen Horden hinter sich lassen wollte. Offenbar hatte der
beklagenswerte Zufall, welcher ihn seiner Mutter vor Augen fuehrte, sein
Incognito verrathen. Iwan Ogareff konnte nicht mehr darueber im Unklaren
sein, dass ein Courier des Czaaren auf dem Wege nach Irkutsk durch Omsk
gekommen sei. Die Depeschen dieses Eilboten mussten von besonderer
Wichtigkeit sein. Michael Strogoff ahnte also auch, dass man Alles daran
setzen werde, sich seiner Person zu bemaechtigen.

Was er aber nicht wusste, was er nicht wissen konnte, war, dass Marfa
Strogoff sich in Iwan Ogareff's Gewalt befand, dass sie buessen, vielleicht
mit ihrem Leben bezahlen sollte fuer die Erregung ihres Mutterherzens, die
sie bei dem unerwarteten Anblick ihres Sohnes nicht zu unterdruecken im
Stande gewesen war. Ein Glueck fuer ihn, dass er davon nichts wusste! Haette er
dieser neuen Pruefung widerstehen koennen?

Michael Strogoff trieb sein Ross an, er floesste ihm gleichsam dieselbe
fieberhafte Ungeduld ein, die ihn verzehrte; er verlangte nur das Eine von
dem Thiere, ihn so schnell als moeglich nach dem naechsten Relais zu tragen,
wo er es gegen ein noch schnelleres Befoerderungsmittel einzutauschen
hoffte.

Um Mitternacht hatte er siebzig Werst zurueckgelegt und machte bei der
Station Kulikowo Halt. Doch auch hier fand er, eine Bestaetigung seiner
Besorgniss, weder Pferde noch Wagen. Einzelne Abtheilungen Tartaren waren
schon auf der Hauptstrasse durch die Steppe dahin gezogen. In den Doerfern
und den Postrelais hatte man Alles requirirt oder geradezu gestohlen.
Michael Strogoff konnte kaum einige Nahrung fuer sich und etwas Futter fuer
sein Pferd erhalten.

Er musste dieses Pferd, fuer das sich kein Ersatz mehr zu bieten schien,
etwas schonender behandeln. Da er aber zwischen sich und den ihm von Iwan
Ogareff jedenfalls nachgesendeten Reitern den groesstmoeglichen Zwischenraum
sehen wollte, beschloss er, moeglichst schnell weiter zu eilen. Nach einer
nur einstuendigen Ruhe schlug er also den Weg durch die Steppe schon wieder
ein.

Bisher hatten die Witterungsverhaeltnisse die Reise des Czaarencouriers
auffallend beguenstigt. Die Lufttemperatur hielt sich in ertraeglichen
Grenzen. Die zu dieser Jahreszeit kurze, aber von den durch einen leichten
Wolkenschleier dringenden Mondstrahlen mit einem angenehmen Daemmerlichte
gemilderte Nacht machte die Strasse leidlich gangbar. Michael Strogoff zog
uebrigens, als ein seines Weges kundiger Mann, sicher, ohne Zweifel, ohne
Zoegern dahin. Trotz der schmerzlichen Gedanken, die ihn hartnaeckig
verfolgten, hatte er sich doch eine ausserordentliche Klarheit des Geistes
bewahrt und steuerte auf sein Ziel zu, als ob dieses Ziel schon am
Horizonte sichtbar sei. Hielt er, vielleicht bei einer Biegung des Weges,
einen Augenblick an, so geschah es, um sein Pferd etwas Athem schoepfen zu
lassen. Dann stieg er, zur Erleichterung des Thieres, einmal ab, drueckte
das Ohr auf den Erdboden und lauschte, ob sich der Schall von galopirenden
Pferden an der Oberflaeche der Steppe fortleitete. Hatte er nichts
Verdachterweckendes wahrgenommen, so setzte er seinen Weg wieder fort.

O, breitete sich jetzt doch die Polarnacht ueber diese weite sibirische
Ebene, diese mehrere Monate andauernde Nacht! Es waere viel leichter
gewesen, jene sicher zu durchreisen.

Am 30. Juli, gegen neun Uhr Morgens, passirte Michael Strogoff die Station
Turumoff und begab sich von hier aus nun in die Sumpfdistricte der
Barabinen-Steppe.

Auf einem Gebiete von 300 Werst Laenge konnten hier schon die natuerlichen
Hindernisse allein grosse Schwierigkeiten verursachen. Der Courier wusste
das, aber er wusste auch, dass er alle siegreich ueberwinden werde.

Die ausgedehnten, von Norden nach Sueden zwischen dem 60. und 52.
Breitengrade liegenden Barabinen-Suempfe bilden das grosse Sammelbassin
derjenigen atmosphaerischen Niederschlaege, welche weder durch den Obi noch
durch den Irtysch einen Abfluss finden. Der Boden dieser ungeheuren
Tiefebene besteht aus fast ganz undurchlaessigem Lehm, so dass das Wasser
darueber stehen bleibt und eine waehrend der warmen Jahreszeit schwer zu
passirende Gegend darstellt.

Gerade durch diesen Landstrich fuehrt aber die Strasse nach Irkutsk, mitten
durch die zahlreichen Suempfe, Teiche, Seen, deren gesundheitsgefaehrliche
Ausduenstungen bei der heissen Sommersonne den Reisenden mindestens mit
schweren Muehseligkeiten, wenn nicht gar mit tueckischer Gefahr bedrohen.

Im Winter freilich, wenn der Frost Alles, was sonst fluessig war, erstarren
liess, wenn der dichte Schnee den Boden geebnet und geglaettet, die
schaedlichen Miasmen condensirt und unter sich begraben hat, dann fliegen
die leichten Schlitten gefahrlos ueber die erhaertete Kruste der
Barabinen-Steppe. Dann durchziehen fleissig die Jaeger die wildreichen
Gruende und verfolgen die Marder, die Zobel und die kostbaren Fuechse, deren
Felle so gesucht sind. Waehrend des Sommers dagegen wird diese Sumpfgegend
kothig, bruetet gefaehrliche Krankheiten aus und ist bei einigermassen hohem
Wasserstande ueberhaupt gar nicht zu passiren.

Michael Strogoff lenkte sein Pferd quer durch einen Torfmoor, der nicht
mehr mit jenem kurzen, glatten Rasen bedeckt erschien, von welchem sich
die zahllosen sibirischen Heerden sonst fast ausschliesslich ernaehren. Hier
dehnte sich nicht mehr eine Wiese ohne Grenzen vor seinen Blicken aus,
sondern eine Art ungeheurer Haide mit baumartigem Gestraeuch.

Der Rasen stieg hier bis fuenf und sechs Fuss Hoehe auf. Das feine Gras hatte
den Platz geraeumt vor ueppigen Sumpfpflanzen, denen die andauernde
Feuchtigkeit im Verein mit der brennenden Hitze des Sommers wahrhaft
gigantische Formen verlieh. Vorzugsweise waren es Binsen und Schilf,
welche ein unentwirrbares Netz, ein undurchdringliches Gitter bildeten,
geschmueckt mit Tausenden von Blumen von ungemein lebhaften Farben,
darunter vor Allem Lilien und Irisarten, deren Wohlgerueche sich mit den
warmen, dem Boden entsteigenden Duensten mischten.

Michael Strogoff galopirte zwischen den hohen Binsen dahin, wobei ihn von
den die Strasse begleitenden Suempfen aus Niemand mehr sehen konnte. Die
grossen Stengel ueberragten ihn sammt dem Pferde, und nur das Aufflattern
unzaehliger Wasservoegel, die sich neben seinem Pferde erhoben und in
schreienden Gruppen in der Luft zertheilten, verrieth, dass sich Etwas in
jenem Dickicht bewege.

Die Strasse selbst war uebrigens in leidlichem Zustande. Hier schnitt sie in
gerader Linie durch das dichte Gewirr der Sumpfpflanzen, dort wand sie
sich um das gekruemmte Ufer ausgedehnter Teiche, von denen einige bei einer
Laenge von mehreren Wersten und ebenso grosser Breite schon den Namen von
Seen verdient haetten. An anderen Stellen endlich hatte man einzelne
stehende Gewaesser nicht umgehen koennen; fuer Ueberschreitung derselben
dienten aber keine Bruecken in unserem gewohnten Sinne, sondern eine Art
Plateform mit uebergelegten Bohlen, welche ebenso leicht schwankten, wie
ein zu duenner ueber einen Graben gelegter Steg. Einige dieser primitiven
Strassenbruecken dehnten sich bis auf zwei- und dreihundert Schritte Laenge
aus, und man erzaehlt sich, dass Reisende, mindestens reisende Damen beim
Fahren ueber einen solchen schwankenden Weg nicht gar so selten eine Art
Seekrankheit bekommen haetten.

Michael Strogoff jagte, ob er nun festen oder schwankenden Boden unter
sich hatte, immer mit derselben Schnelligkeit dahin und setzte in kuehnem
Sprunge ueber die Luecken hinweg, welche die halb verfaulten Planken an
manchen Stellen zwischen sich liessen; so schnell aber Ross und Reiter auch
dahin flogen, so konnten sie doch den belaestigenden Stichen der
zweifluegeligen Insecten nicht entfliehen, die in jenen sumpfreichen
Gegenden zur wahren Landplage werden.

Sind Reisende gezwungen, im Sommer durch die Barabinen-Steppe zu fahren,
so versehen sie sich mit Masken aus Pferdehaar, an welche sich ein Stueck
feinmaschiges Panzerhemd zum Schutze der Schultern anschliesst. Doch trotz
dieser Vorsichtsmassregeln kommen nur Wenige wieder, ohne zahllose rothe
Tuepfel im Gesicht, auf dem Hals und den Haenden davon getragen zu haben,
aus diesem Sumpfdistricte heraus. Die ganze Atmosphaere erscheint dort wie
erfuellt mit haarfeinen Nadeln, und man wird zu dem Glauben verfuehrt, dass
kaum eine complete Ritterruestung zum Schutz gegen die Stacheln dieser
Zweifluegler hinreichen koenne. Hier ist eine traurige Gegend, die der
Mensch den Muecken, Schnaken und Stechfliegen nur mit Aufwand vieler Mittel
streitig macht, - ganz zu schweigen von den Milliarden mikroskopischer
Insecten, welche man mit unbewaffnetem Auge ueberhaupt nicht wahrzunehmen
im Stande ist; doch wenn man sie auch nicht sieht, so fuehlt man sie desto
mehr wegen ihrer unertraeglich quaelenden feinen Stiche, gegen welche auch
hartgesottene sibirische Jaeger niemals gleichgiltig werden.

Michael Strogoff's Pferd sprang, von den giftigen Dipteren ueberfallen,
haeufig auf, als wuerden ihm tausend Sporen auf einmal in die Flanke
gedrueckt. Dann jagte es, raste und flog es in toller Wuth Werst fuer Werst
mit der Schnelligkeit eines Eilzuges dahin, peitschte die Seiten mit dem
Schweife und suchte in der Flucht eine Linderung seiner Qualen.

Es gehoerte ein so sattelfester Reiter wie Michael Strogoff dazu, um durch
die unerwarteten Bewegungen des Pferdes, durch dessen Aufbaeumen und
Spruenge, zu denen die unausgesetzten Fliegenstiche es reizten, nicht
abgeworfen zu werden. Fast unempfindlich geworden gegen physischen
Schmerz, nur beseelt von dem einen Verlangen, um jeden Preis sein Ziel zu
erreichen, sah er in dieser sinnlosen Jagd nichts weiter, als dass er
seinen Weg mit gluecklicher Eile zuruecklegte.

Wer wuerde nun glauben, dass diese in der heissen Jahreszeit so ungesunde
Barabinen-Steppe doch noch einer Anzahl Menschen Asyl boete?

Und doch ist es an dem. In grossen Zwischenraeumen tauchen da und dort
sibirische Weiler auf zwischen den gigantischen Binsen. Maenner, Frauen,
Kinder und Greise, in Thierfelle gekleidet und das Gesicht mit einer
pechueberzogenen Maske bedeckt, fuehren ihre duerftigen Heerden zur Weide; um
die Thiere aber vor den Angriffen der Insecten zu schuetzen, halten sie
dieselben stets unter dem Winde in der Naehe von Feuern aus gruenem Holze,
die sie Tag und Nacht unterhalten und deren beissende Rauchsaeulen sich
schwerfaellig ueber die morastige Niederung ausbreiten.

Als Michael Strogoff bemerkte, dass sein Pferd auf dem Punkte stand, vor
Erschoepfung zusammen zu brechen, machte er in einem jener elenden Doerfchen
halt, und rieb, seine eigene Ermuedung vergessend, die vielen Stiche des
armen Thieres nach sibirischer Sitte mit warmem Fett ein; dann gab er ihm
eine tuechtige Ration Futter, und erst als er es den Umstaenden nach
bestmoeglich untergebracht und mit Allem versorgt hatte, dachte er an seine
Person, verzehrte zur Wiederherstellung seiner Kraefte etwas Brod und
Fleisch und trank einige Glaeser Kwass dazu. Nach einer, hoechstens zwei
Stunden der Ruhe begab er sich wieder auf seinen endlosen Weg nach dem
fernen Irkutsk.

Von Turumoff aus hatte er auf diese Weise neunzig Werst zurueck gelegt und
kam am 30. Juli, gegen vier Uhr Nachmittags, unempfindlich fuer jede
Anstrengung, in Elamsk an.

Daselbst musste er seinem Pferde eine Nacht Ruhe goennen. Das muthige Thier
haette jetzt die Reise unmoeglich fortzusetzen vermocht.

In Elamsk fand sich ebenso wenig als anderswo ein bequemeres
Befoerderungsmittel. Aus den naemlichen Gruenden, wie in den andern kleinen
Staedten und Flecken, fehlte es auch hier vollkommen an Wagen oder Pferden.

Elamsk, eine kleine Stadt, in welche die Tartaren noch nicht eingedrungen
waren, erwies sich fast ganz entvoelkert, denn es konnte von Sueden her sehr
leicht ueberfallen, aber von Norden her nur sehr schwierig beschuetzt
werden. Auf hoeheren Befehl waren das Posthaus, das Polizeiamt, das
Regierungsgebaeude ebenfalls verlassen, und Beamte ebenso wie Einwohner
nach dem noerdlicher gelegenen Kamsk, in der Mitte der Barabinen-Steppe,
ausgewandert.

Michael Strogoff musste sich also darauf beschraenken, in Elamsk die Nacht
zuzubringen und seinem Pferde zwoelf Stunden Ruhe zu goennen. Er erinnerte
sich der ihm in Moskau an's Herz gelegten Instructionen, Sibirien
unerkannt zu durchreisen, auf jeden Fall und sobald als moeglich Irkutsk zu
erreichen, aber, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze, den Erfolg
seiner Fahrt nicht der Schnelligkeit wegen auf's Spiel zu setzen, - in
Anbetracht dieser Umstaende hatte er die Verpflichtung, das einzige ihm
noch verbliebene Befoerderungsmittel, das Reitpferd, vernuenftig zu schonen.

Am folgenden Tage verliess Michael Strogoff Elamsk wieder, eben als man das
Erscheinen tartarischer Plaenkler, auf der Strasse durch die
Barabinen-Steppe, etwa zehn Werst jenseit der Stadt, anmeldete, und trabte
wieder in die sumpfige Niederung hinaus. Die Strasse lief zwar ganz eben
hin, wodurch das Fortkommen erleichtert, aber in vielfachen Windungen,
wodurch der Weg sehr verlaengert wurde. Uebrigens verboten es die
Bodenverhaeltnisse unbedingt, etwa die Einhaltung einer geraden Linie quer
durch diese Tuempel und Teiche zu versuchen.

Am darauf folgenden Tage, am 1. August, erreichte Michael Strogoff gegen
Mittag den 120 Werst weiter gelegenen Flecken Spaskoe, und um zwei Uhr
hielt er bei der darauf folgenden kleinen Ortschaft, Pokrowskoe, zum
ersten Male wieder an.

Sein durch den langen Ritt von Elamsk bis hierher ueber Gebuehr
angestrengtes Ross haette auch keinen Schritt mehr vorwaerts thun koennen.

Bei dieser ihm aufgezwungenen Ruhe verlor Michael Strogoff zwar den Rest
des Tages und die darauf folgende Nacht, aber er gelangte am naechsten
Tage, dem 2. August, nach einem 75 Werst langen Wege durch das halb unter
Wasser stehende Gebiet doch bis zu dem Staedtchen Kamsk.

Hier bot die Landschaft ein wesentlich anderes Bild. Der kleine Flecken
Kamsk liegt wie eine wohnliche, gesunde Insel mitten in diesem
unheilvollen Gebiete. Er nimmt gerade den Mittelpunkt der Barabinen-Steppe
ein. Dort haben sich, eine heilsame Folge der Kanalisirung des Tom, eines
bei Kamsk vorbeiziehenden Nebenflusses des Irtysch, die pestaushauchenden
Suempfe in ueppige, fette Weiden verwandelt. Dennoch vermochten diese
Bodenmeliorationen noch nicht voellig jene Fieber zu besiegen, welche den
Aufenthalt in dieser Stadt waehrend des Herbstes noch einigermassen
gefaehrden. Immerhin fluechten sich hierher die wenigen Bewohner der
Barabinen-Steppe, wenn die verderblichen Sumpfmiasmen sie aus den uebrigen
Theilen der Provinz vertreiben.

Die durch die Tartaren-Invasion verursachte allgemeine Auswanderung hatte
Kamsk doch noch nicht entvoelkert. Die Bewohner glaubten sich in der Mitte
ihres fuer groessere Truppenmassen so schwer zugaenglichen Landes
verhaeltnissmaessig sicher, mindestens waren sie der Ansicht, zur Flucht noch
immer Zeit zu haben, wenn sie unmittelbar bedroht wuerden.

Michael Strogoff konnte hier, so sehr er es auch wuenschte, keinerlei
neuere Nachrichten erhalten. Jedenfalls haette sich der Gouverneur vielmehr
an ihn gewendet, waere ihm der wirkliche Charakter dieses angeblichen
Kaufmanns aus Irkutsk bekannt gewesen. Kamsk schien in Folge seiner
besonders guenstigen Lage der uebrigen sibirischen Welt in der That nicht
anzugehoeren und gaenzlich ausserhalb der ernsten Ereignisse zu stehen, die
jene erschuetterten.

Uebrigens zeigte sich Michael Strogoff moeglichst wenig oder gar nicht. Ihm
genuegte es nicht, jedes Aufsehen zu vermeiden, er wuenschte ueberhaupt gar
nicht gesehen zu werden. Die Erfahrungen der juengsten Vergangenheit
verdoppelten seine Vorsicht in der Gegenwart wie fuer die Zukunft. So hielt
er sich denn ganz zurueckgezogen, trug gar kein Verlangen, die wenigen
Strassen des Staedtchens zu durchlaufen, und wollte das Gasthaus, in dem er
abgestiegen war, ueberhaupt nicht verlassen.

In Kamsk haette Michael Strogoff wohl einen Wagen kaufen und das Reitpferd,
welches ihn von Omsk bis hierher getragen, durch ein bequemeres
Befoerderungsmittel ersetzen koennen. Nach reiflicher Ueberlegung sagte er
sich aber, dass das Einhandeln eines Tarantass doch die Aufmerksamkeit mehr,
als ihm lieb war, auf ihn lenken musste, und da er die von den Tartaren
besetzte Linie noch nicht ueberschritten hatte, eine Linie, welche etwa mit
dem Irtyschstrome abschnitt, so wollte er es nicht wagen, irgend welchen
Verdacht zu erwecken.

Um uebrigens diese Barabinen-Steppe zu durcheilen, durch diese
Sumpfniederung zu fliehen, im Fall ihn eine directere Gefahr bedrohen
sollte, um den zu seiner Verfolgung entsendeten Reitern einen Vorsprung
abzugewinnen, um sich im Nothfall auch durch das dichteste Binsenmeer
hindurchzuschlagen, war ein Pferd offenbar mehr werth, als ein Wagen.
Spaeter, vielleicht jenseit Tomsk oder gar hinter Krasnojarsk, hoffte
Michael Strogoff in irgend einer bedeutenderen Stadt Sibiriens passendere
Gelegenheit zu finden, sich mehr Bequemlichkeit zu verschaffen.

Sein jetziges Reitpferd aber gegen ein anderes umzutauschen, dieser
Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte sich an dieses ausdauernde
Thier schon gewoehnt; er wusste, was er von ihm verlangen konnte. Als er es
in Omsk erkaufte, hatte er eine glueckliche Hand gehabt, und dankbar pries
er noch immer jenen Mujik, der ihn dort zu dem betreffenden Posthalter
fuehrte. Doch nicht nur Michael Strogoff fuehlte eine gewisse Anhaenglichkeit
seinem Pferde gegenueber, auch dieses schien sich allgemach an die
Strapazen einer solchen Parforce-Reise zu gewoehnen, und wenn ihm nur je
einige Stunden Ruhe gegoennt wurden, konnte sein Reiter wohl hoffen, bis
ueber die ueberfallenen Provinzen hinaus zu gelangen.

Waehrend dieses Abends und der Nacht vom 2. zum 3. August verhielt sich
Michael Strogoff also in seinem Gasthause am Eingange des Staedtchens,
einem wenig besuchten Gasthause ohne zudringliche und neugierige Gaeste.

Von Ermuedung uebermannt, legte er sich zwar bald, aber doch nicht eher
nieder, als bis er wusste, dass es seinem Pferde an nichts fehle; trotzdem
vermochte er nur einen haeufig unterbrochenen Schlummer zu finden. Zu viele
Erinnerungen, zu viele Sorgen fuer die Zukunft regten sich in ihm. Die
Bilder seiner betagten Mutter und seiner schutzlos verlassenen, muthigen,
jungen Gefaehrtin zogen abwechselnd vor seinem Geiste auf oder verschmolzen
in ihm wohl auch zu einem einzigen sorgenden Gedanken.

Dann erinnerte er sich wieder seiner Sendung, an deren Ausfuehrung ein Eid
ihn band. Was er seit seinem Aufbruche von Moskau selbst gesehen, liess ihn
immer mehr die Wichtigkeit derselben erkennen. Fielen dann seine Blicke
einmal auf den mit dem kaiserlichen Siegel verschlossenen Brief, diesen
Brief, der ohne Zweifel das Heilmittel gegen so zahllose Uebel des von
einem wilden, blutigen Kriege zerrissenen Landes enthielt, - dann
bemaechtigte sich Michael Strogoff's fast unbesiegbares Verlangen, sofort
wieder durch die Steppe weiter zu jagen, mit der Hast eines Vogels die
Strecke zu ueberfliegen, die ihn noch von Irkutsk trennte, ein Adler zu
sein, um alle Hindernisse ueberwinden zu koennen, ein Orkan, um mit der
Schnelligkeit von hundert Werst die Stunde ueber der Erde dahin zu rasen
und endlich vor den Grossfuersten zu treten und ihm zuzurufen: "Kaiserliche
Hoheit, von Seiner Majestaet dem Czaaren!"

Am andern Morgen um sechs Uhr frueh ritt Michael Strogoff wieder mit der
Absicht weiter, an diesem Tage die 84 Werst (= 89 Kilometer) von Kamsk bis
Ubinsk zurueckzulegen. Jenseit eines Kreises von etwa 20 Werst fand er ganz
die sumpfige Barabinen-Steppe wieder, welche hier kein Ableitungsgraben
mehr trocken legte, so dass der Erdboden manchmal einen Fuss hoch unter
Wasser stand. Dann war die Strasse nur schwierig zu erkennen, aber er legte
diesen Wegtheil, Dank seiner umsichtigen Aufmerksamkeit, doch ohne Unfall
zurueck.

In Ubinsk angelangt liess Michael Strogoff sein Pferd die ganze Nacht ueber
rasten, denn er wollte am folgenden Tag die 100 Werst betragende
Entfernung zwischen Ubinsk und Ikulskoe durchmessen. Er brach also mit der
Morgenroethe auf, aber leider gestaltete sich die Strasse durch diesen Theil
der Barabinen-Steppe immer unwegsamer.

Zwischen Ubinsk und Kamakowa hatten sich naemlich die reichlichen
Regenniederschlaege der letztvergangenen Wochen wie in einer
undurchlaessigen Schuessel in der verhaeltnissmaessig engen Bodensenkung
angesammelt. Das unentwirrbare Netz von Suempfen, Teichen und Seen hing
fast ohne Unterbrechung zusammen. Einen dieser Seen, - uebrigens einer von
solcher Groesse, dass er in der geographischen Nomenclatur wohl einen Platz
verdient haette, - den Tschang (ein von den Chinesen ihm beigelegter Name),
musste Michael Strogoff auf einer Strecke von 20 Werst laengs seines Ufers
unter den groessten Schwierigkeiten umreiten, was nothwendiger Weise einige
Verzoegerungen veranlasste, die er trotz seiner Ungeduld doch nicht zu
vermeiden vermochte. Er sah recht deutlich ein, wie gut er daran gethan,
sich in Kamsk nicht einen Wagen zu nehmen, denn sein Pferd kam hier unter
Verhaeltnissen noch vorwaerts, die jeden Wagen unbedingt aufgehalten haetten.

Abends gegen neun Uhr in Ikulskoe angekommen, verweilte Michael Strogoff
daselbst die ganze Nacht. In diesem in der Barabinen-Steppe verlorenen
Flecken fehlten die Nachrichten vom Kriegsschauplatze natuerlich gaenzlich.
Dieser Theil der Provinz war durch seine natuerliche Lage, mitten in der
Gabel, welche die tartarischen Heerestheile durch ihr verschiedenseitiges
Abschwenken einerseits nach Omsk, andrerseits nach Tomsk zu, bildeten, von
den Schrecken des Einfalls noch gaenzlich verschont geblieben.

Bald mussten sich nun auch die natuerlichen Schwierigkeiten des Weges
vermindern, denn im Fall er keine Verzoegerung erlitt, hoffte Michael
Strogoff am naechsten Tage ueber die Barabinen-Steppe hinauszukommen. Spaeter
bot sich ihm wieder ein weit besserer Weg, wenn er die 125 Werst, die ihn
noch von Kolywan trennten, zurueckgelegt hatte.

Von diesem etwas bedeutenderen Staedtchen aus rechnete man bis Tomsk nur
noch die gleiche Entfernung. Dann musste er eine weitere Entscheidung
treffen, die hoechst wahrscheinlich in dem Sinne ausfiel, letztere von
Feofar-Khan schon besetzte Stadt ganz zu umgehen.

Wenn sich aber diese kleinen Staedtchen, wie Ikulskoe, Karguinsk u. a., in
Folge ihrer Lage mitten in der sumpfigen Steppe, die der Entwickelung der
tartarischen Streitkraefte unueberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzte,
noch einer gluecklichen Ruhe erfreuten, lag da nicht die Befuerchtung nahe,
dass Michael Strogoff von den reichen, fruchtbaren Ufern des Obi an an
Stelle der natuerlichen Hindernisse allerlei Schwierigkeiten und Gefahren
von Seiten der Menschen zu erwarten haben werde? Jedenfalls durfte er
keinen Anstand nehmen, in dieser Gegend von der Strasse nach Irkutsk
abzuweichen. Bei einem Ritte durch die einsame Steppe lief er freilich
Gefahr, sich von allen Hilfsmitteln zu entbloessen. Dort fand sich naemlich
keine weitere Strasse, keine Stadt, kein Dorf mehr. Nur ganz einzeln traf
man auf isolirte Farmen, oder vielmehr auf Huetten aermlicher Leute, bei
denen trotz ihrer unzweifelhaften Gastfreundlichkeit sich doch kaum das
Nothwendigste finden mochte. Und dennoch, er durfte nicht zaudern!

Endlich gegen halb vier Uhr Nachmittags verliess Michael Strogoff, nachdem
er noch durch die kleine Station Kargatsk gekommen war, die letzte
Niederung der Barabinen-Steppe und der Hufschlag seines Pferdes verrieth
durch den Schall wieder den harten, trockenen Boden des sibirischen
Landes.

Er hatte Moskau am 15. Juli verlassen. Unter Einrechnung der am Ufer des
Irtysch verlorenen zweiundsiebzig Stunden ergab das bis heute, den 5.
August, eine Reisedauer von einundzwanzig Tagen.

Fuenfzehnhundert Werst trennten ihn nun noch von Irkutsk.




                           Sechzehntes Capitel.


                         Eine letzte Anstrengung.


Michael Strogoff hatte ganz Recht, in den Ebenen, welche sich oestlich an
die Barabinen-Steppe anschliessen, ein unliebsames Zusammentreffen zu
fuerchten. Die von Pferdehufen zertretenen Felder bewiesen, dass die
Tartaren hier vorueber gekommen waren, und auf diese Barbaren passen auch
die zuerst auf die Tuerken angewendeten Worte: "Auf dem Boden, den der
Tuerke betrat, waechst kein Grashalm wieder!"

Bei seinem Zuge durch diese Gegend musste Michael Strogoff also die groesste
Vorsicht beachten. Einige am fernen Horizonte lagernde Rauchwolken sagten
ihm, dass hier die Weiler und Flecken angesteckt worden waren. Ruehrten
diese Feuersbruenste nun von den Vortruppen her oder marschirte die ganze
Armee des Emir schon nach den aeussersten Grenzen der Provinz? Befand sich
Feofar-Khan selbst in dem Gouvernement von Jeniseisk? Michael Strogoff
wusste hierueber nichts und konnte, bevor er nicht weitere Nachrichten
erhielt, nach keiner Seite eine Entscheidung treffen. Sollte das Land so
menschenleer geworden sein, dass er keinen einzigen Sibirier mehr faende, um
von ihm Auskunft zu erlangen?

Michael Strogoff ritt auf der ganz leeren Strasse etwa zwei Werst weiter.
Nach rechts und links schweiften seine Augen und suchten ein noch nicht
verlassenes Haus, aber alle, alle fand er oede und leer.

Eine einzelne Huette, welche er zwischen einer Gruppe Baeume entdeckte,
rauchte noch. Als er sich naeherte, fand er wenige Schritte von den
Truemmern seines Hauses einen Greis von weinenden Kindern umringt. Eine
noch ziemlich junge Frau, offenbar die Tochter jenes Mannes und die Mutter
der Kinder, lag knieend auf dem Boden, den verzweifelten Blick starr auf
diese Scene der Verwuestung geheftet. Ein zarter Saeugling von wenigen
Monaten ruhte noch an ihrer Brust. Alles rings um diese Aermsten war Ruine
und Zerstoerung!

Michael Strogoff ging auf den Greis zu.

"Bist Du im Stande, mir zu antworten? fragte er mit ernster Stimme.

-- Rede, erwiderte der alte Mann.

-- Sind die Tartaren hier vorueber gekommen?

-- Gewiss, sonst staende mein Haus nicht in Flammen.

-- Ein ganzes Heer oder nur eine Abtheilung?

-- Ein ganzes Heer, denn so weit der Blick reicht, sind unsere Felder
verwuestet!

-- Commandirt von dem Emir?...

-- Von ihm, denn das Wasser des Obi faerbte sich roth.

-- Und Feofar-Khan ist in Tomsk eingezogen?

-- Gewiss.

-- Weisst Du, ob die Tartaren sich schon der Stadt Kolywan bemaechtigt haben?

-- Nein, denn Kolywan steht noch nicht in Flammen.

-- Ich danke, Freund. - Kann ich Etwas fuer Dich und die Deinen thun?

-- Nichts.

-- Auf Wiedersehen!

-- Leb' wohl!"

Nachdem Michael Strogoff noch fuenfundzwanzig Rubel niedergelegt hatte vor
dem ungluecklichen Weibe, welches nicht einmal im Stande war, ihm zu
danken, gab er seinem Pferde die Sporen und setzte den einen Augenblick
unterbrochenen Weg fort.

Er wusste nun Eines: dass er es um jeden Preis zu vermeiden habe, Tomsk zu
passiren. Eher schien es moeglich, nach Kolywan zu gehen, wo die Tartaren
noch nicht herrschten. Auch in dieser Stadt hatte er nichts Anderes zu
thun, als sich zu staerken und mit dem Noethigsten fuer eine sehr lange
Tagereise zu versehen. Dann musste er die Strasse nach Irkutsk verlassen, um
nach Ueberschreitung des Obi Tomsk zu umgehen, - einen anderen Ausweg sah
er nicht vor sich.

Nach Feststellung dieses neuen Reiseplans durfte Michael Strogoff nicht
einen Augenblick zoegern. Er zoegerte auch nicht, sondern trieb sein Pferd
zu einer noch schnelleren Gangart an und folgte dem directen Wege, der an
das linke Ufer des Stromes fuehrte und bis zu dem noch eine Strecke von 40
Werst zurueckzulegen war. Wuerde er eine Faehre finden, um dort ueberzusetzen,
oder sollte das Tartarenheer alle Fahrzeuge zerstoert, weggeschleppt haben
und er gezwungen sein, schwimmend den Strom zu ueberschreiten? Die Zukunft
musste diese Fragen bald beantworten.

Was sein nun auf's Aeusserste erschoepftes Pferd betraf, so wollte es
Michael Strogoff, nach Vollendung der bevorstehenden langen und hoechst
anstrengenden Tagereise, in Kolywan womoeglich gegen ein anderes
vertauschen. Er fuehlte wohl, dass das arme Thier binnen Kurzem unter ihm
zusammenbrechen musste. Kolywan bildete also fuer ihn gleichsam einen neuen
Ausgangspunkt, da er von dieser Stadt aus seine Reise unter sehr
veraenderten Verhaeltnissen fortzusetzen hatte. So lange sein Weg ihn durch
die von den Eindringlingen besetzten Gebiete fuehrte, mussten die
Schwierigkeiten offenbar grosse sein; nach gluecklicher Umgehung von Tomsk
aber konnte er die Strasse nach Irkutsk wieder benutzen, und da die Provinz
Jeniseisk den Verwuestungen der Feinde noch entzogen geblieben war, durfte
er wohl hoffen, sein Ziel in wenigen Tagen zu erreichen.

Nach einem recht warmen Tage senkte sich die Nacht herab. Um Mitternacht
huellte tiefe Finsterniss die weite Steppe ein. Der Wind, der sich mit
Sonnenuntergang gelegt hatte, hinterliess in der Atmosphaere eine
vollkommene Stille. Nur den Hufschlag des Pferdes hoerte man auf der
verlassenen Strasse, und dann und wann einige Worte, mit denen der Reiter
es aufzumuntern suchte. Mitten in dieser Finsterniss bedurfte es der
aeussersten Vorsicht, um nicht von dem Wege abzukommen; denn immer
begleiteten diesen einzelne Teiche oder kleine Nebenarme des Obi.

Michael Strogoff trabte also moeglichst schnell, aber immer mit groesster
Aufmerksamkeit weiter. Er verliess sich dabei nicht allein auf die grosse
Schaerfe seiner Augen, die auch die Finsterniss durchdrangen, sondern
daneben auch auf die Klugheit seines Pferdes, dessen scharfen Spuersinn er
kannte.

Eben war Michael Strogoff einmal abgestiegen, um sich ueber die genaue
Richtung der Strasse zu vergewissern, als er von Westen her ein verworrenes
Geraeusch zu vernehmen glaubte. Es klang wie entferntes Pferdegetrappel auf
der trockenen Erde. Ohne Zweifel; ein bis zwei Werst weiter rueckwaerts
hoerte er die regelmaessigen Hufschlaege von Pferden.

Michael Strogoff lauschte, das Ohr auf dem Boden, mit gespanntester
Aufmerksamkeit.

"Das ist eine Reiterabtheilung, sagte er sich, welche auf der Strasse von
Omsk daherkommt. Sie scheint sich schnell zu bewegen, denn das Geraeusch
nimmt merkbar zu. Sind das nun Russen oder Tartaren?"

Michael Strogoff lauschte noch immer.

"Ja, ja, sprach er halblaut fuer sich, sie naehern sich in scharfem Trabe!
Vor Ablauf von zehn Minuten muessen sie hier sein. Mein Pferd wird
schwerlich mit ihnen Schritt halten koennen. Sind es Russen, so wuerde ich
mich ihnen anschliessen. Sind es Tartaren, so muss ich ihnen entweichen.
Aber wie? Wo koennt' ich mich verbergen in dieser Steppe?"

Michael Strogoff sah sich forschend um, und sein scharfes Auge entdeckte
eine bei der herrschenden Finsterniss kaum erkennbare dunklere Masse etwa
hundert Schritt vor sich zur Linken der Strasse.

"Da ist ein kleines Gehoelz, sagte er. Wenn ich mich darin verberge, laufe
ich zwar Gefahr, den Reitern in die Haende zu fallen, wenn sie es
durchsuchen sollten. Indess, ich habe keine Wahl. Da, in der Ferne kommen
sie schon!"

Wenige Minuten spaeter erreichte Michael Strogoff, sein Pferd am Zuegel
fuehrend, ein kleines Gehoelz von Laerchenbaeumen, das einen Zugang von der
Strasse aus hatte. Vor und hinter demselben zog sie sich ganz frei von
Baeumen zwischen den Loechern und Tuempeln hin, welche aus Stechginster und
Haidekraut bestehende Gruppen von Zwergbaeumen trennten. Zu beiden Seiten
war das Terrain also voellig ungangbar und die Reiterschaar musste
zweifellos an dem kleinen Gehoelz vorueber kommen, da sie offenbar der
Hauptstrasse nach Irkutsk folgte.

Michael Strogoff wand sich also zwischen diese Laerchenbaeume hinein, bis er
sich etwa nach vierzig Schritten von einem Wasserlauf aufgehalten sah, der
den Hain im Halbkreise begrenzte.

Die Dunkelheit war hier aber eine so tiefe, dass Michael Strogoff nicht im
Geringsten Gefahr lief entdeckt zu werden, wenn das Gehoelz nicht ganz
peinlich durchsucht wurde. Er fuehrte sein Pferd also bis an jenes Wasser,
band es daselbst an einen Baum und schlich sich selbst wieder an den Rand
des Dickichts, um bestimmen zu koennen, wie er sich zu verhalten habe.

Kaum hatte er hinter einigen buschartigen Laerchen Platz genommen, als ihm
ein Lichtschein in's Auge fiel, aus dem da und dort einige glaenzende
Punkte in lebhafter Bewegung aufleuchteten.

"Wie? Fackeln!" murmelte er.

Schnell wich er wieder weiter zurueck und schluepfte wie ein Wilder
geraeuschlos in das Gebuesch, wo es am dichtesten war.

Bei ihrer Annaeherung an das Gehoelz nahmen die Pferde einen langsameren
Schritt an. Recognoscirten die Reiter etwa die Strasse, um sie in allen
Einzelheiten genau kennen zu lernen?

Michael Strogoff musste das befuerchten und begab sich wenigstens bis nach
dem steilen Uferrand jenes Wasserlaufs zurueck, entschlossen, sich im
Nothfalle auch hinein zu stuerzen.

Als die Reiterschaar bei dem Gehoelz ankam, machte sie Halt. Die Maenner
stiegen ab. Es mochten gegen fuenfzig sein. Mehrere derselben trugen
Fackeln, welche die Strasse in weitem Umkreise beleuchteten.

An gewissen Vorbereitungen bemerkte Michael Strogoff zu seinem Gluecke, dass
es keineswegs in der Absicht der Berittenen liege, das Gehoelz zu
durchsuchen, sondern nur an dessen Rande zu bivouakiren, den Pferden
einige Ruhe zu goennen und den Mannschaften etwas Nahrung zu sich nehmen zu
lassen.

Die abgezaeumten Pferde begannen bald das saftige Gras abzuweiden, das hier
den Boden bedeckte. Die Reiter selbst liessen sich laengs der Strasse nieder
und vertheilten die Rationen aus ihren Fouragetaschen.

Michael Strogoff hatte seine vollkommene Kaltbluetigkeit bewahrt. Er
schlich wieder naeher, erst um Etwas zu sehen, dann um womoeglich einige
Worte zu vernehmen.

Die hier gelagerte Reiterabtheilung kam von Omsk her. Sie bestand aus
usbeckischen Soldaten, einer in der Tartarei vorherrschenden Race, deren
Typus auf ihre Verwandtschaft mit den Mongolen hinweist. Diese
wohlgebauten, alle ueber mittelgrossen Maenner mit rohem, wildem
Gesichtsausdrucke trugen auf dem Kopfe einen "Talpak", eine Art Muetze aus
schwarzem Schafpelz, und gelbe, hochschaftige Stiefeln, deren vordere
Spitze aufgebogen war, wie man das an den Schuhen aus gewissen Perioden
des Mittelalters zu sehen gewoehnt ist. Ihren Rock aus mit grobem
Baumwollenstoffe gefuettertem Kattun umschloss ein Lederguertel mit rother
Stickerei. Als Vertheidigungswaffe fuehrten sie einen Schild, als
Angriffswaffen einen krummen Saebel, ein langes Dolchmesser und ein am
Sattelknopfe haengendes Steinschlossgewehr. Ihre Schultern bedeckte noch ein
Filzmantel in grellen Farben.

Die in voller Freiheit am Saume des Gehoelzes grasenden Pferde waren von
usbeckischer Race, ebenso wie ihre Reiter. Bei dem Scheine der Fackeln,
die ein lebhaftes Licht durch die Aeste der Laerchen verbreiteten, konnte
man das recht gut erkennen. Etwas kleiner als die Pferde der
turkomanischen Race, aber ungemein kraeftig und ausdauernd, sind diese doch
als echte Vollblutthiere anzusehen, die eine andere Gangart als scharfen
Trab oder Galop gar nicht zu kennen scheinen.

Die Abtheilung selbst fuehrte ein "Pendja-Baschi", d. h. ein Befehlshaber
ueber fuenfzig Mann, dem noch ein "Deh-Baschi", ein Anfuehrer von einer Rotte
zu zehn Mann, untergeordnet war. Diese Officiere trugen Panzerhauben und
Waffenroecke; ausserdem bildeten kleine, am Sattelknopfe haengende Trompeten
ihre verschiedene Gradauszeichnung.

Der Pendja-Baschi wollte seine von einem weiten Ritte ermuedeten
Mannschaften etwas ausruhen lassen. Plaudernd und den "Beng" (d. i. ein
Hanfblatt, der Hauptbestandtheil des "Haschich", von dem die Asiaten einen
so ausgedehnten Gebrauch machen), rauchend, gingen die beiden Officiere am
Rande des Gehoelzes so auf und ab, dass Michael Strogoff ihre Unterhaltung
hoeren und auch die Worte verstehen konnte, da sie sich der tartarischen
Sprache bedienten.

Schon die ersten Worte ihres Gespraechs erregten die Aufmerksamkeit Michael
Strogoff's im hoechsten Grade.

Zu seinem Erstaunen war von ihm selbst die Rede.

"Jener Courier kann einen so grossen Vorsprung vor uns unmoeglich haben,
sagte der Pendja-Baschi, und ausserdem konnte er bestimmt keinen andern Weg
einschlagen, als die Strasse durch die Barabinen-Steppe.

-- Wer weiss, ob er Omsk ueberhaupt verlassen hat? erwiderte der Deh-Baschi.
Vielleicht haelt er sich noch jetzt in irgend einem Hause der Stadt
versteckt.

-- Wahrlich, das waere nur zu wuenschen! Dann brauchte der Oberst Ogareff
nicht zu fuerchten, dass die Depeschen, deren Traeger der Courier doch ohne
Zweifel ist, an ihren Bestimmungsort gelangten!

-- Man behauptet, Jener solle ein Landeskind, ein Sibirier sein, fuhr der
Deh-Baschi fort. Als solchen muss ihm wohl die Provinz bekannt sein und er
konnte recht wohl von der Landstrasse nach Irkutsk abweichen in der
Rechnung, sie erst spaeter wieder aufzusuchen.

-- Dann waeren wir ihm aber voraus, antwortete der Pendja-Baschi, denn wir
haben Omsk kaum eine Stunde nach seiner Abreise aus der Stadt ebenfalls
verlassen und sind bei der groessten Schnelligkeit der Pferde dem kuerzesten
Wege gefolgt. Ob er also in Omsk ganz zurueck geblieben oder wir vor ihm in
Tomsk ankommen, um ihm den Weg zu verlegen, jedenfalls wird er Irkutsk
nicht zu erreichen vermoegen.

-- Eine derbe Frau uebrigens, jene alte Sibirierin, die offenbar seine
Mutter ist!" bemerkte der Deh-Baschi.

Bei diesen Worten klopfte Michael Strogoff's Herz, als wollte es springen.

"Ja wohl, erwiderte der Pendja-Baschi, sie versuchte es zwar abzuleugnen,
dass dieser vermeintliche Kaufmann ihr Sohn sei, aber es gelang ihr nicht.
Der Oberst Ogareff hat sich dadurch nicht taeuschen lassen, denn er sprach
es wenigstens aus, er werde die alte Hexe zur passenden Zeit schon zum
Gestaendniss der Wahrheit zu bringen wissen."

So viele Worte, so viele Dolchstiche waren das fuer Michael Strogoff. Er
war also sicher als Courier des Czaar erkannt. Eine zu seiner Verfolgung
ausgesendete Reiterabtheilung musste ihm unfehlbar den Weg verlegen! Dazu
befand sich, zu seinem tiefsten Schmerze, seine Mutter in der Gewalt der
Tartaren, und der grausame Ogareff ruehmte sich, er werde sie zum Sprechen
zu bringen wissen, wenn es ihm beliebte.

Michael Strogoff wusste recht gut, dass die energische Sibirierin Nichts
aussagen und dass ihr diese Weigerung jedenfalls das Leben kosten werde!...

Michael Strogoff glaubte zwar, dass er Iwan Ogareff niemals mehr zu hassen
im Stande sei, als er ihn bis jetzt gehasst habe, und doch drang ihm auf's
Neue ein bitteres Gefuehl des Hasses in's Herz. Der Schurke, der sein
Vaterland verrieth, drohte nun auch noch seine alte Mutter zu foltern!

Das Gespraech der beiden Officiere dauerte noch laenger fort, und Michael
Strogoff glaubte zu verstehen, dass in der Umgebung von Kolywan ein
Zusammenstoss zwischen den von Norden herabziehenden russischen Truppen und
den Tartarenhorden zu erwarten sei. Ein schwaches russisches Corps von
2000 Mann naeherte sich, den vom unteren Obi eingegangenen Nachrichten
zufolge, in Eilmaerschen der Stadt Tomsk. Wenn sich das bestaetigte, so
musste jenes Corps, welches von der Hauptmacht des Heeres unter Feofar-Khan
aufgefangen wurde, ohne Zweifel vernichtet werden, und dann gehoerte die
Strasse nach Irkutsk unbestritten den frechen Feinden.

Seine eigene Person betreffend entnahm Michael Strogoff aus einigen
Aeusserungen des Pendja-Baschi, dass auf seinen Kopf ein Preis gesetzt und
Befehl ergangen sei, ihn lebend oder todt einzuliefern.

Daraus ergab sich aber die Nothwendigkeit, den usbeckischen Reitern zuvor
zu kommen und auf der Strasse nach Irkutsk den Obi zwischen den Courier und
seine Verfolger zu bringen. Zur Erreichung dieser Absicht musste er aber
vor Aufhebung des Bivouaks zu entkommen suchen.

Michael Strogoff bereitete sich sofort, diesen Entschluss auszufuehren.

Die Rast konnte unmoeglich lange waehren, und dem Pendja-Baschi durfte es
kaum beikommen, seinen Leuten mehr als eine Stunde Ruhe zu goennen, obwohl
ihre seit dem Aufbruche aus Omsk sicherlich nicht gegen frische
verwechselten Pferde gewiss in demselben Masse und aus denselben Gruenden
erschoepft sein mussten, wie das Reitpferd Michael Strogoff's.

Er hatte also keinen Augenblick zu verlieren. Es war jetzt um ein Uhr
Morgens. Er musste sich die Dunkelheit, welche bald der Morgenroethe zu
weichen drohte, zu Nutze machen, um das kleine Gehoelz wieder zu verlassen
und die Strasse zu gewinnen; doch trotz der Beguenstigung durch die dunkle
Nacht erschien der Erfolg einer solchen Flucht doch im hoechsten Grade
unsicher.

Um Nichts vom blinden Zufall abhaengig zu machen, nahm sich Michael
Strogoff Zeit zu ueberlegen und erwog sorgsam die Aussichten fuer und wider,
um einen Entschluss zu fassen, der ihm noch die besten bot.

Aus den oertlichen Verhaeltnissen ergab sich Folgendes: An der der Strasse
entgegen gesetzten Seite des Gehoelzes vermochte er nicht zu entweichen,
denn um die Bogenlinie der Laerchenbaeume, deren Sehne eben die Landstrasse
darstellte, lief jener nicht nur tiefe, sondern auch breite und schlammige
Wasserarm. Grosse Stechginstern machten ein Passiren desselben fast zur
Unmoeglichkeit. Unter der schaeumenden Wasserflaeche befand sich offenbar
eine steile Vertiefung, in der der Fuss keinen Stuetzpunkt finden wuerde.
Ausserdem erschien das Land jenseit des Wasserlaufs mit seinen zerstreuten
Gebueschen fuer eine eilige Flucht auch mehr als ungeeignet. Erweckte er
einmal die Aufmerksamkeit, so wurde Michael Strogoff gewiss mit Aufwendung
aller Mittel und Kraefte verfolgt, eingeschlossen und zuletzt von den
tartarischen Reitern gefangen.

Es gab fuer ihn also nur einen einzigen benutzbaren Weg, einen einzigen,
die grosse Landstrasse. Diese zu erreichen, indem er am Rande des Hoelzchens
hinschlich, und ohne die Aufmerksamkeit seiner Feinde zu erwecken,
wenigstens eine Viertelwerft Vorsprung zu gewinnen, den letzten Rest der
Kraft und Schnelligkeit seines Pferdes zu benutzen, und sollte es am Ufer
des Obi auch todt zusammenbrechen, diesen bedeutenden Strom mittels eines
Bootes zu ueberfahren, oder wenn es an jederlei Transportmittel mangeln
sollte, zu durchschwimmen, - das war es, was Michael Strogoff versuchen
und wagen musste.

Seine Thatkraft, sein Muth verzehnfachte sich im Angesicht der Gefahr. Es
handelte sich um sein Leben, um seinen Auftrag, um die Ehre seines Landes,
vielleicht um das Wohl seiner Mutter. Er konnte nicht zoegern, er ging an's
Werk.

Er hatte nun keinen Augenblick mehr zu verlieren. Schon entstand wieder
einige Bewegung unter den Mannschaften der Abtheilung. Einige Reiter
gingen auf der Strasse, an dem Saume des Waeldchens hin und her. Die Andern
lagen noch am Fusse der Baeume ausgestreckt, aber ihre Pferde fanden sich
nach und nach wieder zusammen.

Erst kam Michael Strogoff der Gedanke, sich eines dieser Pferde zu
bemaechtigen, aber er sagte sich doch, dass diese nicht minder erschoepft
sein muessten, als das seinige. Es schien ihm also gerathener, sich dem
Thiere anzuvertrauen, dessen er sicher war und das ihm bis hierher so
vortreffliche Dienste geleistet hatte. Das muthige Thier entging, verdeckt
von hohem Haidekraute, gluecklich den Blicken der Tartaren. Diese selbst
drangen ja auch gar nicht in die Tiefe des Hoelzchens ein.

Auf dem Boden hinkriechend, naeherte sich Michael Strogoff seinem Pferde,
das sich gelagert hatte. Er streichelte es mit der Hand, sprach ihm leise
freundlich zu und brachte es geraeuschlos wieder auf die Fuesse.

Eben jetzt verloeschten zu Michael Strogoff's Glueck die voellig
niedergebrannten Fackeln, und es herrschte, mindestens unter den Gipfeln
der Laerchenbaeume, die dichteste Finsterniss.

Nachdem Michael Strogoff das Gebiss wieder eingelegt, den Sattelgurt
festgeschnallt und die Riemen der Steigbuegel geprueft hatte, begann er sein
Pferd langsam am Zuegel fortzuziehen. Uebrigens folgte das intelligente
Thier, so als verstaende es, was man von ihm wolle, willig seinem Herrn,
ohne nur ein einziges Mal zu wiehern.

Dennoch hoben einige usbeckische Pferde neugierig die Koepfe und wandten
sich dem Rande des Gehoelzes zu.

In der rechten Hand hielt Michael Strogoff seinen Revolver, bereit, dem
ersten tartarischen Reiter, der sich naehern wuerde, den Kopf zu
zerschmettern. Gluecklicher Weise hoerte er aber keinen Weckruf und konnte
den rechts auslaufenden Winkel des Waeldchens, da wo dieser an die Strasse
herantrat, erreichen.

Um womoeglich nicht gesehen zu werden, beabsichtigte Michael Strogoff sich
erst so spaet als moeglich in den Sattel zu schwingen, und jedenfalls erst,
nachdem er ueber eine Wendung des Weges, die sich etwa 200 Schritte jenseit
des Gehoelzes befand, hinter sich haben wuerde.

Zum Unglueck aber witterte ihn, als Michael Strogoff eben den Waldrand
ueberschritt, das Ross eines Usbeck, wieherte und trabte auf ihn zu.

Sein Reiter lief ihm nach, es zurueck zu fuehren, als er aber beim ersten
schwachen Tagesgrauen ein unerwartetes Schattenbild bemerkte, rief er
laut:

"Achtung!"

Auf diesen Ruf erhob sich die ganze Mannschaft des Bivouaks und stuerzte
hervor auf die Strasse.

Michael Strogoff hatte sich nur in den Sattel zu schwingen und im Galop
davon zu jagen.

Die beiden Officiere des Detachements hatten sich an die Spitze ihrer
Leute gestellt und trieben diese an, sich schnell fertig zu machen.

Jetzt sass Michael Strogoff schon auf dem Pferde.

Da krachte ein Schuss und eine Kugel durchloecherte den Mantel des Couriers.

Ohne den Kopf zu wenden und ohne den Angriff zu erwidern, gab er beide
Sporen, erreichte mit einem kuehnen Sprunge vom Waldrande aus die Strasse
und jagte mit verhaengtem Zuegel in der Richtung nach dem Obi davon.

Die usbeckischen Pferde waren abgezaeumt worden, er musste also vor den
Reitern des Detachements einigen Vorsprung gewinnen koennen; freilich
beeilten auch diese sich, ihm nachzusetzen, und wirklich hoerte er, kaum
zwei Minuten nachdem er das Hoelzchen verlassen, die schnellen Tritte
mehrerer Pferde, welche ihm nach und nach naeher kamen.

Schon begann es im Osten zu tagen und deutlicher traten in einem weiteren
Umkreise alle Gegenstaende hervor.

Michael Strogoff sah, als er sich einmal umwendete, dass ein Reiter ihn
besonders schnell einzuholen drohte.

Es war der Deh-Baschi. Dieser vorzueglich berittene Officier sprengte der
ganzen Abtheilung voraus und musste den Fluechtling bald erreichen.

Ohne anzuhalten schlug Michael Strogoff mit gewohnter sicherer Hand den
Revolver auf ihn an, zielte einen Augenblick, und mitten in die Brust
getroffen sank der Officier vom Pferde.

Aber die andern Reiter folgten ihm auf dem Fusse nach, und ohne sich wegen
ihres gefallenen Fuehrers aufzuhalten, sausten sie unter wildem
Rachegeschrei, die Sporen fest in die Flanken der Pferde gedrueckt, weiter,
und mehr und mehr verminderte sich die Distanz zwischen ihnen und Michael
Strogoff.

Etwa eine halbe Stunde lang vermochte sich Letzterer ausserhalb der
Tragweite ihrer Schiesswaffen zu halten, aber er bemerkte leider, dass die
Kraefte seines Pferdes nun zu Ende gingen, und fuerchtete mit Recht, dass
dieses, wenn es gegen irgend ein Hinderniss stiesse, stuerzen wuerde, um nicht
wieder aufzustehen.

Jetzt war es schon ziemlich tageshell geworden, wenn auch die Sonne noch
nicht ueber dem Horizonte stand.

In einer Entfernung von etwa zwei Werst schlaengelte sich eine durch Baeume
begrenzte hellere Linie hin.

Das war der Obi, der fast im gleichen Niveau mit dem Erdboden von
Suedwesten nach Nordosten dahinfloss und als dessen Thalbett man fueglich die
ganze umgebende Steppe ansehen musste.

Wiederholt knatterten die Gewehre hinter Michael Strogoff her, ohne dass
eine Kugel ihn verletzte, und mehrmals musste auch er gegen Reiter, die ihm
zu gefaehrlich nahe kamen, von seinem Revolver Gebrauch machen. Jedesmal
rollte ein Usbeck, unter dem Wuthgeheul seiner Kameraden, schwerverwundet
in den Sand.

Trotz alledem konnte diese Hetzjagd endlich nur zum Nachtheil Michael
Strogoff's ausfallen. Sein Pferd keuchte athemlos und bis zum Tode
erschoepft, doch gelang es ihm noch, dasselbe bis an das Flussufer zu
treiben.

Die Abtheilung Usbecks befand sich jetzt kaum noch fuenfzig Schritte hinter
ihm.

Auf dem vollstaendig verlassenen Obi erblickte er weder eine Faehre, noch
ein Fahrzeug, die zum Uebersetzen ueber den Strom haetten dienen koennen.

"Jetzt Muth, mein wackres Ross! rief Michael Strogoff. Vorwaerts! Jetzt
gilt's die letzte Anstrengung!"

Er stuerzte sich in den Fluss, dessen Breite hier wohl eine halbe Werst
betragen mochte.

Gegen die rasche Stroemung war nur schwer anzukaempfen. Michael Strogoff's
Pferd konnte nirgends Fuss fassen. Ohne jeden Stuetzpunkt musste es die
brausend schnell dahinziehenden Wellen also nur durchschwimmen. Ein Wunder
von Muth gehoerte fuer Michael Strogoff dazu, diesem Wasserschwalle zu
trotzen.

Die Reiter hatten am Ufer des Stromes Halt gemacht; sie zauderten, sich
ebenfalls in denselben nachzustuerzen.

In diesem Augenblick aber ergriff der Pendja-Baschi sein Gewehr und zielte
sorgfaeltig auf den Fluechtling, der sich schon in der Mitte der Stroemung
befand. Der Schuss krachte, und toedtlich in der Flanke getroffen versank
das Pferd Michael Strogoff's unter seinem Reiter.

Noch zeitig genug befreite sich dieser aus den Steigbuegeln, eben als sein
treues Thier unter den Wellen des Flusses verschwand. Endlich gelangte er
unter fortwaehrendem Niedertauchen und nur auf Augenblicke an der
Oberflaeche Athem schoepfend trotz des nachgesendeten Kugelregens gluecklich
an das rechte Flussufer und verschwand hinter den Gebueschen, die sich laengs
des Obirandes hinzogen.




                          Siebenzehntes Capitel.


                      Bibelsprueche und Liederverse.


Michael Strogoff befand sich einigermassen in Sicherheit; immerhin war
seine Lage noch eine schreckliche.

Jetzt, da das treue Thier, das ihm bis hierher so muthig gedient, in den
Wellen des Stromes den Tod gefunden hatte, wie sollte er seine Reise
fortsetzen koennen?

Er war zu Fuss, ohne Lebensmittel, in einem durch die Empoerung verwuesteten,
durch die Plaenkler des Emir schon ausgesaugten Lande und dabei noch eine
grosse Strecke von dem Ziele, das er erreichen musste, entfernt.

"Bei Gott, ich komme doch noch dahin! rief er wie als Antwort auf alle
Einwaende der Ohnmacht, die in seinem Geiste einen Augenblick aufstiegen.
Der Herr schuetzt das heilige Russland!"

Michael Strogoff befand sich jetzt ausserhalb des Bereichs der usbeckischen
Reiter. Diese hatten nicht gewagt, ihn durch den Fluss weiter zu verfolgen,
und mussten auch annehmen, dass er ertrunken sei, da sie ihn nach dem
letzten Verschwinden unter dem Wasser am rechten Ufer des Obi nicht wieder
auftauchen sahen.

Aber Michael Strogoff erreichte, unter dem mannshohen Schilfe des Ufers
hinschluepfend eine hoehere Stelle des Abhanges, wenn auch nur mit grosser
Muehe, da ein tiefer, von dem Austreten des Stromes zurueckgebliebener
Schlamm seinen Weg sehr schluepfrig machte.

Als er festen Grund und Boden unter sich fuehlte, hielt Michael Strogoff an
und ueberlegte, was nun zu thun sei. Vor Allem war er mit sich darueber
einig, Tomsk, das von tartarischen Truppen besetzt war, bestimmt zu
vermeiden. Dennoch musste er einen bewohnten Ort, mindestens ein Postrelais
zu treffen suchen, um sich daselbst wieder ein paar Pferde zu verschaffen.
Mit diesen wollte er sich ausserhalb der besetzten Wege halten und die
Strasse nach Irkutsk erst in der Gegend von Krasnojarsk wieder einschlagen.
Wenn er sich beeilte, durfte er hoffen, den Weg noch frei zu finden, so
dass er nach dem Suedosten der Provinzen am Baikalsee herabgelangen konnte.

Zunaechst begann Michael Strogoff sich zu orientiren.

Zwei Werst vor ihm laengs des Obi erhob sich eine kleine Stadt in
pittoresken Stufen auf einem leichten Landruecken. Einige Kirchen mit
byzantinischen, gruen und goldig verzierten Kuppeln zeichneten sich am
grauen Himmelsgrunde ab.

Das war Kolywan, wohin die niederen und hoeheren Beamten aus Kamsk und
anderen Staedten sich zu wenden pflegen, um dem ungesunden Klima der
Barabinen-Steppe zu entfliehen. Kolywan konnte nach den letzten Berichten,
die der Courier des Czaar vernommen hatte, noch nicht in den Haenden der
Eindringlinge sein. Die in zwei Colonnen einherziehenden Tartarenhaufen
hatten sich links nach Omsk, rechts nach Tomsk gewendet, das Land in der
Mitte aber frei liegen lassen.

Das einfache und logische Project, das Michael Strogoff entwarf, bestand
darin, Kolywan vor den usbeckischen Reitern, die dem linken Ufer des
Flusses folgten, zu erreichen. Dort wollte er sich, und waere es auch um
den zehnfachen Preis, Kleider und ein Pferd verschaffen und den Weg nach
Irkutsk durch die innere Steppe wieder einschlagen. Es war drei Uhr
Morgens. Die zur Zeit noch ganz ruhigen Umgebungen von Kolywan schienen
vollkommen verlassen. Offenbar hatte sich die Landbevoelkerung auf der
Flucht vor dem Einfall, dem sie keinen Widerstand entgegen zu setzen
vermochte, mehr nach Norden in das Gouvernement Jeniseisk zurueckgezogen.

Michael Strogoff wandte sich demnach raschen Schrittes nach Kolywan, als
entfernte Detonationen an sein Ohr schlugen.

Er stand still und unterschied deutlich ein dumpfes Rollen, welches die
Luftschichten erschuetterte, und dazu ein trockenes Knattern, ueber dessen
Natur er sich nicht taeuschen konnte.

"Das ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer! sprach er fuer sich. Das
kleine russische Corps ist also mit der Tartarenarmee zusammengetroffen! O
gebe der Himmel, dass ich vor ihnen in Kolywan ankomme!"

Michael Strogoff taeuschte sich nicht. Bald wurden die Detonationen
deutlicher, und weiter rueckwaerts, links von Kolywan, lagerten sich weisse
Daempfe unten am Horizonte, keine Rauchwolken, sondern jene dichten, scharf
abgegrenzten Dampfwolken, wie sie das Feuer der Artillerie erzeugt.

Am linken Ufer des Obi hatten die usbeckischen Reiter Halt gemacht, um den
Ausgang der Schlacht abzuwarten.

Von dieser Seite hatte Michael Strogoff also nichts zu fuerchten und
beeilte deshalb seinen Marsch nach der Stadt.

Inzwischen wurde der Kanonendonner staerker und naeherte sich merklich. Es
war kein verschwimmendes Rollen mehr, sondern eine Folge deutlich
unterscheidbarer Donnerschlaege. Gleichzeitig erhob sich der vom Winde
entfuehrte Dampf in die Luft, und man erkannte, dass die Kaempfer im Sueden
offenbar an Terrain gewannen. Kolywan war somit einem Angriff von der
Westseite ausgesetzt. Vertheidigten es aber die Russen gegen die
Tartarenhorden oder suchten sie es den Soldaten des Feofar-Khan wieder zu
entreissen? Das liess sich fuer jetzt unmoeglich erkennen und setzte Michael
Strogoff in nicht geringe Verlegenheit.

Nur eine halbe Werst von Kolywan befand er sich, als ein hoher Feuerstrahl
mitten aus den Haeusern der Stadt aufleuchtete und der Thurm einer Kirche
unter einem Wirbel von Staub und Flammen zusammenbrach.

Tobte der Streit schon in Kolywan? Michael Strogoff musste es wohl glauben;
in diesem Falle kaempften die Russen und Tartaren also in den Strassen der
Stadt. Bot sie ihm jetzt noch eine Zuflucht? Lief Michael Strogoff nicht
Gefahr, daselbst gefangen zu werden, und durfte er hoffen, dass es ihm
gelingen werde, aus Kolywan ebenso gluecklich zu entfliehen, wie vorher aus
Omsk?

Alle diese Gedanken flogen durch seinen Kopf. Er zauderte; er stand einen
Augenblick still.

Erschien es nicht besser, sich zu Fuss nach Sueden oder Osten, bis zu irgend
einem Flecken, vielleicht nach Diachinsk oder einem andern,
durchzuschlagen, und sich dort um jeden Preis ein Pferd zu verschaffen?

Jedenfalls war das der einzige Ausweg, und sofort wandte sich Michael
Strogoff, indem er das Ufer des Obi verliess, nach der rechten Seite von
Kolywan.

Gerade jetzt krachten die Geschuetze lauter als je. Bald zuengelten Flammen
an der rechten Seite der Stadt in die Hoehe; die Feuersbrunst ergriff ein
ganzes Stadtviertel von Kolywan.

Michael Strogoff lief, was er laufen konnte, quer durch die Steppe und
suchte den Schutz einiger Baeume zu erlangen, welche da und dort verstreut
standen, als eine Abtheilung tartarischer Cavallerie auf dem rechten
Stromufer erschien.

Michael Strogoff konnte seine Flucht in der vorigen Richtung nicht mehr
fortsetzen; die Reiter sprengten auf die Stadt zu, und es waere ihm schwer
geworden, ihnen zu entgehen.

Da bemerkte er neben einem kleinen, aber dichten Gebuesch ein isolirtes
Haeuschen, das er wohl zu erreichen hoffen durfte, bevor jene ihn sahen.

Michael Strogoff hatte nichts Anderes zu thun, als dort hin zu eilen, sich
daselbst zu verstecken, um Etwas zu bitten, noethigenfalls sich anzueignen,
womit er seine Kraefte wieder herstellen koennte, denn er war nun wirklich
erschoepft von Hunger und Strapazen.

Er stuerzte also auf dieses hoechstens eine halbe Werst entfernte Haeuschen
zu. Naeher gekommen sah er erst, dass dieses Gebaeude ein Telegraphenbureau
war. Zwei Draehte liefen davon nach Osten und Westen aus und ein dritter
Draht war in der Richtung nach Kolywan gespannt.

Wohl haette man voraussetzen koennen, dass dieses Bureau unter den jetzigen
Verhaeltnissen verlassen sei, doch mochte dem sein wie ihm wollte, Michael
Strogoff konnte dahin fliehen, im Nothfalle die Nacht abwarten und sich
dann wieder in die Steppe hinaus wagen, welche die tartarischen Plaenkler
durchirrten.

Michael Strogoff eilte geraden Wegs auf die Thuer des Hauses zu und stiess
sie schnell und heftig auf.

Eine einzige Person befand sich in dem Zimmer, in dem die
Telegraphenleitungen zusammenliefen.

Es war ein Beamter, der in seiner Ruhe, in seinem Phlegma sich nicht um
das Geringste kuemmerte, was in der Aussenwelt vorging. Treu auf seinem
Posten ausharrend, wartete er, dass das Publicum seine Dienste in Anspruch
nehme.

Michael Strogoff rannte auf ihn zu und fragte mit vor Erschoepfung
gebrochener Stimme:

"Was wissen Sie Neues?

-- Ei nichts, erwiderte der Beamte laechelnd.

-- Es sind doch Russen und Tartaren handgemein geworden?

-- Man sagt es.

-- Aber wer ist Sieger?

-- Das weiss ich selbst nicht."

So viel Gemuetlichkeit unter so schrecklichen Verhaeltnissen, so viel
Indifferenz erschien doch kaum glaublich. "Und der Draht ist noch nicht
zerschnitten? fragte Michael Strogoff.

-- Zwischen Kolywan und Krasnojarsk ist die Leitung zerstoert, sie
functionirt aber noch zwischen Kolywan und der russischen Grenze.

-- Fuer die Regierung?

-- Fuer die Regierung, wenn sie es fuer noethig erachtet, fuer das Publicum,
wenn dasselbe zahlt. Das Wort kostet zehn Kopeken. Wenn es Ihnen beliebt,
mein Herr?"

Michael Strogoff wollte eben diesem Beamten ohne Gleichen antworten, dass
er keine Depesche abzusenden habe, sondern nur gekommen sei, um etwas Brod
und Wasser zu erbitten, als die Thuer des Hauses wieder hastig aufgerissen
wurde.

Michael Strogoff bereitete sich schon, in dem Glauben, das Haus sei von
Tartaren ueberfallen, zu einem Sprunge durch das Fenster, als er noch sah,
dass nur zwei einzelne Maenner in den Raum eintraten, die tartarischen
Soldaten nicht im Geringsten aehnelten.

Mit einem leicht erklaerlichen Erstaunen erkannte Michael Strogoff in
diesen zwei Maennern zwei Persoenlichkeiten wieder, an die er jetzt nicht im
Entferntesten dachte und die er ueberhaupt niemals wieder zu sehen geglaubt
hatte.

Es waren die beiden Berichterstatter Harry Blount und Alcide Jolivet,
jetzt keine Reisegefaehrten mehr, sondern Rivalen, ja Feinde, seitdem sie
ihre Thaetigkeit auf dem Kriegsschauplatze begannen.

Ischim verliessen sie seiner Zeit nur wenige Stunden nach Michael
Strogoff's Weiterreise, und wenn sie auf derselben Strasse Kolywan vor ihm
erreichten, ja, ihn selbst unterwegs ueberholten, so kam das daher, dass
Michael Strogoff am Ufer des Irtysch drei Tage eingebuesst hatte.

Jetzt, nach Beobachtung des Kampfes zwischen den russischen und
tartarischen Truppen dicht vor der Stadt, hatten sie Kolywan in dem
Augenblicke verlassen, als der Streit sich in die Strassen der Stadt hinein
fortsetzte, waren nach der Telegraphenstation gelaufen, um ihre
rivalisirenden Depeschen nach Europa abzulassen und Einer dem Andern die
erste Meldung der Tagesereignisse streitig zu machen.

Michael Strogoff trat etwas bei Seite an eine dunklere Stelle und konnte
von hier aus, ohne selbst gesehen zu werden, Alles sehen und hoeren.
Jedenfalls durfte er auf wichtige Neuigkeiten hoffen, um aus diesen
abnehmen zu koennen, ob er sich nach Kolywan hinein wagen duerfe oder nicht.

Harry Blount, der sich noch mehr beeilte, als sein College, hatte den
Platz am Schalter eingenommen, waehrend Alcide Jolivet ganz gegen seine
Gewohnheit ungeduldig mit den Fuessen stampfte.

"Jedes Wort kostet zehn Kopeken", sagte der Beamte, die Depesche entgegen
nehmend.

Harry Blount stapelte auf einer Zaehltafel eine kleine Saeule Rubel auf, die
sein College mit einer gewissen Verwunderung betrachtete.

"Schoen, schoen", sagte der Beamte.

Und mit der unerschuetterlichsten Kaltbluetigkeit der Welt begann er
folgende Depesche abzutelegraphiren:

                       _"Daily-Telegraph, London._

_"Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._

_"Gefecht zwischen russischen Truppen und Tartaren ..."_

Da die Worte laut vorgelesen wurden, hoerte Michael Strogoff auch Alles,
was der englische Correspondent seinem Journale mittheilte.

_"Die russischen Truppen mit grossen Verlusten zurueckgedraengt. Tartaren an
demselben Tage in Kolywan eingezogen ..."_

Diese Worte beendigten die Depesche.

"Nun ist die Reihe an mir, rief Alcide Jolivet, der eine an seine Cousine
im Faubourg Montmartre adressirte Depesche aufgeben wollte.

Das wollte aber dem englischen Reporter keineswegs passen; denn dieser
dachte gar nicht daran, den Schalter zu verlassen, um alle Ereignisse, die
er von hier aus etwa noch beobachten konnte, sofort nach Hause berichten
zu koennen. Er machte also seinem Gefaehrten nicht Platz.

"Sie sind aber doch fertig! ... rief Alcide Jolivet.

-- Ich bin noch nicht zu Ende", antwortete einfach Harry Blount.

Er schrieb sofort eine Reihe Worte auf, die er dem Beamten uebergab,
welcher sie mit stets gleichmaessig ruhiger Stimme durchlas:

               _"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!..."_

Es waren die ersten Verse aus der Bibel, welche Harry Blount
telegraphirte, um die Zeit auszufuellen und seinem Collegen gegenueber den
einmal eingenommenen Platz zu behaupten. Dieser Ausweg kostete seinem
Journal vielleicht einige tausend Rubel, aber es erhielt dafuer auch die
allerersten Berichte. Frankreich konnte warten!

Man begreift wohl den Aerger und die Wuth Alcide Jolivet's. Unter allen
anderen Verhaeltnissen haette er zwar begriffen, dass dieses Verfahren ein
gesetzlich vollkommen begruendetes war, jetzt suchte er aber den Beamten
womoeglich zu noethigen, dass er seiner Depesche vor der Fortsetzung der
seines Collegen den Vorzug gebe.

"Der Herr ist in seinem Recht", bedeutete ihn ruhig der Beamte, indem er
auf Harry Blount wies und ihm liebenswuerdig zulaechelte.

Und er fuhr pflichtgetreu fort, an den Daily-Telegraph den ersten Vers der
heiligen Schrift zu telegraphiren.

Waehrend der Manipulationen an den Apparaten begab sich Harry Blount ruhig
an's Fenster und beobachtete mit einem Fernglase, was etwa um Kolywan
vorging, um seine Berichte zu vervollstaendigen.

Einige Augenblicke spaeter nahm er seinen Platz am Schalter wieder ein und
fuegte seinem Telegramm hinzu:

_"Zwei Kirchen stehen in Flammen. Die Feuersbrunst scheint sich nach dem
rechten Flussufer zu auszubreiten. Und die Erde __war wueste und leer und es
war finster auf der Tiefe ..."_

In Alcide Jolivet stieg eine hoellische Lust auf, den ehrenwerthen
Correspondenten des Daily-Telegraph einfach zu erwuergen.

Wiederholt interpellierte er den Beamten, der ihm stets mit der naemlichen
Ruhe die Antwort gab:

"Der Herr ist in seinem Recht, vollkommen in seinem Recht ... Das Wort
kostet zehn Kopeken."

Und unverdrossen telegraphirte er die folgende Neuigkeit, die ihm Harry
Blount brachte.

_"Russische Fluechtlinge draengen sich aus der Stadt. Und Gott sprach, es
werde Licht und es ward Licht!..."_

Alcide Jolivet wollte buchstaeblich vor Wuth bersten.

Inzwischen war Harry Blount wieder zum Fenster zurueckgekehrt, zog aber
seine Beobachtung, wahrscheinlich gefesselt von Interesse an dem
Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte, etwas zu sehr in die
Laenge. Sobald der Telegraphist also den dritten Vers der Bibel abgesendet
hatte, nahm Alcide Jolivet geraeuschlos am Schalter Platz und uebergab, nach
Deponirung einiger recht anstaendiger Rubelrollen, seine Depesche dem
Beamten, der sie wiederum mit lauter Stimme verlas:

                          _"Madeleine Jolivet,_

_"10, Faubourg Montmartre (Paris)._

_"Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._

_"Fluechtlinge entweichen aus der Stadt. Die Russen geschlagen. Heftige
Verfolgung durch die tartarische Cavallerie ..."_

Und als Harry Blount nach dem Schalter zurueckkehrte, vernahm er nur, wie
Alcide Jolivet sein Telegramm in halb singendem, lustigem Tone
vervollstaendigte:

  _"Es ist ein kleines Maennchen,_
  _Gekleidet ganz in Grau,_
    _In Paris!..."_

Da er es fuer unpassend hielt, Profanes und Heiliges unter einander zu
mengen, so benutzte er den Refrain eines lustigen Liedes Beranger's an
Stelle der Bibelverse.

"Oha! platzte Harry Blount heraus.

-- Ja ja, so geht's", erwiderte lachend Alcide Jolivet.

Inzwischen gestalteten sich die Verhaeltnisse in den Umgebungen Kolywans
immer bedrohlicher. Die Schlacht waelzte sich naeher heran, der
Geschuetzdonner krachte immer entsetzlicher.

Da erzitterte ploetzlich das ganze Telegraphenamt in allen Fugen.

Eine Granate hatte die Mauer durchschlagen und eine dichte Staubwolke
erfuellte den ganzen Raum.

Alcide Jolivet schrieb erst noch folgende Zeilen vollends nieder:

  _"Bausbaeckig, wie ein Apfel,_
  _Doch ohn' ein'n Heller Geld ..."_

Dann hielt er inne, stuerzte auf die Granate zu, erfasste sie noch vor der
Explosion derselben mit beiden Haenden, warf sie zum Fenster hinaus und
trat wieder an den Schalter - Alles das Werk eines Augenblicks.

Fuenf Secunden spaeter zersprang die Granate vor dem Hause in tausend
Stuecke.

Alcide Jolivet liess sich im weiteren Aufsetzen seines Telegramms gar nicht
stoeren und fuegte dem voellig ruhig und kaltbluetig hinzu:

_"Eine sechspfuendige Granate schlug soeben durch die Mauer des
Telegraphenamtes. In Erwartung noch weiterer von gleichem Kaliber ..."_

Michael Strogoff schwand jeder Zweifel, dass die Russen aus Kolywan
vertrieben seien. Sein einziger Ausweg blieb es also, sich durch die
suedliche Steppe zu wagen.

Da knatterte eine furchtbare Gewehrsalve nahe dem Telegraphenamte und ein
Hagelschauer von Kugeln zersplitterte die Fensterscheiben.

An der Schulter getroffen fiel Harry Blount zur Erde.

Alcide Jolivet eilte, seiner Depesche noch einen Anhang hinzuzufuegen.

_"Harry Blount, Correspondent des Daily-Telegraph, an meiner Seite von
einer Kugel getroffen ..."_

Da unterbrach ihn der kaltbluetige Beamte und sagte mit seiner
unerschuetterlichen Ruhe:

"Mein Herr, die Leitung ist unterbrochen."

Den Schalter schliessend griff er ganz ruhig nach seinem Hute, buerstete ihn
sorgfaeltig mit dem Ellbogen und verliess, immer laechelnd, das Haus durch
eine kleine Nebenthuer, welche Michael Strogoff bis dahin entgangen war.

Das Gebaeude ward unmittelbar darauf von tartarischen Truppen besetzt, so
dass weder Michael Strogoff noch die beiden Journalisten ihren Rueckzug zu
bewerkstelligen vermochten.

Mit seiner nun zwecklosen Depesche in der Hand eilte Alcide Jolivet zu dem
auf dem Boden liegenden Harry Blount und gab sich Muehe, letzteren auf die
Schultern zu nehmen in der Absicht, mit ihm zu entkommen ... Zu spaet!

Beide wurden gefangen und gleichzeitig mit ihnen fiel Michael Strogoff,
als er sich eben anschickte, zu einem Fenster hinaus zu springen, in die
Haende der Tartaren!



                         Ende des ersten Bandes.





                       Collection Verne. Band 23.


                        *Der Courier des Czaar.*

                          (Michael Strogoff.)

                                  Von

                             *Julius Verne.*


_Autorisirte Ausgabe_

Zweiter Band.

*Vierte Auflage.*

Wien. Pest. Leipzig.

_A. Hartleben's Verlag._

Alle Rechte vorbehalten.




              K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.






                            MICHAEL STROGOFF.


                              Zweiter Theil.




                             Erstes Capitel.


                       Ein tartarisches Feldlager.


Eine Tagereise von Kolyvan und einige Werst jenseit des Fleckens Diachinsk
breitet sich eine grosse Ebene aus, auf der sich einige hohe Baeume,
vorzueglich Tannen und Cedern, erheben.

Waehrend der warmen Jahreszeit wird dieser Theil der Steppe gewoehnlich von
sibirischen Hirten besucht und gewaehrt auch den zahlreichen Heerden
derselben hinlaengliche Nahrung. Jetzt haette man wohl vergeblich nach einem
dieser nomadisirenden Bewohner gesucht. Nicht dass diese fruchtbare Ebene
verlassen und oede gewesen waere, - im Gegentheil, sie zeigte ein ganz
aussergewoehnliches Leben.

Hier erhoben sich naemlich die Zelte der Tartaren, hier lagerte
Feofar-Khan, der grausame Emir von Bukhara, und eben an diesem Morgen, am
7. August, wurden die bei Kolyvan nach der Zersprengung des kleinen
russischen Corps gemachten Gefangenen hierher eingebracht. Von jenen 2000
Mann, welche sich zwischen die zwei auf Omsk und Tomsk gestuetzten,
feindlichen Heersaeulen gewagt hatten, waren nur noch einige hundert
Soldaten davon gekommen.

Der Verlauf der Ereignisse war also kein guenstiger, und die kaiserliche
Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedraengt, - mindestens fuer
den Augenblick, denn frueher oder spaeter musste es den Russen ja wohl
gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die
raeuberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche
Einfall sich ueber das empoerte Land entweder nach den Provinzen im Westen,
oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller
Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der
Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens
zu besetzen, so musste sie wohl, bei den mangelhaften Kraeften zu ihrer
Vertheidigung, den Tartaren in die Haende fallen, und bevor es dann moeglich
wurde, sie diesen wiederum zu entreissen, blieb der Grossfuerst, der Bruder
des Kaisers, den Rachegeluesten Iwan Ogareff's preis gegeben.

Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last
so vieler Pruefungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel
Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten?
Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung fuer verfehlt, die
Ueberlieferung seines Mandats fuer unmoeglich an?

Michael Strogoff gehoerte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr
regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war
sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte
er noch immer, sein Incognito war noch unverletzt. Gewiss befand er sich
unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh
daher trieben; aber mit der Annaeherung an Tomsk kam er auch Irkutsk naeher,
und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurueck.

"Ich werde noch ankommen!" wiederholte er sich immer wieder.

Seit jener Affaire bei Kolyvan draengte sich seine ganze Lebenskraft
zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den
Soldaten des Emirs entrinnen wuerde? - Das wollte er sehen, wenn der
passende Zeitpunkt da waere.

Feofar's Feldlager bot einen praechtigen Anblick. Zahllose Zelte aus
Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der
Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen
wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin
und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehoerten den Seids und den
Khodjas, den vornehmsten Maennern des Khanates, an. Eine besondere Flagge,
mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem
kunstvoll geordneten Buendel rother und weisser Staebe erhob, bezeichnete den
hohen Rang dieser Tartarenhaeuptlinge. Weit ueber Sehweite hinaus
erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, "Karaoys"
genannt, die auf dem Ruecken der Kameele mitgefuehrt wurden.

Das ganze Lager zaehlte mindestens 150,000 Mann Soldaten, sowohl Fussvolk
als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan,
zuerst die Tadjiks mit ihren schoenen, regelmaessigen Zuegen, weisser
Hautfarbe, schwarzen Augen und Haaren und dem hohen, maechtigen Wuchse, -
die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und
Kunduz nahezu ein gleich grosses Contingent wie Bukhara geliefert hatten.
Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Staemme, welche
entweder in Turkestan sesshaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete
grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem
Barte, ganz aehnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff's
ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der
Kalmuecken aehnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein
Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft fuehrte, ein anderer
mit dem Saebel, einem Luntengewehre und dem "Tschakane", d. i. eine kurz
gestielte Axt, welche leicht toedtliche Wunden verursacht, ausgeruestet
erschien. Dazu mittelgrosse Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in
einen Zopf geflochten auf den Ruecken hinabfiel, mit rundlichem,
sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder
sehr spaerlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbraemte
Nankingstoffe, geschmueckt mit Lederguerteln, mit Silberschnallen,
Schnuerstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Muetzen, von denen
nach rueckwaerts drei Baender hinausflatterten. Endlich sah man auch
tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schoenen semitischen
Racen und Turkomanen mit engen gedrueckten Augen, an denen die Lider ganz
zu fehlen schienen, - Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs,
einer Fahne von Mordbrennern und zerstoerungssuechtigen Horden.

Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch eine gewisse Anzahl
Sklavenhaufen, vorzueglich Perser, welche von eingeborenen Anfuehrern
befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschaetzt
wurden.

Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels
eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des
ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkaeppchen,
und endlich darunter gemischt noch Hunderte "Kalender", eine Art
religioeser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothduerftig
bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollstaendigen Vorstellung
des fast unuebersehbaren Gemisches der verschiedenen Voelker und Staemme
gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten.

Fuenfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben
nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu
je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in
Knoten geknuepft, deren Ruecken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren,
unterschied man die feingebauten, grossen Turkomanen mit glaenzendem Haar
und stolzer Haltung; die ausdauernden, kraeftigen Usbecks; die
Khokhandiner, welche ausser ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze
Kuecheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den
Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels "Arkan", d. i. der
Lasso der Tartaren, einfaengt, und endlich viele andere Abkoemmlinge
gekreuzter Racen von geringerem Werthe.

Lastthiere zaehlten hier ebenfalls nach Tausenden. Hier fanden sich
kleinere, aber wohlgebaute Kameele mit langer Behaarung, deren dichte
Maehne ihren Hals verhuellte, gelehrige und leichter als die Dromedare
zaehmbare Thiere; ferner einhoeckerige "Nars" mit rothgelbem, gelocktem
Felle; endlich eine Menge Esel, welche unverdrossen ihre Arbeit leisten
und deren sehr geschaetztes Fleisch zum nicht geringen Theile die Nahrung
der Tartaren ausmacht.

Ueber diese ganze Masse von Menschen und Thieren, ueber diese ungeheuren
Haufen von Zelten verbreiteten in groesseren Gruppen zusammen stehende
Cedern und Fichten einen angenehmen, erfrischenden Schatten, der da und
dort durch einige besonnte Stellen unterbrochen wurde. Das Bild bot einen
hoechst pittoresken Anblick, zu dessen Wiedergabe ein Maler wohl alle
Farben seiner Palette haette erschoepfen muessen.

Als die bei Kolyvan gemachten Gefangenen vor den Zelten Feofar's und der
Grosswuerdentraeger des Khanates anlangten, wirbelten die Trommeln und
schmetterten die Trompeten. Zu dem entsetzlichen Getoese mischte sich aber
auch noch das Knattern von Gewehrfeuer und der Donner vier- und
sechspfuendiger Geschuetze, welche die Artillerie des Emirs bildeten.

Feofar lebte hier unter rein militaerischer Umgebung und Lebensweise. Seine
Haushaltung und sein Harem befanden sich, ebenso wie die seiner
Bundesgenossen, jetzt in Tomsk, das in den Haenden der Tartaren war.

Nach Aufhebung des Lagers sollte der Sitz des Emirs ebendahin verlegt
werden, bis er diese Residenz endlich mit der Hauptstadt von Ostsibirien
endgiltig zu vertauschen hoffte.

Feofar's Fuerstenzelt ueberragte die Zelte seiner Nachbarn. Errichtet aus
breiten Stuecken eines prachtvollen Seidenstoffes, den Schnuren mit
goldenen Fransen zusammenhielten, ueberragt von dichten Troddeln, welche
der Luftzug faecherartig hin und her wiegte, nahm es den Mittelpunkt einer
weiten Lichtung ein, die im Vordergrunde durch praechtige Birken und
gigantische Fichten abgeschlossen war. Vor diesem Zelte lag auf einem
glaenzenden, feinen, mit Edelsteinen ausgelegten Tische geoeffnet der
heilige Koran, dessen Blaetter aus ganz duennen, fein gravirten
Goldplaettchen bestanden. Darueber flatterte die tartarische Fahne.

Am Umfange der Lichtung erhoben sich im Halbkreise die Zelte der hoechsten
Beamten von Bukhara. Da wohnten der Grossstallmeister, dem das Recht
zusteht, dem Emir bis in den Hof seines Palastes zu Pferde zu folgen; der
Gross-Falkenier, der "Housch-Begui", d. i. der Siegelbewahrer des
Herrschers, der "Toptschi-Baschi", d. i. der Oberbefehlshaber der
Artillerie, der "Khodja" oder Vorsitzende des Grossen Rathes, der von dem
Fuersten gekuesst wird und sich vor ihm mit offenem Guertel zeigen darf, der
"Scheik-ul-Islam", der Erste der Ulemas und Vertreter der Priesterkaste,
der "Cazi-Askev", der in Abwesenheit des Emirs ueber alle Streitfragen
zwischen Militaers zu entscheiden hat, und endlich der Chef der Astrologen,
deren Hauptgeschaeft es ist, die Sterne zu befragen, sobald der Khan
beabsichtigt, seinen Aufenthalt zu wechseln.

Der Emir befand sich, als die Gefangenen in das Lager getrieben wurden,
gluecklicher Weise in seinem Zelte. Eine Handbewegung, ein Wort von ihm
haette wohl hingereicht, ein blutiges Strafgericht in Scene zu setzen. Er
hielt sich aber zurueck in jener Isolirtheit, welche zum Theil die Majestaet
der orientalischen Fuersten erhaelt. Man bewundert Den, der sich nicht
zeigt, und fuerchtet ihn mehr.

Die Gefangenen selbst wurden in einer Umzaeunung eingepfercht, wo sie
misshandelt, nur nothduerftig ernaehrt und allen verderblichen Einfluessen des
Klimas ausgesetzt, der Entscheidung Feofar's entgegen harrten.

Der gelehrigste von Allen, wenn auch nicht der geduldigste, war gewiss
Michael Strogoff. Er liess sich gern fuehren, denn man fuehrte ihn dahin,
wohin er selbst wollte, und das in verhaeltnissmaessiger Sicherheit, die er,
frei und allein reisend, auf dem Wege von Kolyvan nach Tomsk nie haette
finden koennen. Eine Flucht vor Erreichung letzterer Stadt haette ihn
unzweifelhaft in die Haende der Plaenkler zurueck geliefert, welche die
umgebende Steppe durchschwaermten. Die oestlichste, von den Schaaren der
Meuterer zur Zeit besetzte Linie lag nicht ueber dem zweiundachtzigsten
Meridian, welcher Tomsk durchschneidet, hinaus. Nach Ueberschreitung
dieses Meridianes durfte Michael Strogoff darauf rechnen, sich ausserhalb
des von Feinden ueberschwemmten Gebietes zu befinden, den Yenisei gefahrlos
zu passiren und Krasnojarsk zu erreichen, bevor Feofar-Khan auch diese
Provinz besetzte.

"Einmal in Tomsk, wiederholte er sich manchmal, um einige Regung seiner
Ungeduld, deren er nicht voellig Meister werden konnte, zu unterdruecken,
werde ich binnen wenigen Minuten ueber die Vorpostenkette hinaus sein, und
zwoelf Stunden vor Feofar, zwoelf Stunden nur vor Ogareff voraus zu sein,
das genuegt mir, um ihnen nach Irkutsk zuvor zu kommen!"

Was Michael Strogoff am meisten fuerchtete und wohl auch fuerchten musste,
das war die Anwesenheit Iwan Ogareff's in dem tartarischen Lager.
Abgesehen von der Gefahr, erkannt zu werden, verrieth ihm ein gewisser
Instinct, dass es fuer ihn von besonderer Wichtigkeit sei, gerade diesem
Verraether zuvor zu kommen. Er sah auch recht wohl ein, dass durch die
Vereinigung der Heeresabtheilungen Iwan Ogareff's und Feofar-Khan's die
feindliche Armee nun vollzaehlig wurde und mit aller Macht nach der
ostsibirischen Hauptstadt zu aufbrechen werde. Eben diese Aussicht erregte
in ihm aber die schwersten Befuerchtungen, und aufmerksam lauschte er auf
jeden schmetternden Trompetenstoss, ob dieser etwa das Eintreffen jenes
Unterbefehlshabers des Emirs verkuende.

An solche Gedanken reihten sich dann noch die Erinnerungen an seine Mutter
und an Nadia, deren Erstere in Omsk zurueck geblieben, die Andere auf den
Barken des Irtysch weggeschleppt worden war. Unzweifelhaft seufzte diese
ebenso wie Marfa Strogoff in harter Gefangenschaft. Und er vermochte
Nichts fuer sie zu thun! Wuerde er jene Zwei ueberhaupt wiedersehen?
Krampfhaft zuckte ihm das Herz bei dieser Frage, welche er sich nicht zu
beantworten wagte.

Gleichzeitig mit Michael Strogoff und vielen anderen Gefangenen waren auch
Harry Blount und Alcide Jolivet in das Tartarenfeldlager transportirt
worden. Ihr frueherer Reisegefaehrte wusste zwar, dass Jene in derselben dicht
mit Wachtposten besetzten Umzaeunung untergebracht waren, er hatte sich
ihnen aber nicht zu naehern gesucht. Nur wenig kuemmerte es ihn jedoch, was
sie ueber ihn bezueglich des Auftrittes im Posthofe zu Ichim denken moechten;
er wollte vielmehr allein sein, um im gegebenen Fall schneller allein
handeln zu koennen. Deshalb hielt er sich stets mehr bei Seite.

Alcide Jolivet hatte seit dem Augenblick, da sein College an seiner Seite
fiel, diesem die groesste Sorgfalt gewidmet. Von Kolyvan bis nach dem Lager,
daher auf einem Wege von mehreren Stunden, konnte Harry Blount dadurch,
dass er sich auf den Arm seines Rivalen stuetzte, dem Gefangenenzuge folgen.
Erst wollte er sich in seiner Eigenschaft als Englaender legitimiren, das
haette ihm aber gegenueber diesen Barbaren, welche nur mit Lanzenstoessen und
Saebelhieben antworteten, nicht im mindesten genuetzt. Der ehrenwerthe
Correspondent des Daily-Telegraph theilte also zunaechst das Schicksal
aller Uebrigen, und blieb es ihm ueberlassen, spaeter zu reclamiren und
Satisfaction fuer die erlittene Behandlung zu verlangen. Diesen Weg legte
er aber seiner Wunde wegen nur mit der groessten, schmerzlichen Anstrengung
zurueck, und ohne Alcide Jolivet's Hilfe waere er wohl kaum im Stande
gewesen, das Lager zu erreichen.

Alcide Jolivet, den seine praktische Philosophie niemals im Stiche liess,
hatte seinen Genossen physisch und moralisch durch alle ihm zu Gebote
stehenden Mittel moeglichst gestaerkt. Als er sich unabwendbar in jene Huerde
eingeschlossen sah, eilte er zunaechst, Harry Blount's Wunde zu
untersuchen. Es gelang ihm recht gut, Jenen zu entkleiden, und er
ueberzeugte sich, dass dessen Schulter nur von dem Sprengstueck einer Kugel
gestreift worden war.

"O, es ist nichts! sagte er. Eine ganz einfache Schramme. Nach zwei oder
drei kuehlen Aufschlaegen ist die ganze Sache vorueber.

-- Aber diese nothwendigen Umschlaege?... fragte Harry Blount.

-- Die mache ich Ihnen selbst.

-- Sie sind also ein wenig Arzt?

-- Alle Franzosen sind halbe Aerzte!"

Nach dieser dreisten Versicherung zerriss Alcide Jolivet sein Taschentuch,
zupfte aus einem Stuecke desselben Charpie, legte ein anderes zu einem
Tampon zusammen, holte aus einem in der Mitte des Platzes gelegenen
Ziehbrunnen Wasser, wusch die gluecklicher Weise nur leichte Wunde
sorgfaeltig aus und legte mit grosser Geschicklichkeit die feuchten
Leinenstuecke auf Harry Blount's Schulter.

"Ich behandle Sie mit Wasser, sagte er. Diese Fluessigkeit ist das
wirksamste Sedativum, das man bei der Behandlung von Verwundungen kennt,
und wird jetzt auch ganz allgemein angewendet. Die Aerzte haben nur 6000
Jahre gebraucht, um das zu entdecken! Ja, in runder Zahl so gegen 6000
Jahre!

-- Ich danke Ihnen, Herr Jolivet, erwiderte Harry Blount, indem er sich auf
ein Lager von duerren Blaettern hinstreckte, das sein Begleiter ihm im
Schatten einer Birke zurecht gemacht hatte.

-- Ei, das ist ja nicht der Rede werth. Sie haetten an meiner Stelle
dasselbe gethan.

-- Ja, ich weiss nicht ... antwortete Harry Blount ziemlich naiv.

-- Sie Spassvogel! Alle Englaender sind edelmuethig!

-- Gewiss, aber die Franzosen ...?

-- Nun ja, die Franzosen sind gut, vielleicht sogar etwas einfaeltig; aber
was das wieder gut macht, ist, dass sie eben Franzosen sind. Doch sprechen
wir nicht mehr davon, oder noch besser, sprechen wir jetzt lieber gar
nicht mehr. Sie brauchen nun vor allen Dingen Ruhe."

Harry Blount hatte aber verzweifelt wenig Lust zu schweigen. Wenn er als
Verwundeter vernuenftiger Weise daran denken konnte, zu schlafen, so war
das doch mit ihm als Correspondenten des Daily-Telegraph keineswegs der
Fall.

"Herr Jolivet, begann er, glauben Sie, dass unsere letzten Depeschen noch
ueber die russische Grenze befoerdert worden sind?

-- Wie kommen Sie darauf? antwortete Alcide Jolivet. Um die jetzige Stunde
wird meine glueckselige Cousine schon wissen, was von dem Treffen bei
Kolyvan zu halten ist.

-- Wie viele Exemplare dieser Depeschen druckt Ihre Cousine? forschte Harry
Blount, der diese Frage zum ersten Male unumwunden an seinen Collegen
richtete.

-- Sehr gut! erwiderte lachend Alcide Jolivet. Meine Cousine ist eine
ungemein discrete Person, die nicht gern von sich reden hoert und
ungluecklich sein wuerde, wenn sie Ihnen den so nothwendigen Schlummer
stoerte.

-- Ich mag nicht schlafen, versetzte der Englaender. -- Was urtheilt Ihre
Cousine wohl ueber die Sachlage?

-- Nun, dass es mit den Russen augenblicklich nicht am besten steht. Doch,
was da! die moskowitische Regierung ist maechtig, sie braucht sich wegen
eines Barbareneinfalls nicht ernstlich zu beunruhigen, und Sibirien wird
und kann ihr nicht verloren gehen.

-- Ueberhebung hat schon die groessten Reiche gestuerzt! antwortete Harry
Blount, der von einer gewissen "englischen" Eifersuechtelei wegen der
russischen Praetensionen in Centralasien nicht ganz frei war.

-- O bitte, nur keine Politik treiben, rief Alcide Jolivet. Das ist von der
Facultaet untersagt! Fuer Schulterwunden giebt es gar nichts Gefaehrlicheres!
... Sie muessten denn dadurch einschlummern wollen!

-- So sprechen wir davon, was uns zu thun uebrig bleibt, lenkte Harry Blount
ein. Ich, Herr Jolivet, verspuere nicht die mindeste Lust, hier unbedingt
Gefangener der Tartaren zu bleiben.

-- Ich bei Gott auch nicht!

-- Wir werden uns bei erster bester Gelegenheit davon zu machen suchen.

-- Ja, wenn's zur Wiedererlangung unserer Freiheit kein anderes Mittel
giebt.

-- Wissen Sie ein anderes? fragte Harry Blount und sah seinen Begleiter
erwartungsvoll an.

-- Gewiss! Wir sind keine Combattanten, wir sind neutral und werden
reclamiren.

-- Bei Feofar-Khan? Bei diesem wilden Thiere?

-- Nein, er verstaende das nicht, erwiderte Alcide Jolivet; aber bei Iwan
Ogareff, seinem Untergeneral.

-- Der ist ein Schurke!

-- Zugegeben; aber dieser Schurke ist wenigstens ein Russe. Er weiss, dass er
mit dem Voelkerrecht nicht spielen darf, und hat auch kein Interesse, uns
zurueckzuhalten. Von dem Herrn etwas zu verlangen, das soll mir nicht
schwer werden.

-- Dieser Herr befindet sich aber nicht im Lager, mindestens habe ich ihn
noch nicht bemerkt, aeusserte Harry Blount.

-- Er wird hierher kommen. Das kann nicht fehlen. Er muss sich hier dem Emir
anschliessen. Jetzt ist Sibirien in zwei Kriegstheater getheilt, und
offenbar erwartet ihn nur Feofar's Armee, um nach Irkutsk abzumarschiren.

-- Und was thun wir, wenn wir frei sind?

-- Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den
Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner
ueberzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenfluechtig werden! Wir
stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glueck gehabt,
im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, - ich
habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwaerts!
Vorwaerts! - Ach, schoen, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert
ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser,
mehr bedarf es nicht, um einen Englaender wieder auf die Beine zu bringen.
Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!"

Und waehrend Harry Blount der Ruhe genoss, wachte Alcide Jolivet an seiner
Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen
bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter,
gewiss zur groessten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich
zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Maenner an einander
geknuepft und sie weiterer Eifersuechtelei enthoben.

Was also Michael Strogoff vor Allem fuerchtete, gerade das wuenschten die
beiden Journalisten sehnsuechtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff's
musste fuer diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft
eines englischen und franzoesischen Correspondenten erst festgestellt war,
mussten sie hoechst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der
Stellvertreter des Emirs wuerde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es
dessen Charakter auch entsprochen haette, die Gefangenen einfach als Spione
abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet's und Harry Blount's lief also
dem Michael Strogoff's direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den
frueheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annaeherung an die alten
Reisegefaehrten sorgfaeltig vermeiden liess. Er richtete sich also moeglichst
so ein, dass Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten.

Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Veraenderung der Sachlage. Von der
Aufhebung des Lagers hoerten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden
strengstens ueberwacht. Es waere thatsaechlich unmoeglich gewesen, den Cordon
von Fussvolk und Reitern, der sich um die Huerde schloss, zu durchbrechen.
Die ihnen gebotene Nahrung schuetzte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal
binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stueck auf Kohlen
geroestetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem "Krut"
genannten Kaese, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch
geweicht die gewoehnlich "Kumiss" genannte Speise der Kirghisen darstellt.
Das war Alles. Hierzu kam, dass die Witterung wahrhaft abscheulich wurde.
Heftige Stoerungen in der Atmosphaere fuehrten stuermische Winde mit
Regenschauern herbei. Schutzlos mussten die Ungluecklichen diesen ungesunden
Witterungswechsel aushalten, ohne dass man ihre Leiden irgendwie zu mindern
gesucht haette. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei,
deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren mussten, da ihre Peiniger
jenen sogar ein Grab verweigerten.

Waehrend dieser harten Pruefungen machten sich Alcide Jolivet und Harry
Blount, jeder auf seine Weise, doppelt nuetzlich und waren zu jedem Dienste
bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. Da sie frueher keinen
harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und kraeftig waren, so
widerstanden sie auch den jetzigen ueblen Einfluessen besser und konnten
sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen nuetzlich erweisen,
welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen.

Sollte dieser Jammerzustand laenger andauern? Wollte Feofar-Khan,
befriedigt durch die ersten gluecklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor
er auf Irkutsk marschirte? Man haette das wohl befuerchten koennen, es kam
indess anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte,
von Michael Strogoff so gefuerchtete Ereigniss trat am Morgen des 12. August
wirklich ein.

An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und
knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke waelzte sich langsam
ueber der Strasse von Kolyvan dahin.

Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das
Lager der Tartaren.




                             Zweites Capitel.


                        Alcide Jolivet's Haltung.


Es war ein ganzes Armeecorps, das Iwan Ogareff dem Emir zufuehrte. Diese
Reiter und Fusssoldaten bildeten einen Theil der Heeresabtheilung, welche
sich der Stadt Omsk bemaechtigt hatte. Da Iwan Ogareff nicht im Stande
gewesen war, die obere Stadt einzunehmen, in welche sich, wie erzaehlt, der
Gouverneur zurueckgezogen hatte, so entschloss er sich, weiter zu ziehen, um
die Operationen, welche im oestlichen Sibirien geplant waren, nicht
aufzuhalten. So liess er nur eine hinreichende Garnison in Omsk zurueck.
Dann sammelte er seine Horden, verstaerkte sich unterwegs durch die Sieger
von Kolyvan und stellte seine Verbindung mit der Armee Feofar's her.

Die Truppen Iwan Ogareff's hielten vor den Aussenposten des Lagers. Sie
erhielten keinen Befehl zum Bivouaquiren. Die Absicht ihrer Fuehrer ging
offenbar dahin, sich gar nicht aufzuhalten, sondern sofort weiter zu
dringen und in kuerzester Zeit Tomsk, die bedeutendere Stadt, in ihre
Gewalt zu bringen, welche von Natur zum Centrum der zukuenftigen
Operationen bestimmt schien.

Gleichzeitig mit den Soldaten brachte Iwan Ogareff auch einen Transport
russischer und sibirischer Gefangener, die bei Omsk oder Kolyvan in
Feindeshand gefallen waren. Diese Ungluecklichen wurden gar nicht erst in
die Umzaeunung gefuehrt, welche ohnedies schon zu klein fuer alle die
erschien, welche darin schmachteten, sondern hielten bei den Vorposten,
ohne jeden Schutz, fast ohne Nahrung. Welches Loos stand diesen wohl durch
Feofar-Khan bevor? Wuerde er sie in Tomsk einkerkern oder sollte sie
vielleicht eine blutige Execution, das gewoehnliche Verfahren der
Tartarenhaeuptlinge, decimiren? Noch blieb das ein Geheimniss des launischen
Emirs.

Dieses Armeecorps war nicht von Omsk und Kolyvan abgezogen, ohne einen
grossen Haufen Bettler, Marodeurs und Zigeuner mitzubringen, welche
gewoehnlich den Nachtrab einer Armee auf dem Marsche zu bilden pflegen.
Diese ganze Volksmenge lebte auf Kosten der durchzogenen Landschaften und
liess wenig zu pluendern hinter sich zurueck. Schon hieraus ergab sich die
Nothwendigkeit, weiter vorzudringen, und geschehe es nur, um fuer die
Expeditions-Colonnen den noethigen Proviant zu verschaffen. Der ganze
Landstrich zwischen dem Laufe des Ichim und des Obi war schon verwuestet
und bot keinerlei Hilfsquellen mehr. Hinter sich liessen die Tartaren eine
Wueste, welche die Russen gewiss nur mit groesster Schwierigkeit zu
durchziehen im Stande sein konnten.

Unter den Zigeunerschaaren, welche von Westen her mitgekommen waren,
befand sich auch jene Truppe, die Michael Strogoff bis Perm begleitet
hatte. Sangarre zaehlte auch noch zu dieser. Diese wilde Spionin, der boese
Geist Iwan Ogareff's, verliess ihren Herrn und Meister niemals. Wir haben
sie schon beide gesehen, wie sie, noch in Russland selbst, im Gouvernement
von Nishny-Nowgorod, ihre Plaene schmiedeten. Nach Ueberschreitung des Ural
hatten sie sich nur auf einige Tage getrennt. Iwan Ogareff suchte damals
Ichim so schnell als moeglich zu erreichen, waehrend Sangarre und ihre
Gesellschaft durch den Sueden der Provinz auf Omsk zu zogen.

Man wird leicht begreifen, welche Hilfe dieses Weib Iwan Ogareff leistete.
Durch ihre Tsiganen drang sie ueberall ein, hoerte und beobachtete Alles.
Iwan Ogareff wurde von jedem Vorfalle in den besetzten Gebietstheilen auf
dem Laufenden erhalten. Hundert Augen, hundert Ohren waren stets in seinem
Dienst geoeffnet. Uebrigens gewaehrte er fuer diese Spionendienste, deren
Vortheil ihm genuegend einleuchtete, gern einen hohen Lohn.

Als Sangarre frueher einmal in eine sehr bedenkliche Sache verwickelt
gewesen war, hatte sie der russische Offizier gerettet. Nie vergass sie,
was sie ihm schuldete, und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Als
Iwan Ogareff dann den Verbrecherpfad des Verraethers beschritt, erkannte er
recht gut, welchen Nutzen er aus der Ergebenheit dieser Frau ziehen
konnte. Er mochte einen Befehl geben, welchen er wollte, - Sangarre fuehrte
ihn aus; ein wahrhaft aussergewoehnlicher Instinct, noch maechtiger
entwickelt als selbst das Gefuehl ihrer Dankbarkeit, hatte sie fast
gedraengt, sich dem Verraether als Sklavin zu ergeben, an den sie sich seit
den ersten Tagen seiner Verbannung nach Sibirien anschloss. Geschmeichelt
durch sein Vertrauen, gefiel sich die vaterlandslose Sangarre darin, ihr
Vagabundenleben den Empoerern zu widmen, welche Iwan Ogareff nach Sibirien
fuehrte. Mit der natuerlichen Arglist ihrer Race verband sie eine wilde
Energie, welche keine Vergebung und kein Mitleid kannte. Sie war eine
Wilde, wuerdig die Huette eines Apachen oder den Wigwam eines Andamiers zu
theilen.

Seit seiner Ankunft in Omsk, wo sie sich ihm mit ihren Zigeunern wieder
anschloss, hatte Sangarre Iwan Ogareff nicht mehr verlassen. Der Zufall,
welcher Michael und Marfa Strogoff zusammengefuehrt hatte, war ihr bekannt.
Die Befuerchtungen Iwan Ogareff's wegen des Durchzugs eines Couriers des
Czaaren wusste und theilte sie. Fuer die gefangene Marfa Strogoff waere sie
die geeignete Furie gewesen, diese mit der Bosheit einer Rothhaut zu
peinigen, um ihr ihr Geheimniss zu entreissen. Noch war aber die Stunde
nicht gekommen, da Iwan Ogareff die alte Sibirerin zum Reden zwingen
wollte. Sangarre musste warten, und sie wartete, ohne Diejenige aus den
Augen zu verlieren, welche sie wider ihr Wissen belauschte, deren
geringste Geste, deren unschuldigstes Wort sie beobachtete, die sie Tag
und Nacht bewachte, um das Wort "Sohn" einmal ihren Lippen entschluepfen zu
hoeren, waehrend Marfa Strogoff's ausserordentliche Kaltbluetigkeit vorlaeufig
noch alle diese Bemuehungen vereitelte.

Inzwischen hatten sich bei dem Schmettern der Fanfaren der
Oberbefehlshaber der Artillerie und der Grossstallmeister des Emirs,
begleitet von einer glaenzenden Escorte, zum Empfange Iwan Ogareff's vor
das Feldlager hinaus begeben.

Als sie diesem nahe kamen, erwiesen sie ihm die hoechsten Ehrenbezeigungen
und luden ihn ein, ihnen nach dem Zelte Feofar-Khan's zu folgen.

Ruhig und gemessen wie immer erwiderte Iwan Ogareff nur sehr kuehl die
Hoeflichkeiten der zu seinem Empfange entgegengesendeten hohen
Staatsbeamten. Er war nur sehr einfach gekleidet, trug aber, - fast
erschien es wie ein Ausdruck etwas prahlerischer Frechheit, - noch
russische Uniform.

Gerade als er die Zuegel seines Rosses fasste, um in den Kreis des Lagers zu
reiten, draengte sich Sangarre durch die Reiter der Escorte, naeherte sich
ihm und blieb unbeweglich stehen.

"Nichts? fragte Iwan Ogareff.

-- Nichts.

-- Sei geduldig.

-- Naehert sich die Stunde noch nicht, wo Du die alte Frau zum Reden zwingen
wirst?

-- Sie kommt, Sangarre.

-- Wann wird das Weib sprechen sollen?

-- Sobald wir in Tomsk sind.

-- Und dahin kommen wir ...?

-- Binnen drei Tagen."

Wie ein Blitz leuchtete es auf in Sangarre's grossen, schwarzen Augen, dann
zog sie sich still und geschmeidig zurueck.

Iwan Ogareff gab seinem Pferde die Sporen und wendete sich, mit seinem
Generalstabe im Gefolge, nach dem Zelte des Fuersten.

Feofar-Khan war ein hochgewachsener Mann von vierzig Jahren, mit einem
bleichen Gesicht, drohenden Augen und wilder Physiognomie. Der schwarze
Bart wallte in kleinen Ringeln bis auf seine Brust herab. In seiner
Kriegerkleidung, dem gold- und silbermaschigen Panzerhemd, dem von edeln
Steinen glitzernden Degengehaenge, mit dem krummen, einem Yatagan aehnlichen
Saebel, dessen Scheide mit praechtigen Gemmen eingelegt war, den
schnurenbesetzten Sporenstiefeln und der asiatischen Muetze, an der eine
Aigrette feuerstrahlender Diamanten funkelte, bot Feofar-Khan mehr das
fremdartige, als ehrfurchtgebietende Bild eines tartarischen Sardanapal,
eines unumschraenkten Herrschers, der ueber Leib und Blut seiner Unterthanen
ganz nach Gutduenken verfuegt, dessen persoenliche Macht ohne Grenzen ist,
und dem man, nach der in Bukhara lange herrschenden Sitte, ausschliesslich
den Namen "Emir" beilegte.

Als Iwan Ogareff erschien, blieben die Grosswuerdentraeger auf ihren
goldbetressten Kissen ruhig sitzen; Feofar-Khan dagegen erhob sich von dem
reichen Divan im Hintergrunde des Zeltes, dessen Fussboden der weiche
Sammet eines bukharischen Teppichs verhuellte.

Der Emir naeherte sich Iwan Ogareff und gab ihm einen Kuss; ein Zeichen,
dessen Bedeutung Jener sehr wohl kannte. Dieser Kuss erhob den
Unterbefehlshaber zum Vorsitzenden des Raths und stellte ihn zeitweilig
ueber den Khodja.

Hierauf wendete sich Feofar-Khan zu Iwan Ogareff.

"Ich habe Dich nichts zu fragen, begann er, sprich Du selbst, Iwan, Du
wirst hier nur Ohren finden, welche bereit sind, Deine Reden zu hoeren.

-- Takhsir(4), erwiderte Iwan Ogareff, so hoere, was ich zu sagen habe."

Iwan Ogareff sprach tartarisch und drueckte sich mit dem emphatischen
Schwunge aus, der die Sprache der Orientalen auszeichnet.

"Takhsir, die Zeit ist unnuetzen Worten nicht hold! Du weisst, was ich an
der Spitze Deiner Truppen gethan habe. Die Linien des Ichim und Irtysch
sind in unserer Macht und die Turkomanenreiter koennen ihre Pferde in dem
nun tartarisch gewordenen Strome traenken. Die Kirghisenhorden erheben sich
auf den Ruf Feofar-Khan's, und Dein ist die Hauptstrasse Sibiriens vom
Ichim bis nach Tomsk. Du kannst von hier aus Deine Heersaeulen ebenso wohl
nach dem Osten entsenden, wo die Sonne aufgeht, als hinaus nach dem
Westen, wo sie sich niederlegt.

-- Und wenn ich mit der Sonne marschire? fragte der Emir, ohne dass ein Zug
des Gesichts die Gedanken seines Innern verrieth.

-- Wenn Du mit der Sonne gehst, antwortete Iwan Ogareff, so wirst Du nach
Europa zu gelangen und in schnellem Siegeslaufe die sibirischen Provinzen
von Tobolsk bis nach den Bergen des Ural gewinnen.

-- Und wenn ich der Fackel des Himmels entgegen ziehe?

-- So wirst Du mit Irkutsk die reichen Gebiete des mittleren Asiens der
tartarischen Herrschaft unterwerfen.

-- Doch die Armeen des Sultans von Petersburg? fragte Feofar-Khan, der mit
diesem sonderbaren Titel den Kaiser von Russland bezeichnete.

-- Von ihnen hast Du nichts zu fuerchten, weder nach Sonnenaufgang, noch
nach Sonnenuntergang zu, entgegnete Iwan Ogareff. Unser Einfall erfolgte
zu ploetzlich, und bevor die russische Armee im Stande ist, ihnen Hilfe zu
leisten, werden Irkutsk oder Tobolsk in Deine Haende gefallen sein. Die
Truppen des Czaaren sind bei Kolyvan aufgerieben worden, wie es ueberall
geschehen wird, wo die Deinen gegen jene veraechtlichen Heerhaufen des
Occidentes streiten werden.

-- Und welchen Rath giebt Dir Deine Ergebenheit fuer die Sache der Tartaren
ein? fragte der Emir nach einer kurzen Pause.

-- Mein Rath, entgegnete Iwan Ogareff lebhaft und schnell, geht dahin, der
Sonne entgegen zu ziehen! Das Gras der oestlichen Steppen sollen die Rosse
der Turkomanen abweiden. Jetzt gilt es, Irkutsk einzunehmen, die
Hauptstadt der Provinz des Ostens, und mit ihr eine Geissel zu gewinnen,
welche den Besitz eines grossen Landes aufwiegt. Jetzt muss, da es der Czaar
nicht selbst sein kann, an seiner Stelle der Grossfuerst, sein Bruder, in
Deine Haende fallen."

Das war das letzte Ziel, dem Iwan Ogareff nachstrebte. Hoerte man ihn so
reden, so haette man ihn wohl fuer einen Abkommen jenes grausamen Stephan
Razine halten koennen, der das suedliche Russland im 18. Jahrhundert
verwuestete. Sich des Grossfuersten zu bemaechtigen, ihn ohne Mitleid in
Fesseln zu schlagen, nach dieser Befriedigung seines Hasses geizte er
unablaessig. Die Einnahme von Irkutsk unterwarf uebrigens gleichzeitig das
ganze oestliche Sibirien der Herrschaft der Tartaren.

"Es geschehe, wie Du sagst, Iwan, erwiderte Feofar-Khan.

-- Wie lauten Deine Befehle, Takhsir?

-- Noch heute soll unser Hauptquartier nach Tomsk verlegt werden."

Iwan Ogareff verneigte sich und zog sich in Begleitung des Housch-Begui
zurueck, um die Befehle des Emirs auszufuehren.

Eben als er zu Pferde steigen wollte, nach den Vorposten zurueckzukehren,
entstand in einiger Entfernung, in dem von den Gefangenen eingenommenen
Theil des Lagers, ein gewisser Tumult. Man vernahm wuestes Geschrei, dem
zwei oder drei Gewehrschuesse folgten. Handelte es sich hier um den Versuch
einer Revolte oder einer Massenflucht, welche summarisch zurueckgewiesen
wurde?

Iwan Ogareff und der Housch-Begui gingen ein wenig nach der Gegend zu und
fast gleichzeitig erschienen zwei Maenner, trotz der Anstrengung der
Soldaten, sie zu halten, vor den beiden Officieren.

Der Housch-Begui machte ohne weitere Nachforschungen ein Zeichen mit der
Hand, welches einem Todesbefehl gleichkam, der die Koepfe der Gefangenen
wohl schnell haette in den Sand rollen lassen, als Iwan Ogareff einige
Worte fallen liess, die dem schon ueber Jenen geschwungenen Saebel Halt
geboten.

Der Russe hatte schnell erkannt, dass die beiden Gefangenen Fremde waren,
und befahl, sie ihm vorzufuehren.

Man liess nun Harry Blount und Alcide Jolivet vortreten.

Seit der Ankunft Iwan Ogareff's im Lager hatten sie schon verlangt, vor
ihn gebracht zu werden. Die Soldaten schlugen ihren Wunsch einfach ab.
Daraus entspann sich ein Streit, der mit einem Fluchtversuche und einigen
Gewehrschuessen endigte, denen die Journalisten noch ohne Verwundung
entgingen; immerhin haetten sie ohne das Dazwischentreten des
Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiss bald mit dem Leben zu
buessen gehabt.

Letzterer examinirte die ihm vollstaendig unbekannten Gefangenen einige
Augenblicke. Dieselben hatten zwar dem Auftritt im Relais zu Ichim
beigewohnt, als Michael Strogoff von Iwan Ogareff geschlagen wurde. Der
brutale Reisende von damals hatte indess den mit anwesenden Personen
keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt.

Harry Blount und Alcide Jolivet dagegen erkannten Jenen vollkommen wieder
und Letzterer sagte halblaut:

"Sieh da! Es scheint, der Oberst Ogareff und der grobe Reisende von Ichim
sind ein und dieselbe Person!"

Dann raunte er seinem Begleiter noch ins Ohr:

"Setzen Sie ihm unsere Angelegenheit auseinander, Blount, Sie erweisen mir
einen grossen Gefallen. Dieser russische Oberst in einem Tartarenlager
missfaellt mir gar zu sehr, und wenn mein Kopf auch nur Dank seiner
Vermittelung noch auf seinen Schultern sitzt, so wuerden sich meine Augen
doch eher veraechtlich von ihm abwenden, als ihm in's Angesicht zu sehen."

In Alcide Jolivet's Zuegen malte sich die vollstaendigste und hochmuethigste
Gleichgiltigkeit.

Empfand es Iwan Ogareff, dass diese Haltung des Gefangenen etwas
Beleidigendes fuer ihn hatte? Jedenfalls liess er nichts davon bemerken.

"Wer sind Sie, meine Herren? fragte er rasch mit zwar sehr kaltem, aber
minder als gewoehnlich rauhem Tone.

-- Zwei Correspondenten englischer und franzoesischer Journale, erwiderte
Harry Blount lakonisch.

-- Sie besitzen jedenfalls Papiere, ihre Identitaet nachzuweisen?

-- Hier sind Schriftstuecke, welche uns in Russland bei den Kanzlern Englands
und Frankreichs accreditiren."

Iwan Ogareff nahm die Papiere, die ihm Harry Blount hinreichte, entgegen
und las sie mit Aufmerksamkeit durch.

"Sie begehren die Erlaubniss, unseren militaerischen Operationen in Sibirien
zu folgen? begann er darauf.

-- Wir begehren nichts als frei zu sein, entgegnete lakonisch der englische
Reporter.

-- Sie sind es, meine Herren, antwortete Iwan Ogareff, und ich bin sehr
begierig, Ihre Berichte im Daily-Telegraph zu lesen.

-- Mein Herr, versetzte Harry Blount, mit seinem nie aus dem Gleichgewicht
kommenden Phlegma, die Nummer kostet sechs Pence ohne das Postporto."

Dabei wendete sich Harry Blount nach seinem Begleiter zurueck, der seine
Worte stillschweigend zu bestaetigen schien.

Iwan Ogareff laechelte nicht, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand
an der Spitze seiner Escorte bald in einer Staubwolke.

"Nun, Herr Jolivet, was meinen Sie ueber Iwan Ogareff, den Oberanfuehrer der
Tartarenheere? fragte Harry Blount.

-- Ich denke noch daran, lieber College, erwiderte laechelnd Alcide Jolivet,
dass jener Housch-Begui eine recht huebsche Geste machte, als er den Befehl
gab, uns um einen Kopf kuerzer zu machen!"

Welche Empfindung Iwan Ogareff auch bei seinem Verfahren gegen die
Journalisten leiten mochte, jedenfalls waren diese frei und konnten den
Kriegsschauplatz nach Belieben durchwandern. Nun kam es ihnen gewiss nicht
in den Sinn, die Flinte in's Korn zu werfen. Auch die Antipathie, welche
sie frueher wohl gegen einander fuehlten, hatte einer innigen Freundschaft
Platz gemacht. Durch die Umstaende einander genaehert, dachten sie gar nicht
daran, sich zu trennen. Die leidigen Fragen einer unnuetzen Eifersucht
waren fuer immer geloescht. Harry Blount konnte niemals vergessen, was er
seinem Begleiter schuldete, der es jedoch vermied, ihn irgend wie daran zu
erinnern; die gegenseitige Annaeherung erleichterte die Zwecke der
Reportage, gewiss zum Vortheile der beiderseitigen Leser.

"Und nun, begann Harry Blount, was werden wir nun mit unserer Freiheit
anfangen?

-- Zum Teufel, wir werden sie ausnutzen und ruhig nach Tomsk gehen, um zu
sehen, was dort geschieht.

-- Bis zu dem, hoffentlich nicht mehr fernen Augenblick, der es gestattet,
uns einem russischen Corps anzuschliessen? -

-- Ganz recht, mein lieber Blount; man darf sich nicht zu sehr
tartarisiren! Die bessere Rolle spielen immer diejenigen, deren Waffen die
Civilisation verbreiten, und offenbar haetten die Volksstaemme Centralasiens
Alles zu verlieren und gar nichts bei diesem Einfalle der Halbwilden zu
gewinnen; die Russen werden sie aber schon zu vertreiben wissen; das kann
nur eine Frage der Zeit sein."

Das Erscheinen Iwan Ogareff's, dem Alcide Jolivet und Harry Blount ihre
Freiheit verdankten, stellte im Gegentheil aber eine grosse Gefahr fuer
Michael Strogoff dar. Wenn der Zufall den Courier des Czaaren Iwan Ogareff
vor Augen fuehrte, musste dieser ohne Zweifel den Reisenden wiedererkennen,
den er auf dem Relais zu Ichim so brutal behandelt hatte, und wenn Michael
Strogoff damals auch sich nicht, wie er es in jedem andern Falle gethan
haette, gegen die ihm angethane Schmach vertheidigte, so musste er doch der
Gegenstand erhoehter Aufmerksamkeit werden, - was der Erreichung seiner
Ziele gewiss nicht foerderlich sein konnte.

Hierin lag die bedenklichere Seite der Anwesenheit Iwan Ogareff's. Dagegen
durfte es als eine glueckliche Folge seiner Ankunft betrachtet werden, dass
noch an demselben Tage der Befehl zur Aufhebung des Lagers und zur
Verlegung des Quartiers nach Tomsk erging.

Michael Strogoff's lebhafter Wunsch ging hiermit in Erfuellung. Seine
Absicht war es, wie bekannt, Tomsk inmitten der uebrigen Gefangenen zu
erreichen, d. h. ohne dabei Gefahr zu laufen, Plaenklern in die Haende zu
fallen, welche die Umgegend jener wichtigen Stadt in grosser Anzahl
umschwaermten. In Folge der Ankunft Iwan Ogareff's aber und der Furcht, von
diesem erkannt zu werden, entstand ihm doch die Frage, ob er nicht lieber
auf den ersteren Vortheil verzichten und unterwegs zu entfliehen versuchen
solle.

Michael Strogoff haette sich wahrscheinlich noch fuer das letztere
entschieden, als ihm zu Ohren kam, dass Feofar-Khan und Iwan Ogareff an der
Spitze mehrerer tausend Reiter schon nach jener Stadt abgegangen seien.

"Ich werde es also abwarten, sagte er sich, wenn sich nicht eine ganz
ausnahmsweise guenstige Gelegenheit zur Flucht darbietet. Diesseit Tomsk
ueberwiegen ja die schlechten Chancen, jenseit desselben nehmen die guten
immer zu, da ich dort binnen wenig Stunden ueber die am meisten nach Osten
vorgeschobenen Posten der Tartaren hinausgelangen kann. Noch drei Tage
Geduld und dann stehe Gott mir bei!"

In der That brauchte es nur einer Reise von drei Tagen, welche die
Gefangenen unter strenger Aufsicht einer starken Abtheilung Tartaren durch
die Steppe zurueckzulegen hatten. Zwischen dem Lager und der Stadt lag eine
Entfernung von einhundertfuenfzig Werst. Den Soldaten des Emirs, die an
nichts Mangel litten, ward dieser Weg zwar leicht genug, desto schwerer
aber den ungluecklichen, durch Entbehrungen aller Art geschwaechten
Gefangenen. Mehr als eine Leiche sollte ihren Zug ueber die sibirische
Heerstrasse bezeichnen.

Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei grosser Hitze und wolkenlosem
Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch.

Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry
Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die
wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen musste.
Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten
Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie
von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein
Klagelaut kam ueber ihre Lippen. Man haette sie eine Bildsaeule des Schmerzes
nennen koennen. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als
die Andern bewachte Frau wurde, ohne dass sie es ahnte oder sich darum zu
kuemmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte
auch sie dem Gefangenentransporte zu Fusse folgen muessen, ohne dass Jemand
versucht haette, ihr irgend eine Erleichterung zu gewaehren.

Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswuerdiges anderes
Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu
leisten. Unter ihren Ungluecksgefaehrten befand sich ein junges, durch seine
Schoenheit und Kaltbluetigkeit ausgezeichnetes Maedchen, das es sich zur
Aufgabe machte, ueber sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden
Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Maedchen
stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten
konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten
nicht ohne einiges Misstrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der
gerade, offene Blick des Maedchens, ihre Zurueckhaltung und die
geheimnissvolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen
zwei gleichmaessig Ungluecklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb
abweisende Kaelte Marfa Strogoff's. Nadia, - denn sie war es, - hatte auf
diese Weise unbewusst der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurueckzahlen
koennen, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie
hier doppelt gut geleitet. Dadurch, dass sie Jener gern diente, erwarb sich
Nadia fuer ihre Jugend und Schoenheit den Schutz der aelteren Gefangenen.
Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wussten
sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die
Grossmutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art
Hochachtung zu sichern.

Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plaenkler in die Barken auf dem
Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt
gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die
Truppen Iwan Ogareff's bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das
Marfa Strogoff's.

Ohne ihre unbeugsame Energie waere Nadia wohl dem doppelten Schlage, der
sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael
Strogoff's drueckten und empoerten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht fuer
immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsaeglichen gluecklich
ueberstandenen Muehen, die sie ihm genaehert hatten, und, um ihren Schmerz
auf's Hoechste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den
Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu
geleiten, - Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das
Bild Michael Strogoff's, der vor ihren Augen von einem Lanzenstosse
getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Musste
ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Fuer wen sparte Gott seine
Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewiss einem edlen Zwecke diente, so
jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der
Zorn die Oberhand ueber ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr
Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig ueber sich ergehen
liess, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser
Erinnerung.

"Wer wird wohl diesen Todten raechen, sagte sie zu sich selbst, da er es
selbst nicht mehr kann?"

Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief:

"Mach es, Herr, dass ich es sein darf!"

Haette ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimniss
anvertraut, wie gern haette sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes
Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den
Gott ihr nicht erst haette schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder
verlieren sollte!...

Man begreift, dass Nadia, von solchen Gedanken erfuellt, fuer die Leiden
ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde.

Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa
Strogoff zusammengefuehrt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, dass
diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres frueheren Begleiters
sein koenne, der fuer sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen
war. Und wie haette Marfa auf der andern Seite ahnen koennen, welches Band
der Erkenntlichkeit das junge Maedchen an ihren Sohn fesselte?

Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer
Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerthen Loose
unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenueber den Leiden und
Entbehrungen ihres taeglichen Lebens, diese Verachtung aller koerperlichen
Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der
dem ihrigen an Groesse gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia's, und wir
wissen, dass sie sich damit nicht taeuschte. Eine instinctive Sympathie fuer
jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu
ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit
der stolzen Seele des jungen Maedchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht
erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder
abschlagen zu koennen. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge
Maedchen da und unterstuetzte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel
ausgetheilt wurden, haette die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia
theilte mit ihr die eigenen kaerglichen Mahlzeiten, so dass sie Beide den
qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zuruecklegten. Dank ihrer
jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den
Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf
gefesselt zu werden, wie manche andere Unglueckliche, welche so auf ihrem
Schmerzenswege dahin geschleppt wurden.

"Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du fuer meine alten Tage gethan
hast!" sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das waehrend einer
langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war.

Man haette meinen sollen, dass die aeltere Frau und das junge Maedchen im
Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal
ueber ihre Verhaeltnisse ausgesprochen haetten. Marfa Strogoff hatte aber aus
leicht begreiflichen Gruenden, und auch das nur moeglichst kurz, von sich
allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen
Augenblicks erwaehnt, der sie mit ihm zusammenfuehrte.

Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes
unnuetze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fuehlte, dass sie
eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das
Herz ueber und sie erzaehlte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr
seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff's begegnet
war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hoerte, erregte die lebhafteste
Theilnahme der alten Sibirerin.

"Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzaehle mir noch mehr von diesem Nicolaus!
Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend,
von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen haette! Nicolaus
Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter?

-- Warum sollte er mich hierin getaeuscht haben, erwiderte Nadia, da er in
allen andern Dingen die Wahrheit sprach?"

Dennoch trieb ein ungewisses Gefuehl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere
Fragen zu stellen.

"Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir
versichert, dass er es war, sagte sie.

-- Gewiss, unerschrocken, bestaetigte Nadia.

-- So waere mein Sohn auch gewesen", murmelte Marfa Strogoff halb fuer sich.

Dann fuhr sie fort:

"Du sagst mir auch, dass Nichts ihn aufhalten konnte, dass Nichts ihn
erschreckte, dass er so mild war, bei aller Kraft, dass Du in ihm ebenso gut
eine Schwester, wie einen Bruder hattest, dass er ueber Dich wachte, wie
eine Mutter?

-- Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles!

-- Und auch ein Loewe, Dich zu vertheidigen?

-- Wahrhaftig, ein Loewe! antwortete Nadia; ja ein Loewe, ein Held!

-- Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, dass er
im Posthofe zu Ichim sich eine so unwuerdige Behandlung gefallen liess?

-- Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt.

-- Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff.

-- Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimniss
mit sich, worueber heut nur Gott noch Richter sein kann.

-- Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und
Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen,
in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff
verachtet?

-- Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge
Maedchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung fuer ihn gefuehlt."

Die alte Frau schwieg einen Augenblick.

"Er war gross? fragte sie hierauf.

-- Sehr gross.

-- Und sehr schoen, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter.

-- Er war sehr schoen, antwortete Nadia leicht erroethend.

-- Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die
alte Frau ueberwaeltigt und schloss Nadia in ihre Arme.

-- Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn!

-- Weiter, draengte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein
Freund, Dein Beschuetzer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von
seiner Mutter gesprochen?

-- Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm
von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter!

-- Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzaehlt",
schluchzte die alte Frau.

Dann fuegte sie ruhiger hinzu:

"Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter,
welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk
einmal zu sehen?

-- Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht.

-- Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen?

-- Ja gewiss, aber ich muss wohl noch hinzufuegen, dass Nicolaus Korpanoff aus
Gruenden, die ihm ueber Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne,
gezwungen schien, das Land moeglichst unerkannt zu durchziehen. Es war fuer
ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und
Gewissenspflicht.

-- Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte
Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, fuer deren
Erfuellung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuss, ach
vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiss jetzt
Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du
hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir
angezuendet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein
Geheimniss nicht mittheilte, so muss auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir,
Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten.

-- Ich verlange keine Belohnung, Mutter", antwortete Nadia.

Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das
unerklaerliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu
Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen
Augenblick mehr, dass der Begleiter des jungen Maedchens Michael Strogoff
gewesen sei, dass eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er
durch das ueberfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine
Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen.

"O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht
verrathen und keine Tortur soll mir das Gestaendniss ablocken, dass Du es
wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!"

Marfa Strogoff haette Nadia mit einem Worte fuer ihre erwiesene Ergebenheit
belohnen koennen. Sie konnte ihr mittheilen, dass ihr Begleiter Nicolaus
Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch
umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst
gesprochen hatte!...

Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begnuegte sich zu sagen:

"Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglueck kann Dich nicht fuer
immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fuehle es, und
vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott
kann es nicht gestatten, dass Dein edler Gefaehrte umgekommen sei!... Hoffe
noch immer, meine Tochter! Mach' es wie ich! Die Trauerkleidung, welche
ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!"




                             Drittes Capitel.


                            Schlag fuer Schlag.


In dieser Weise gestaltete sich also das Verhaeltniss Marfa Strogoff's und
Nadia's zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn
dem jungen Maedchen auch nicht bekannt war, dass ihr so aufrichtig
betrauerter Begleiter noch lebte, so wusste sie doch, was seiner kindlich
verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafuer, dass er ihr die Freude
gewaehrte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermassen zu ersetzen.

Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, dass der bei Kolyvan
gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig
mit ihnen nach Tomsk transportirt werde.

Die von Iwan Ogareff weiter zugefuehrten Gefangenen wurden mit denen,
welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen liess, vereinigt.
Nach Tausenden zaehlten diese Ungluecklichen, Russen oder Sibirier, Militaers
oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Laenge.
Diejenigen derselben, welche man fuer die gefaehrlichsten hielt, waren
mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder
band oder haengte man an die Sattelknoepfe, um sie ohne Erbarmen auf der
Strasse hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her.
Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung,
so dass es hier keine Nachzuegler gab, ausser denjenigen, welche zusammen
brachen, um nicht wieder aufzustehen.

In Folge dieser Ordnung kam es, dass Michael Strogoff, der sich in den
ersten Reihen befand, die das Feldlager verliessen, d. h. unter den
Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten
Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter
und Nadia's in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die
seinige.

Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und
solch' traurigen Verhaeltnissen, wurde fuer nicht Wenige toedtlich, fuer Alle
furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Strasse, die
durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger
geworden war. Dazu war Befehl gegeben, moeglichst schnell nachzuruecken, so
dass nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst
unter brennender Sonne zurueckzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der
Bewegung, ein endloser Weg zu sein!

Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des
Obi bis zum Fusse der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach
Sueden verlaufenden Sayanskgebirge gehoeren. Kaum unterbrechen einige
magere, halb verbrannte Gebuesche die Einfoermigkeit dieser grenzenlosen
Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch
den von dem anstrengenden Marsche erschoepften Gefangenen fehlte es vor
allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Fluss anzutreffen, haette
man sich etwa fuenfzig Werst weiter nach Osten begeben muessen, bis zu dem
Fusse jenes Landrueckens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jenisei
darstellt. Dort laeuft der Tom, ein kleiner Nebenfluss des Obi, der auch die
Stadt Tomsk durchfliesst, bevor er sich in einer der grossen Wasseradern des
Nordens verliert. Dort waere Wasser in Ueberfluss, die Steppe minder duerr,
die Hitze nicht so drueckend gewesen. Die Fuehrer des Zuges hatten aber die
gemessensten Befehle erhalten, auf dem kuerzesten Wege nach Tomsk zu
marschiren, denn der Emir musste jede Stunde fuerchten, in der Flanke gefasst
und von einer aus den noerdlichen Provinzen herab dringenden russischen
Colonne abgeschnitten zu werden. Die grosse sibirische Heerstrasse beruehrte
nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen
Kolyvan und dem naechsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, - und von
der Strasse durfte nicht abgewichen werden.

Wir wollen uns nicht unnuetzer Weise bei den Leiden so vieler ungluecklicher
Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre
Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher
getriebenen hungrigen Woelfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten.

So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin
helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei
bewegen konnte, seinen schwaechlicheren Leidensgefaehrten alle unter diesen
Verhaeltnissen moeglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, unterstuetzte
die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn
die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz
wieder einzunehmen.

Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? - Weil jetzt sein Entschluss fest
stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die
nothwendige Sicherheit boete. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, "auf
Unkosten des Emirs" bis Tomsk zu gelangen, und waehlte hiermit wohl auch
den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen
beruecksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im
Sueden und bald im Norden umschwaermten, so musste er zu der Ueberzeugung
gelangen, dass er gewiss kaum zwei Werst vorwaerts gekommen waere, ohne von
diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwaermten die
Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen,
wie die laestigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden
bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden
Verhaeltnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausfuehrbar. Die escortirenden
Soldaten wachten mit aeusserster Strenge, denn fuer eine erwiesene
Nachlaessigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele.

Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen
Flecken Zabediero, etwa dreissig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die
Strasse mit dem Laufe des Tom.

Gern waeren die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre
Waechter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als
bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit
gerade ueberaus heftigen Stroemung des Tom haette der Fluss doch die Flucht
einiger Wagehaelse oder Halbverzweifelter beguenstigen koennen, weshalb die
sorgsamsten Vorsichtsmassregeln getroffen wurden. Auf den Fluss verlegte man
eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmoeglich zu
durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Aussenlinie der an die ersten
Haeuser des Staedtchens gelehnten Lagerstaette umschloss dagegen ein lueckenlos
dichter Cordon von Feldwachen.

Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von
hier aus in die Steppe zu fluechten, so sah er doch, nachdem er sich ueber
die Sachlage unterrichtet, leicht ein, dass unter diesen Verhaeltnissen
jeder Fluchtversuch unmoeglich sei, und beschloss, sich in Geduld zu fassen,
um nicht Alles auf's Spiel zu setzen.

Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht ueber an den Ufern des Tom. Der
Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk
hinein zu fuehren. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener
wichtigen Stadt durch ein grosses militaerisches Fest gefeiert werden.
Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, waehrend das Gros der
Armee vor den Mauern bivouakirte, um vereint mit der nachfolgenden
Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten.

Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage
vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurueck
gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arrieregarde des
tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst
ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die
Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in
Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souveraenen
gebraeuchlichen Pompe empfangen wollte.

Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf's
Aeusserste erschoepften Gefangenen endlich ihren quaelenden Durst loeschen und
einige Ruhe geniessen.

Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein
schwaches Daemmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer
des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der
Verschmachteten, welche das Flussufer umdraengten, nicht zu durchbrechen
vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu
erobern.

Die alte Sibirerin beugte sich erschoepft ueber das Wasser; Nadia schoepfte
daraus mit ihrer Hand und fuehrte diese an Marfa's Lippen. Dann erst
erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Maedchen
tranken ein neues Leben aus den wohlthaetigen Fluthen.

Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten,
ploetzlich um. Ein unwillkuerlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen.

Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr!

Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn.

Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei ... Er gewann aber genug
Herrschaft ueber sich, um nicht ein Wort hoeren zu lassen, das ihn haette
compromittiren koennen.

Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!...

Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drueckte Michael
Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte
sich.

Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie
zurueck und raunte ihr in's Ohr:

"Bleib' hier, meine Tochter!

-- Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrueckter Stimme. Er
lebt, Mutter! Er ist es!

-- Ja, es ist mein Sohn, bestaetigte Marfa Strogoff, das ist Michael
Strogoff, und Du siehst, dass ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir
darin, meine Tochter!"

Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl
je ein Mann empfinden kann. Er wusste seine Mutter und Nadia hier. Diese
beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der
Himmel zu gemeinschaftlichem Unglueck zusammen gefuehrt. Wusste Nadia nun,
wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff's Handbewegung bemerkt, mit
der sie jene zurueckhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff
hatte Alles durchschaut und sein Geheimniss bewahrt.

Zwanzigmal waehrend dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte,
seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, dass er dem
herzinnigen Wunsche widerstehen muesse, sie in seine Arme zu pressen und
die Hand seiner jungen Gefaehrtin zu druecken. Die geringste Unklugheit
konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu
sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in
Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmoeglich war,
hinausfluechten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen,
an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt
zurueck liess.

Michael Strogoff durfte also hoffen, dass dieses neue Zusammentreffen im
Lager zu Zabediero weder fuer seine Mutter noch fuer ihn nachtheilige Folgen
haben werde. Er wusste aber nicht, dass gewisse Einzelheiten dieser Scene,
trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff's,
beobachtet wurden.

Auch die Zigeunerin befand sich naemlich am Ufer, wo sie wie immer die alte
Sibirerin ohne deren Wissen argwoehnisch ueberwachte. Michael Strogoff,
welcher schon verschwunden war, als sie sich umsah, konnte sie damals zwar
nicht gewahr werden, die hastige Bewegung seiner Mutter aber, als sie
Nadia zurueck hielt, entging ihr nicht, und ein Aufleuchten in den Augen
Marfa's sagte ihr Alles.

Es stand ihr nun ausser Zweifel, dass der Sohn Marfa Strogoff's, der Courier
des Czaaren, sich in dieser Stunde in Zabediero, unter den Gefangenen Iwan
Ogareff's befinden muesse.

Sangarre kannte ihn nicht, aber sie wusste, dass er da war! Sie suchte ihn
vorlaeufig also auch nicht zu entdecken, was bei der Dunkelheit und mitten
in dieser zahlreichen Menschenmenge ohnehin unmoeglich schien.

Auch eine weitere Beobachtung Nadia's und Marfa Strogoff's hielt sie fuer
nutzlos. Offenbar wuerden die beiden Frauen aeusserst vorsichtig sein und
Alles strengstens vermeiden, was den Courier des Czaaren nur irgend
compromittiren koennte.

Die Zigeunerin bewegte nur ein Gedanke, der, Iwan Ogareff Bericht zu
erstatten. Sie verliess also sofort das Lager.

Nach Verlauf einer Viertelstunde gelangte sie nach Zabediero und wurde in
das von dem Oberbefehlshaber des Emirs bewohnte Haus eingelassen.

Sofort empfing Iwan Ogareff die Zigeunerin.

"Was willst Du von mir, Sangarre? fragte er.

-- Der Sohn Marfa Strogoff's befindet sich im Lager, antwortete das Weib.

-- Als Gefangener?

-- Als Gefangener!

-- O, rief Iwan Ogareff, so werde ich wissen ...

-- Du wirst Nichts wissen, Iwan, fiel ihm die Zigeunerin in's Wort, denn Du
kennst ihn ja nicht.

-- Aber Du kennst ihn, Du! Du hast ihn gesehen, Sangarre!

-- Nein, noch sah ich ihn nicht, aber seine Mutter verrieth sich durch eine
Bewegung, die mir Alles erklaerte.

-- Taeuschest Du Dich nicht?

-- Ich taeusche mich nicht.

-- Du weisst, welches Gewicht ich auf die Einbringung dieses Couriers lege,
sagte Iwan Ogareff. Wird das ihm in Moskau jedenfalls uebergebene
Cabinetsschreiben dem Grossfuersten ausgehaendigt, so wird dieser auf seiner
Hut sein und ich werde mich ihm nicht zu naehern vermoegen. Jenen Brief muss
ich also um jeden Preis erlangen. Nun kommst Du mit der Meldung, der
Ueberbringer jener kaiserlichen Botschaft befinde sich schon in meiner
Gewalt. Ich frage Dich also noch einmal, Sangarre, taeuschte Dich Deine
Beobachtung nicht?"

Iwan Ogareff hatte sehr lebhaft gesprochen. Seine Erregung bewies, welchen
Werth er auf den Besitz jenes Briefes legte. Sangarre wurde von der
bestimmten Wiederholung jener Frage keineswegs betroffen oder wankend in
ihrer Ueberzeugung.

"Ich taeusche mich nicht, Iwan, antwortete sie mit Nachdruck.

-- Im Lager befinden sich aber mehrere Tausend Gefangene, und Du sagtest,
dass Dir Michael Strogoff von Person nicht bekannt sei.

-- Nein, versetzte Sangarre, in deren Augen eine wilde Freude aufblitzte,
ich, ich kenne ihn nicht, aber seine Mutter kennt ihn doch. Nun, Iwan, man
wird seine Mutter zum Sprechen zwingen muessen.

-- Morgen soll das geschehen!" erwiderte Iwan Ogareff.

Dann streckte er der Zigeunerin seine Hand hin und diese kuesste sie, ohne
dass diese bei den Voelkerschaften des Nordens so gebraeuchliche
Achtungsbezeugung den Anschein der dienerhaften Unterwuerfigkeit zeigte.

Sangarre kehrte nach dem Lager zurueck. Sie spuerte bald die Stelle aus, an
der sich Nadia und Marfa Strogoff befanden, und liess diese nun die ganze
Nacht ueber nicht aus den Augen. Die bejahrte Frau und das junge Maedchen
schliefen nicht, trotzdem dass die Erschoepfung sie fast uebermannte. Eine
fieberhafte Unruhe hielt sie munter. Michael Strogoff war am Leben, aber
Gefangener gleich ihnen. Wusste das Iwan Ogareff, und wenn nicht, wuerde er
es noch erfahren? Nadia beschaeftigte sich nur mit dem einen Gedanken, dass
ihr todt geglaubter Gefaehrte noch lebe. Marfa Strogoff's Blick reichte
weiter in die Zukunft, und wenn sie auch um sich selbst nicht besorgt war,
so hatte sie doch Grund genug, fuer ihren Sohn das Schlimmste zu
befuerchten.

Sangarre schlich sich im Dunkeln bis dicht an die beiden Frauen heran und
verweilte so einige Stunden lang gespannt lauschend ... Vergeblich. Wie
durch ein geheimes Gebot der Klugheit vermieden es Marfa Strogoff und
Nadia, ueberhaupt ein Wort zu wechseln.

Am folgenden Tage, dem 16. August, Morgens gegen zehn Uhr, schmetterten
helle Fanfaren am Rande des Lagers. Die tartarischen Soldaten traten
augenblicklich unter die Waffen.

Aus Zabediero kam Iwan Ogareff, umgeben von einem zahlreichen Stabe
tartarischer Officiere herangeritten. Sein Antlitz erschien noch
finsterer, als gewoehnlich, und die strengen Zuege verriethen einen
verhaltenen Zorn, der nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch harrte.

Unter einer Gruppe Gefangener verloren sah Michael Strogoff seinen Feind
vorueber kommen. Er hatte das unbestimmte Vorgefuehl, dass jetzt eine
Katastrophe nahe sei, denn Iwan Ogareff wusste, dass Marfa Strogoff die
Mutter Michael Strogoff's, des Officiers im Corps der Czaarencouriere,
sei.

Als Iwan Ogareff in der Mitte des Lagers anlangte, stieg er vom Pferde,
und die Officiere seiner Escorte bildeten einen weiten Kreis rings um ihn.

Da naeherte sich Sangarre wieder und sagte:

"Ich habe Dir nichts Neues zu melden, Iwan!"

Iwan Ogareff antwortete nur durch Ertheilung eines Befehles an einen der
Officiere.

Bald darauf draengten sich viele Soldaten mit roher Gewalt in die Reihen
der Gefangenen. Von Peitschenschlaegen getrieben oder von Lanzenschaeften
gestossen, mussten die Armen sich eiligst erheben und an der Umfassung des
Lagers Stellung nehmen. Ein vierfacher Cordon von Fusssoldaten, und hinter
diesen von Reitern, machte jedes Entweichen unmoeglich.

Bald herrschte Schweigen ringsum, und auf ein Zeichen Iwan Ogareff's begab
sich Sangarre nach der Gruppe, in deren Mitte Marfa Strogoff sich befand.

Die alte Sibirerin sah sie herankommen. Sie errieth, was geschehen solle.
Ein veraechtliches Laecheln spielte um ihre Lippen. Dann neigte sie sich zu
Nadia und sagte zu ihr mit gedaempfter Stimme:

"Du kennst mich nicht mehr, meine Tochter! Was auch kommen und wie hart
diese Pruefung werden moege, - kein Wort! keine Bewegung! Es handelt sich
hier um ihn, nicht um mich!"

Da legte, nachdem sie sie einen Augenblick angesehen, Sangarre die Hand
auf die Schulter der alten Sibirerin.

"Was begehrst Du? fragte Marfa Strogoff.

-- Komm' mit mir!" erwiderte Sangarre.

Fortdraengend fuehrte sie Jene in die Mitte des freien Raumes vor Iwan
Ogareff.

Michael Strogoff hielt die Lider halb geschlossen, um sich nicht durch das
Aufflammen seiner Augen zu verrathen.

Vor Iwan Ogareff angelangt, richtete Marfa Strogoff sich hoch und stolz
empor, kreuzte die Arme und wartete.

"Du bist ja wohl Marfa Strogoff? fragte sie Iwan Ogareff.

-- Die bin ich, antwortete ruhig die alte Sibirerin.

-- Erinnerst Du Dich noch Deiner Antwort, als ich Dich vor drei Tagen in
Omsk um Etwas fragte?

-- Nein.

-- Du weisst also nicht, dass Dein Sohn als Courier des Czaaren durch Omsk
gekommen ist?

-- Das weiss ich nicht.

-- Und jener Mann, den Du im Posthofe als Deinen Sohn zu erkennen
glaubtest, das war Dein Sohn nicht?

-- Nein, das war er nicht.

-- Und seitdem ist er Dir auch hier unter den Gefangenen nicht zu Gesicht
gekommen?

-- Nein.

-- Und wenn ich Dir ihn zeigte, wuerdest Du ihn wieder erkennen?

-- Nein."

Bei dieser Antwort, dem Beweise des unerschuetterlichen Entschlusses,
nichts zu gestehen, durchlief ein leises Murmeln die Umgebung.

Iwan Ogareff konnte sich einer drohenden Bewegung nicht enthalten.

"So hoere: Dein Sohn ist hier und Du wirst ihn mir sofort bezeichnen.

-- Nein!

-- Alle die bei Omsk und Kolyvan gefangenen Maenner werden Dir vorgefuehrt
werden, und wenn Du dann Michael Strogoff nicht bezeichnest, erwarten Dich
ebenso viele Knutenhiebe, als Gefangene vorueber gekommen sind."

Iwan Ogareff hatte wohl eingesehen, dass er die unbeugsame Sibirerin trotz
aller Drohungen und Torturen nicht werde zum Reden bringen koennen. Um den
Courier des Czaaren zu entdecken, rechnete er viel weniger auf jene, als
auf Michael Strogoff selbst. Er hielt es fuer unmoeglich, dass Mutter und
Sohn, wenn sie einander gegenueber staenden, sich nicht durch irgend eine
Bewegung verrathen sollten. Waere es ihm nur allein um das kaiserliche
Schreiben zu thun gewesen, so brauchte er ja nur einfach einen Befehl zur
Durchsuchung aller Gefangenen zu erlassen. Michael Strogoff konnte das
Schriftstueck aber auch vernichtet haben, nachdem er seinen Inhalt
durchlas; wurde er dann nicht erkannt und gelang es ihm vielleicht noch,
nach Irkutsk zu fluechten, so waren Iwan Ogareff's Plaene durchkreuzt. Der
Verraether musste sich also nicht nur des Briefes, sondern auch des
Ueberbringers desselben versichern.

Nadia hatte Alles mit angehoert; sie wusste nun, wer Michael Strogoff sei
und warum er die von den Feinden ueberfallenen Provinzen Sibiriens
unerkannt durchreisen wollte.

Auf Iwan Ogareff's Befehl defilirten die Gefangenen Mann fuer Mann vor
Marfa Strogoff, welche unbeweglich blieb, wie eine Bildsaeule, und deren
Blicke die vollstaendigste Gleichgiltigkeit heuchelten.

Ihr Sohn befand sich unter den Letzten, welche herzutraten. Als er vor
seiner Mutter vorueber schritt, schloss Nadia die Augen, um es nicht mit
anzusehen.

Auch Michael Strogoff war scheinbar ruhig geblieben, aber seine hohle Hand
blutete, so fest hatten sich die Naegel eingepresst.

Iwan Ogareff war vorlaeufig besiegt durch die Mutter und den Sohn!

Sangarre, welche neben ihm stand, aeusserte nur ein Wort.

"Die Knute herbei! sagte sie.

-- Ja! rief Iwan Ogareff, der sich nicht mehr bemeistern konnte, die Knute
dieser alten Schurkin, bis sie den Geist aufgiebt!"

Mit dem schrecklichen Zuchtinstrument in der Hand naeherte sich ein
tartarischer Soldat der Marfa Strogoff.

Die Knute besteht aus einer gewissen Anzahl Lederriemen, deren Enden in
geflochtene Drahtstuecken auslaufen. Man nimmt an, dass eine Verurtheilung
zu hundertzwanzig Knutenstreichen einem Todesurtheil gleich zu achten ist.
Marfa Strogoff wusste das wohl, aber sie wusste auch, dass keine Tortur sie
zum Sprechen zwingen werde, und ihr Leben wollte sie gern zum Opfer
bringen.

Marfa Strogoff ward von zwei Soldaten ergriffen und auf die Knie zu Boden
geworfen. Man riss ihr das Kleid herunter und entbloesste den Ruecken. Nur
wenige Zoll vor ihrer Brust wurde ein Saebel befestigt, so dass sie in
dessen Spitze fallen musste, wenn der Schmerz sie niederbeugte.

Der Tartar stand bereit.

Er wartete eines Zeichens.

"Thu' Deine Pflicht!" sagte Iwan Ogareff.

Die Geissel pfiff durch die Luft ...

Aber bevor sie niederfiel hatte eine kraeftige Faust sie der Hand des
Tartaren entrissen.

Michael Strogoff war am Platze, ihn hielt es nicht bei dieser
entsetzlichen Scene. Wenn er sich auf dem Relais zu Ichim bezwungen hatte,
als die Peitsche Iwan Ogareff's ihn selbst traf, hier, wo sie seiner
Mutter zugedacht war, konnte er sich nicht bemeistern.

Iwan Ogareff hatte gesiegt.

"Michael Strogoff!" rief er.

Dann trat er naeher.

"Ah, sagte er hoehnisch, der Mann von Ichim?

-- Derselbe!" schrie Michael Strogoff.

Und schnell erhob er die Knute und schlug Iwan Ogareff wuethend mehrmals
in's Gesicht.

"Schlag fuer Schlag! rief er.

-- Brav zurueckerstattet!" liess sich die Stimme eines Zuschauers vernehmen,
die sich gluecklicher Weise in dem allgemeinen Tumulte verlor.

Ein Haufe Soldaten stuerzte sich auf Michael Strogoff, um ihn
umzubringen ...

Doch Iwan Ogareff, dem ein Schrei des Schmerzes und der Wuth entfuhr,
hielt sie durch eine Handbewegung zurueck.

"Dieser Mann bleibe der Justiz des Emirs aufgespart, sagte er. Man
durchsuche ihn!"

Das Schreiben mit dem kaiserlichen Siegel ward auf der Brust Michael
Strogoff's gefunden, da dieser nicht Zeit gewonnen hatte, es zu
vernichten. Man reichte es Iwan Ogareff.

Der Zuschauer, von dem der Ausruf: "Brav zurueckerstattet!" herruehrte, war
kein Anderer, als Alcide Jolivet. Sein Gefaehrte und er wohnten, da sie
sich noch in Zabediero aufhielten, dieser Scene bei.

"Alle Teufel! sagte er zu Harry Blount, diese Leute aus dem Norden sind
doch handfeste Maenner. Sie geben doch zu, dass wir unsrem Reisegefaehrten
nun eine Ehrenerklaerung schulden. Korpanoff und Strogoff halten sich die
Wage! Eine schoene Revanche fuer die Schmach in Ichim!

-- Gewiss, eine gerechte Vergeltung, erwiderte Harry Blount, aber dieser
Strogoff ist nun ein Mann des Todes. In seinem Interesse haette er wohl
besser gethan, die Sache jetzt noch ruhen zu lassen.

-- Um seine Mutter unter der Knute verenden zu sehen!

-- Glauben Sie, dass er dieser und seiner Schwester durch seinen
Zornesausbruch ein besseres Loos gesichert hat?

-- Ich glaube gar nichts, erwiderte Alcide Jolivet, ich weiss auch nichts,
als dass ich an seiner Stelle schwerlich anders gehandelt haette. O, zum
Teufel, manchmal muss man wohl aufwallen im gerechten Zorn. Gott haette
Wasser in unsere Adern gegossen und kein Blut, wenn er wollte, dass wir
stets und allezeit unerregt blieben.

-- Ein huebsches Thema fuer eine Erzaehlung! meinte Harry Blount. Nun sollte
uns Iwan Ogareff nur den Inhalt jenes Briefes mittheilen!..."

Nachdem er sich das Blut, das ihm ueber das Antlitz rann, abgewischt, hatte
Iwan Ogareff das Siegel gebrochen. Er las den Brief lange und aufmerksam
durch, so als wollte er seinem Gedaechtniss jedes Wort des Inhaltes
einpraegen.

Endlich gab er noch Befehl, Michael Strogoff sorgsam zu fesseln und mit
den uebrigen Gefangenen nach Tomsk zu transportiren; dann uebernahm er den
Befehl ueber die Truppen des Lagers von Zabediero und wendete sich, unter
betaeubendem Trommelschlag und gellendem Trompetenschall, der Stadt zu, in
der der Emir ihn erwartete.




                             Viertes Capitel.


                          Der siegreiche Einzug.


Tomsk, 1604, fast im Herzen der sibirischen Provinzen gegruendet, ist eine
der bedeutendsten Staedte des asiatischen Russlands. Tobolsk, das schon ueber
den 60. Breitengrad, und Irkutsk, das ueber den 100. Meridian hinaus liegt,
sahen Tomsk auf ihre Unkosten zunehmen und gedeihen.

Dennoch ist, wie schon erwaehnt, Tomsk nicht die officielle Hauptstadt
dieser wichtigen Provinz. Der Generalgouverneur derselben residirt
vielmehr mit den obersten Beamten in Omsk. Dennoch erhob sich Tomsk zur
hervorragendsten Stadt jenes Landestheiles, der an die Altaiberge, d. h.
an die chinesische Grenze des Landes der Khalkas, angrenzt. An den
Abhaengen dieses Gebirges verlaufen bis in das Thal des Tom herab ergiebige
Adern von Platin, Gold, Silber, Kupfer und goldhaltigem Bleierz. Da das
Land reich ist, ist es auch die Stadt, welche den Mittelpunkt der
eintraeglichen Montanindustrie einnimmt. Hier kann der aeussere und innere
Luxus der Gebaeude und ihrer Einrichtung, die Pracht der Equipagen wohl mit
den groessten Hauptstaedten Europas in die Schranken treten. Es ist eben eine
Stadt der Millionaere vom Schlaegel und der Spitzhaue, und wenn ihr die Ehre
nicht zu Theil ward, den Stellvertreter des Czaaren in ihren Mauern zu
beherbergen, so troestet sie sich damit, dass der erste Kaufmann der Stadt,
der Hauptconcessionaer der Minen der kaiserlichen Regierung, zum ersten
Range der Notabeln des Reiches zaehlt.

Frueher huldigte man der Anschauung, Tomsk liege einfach am Ende der Welt.
Wer sich dahin begeben wollte, wagte eine grosse Reise. Jetzt ist das,
vorausgesetzt, dass keine wilden Feindeshorden die Strasse umschwaermen,
durch einen einfachen Spaziergang abzumachen. Bald wird auch der
Schienenweg hergestellt sein, der es mit Ueberschreitung der Uralkette mit
Perm in Verbindung setzen soll.

Haelt man Tomsk fuer eine schoene Stadt? Die Berichte der Reisenden stimmen
in dieser Hinsicht nur wenig ueberein. Frau von Bourboulon, welche auf
ihrer Reise von Shang-hai nach Moskau einige Tage daselbst verweilte,
nennt es einen wenig malerischen Haeuserhaufen. Ihrer Beschreibung nach ist
es eine Stadt ohne besondere Physiognomie, mit alten Gebaeuden aus Granit
und Ziegelstein und engen, von den Gassen, wie man sie meist in
sibirischen Staedten findet, wenig abweichenden Strassen, mit schmutzigen
Quartieren, den Hauptansiedelungsstellen der Tartaren, in welchen
schweigsame Betrunkene umhertaumeln, "deren Trunkenheit ebenso apathisch
erscheint, wie bei allen Voelkern des Nordens".

Dagegen zollt der Reisende Henry Russel-Killough Tomsk seine ungetheilte
Bewunderung. Sollte das nur daher ruehren, dass er es mitten im Winter sah,
wogegen Frau von Bourboulon es nur waehrend des Sommers besuchte? Das ist
wohl moeglich und wuerde einen weiteren Beitrag zu der Behauptung liefern,
dass man kalte Laender nur waehrend der kalten Jahreszeit, warme nur waehrend
der heissen wirklich kennen und beurtheilen lernt.

Wie dem auch sei, Russel-Killough sagt positiv, dass Tomsk nicht nur die
schoenste Stadt Sibiriens, sondern vielleicht eine der huebschesten Staedte
ueberhaupt sei. Er lobt ebenso ihre mit Saeulengaengen und Peristylen
geschmueckten Haeuser, die bequemen Holztrottoirs, wie ueberhaupt die
breiten, regelmaessigen Strassen, sammt den fuenfzehn praechtigen Kirchen, die
sich in den Wellen des Tom, eines hier schon sehr bedeutenden Flusses,
wiederspiegeln.

Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Mitte. Tomsk breitet sich, bei
einer Einwohnerzahl von 25,000 Seelen, terrassenfoermig ueber einen
langgestreckten, aber steil abfallenden Huegel aus.

Die huebscheste Stadt der Welt wird aber zur haesslichsten, wenn Feinde in
ihr hausen. Wer haette sie jetzt auch bewundern wollen? Vertheidigt von
wenigen Bataillonen Kosaken zu Fuss hatte sie dem Anprall der tartarischen
Heersaeulen nicht Widerstand zu leisten vermocht. Ein gewisser Theil der
Stadtbevoelkerung von verwandtem Ursprunge hatte diese Horden nicht eben
ungern empfangen, und fuer den Augenblick erschien Tomsk so wenig russisch
oder sibirisch, als ob es mitten in die Khanate von Khokhand oder Bukhara
versetzt worden waere.

In Tomsk wollte der Emir seine siegreichen Truppen empfangen. Diesen zu
Ehren sollte ein Fest mit Gesaengen, Taenzen und Schaugepraenge abgehalten
werden, dessen Ende wie gewoehnlich in eine laermende, wilde Orgie auslief.

Der fuer diese nach asiatischem Geschmacke vorbereiteten Belustigungen
ausgewaehlte Platz nahm eine geraeumige Ebene auf einem Theile des Huegels
ein, der sich etwa hundert Fuss hoch ueber den Tom erhebt. Den Rahmen dieser
Flaeche bildeten einerseits die langen eleganten Haeuserreihen, die vielen
Kirchen mit ihren bauchigen Kuppeln, andrerseits die vielfachen Windungen
des Stromes und entfernte, in warmem Dufte verschwimmende Waelder, oder in
der Naehe dichte Haine von Fichten und riesigen Cedern.

An der linken Seite des Festplatzes hatte man auf einer breiten Terrasse
provisorisch eine blendende Decoration, die Nachahmung eines wunderlichen
Palastes - wahrscheinlich eine Probe der bukharischen, halb maurischen,
halb tartarischen Baudenkmaeler, - in bizarrstem Style errichtet. Ueber
diesem Palaste und den Spitzen seiner zahlreichen Minarets, zwischen den
hoechsten Zweigen der Baeume, die das Plateau beschatteten, schwebten zu
Hunderten gezaehmte Stoerche, welche der Tartarenarmee aus Bukhara gefolgt
waren.

Jene Terrasse blieb reservirt fuer den Hofstaat des Emirs, fuer die
verbuendeten Khans, die Grosswuerdentraeger des Reiches und fuer die Harems
eines jeden der turkomanischen Fuersten.

Unter den Sultaninnen, zum groessten Theile uebrigens nur auf den Maerkten von
Transkaukasien und Persien gekaufte Sklavinnen, trugen Einige das Gesicht
unverhuellt, waehrend Andere fast vollstaendig unter einem dichten Schleier
verborgen waren. Alle erschienen in der praechtigsten Kleidung. Reizende
Oberkleider, deren weite Aermel auf der Rueckseite aufgeschlagen, eine
eigenthuemliche Faltenordnung zeigten, liessen ihre entbloessten Arme sehen,
deren kostbare Bracelets durch Ketten von Edelsteinen verbunden
erschienen, und ihre kleinen Haende, an denen die Fingernaegel mit dem Safte
der "Henneh" gefaerbt waren. Bei der geringsten Bewegung dieser Kleider,
welche zum Theil aus Seide, so fein wie die Faeden des Spinnengewebes, zum
Theil aus wundervoll weichem "Aladja" (ein schmalgestreifter, herrlicher
Baumwollstoff) bestanden, liess sich jenes vornehme Rascheln hoeren, das den
Ohren der Orientalen so lieblich klingt. Unter diesem Ueberwurfe
erglaenzten brocatne kurze Roeckchen ueber den seidenen Beinkleidern, welche
letztere ein wenig oberhalb der feinen, grazioes geschweiften und mit
echten Perlen geschmueckten Stiefeln befestigt waren. An den schleierlos
erscheinenden Frauen bewunderte man die langen, schwarzen Flechten, die
unter dem Turban hervorquollen, ebenso wie die schoenen Augen, die
praechtigen Zaehne, den blendenden Teint, der noch mehr durch die
tiefschwarzen, mittels eines feinen Striches verbundenen Augenbrauen und
die mit Bleiglaette gefaerbten Lider hervorgehoben wurden.

Am Fusse der mit Flaggen und Bannern bedeckten Terrasse standen die
Leibgarden des Emirs Wache, mit ihren zwei gekruemmten Saebeln an der Seite,
einem Dolch im Guertel und der zehn Fuss langen Lanze in der Hand. Einige
dieser Tartaren trugen weisse Staebe, Andere ungeheure Hellebarden mit
maechtigen Troddeln aus Gold- und Silberfaeden.

Ringsumher, bis zu den aeussersten Enden dieses Plateaus, auf dem steilen
Abhange, dessen Basis die Wellen des Tom badeten, draengte sich eine
wahrhaft kosmopolitische Menge, zusammengewuerfelt aus allen Eingeborenen
Centralasiens. Da sah man die Usbecks mit ihren ungeheuren schwarzen
Schaffellmuetzen, dem rothen Bart, grauen Augen und in dem "Arkaluk", einer
besondern Art nach tartarischer Mode geschnittenem Ueberwurf. Dort zeigten
sich Turkomanen in ihrem Nationalcostuem, langen Beinkleidern von
schreiender Farbe, Westen und Maenteln aus Kameelhaar, rothen entweder
konisch oder auch oben erweiterten Muetzen, hohen juchtenen Stiefeln,
Seitengewehr und Messer an Riemen um die Taille geschnallt; in der Naehe
ihrer Herren erschienen auch die turkomanischen Weiber, welche ihr von
Natur ueppiges Haar noch durch Schnurenschleifen aus Ziegenhaar zu
verlaengern pflegen, mit unter der "Tjuba" offnem, blauem, purpurnem oder
gruenem Hemd, die Beine in farbige Baender eingeschnuert, die sich bis herab
ueber den Lederstiefeln kreuzten. Endlich begegnete man auch, - so als ob
sich alle Voelkerschaften der russisch-chinesischen Grenze auf den Ruf des
Emirs erhoben haetten, - an der Stirn und den Schlaefen rasirte Mandschus
mit geflochtenem Haar, langen Ueberroecken, einem Guertel, der die Taille
ueber einem seidnen Hemd umschloss, mit ovalen kirschrothen Atlasmuetzen mit
gleichfarbenen Fransen; neben ihnen auch jene herrlichen Typen von Frauen
aus der Mandschurei, coquett mit kuenstlichen Blumen coiffirt, welche
reizende Haeubchen, durch goldene Nadeln befestigt, auf den pechschwarzen
Haaren trugen. Ausser diesen Allen aber noch Mongolen, Bukharier, Perser,
Chinesen aus Turkestan, welche sich unter die zu dem tartarischen Feste
Geladenen mischten.

Nur die Sibirier fehlten unter diesem Schwarme von Feinden. Wer von ihnen
nicht hatte fliehen koennen, hielt sich im Hause auf, aus Furcht, dass
Feofar-Khan noch, zum wuerdigen Schluss dieser Siegesfestlichkeit, einen
Befehl zum Pluendern ergehen lassen koenne.

Um vier Uhr erst hielt der Emir seinen Einzug auf den Festplatz, begleitet
von lustigen Fanfaren, Tamtamschlaegen, von Kanonen- und Gewehrsalven.

Feofar ritt sein Lieblingsross, an dessen Kopfe eine Aigrette von Diamanten
funkelte. Er erschien in seinem Kriegeranzuge. Ihm zur Seite marschirten
die Khans von Khokhand und Kunduz, die Grosswuerdentraeger des Khanates und
als Gefolge ein zahlreicher Stab.

Zu derselben Zeit betrat auch die erste Frau Feofar's die Terrasse,
gewissermassen die Koenigin, wenn man diesen Namen den Sultaninnen der
bukharischen Staaten beilegen darf. Aber ob Koenigin oder Sklavin,
jedenfalls war diese Frau, eine geborne Perserin, von bewunderungswuerdiger
Schoenheit. Ganz entgegen der mohamedanischen Gewohnheit und wahrscheinlich
nur in Folge einer Laune des Emirs, erschien sie mit unverhuelltem
Gesichte. Ihr in vier Flechten vertheiltes Haar schmiegte sich um die
blendendweissen Schultern, welche nur leicht von einem golddurchwirkten
Schleier bedeckt waren, der sich rueckwaerts an eine Art mit den
werthvollsten Gemmen geschmueckte Haube anschloss. Unter der Tunica von
blauer Seide, mit breiten, dunkleren Streifen fiel der "Zir-djameh" von
Seidengaze herab und ueber den Guertel faltete sich der "Pirahn", eine Art
Hemd aus demselben Stoffe, welcher nach dem Halse zu grazioes
ausgeschnitten erschien. Vom Kopfe aber bis zu den persischen Pantoffeln
an den Fuessen glaenzte eine solche verschwenderische Pracht von Geschmeide,
goldenen Tomans an Silberschnueren, Kraenze von Tuerkisen, Achate, Smaragde,
Opale und Saphire, dass ihr ganzer Leib wie von kostbaren Steinen bedeckt
erschien. Die Tausende von Diamanten, die farbenpraechtig an ihrem Halse,
den Armen, den Haenden, am Guertel und an den Fuessen blitzten, waeren mit
Millionen von Rubeln wohl kaum bezahlt gewesen; ja, bei dem
Strahlenkranze, den sie um sich verbreiteten, haette man glauben koennen,
dass sie unter einander durch einen aus Sonnenstrahlen gebildeten
elektrischen Bogen verbunden seien.

Der Emir und die Khans stiegen von den Pferden, ebenso wie die hohen
Staatsbeamten und militaerischen Wuerdentraeger des Gefolges. Alle nahmen
Platz unter einem prachtvollen Zelte, das sich in der Mitte der Terrasse
erhob. Vor dem Zelte lag wie gewoehnlich der geoeffnete Koran auf dem
heiligen Tische.

Feofar's Befehlshaber liess nicht lange auf sich warten, und noch vor fuenf
Uhr meldeten Trompetenstoesse die Ankunft des Verbuendeten.

Iwan Ogareff, - "mit der Schmarre", wie man ihn schon nannte - kam, jetzt
in der Uniform eines Tartarenoffiziers, zu Pferde bis vor das Zelt des
Emirs. Er war von einer Abtheilung Soldaten aus dem Lager von Zabediero
begleitet, die sich zu beiden Seiten des Platzes aufstellten, so dass in
der Mitte nur der fuer die Vorstellungen und Spiele bestimmte Raum frei
blieb. Quer ueber das Gesicht des Verraethers zog sich eine blutig
unterlaufene Strieme hin.

Iwan Ogareff stellte dem Emir seine ersten Officiere vor, und Feofar-Khan
empfing sie, wenn auch mit der seiner Wuerde entsprechenden Kaelte, doch in
einer sie scheinbar zufriedenstellenden Weise.

Das glaubten wenigstens Harry Blount und Alcide Jolivet, die beiden jetzt
unzertrennlichen Neuigkeitsjaeger, zu bemerken. Von Zabediero aus hatten
sich diese schnellstens nach Tomsk begeben. Ihre Absicht ging zwar dahin,
sich sobald als moeglich aus der Gesellschaft der Tartaren wegzustehlen,
sich einem russischen Truppencorps anzuschliessen und mit diesem Irkutsk zu
erreichen. Was sie bis jetzt von dem feindlichen Einfalle, den
Feuersbruensten, Pluenderungen, Mordthaten und dergleichen gesehen, konnte
nur das Gefuehl der Entruestung in ihnen erwecken und trieb sie noch mehr,
in der sibirischen Armee Aufnahme zu suchen.

Alcide Jolivet machte aber seinem Begleiter begreiflich, dass er Tomsk
nicht wohl eher verlassen koenne, als bis er eine Skizze des zu erwartenden
Triumpheinzuges der tartarischen Truppen entworfen habe, - und waere es
nur, um die Neugierde seiner Cousine zu befriedigen, - und Harry Blount
hatte zugestimmt, noch einige Stunden zu verweilen; noch an demselben
Abend wollten die Beiden jedoch den Weg nach Irkutsk schon wieder
einschlagen, und hofften bei der Schnelligkeit ihrer guten Pferde auch den
Plaenklern des Emirs zuvorzukommen.

Alcide Jolivet und Harry Blount hatten sich also unter die Zuschauermenge
gemischt und wandten den Festlichkeiten alle Aufmerksamkeit zu, um sich
kein Detail des Bildes entgehen zu lassen, das ihnen einen huebschen
Artikel fuer die Chronik ihrer Journale versprach. Sie bewunderten
Feofar-Khan in seiner Herrscherpracht, seine Frauen, seine Officiere, die
Garden und allen diesen orientalischen Luxus, von dem die europaeischen
Ceremonien nicht die blasseste Vorstellung geben. Sie wendeten sich aber
voll Abscheu ab, als Iwan Ogareff sich dem Emir nahte, und warteten nicht
ohne einige Ungeduld auf den Beginn des eigentlichen Festes.

"Sehen Sie, lieber Blount, sagte Alcide Jolivet, wir sind zu zeitig
erschienen, so wie der brave Buerger, der fuer sein Geld auch etwas
Ordentliches haben will. Das ist alles nur ein Vorspiel und es waere besser
gewesen, erst zum Ballet zu kommen.

-- Zu welchem Ballet? fragte Harry Blount.

-- Ei nun, zu dem obligatorischen Ballet! Ah, ich glaube der Vorhang hebt
sich schon."

Alcide Jolivet sprach, als befinde er sich im Opernhause, zog sein
Perspectiv aus dem Etui und schickte sich an, "die ersten Kraefte der
Truppe Feofar-Khans" moeglichst genau kennen zu lernen.

Den lustigen Taenzen sollte aber noch eine hoechst peinliche Scene
vorhergehen.

Der Triumph der Sieger konnte ja ohne eine qualvolle Erniedrigung der
Besiegten kein vollstaendiger sein. Es wurden also einige hundert Gefangene
unter den Knuten der Soldaten vorgefuehrt. Diese sollten vor Feofar-Khan
und seinen Verbuendeten defiliren, bevor man sie in den Gefaengnissen der
Stadt einkerkerte.

In erster Reihe unter diesen Armen befand sich auch Michael Strogoff. Dem
Befehle Iwan Ogareff's entsprechend war eine besondere Abtheilung Soldaten
zu seiner Bewachung bestimmt. Seine Mutter und Nadia waren auch
gegenwaertig.

Das Gesicht der alten Sibirerin, welche stets, wenn es sich nur um sie
allein handelte, eine unbeugsame Energie bewahrte, erschien ungemein
bleich. Sie machte sich wohl gefasst auf eine schreckliche Scene. Ihr Sohn
ward gewiss nicht ohne besondere Ursache dem Emir vorgefuehrt, und sie
zitterte leise fuer ihn. Iwan Ogareff, den vor den Augen Aller die schon
fuer sie erhobene Knute getroffen, war sicherlich nicht der Mann dazu,
solche Schmach zu verzeihen, und seine Rache wuerde wohl ohne Grenzen sein.
Gewiss drohte Michael Strogoff ein entsetzliches Gericht, wie es die
Barbaren Centralasiens gern abzuhalten pflegen. Wenn ihn Iwan Ogareff
damals, als seine Knechte sich ueber ihn stuerzen wollten, geschont hatte,
so wusste er gewiss, was er damit that, ihn der Justiz des Emirs
vorzubehalten.

Seit dem traurigen Auftritt auf dem Felde zu Zabediero war es Mutter und
Sohn unmoeglich gewesen, auch nur ein Wort zu wechseln. Man hatte sie
unerbittlich von einander getrennt. Welch harte Erschwerung ihrer Leiden,
hier, wo es ihnen ein suesser Trost gewesen waere, waehrend einiger Tage der
Gefangenschaft doch vereinigt zu sein. Wie gern haette Marfa Strogoff ihren
Sohn um Verzeihung wegen all' des Uebels gebeten, das sie ihm wider Willen
zugefuegt hatte, denn sie klagte sich an, ihre muetterlichen Gefuehle nicht
gehoerig im Zaum gehalten zu haben. Haette sie sich damals im Posthofe zu
Omsk bezwungen, als sie ihm gegenueber stand, so kam Michael Strogoff
unerkannt hindurch, - und wie viel Unglueck waere dann verhuetet worden!

Michael Strogoff seinerseits quaelte sich mit dem Gedanken, dass man seine
Mutter mit hierher schleppe, um sie fuer sein Vergehen buessen zu lassen,
vielleicht dass sie dieselbe schreckliche Todesart erleiden sollte, wie er
selbst.

Nadia endlich fragte sich, was sie thun koenne, um den Einen oder die
Andere zu retten, auf welche Weise sie der Mutter oder dem Sohne zu Hilfe
kommen koenne? Sie fand zwar kein Mittel, aber sie fuehlte, dass es hier vor
Allem darauf ankam, keine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken,
sondern sich mehr zu verstecken und unsichtbar zu machen. Vielleicht waere
sie doch noch im Stande, die Gitter des Kaefigs ihres Loewen zu zerbrechen.
Jedenfalls wollte sie, wenn sich ihr eine Gelegenheit zum Handeln boete,
gewiss nicht zoegern, und noethigenfalls ihr Leben fuer den Sohn der Marfa
Strogoff opfern.

Inzwischen zog der groesste Theil der Gefangenen vor dem Emir vorueber, wobei
jeder als Zeichen der Unterwerfung sich zu Boden beugen und den Sand mit
der Stirn beruehren musste, das erniedrigende Merkmal fuer den Anfang der
Sklaverei. Kruemmten die Ungluecklichen den Ruecken zu langsam, so warf sie
die rauhe Hand der Garden heftig zu Boden.

Alcide Jolivet und sein Begleiter vermochten einem solchen Schauspiel
nicht ohne die Gefuehle der tiefsten Indignation beizuwohnen.

"Dieser erbaermliche Kerl! Fort, fort von hier! sagte Alcide Jolivet.

-- Nein, entgegnete Harry Blount, nun wollen wir auch Alles sehen!

-- Alles sehen!... Ah, dort! rief ploetzlich Alcide Jolivet und ergriff den
Arm seines Gefaehrten.

-- Was haben Sie? fragte dieser.

-- Sehen Sie dorthin, Blount! Da ist sie!

-- Sie? - Welche sie?

-- Die Schwester unseres Reisegefaehrten! Hilflos und gefangen. Wir muessen
sie retten ...

-- Geduld, entgegnete frostig Harry Blount. Unsere Intervention zu Gunsten
des jungen Maedchens duerfte ihr eher schaedlich als nuetzlich werden."

Alcide Jolivet, der sich schon zu Nadia draengen wollte, liess sich
belehren, und Letztere, welche die beiden Reporter nicht gesehen hatte,
ging, von ihrem reichen Haar halb verschleiert, vor dem Emir vorueber, ohne
dessen besondere Aufmerksamkeit zu erwecken.

Nach Nadia kam Marfa Strogoff an die Reihe, und da sie sich nicht schnell
genug in den Staub warf, drueckten sie die Wachen mit rauher Faust nieder.

Marfa Strogoff fiel zu Boden.

Ihr Sohn schaeumte auf vor Wuth, so dass ihn die bewachenden Soldaten kaum
zu baendigen vermochten.

Die alte Marfa erhob sich wieder und sollte eben fortgefuehrt werden, als
Iwan Ogareff das verhinderte.

"Dieses Weib bleibt hier!" rief er.

Nadia ward in den Haufen der Gefangenen zurueckgefuehrt. Iwan Ogareff's
Blick hatte sie nicht erkannt.

Jetzt wurde Michael Strogoff vor den Emir gebracht und blieb, ohne auch
nur die Augen zu senken, vor diesem stehen.

"Die Stirn auf die Erde! herrschte ihn Iwan Ogareff an.

-- Nein", antwortete Michael Strogoff.

Zwei Soldaten wollten ihn zwingen, sich zu beugen, doch die kraeftige Hand
des jungen Mannes drueckte sie an seiner Statt zu Boden.

Iwan Ogareff sprang auf Michael Strogoff zu.

"Du verwirkst Dein Leben! rief er.

-- Ich werde ruhig sterben, erwiderte stolz Michael Strogoff, aber Deine
Verraetherstirn, Iwan, wird fuer immer die schmachvolle Schramme von der
Knute tragen!"

Iwan Ogareff erbleichte bei diesen Worten.

"Wer ist dieser Gefangene? fragte der Emir, dessen ruhige Stimme nur um so
drohender war.

-- Ein russischer Spion", antwortete Iwan Ogareff.

Als er Michael Strogoff fuer einen Spion ausgab, wusste er recht wohl,
welches entsetzliche Loos ihm bevorstand.

Michael Strogoff hatte sich Iwan Ogareff genaehert.

Die Soldaten hielten ihn zurueck.

Der Emir machte eine Handbewegung, auf welche sich die ganze grosse Menge
niederbeugte. Dann zeigte er nach dem Koran, den man ihm brachte. Er
oeffnete das Buch und legte einen Finger auf ein Blatt.

Der Zufall, oder nach dem Glauben der Orientalen, Gott selbst, sollte das
Schicksal Michael Strogoff's entscheiden.

Die Voelker Centralasiens nennen dieses Gerichtsverfahren "Fal". Nach der
Auslegung des von dem Finger des Richters zufaellig getroffenen Verses
faellen sie das Urtheil.

Der Emir liess den Finger auf der einen Seite des Koran liegen.

Der Erste der Ulemas trat hinzu und verlas mit lauter Stimme einen Vers,
der mit den Worten schloss:

"Und er wird die Dinge der Erde nicht mehr sehen."

"Spion der Russen, sagte der Emir, Du bist hierher gekommen, zu sehen, was
im Tartarenlager vorgeht; nun sieh mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!"




                             Fuenftes Capitel.


                            Nun sieh' Dich um.


Michael Strogoff musste mit gefesselten Haenden vor dem Thron des Emirs am
Fusse der Terrasse stehen bleiben.

Ueberwaeltigt von physischen und moralischen Schmerzen war seine Mutter
endlich zusammengesunken und wagte weder etwas zu sehen noch zu hoeren.

"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!" hatte Feofar-Khan mit einer
drohenden Handbewegung gegen Michael Strogoff gesagt.

Ohne Zweifel verstand Iwan Ogareff bei seiner Kenntniss der tartarischen
Sitte den Sinn dieser Worte genuegend, denn um seine Lippen spielte einen
Augenblick lang ein wahrhaft teuflisches Laecheln. Dann hatte er neben
Feofar-Khan Platz genommen.

Jetzt erklangen lustige Trompetenstoesse, das Signal zum Beginn der
Festspiele.

"Da kommt ja das Ballet, sagte Alcide Jolivet zu Harry Blount, diese
Barbaren fuehren es aber entgegen unserer Sitte vor dem Drama auf, statt
nachher."

Michael Strogoff sollte sich Alles anschauen. Er that es. Eine Wolke von
Taenzerinnen flog auf den Platz.

Eine fremdartige Musik ertoente von den verschiedensten tartarischen
Instrumenten, der "Dutare", einer langgebauten Mandoline aus dem Holze des
Maulbeerbaumes, mit zwei in dem Intervall einer Quarte gestimmten Saiten
aus fest gedrehter Seide; der "Kobiz", eine Art offenes Violoncell, dessen
Pferdehaarsaiten mittels eines Bogens in Schwingungen versetzt wurden; die
"Tschibyzga", eine lange Floete aus Rosenholz; dazu Trompeten, Tambourins,
Tamtams u. dgl., und das Alles begleitet von den Kehltoenen zahlreicher
Saenger. Hierzu kam noch das dann und wann hoerbare, leise Erklingen eines
besonderen Concertes in der Luft, das von einem Dutzend Papierdrachen
herruehrte, vor deren durchbrochenem Mitteltheile Saiten gespannt waren,
welche von dem Winde gleich Aeolsharfen erklangen.

Sofort begann nun der Tanz.

Die Theilnehmerinnen waren Alle von persischer Abkunft, aber nicht etwa
Sklavinnen, sondern trieben ihr Gewerbe freiwillig.

Frueher fungirten sie officiell bei den Festen am Hofe zu Teheran, wurden
aber seit der Thronbesteigung der jetzigen Herrscherfamilie entlassen und
aus dem Reiche verbannt, so dass sie ihr Glueck in andern Laendern suchen
mussten. Sie trugen ihr von Schmuck aller Art ueberladenes Nationalcostuem.
Kleine goldene Dreiecke mit langen Gehaengen schaukelten an ihren Ohren,
Spangen von Niellosilber zierten ihren Hals, um die Arme und Beine
schlangen sich Bracelets mit einer doppelten Gemmenreihe, waehrend an den
Enden ihrer langen Flechten eine Art Rosette von Perlen, Tuerkisen und
Karneolen erglaenzte. Den Taillenguertel schloss eine Art Diamant-Agraffe, in
der Form des Grosskreuzes eines europaeischen Ordens.

Diese Taenzerinnen fuehrten ihre Spiele, bald einzeln, bald in Gruppen, mit
vollendeter Grazie auf. Sie trugen das Gesicht unverhuellt, von Zeit zu
Zeit aber zogen sie einen feinen Schleier vor das Antlitz, so dass es
schien, als lege sich eine Wolke von Gaze ueber alle diese laechelnden
Augen, wie eine zarte Wolke den sternbesaeeten Himmel bedeckt. Einzelne
dieser Perserinnen trugen ferner als Schaerpe eine Art Wehrgehaenge aus
perlengesticktem Leder, an welchem mit der Spitze nach unten eine
dreikantige Tasche hing, welche sie zu bestimmter Zeit oeffneten. Aus
diesen von Goldfiligran gewebten Taschen holten sie lange schmale Baender
von scharlachrother Farbe hervor, auf welche Sprueche aus dem Koran
gestickt waren.

Sie spannten diese Baender zwischen sich aus und bildeten so einen Ring,
unter welchem andere Taenzerinnen hindurchschluepften, und je nach dem Verse
ueber ihnen sich entweder zur Erde warfen oder in leichten Spruengen
dahinflogen, so als wollten sie unter den Houris des Himmels Mohamed's
verschwinden.

Auffallend erschien bei diesen Bewegungen, und vorzueglich fuehlte sich
Alcide Jolivet dadurch betroffen, dass sich diese Perserinnen weit eher
ruhig als wild zeigten. Es mangelte ihnen alles berauschende Feuer, und
sie erinnerten ebenso durch die Art ihrer Taenze, wie durch deren
Ausfuehrung, weit mehr an die stillen, decenten Bajaderen Indiens, als etwa
an die leidenschaftlichen Almes (Taenzerinnen) Egyptens.

Nach Schluss dieses ersten Schauspieles liess sich neben Michael Strogoff
eine ernste Stimme vernehmen:

"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!"

Der Mann, welcher diese Worte wiederholte, ein hochgewachsener Tartar, war
der Vollstrecker der peinlichen Befehle Feofar-Khan's. Er hatte hinter dem
Verurtheilten Platz genommen und hielt einen langen, gekruemmten Saebel in
der Faust, eine jener Damascenerklingen, wie sie die beruehmten
Waffenschmiede von Karschi oder Hissar liefern.

An seiner Seite hatten einige Garden ein Kohlenbecken aufgestellt, in dem,
ohne irgend welchen Rauch zu verbreiten, ein Haufen Kohlen gluehte. Der
leichte, empor steigende Dampf ruehrte nur von der Verbrennung einer
harzigen, wohlriechenden Substanz, einer Mischung von Weihrauch und
Bernstein, her, welche man zeitweilig darauf streute.

Auf die Perserinnen war inzwischen eine andere von ihren Vorgaengerinnen
sehr verschiedene Gruppe Taenzerinnen gefolgt, die Michael Strogoff sehr
bald erkannte.

Die beiden Journalisten zweifelten offenbar keinen Augenblick, wen sie vor
sich haetten, denn Harry Blount sagte zu seinem Collegen:

"Da, die Zigeunerinnen aus Nishny-Nowgorod!

-- Wahrhaftig, bestaetigte Alcide Jolivet; ich meine aber, im Dienste als
Spioninnen werden ihnen die Augen wohl mehr Geld einbringen, als hier ihre
Beine!"

Wenn Alcide Jolivet vermuthete, dass Jene im Solde des Emirs standen, so
taeuschte er sich, wie wir wissen, nicht. In den ersten Reihen der
Zigeunerinnen sah man Sangarre in einem wunderlichen, aber praechtigen
Anzuge, der ihre Schoenheit vortheilhaft hervorhob.

Sangarre selbst tanzte nicht, sondern setzte sich, einer Herrscherin
vergleichbar, in die Mitte ihrer Balleteusen, deren phantastische Pas
Reminiscenzen an alle in Europa von ihnen durchzogene Laender, an Boehmen,
Italien, Spanien, sowie auch an Egypten wach riefen.

Sie erregten sich gegenseitig durch den Laermen der Cymbeln an ihren Armen,
und durch das Schnarren der "Daires", eine Art baskischer Trommeln, welche
sie mit den Fingern schlugen.

Sangarre hielt ebenfalls einen solchen Daire in der Hand, durch dessen
Schall sie diese Truppe wahrhaftiger Korybanten noch mehr anfeuerte.

Dann trat ein junger Zigeuner von kaum fuenfzehn Jahren vor. Er trug eine
Dutare, deren Saiten er durch das Anschlagen mit den Naegeln eine leise
Melodie entlockte. Er sang. Eine Taenzerin nahm neben ihm Platz und
verhielt sich ruhig, so lange er einen Vers seines Liedes vortrug; nur
wenn der Refrain desselben von den Lippen des jugendlichen Saengers
erklang, sprang sie zum rasenden Tanze auf, schlug ihren Daire und suchte
Jenen durch das Getoese ihrer Schellentrommel zu uebertoenen.

Nach dem letzten Refrain umschwaermten die Zigeunerinnen alle den Saenger
und verflochten ihn gleichsam in die verworrenen Falten ihres Tanzes.

Als Belohnung fiel ein Regen von Goldstuecken aus den Haenden des Emirs,
seiner Verbuendeten und denen der Officiere aller Grade nieder, und zu dem
Klingen der Muenzen, welche die Cymbeln der Taenzerinnen trafen, mischten
sich noch die letzten Toene der Dutares und der Tambourins.

"Verschwenderisch, wie die Raeuber gewoehnlich!" raunte Alcide Jolivet
seinem Gefaehrten in's Ohr.

Und es war auch wirklich gestohlenes Geld, welches hier niederfiel, denn
mit den tartarischen Tomans und Sequies regnete es auch Ducaten und
russische Rubelstuecke.

Dann ward es einen Augenblick still, und die Stimme des Henkers, der seine
Hand auf Michael Strogoff's Schulter legte, sprach noch einmal die Worte,
deren Wiederholung sie um so unheilvoller klingen liess:

"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!"

Diesesmal bemerkte Alcide Jolivet aber, dass der Henker nicht mehr seinen
blanken Saebel in der Hand hatte.

Indess sank die Sonne langsam unter den Horizont. Ein sanftes Helldunkel
verhuellte schon die entfernten Theile des Platzes. Der Cedern- und
Pinienwald erschien schwaerzer und die in der Ferne dunkel fluthenden
Wellen des Tom verschwanden in dem Abendnebel. Die Stadt ruhte im
Schatten, der auch bald das Plateau erreichen musste.

Jetzt drangen ploetzlich mehrere hundert Sklavinnen mit Fackeln in den
Haenden auf den Platz. Von Sangarre gefuehrt, traten die Zigeunerinnen und
Perserinnen wieder vor dem Throne des Emirs auf und suchten durch den
Contrast gegen ihre frueheren Taenze und Evolutionen noch mehr zu ergoetzen.
Alle musikalischen Instrumente des tartarischen Orchesters vereinigten
sich zu wilderen Harmonien, begleitet von den rauhen Kehltoenen der Saenger.
Die Drachen, welche man vorher herabgezogen hatte, flogen, geschmueckt mit
einem ganzen Sternbild buntfarbiger Lampen, wieder auf, und ihre Saiten
erklangen mitten in dieser Luftillumination heller und voller.

Dann schloss sich eine Escadron Tartaren in Kriegsuniform dem Tanze an, der
an Wildheit allmaelig zunahm, und bald begann eine Vorstellung, die den
fremdartigsten Eindruck hervorbrachte.

Waehrend des Springens und Tanzens erfuellten diese Soldaten mit blanken
Waffen die Luft durch das Knallen ihrer langen Pistolen, das Knattern der
Musketen, das sich mit dem rollenden Ton der Tambourins, dem Schnarren der
Daires und dem Knirschen der Doutaren mischte. Ihre Schiesswaffen waren
dabei, nach chinesischer Art, mit einem durch gewisse metallische Zusaetze
farbig abbrennenden Pulver geladen und spruehten lange rothe, gruene und
blaue Feuerstrahlen in die Luft, so dass es schien, als wogten alle diese
lebenden Gruppen in einem Meere von Feuer. Dieses Divertissement erinnerte
gewissermassen an die Cybistik (Springkuenste) der Alten, eine Art
militaerischen Tanzes, bei dem die Theilnehmer sich mitten zwischen Saebel-
und Dolchspitzen hindurchwanden, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass
die Berichte davon sich bis auf die Voelker Centralasiens fortgeerbt haben;
diese tartarische Cybistik aber erschien noch weit maerchenhafter durch die
farbigen Flammen, welche ueber den Taenzerinnen loderten und die ganze
Gruppe mit glitzernden Funken schmueckten. Es war wie ein Kaleidoskop von
Blitzen, das in seinen Zusammenstellungen mit jeder Bewegung der Tanzenden
wechselte. So satt ein pariser Journalist auch gegenueber derartigen
Vorstellungen sein mag, in denen es die moderne Buehnentechnik ja so weit
gebracht hat, so konnte Alcide Jolivet doch eine leichte Bewegung mit dem
Kopfe nicht unterlassen, die zwischen dem Boulevard Montmartre und La
Madelaine etwa: "Nicht uebel, nicht uebel!" bedeutet haette.

Ploetzlich verloschen wie auf ein Signal alle Flammen dieses Feuermeeres,
die Taenze hoerten auf, die Taenzerinnen verschwanden. Die Ceremonie war
vorbei und nur die Fackeln leuchteten noch auf dem Plateau, das vorher in
tausend Lichtern erglaenzte.

Auf ein Zeichen des Emirs ward Michael Strogoff mitten auf den Platz
gefuehrt.

"Blount, sagte Alcide Jolivet zu seinem Begleiter, wollen Sie auch das
Ende hiervon noch ansehen?

-- Nicht um Alles in der Welt, erwiderte Harry Blount.

-- Ihre Leser des Daily-Telegraph werden nicht so sehr darauf erpicht sein,
die Einzelheiten einer Gerichtsvollstreckung nach Sitte der Tartaren
kennen zu lernen.

-- Nicht mehr als Ihre Cousine.

-- Armer Kerl! fuegte Alcide Jolivet hinzu mit einem Blicke auf Michael
Strogoff. Dieser wackere Soldat haette einen besseren Tod auf dem Felde der
Ehre verdient!

-- Koennen wir etwas zu seiner Rettung thun? sagte Harry Blount.

-- Nein, leider gar nichts."

Die beiden Journalisten erinnerten sich des uneigennuetzigen
Entgegenkommens Michael Strogoff's, sie wussten nun, welche Pruefung er, ein
Sklave seiner Pflicht, hatte ueber sich ergehen lassen, und nichts konnten
sie fuer den Gefangenen in der grausamen Hand der Tartaren, gar nichts fuer
ihn thun!

Da sie keineswegs begierig waren, der Vollstreckung des Urtheils an dem
Ungluecklichen beizuwohnen, so kehrten sie nach der Stadt zurueck.

Eine Stunde spaeter trabten sie schon auf der Strasse nach Irkutsk, um unter
dem russischen Heere "den Revanchekrieg", wie Alcide Jolivet schon zu
sagen beliebte, weiter zu verfolgen.

Inzwischen stand Michael Strogoff aufrecht da, mit einem Blicke voll
maennlichen Stolzes auf den Emir, voll Verachtung gegen Iwan Ogareff. Er
erwartete sterben zu muessen, und doch haette man vergeblich ein Zeichen der
Schwaeche an ihm zu entdecken gesucht.

Die Zuschauer am Rande des Platzes ebenso wie der Generalstab
Feofar-Khan's, fuer welche diese Hinrichtung nur ein Lockmittel zum
Ausharren war, erwarteten die Vollstreckung des Urtheils. Nach Stillung
ihrer Neugier brannte diese wilde Horde vor Verlangen, sich thierisch zu
berauschen.

Der Emir gab ein Zeichen. Von Garden gedraengt naeherte sich Michael
Strogoff mehr der Terrasse, und Feofar-Khan sprach zu ihm in der auch ihm
verstaendlichen tartarischen Mundart:

"Du kamst, um zu sehen, Spion der Russen. Du hast zum letzten Mal gesehen.
Nach Verlauf einer Minute werden Deine Augen dem Lichte fuer immer
verschlossen sein!"

Nicht den Tod sollte Michael Strogoff also erleiden, aber von ewiger
Blindheit geschlagen werden. Ist der Verlust des Gesichts vielleicht nicht
noch schrecklicher, als der des Lebens? Der Unglueckliche war verdammt,
geblendet zu werden.

Auch als Michael Strogoff das ueber ihn gefaellte Urtheil aus dem Munde des
Emirs vernahm, erbleichte er nicht. Er blieb unerschuettert, die Augen weit
geoeffnet, stehen, als wollte er sein ganzes Leben in diesen letzten Blick
zusammendraengen. Diese Unmenschen um Gnade anzuflehen erschien nicht nur
unnuetz, sondern auch seiner unwuerdig. Er dachte ueberhaupt gar nicht daran.
Alle seine Geistesthaetigkeit condensirte sich, so zu sagen, in seiner
unwiderruflich verfehlten Mission, in seiner Mutter und Nadia, die er nie
wiedersehen sollte. Dennoch liess er aeusserlich nichts von der tiefen
Erregung seines Innern blicken.

Sein ganzes Wesen durchzuckte der Gedanke, sich noch einmal auf irgend
eine Weise zu raechen. Er kehrte sich zu Iwan Ogareff um.

"Iwan, begann er mit drohender Stimme, Iwan, elender Verraether, die letzte
Drohung meiner Augen wird fuer Dich sein!"

Iwan Ogareff zuckte mit den Achseln.

Aber Michael Strogoff taeuschte sich. Nicht mit einem Blicke der Wuth auf
Iwan Ogareff sollten sich seine Augen fuer immer schliessen.

Marfa Strogoff naeherte sich ihm.

"Meine Mutter! rief er, Dir, ja Dir sollen meine letzten Blicke noch
gelten, nicht jenem Schurken dort!

-- O bleibe vor mir stehen! Lass mich Dein geliebtes Angesicht noch sehen!
Moegen sich meine Augen mit diesem letzten Bilde schliessen!..."

Die alte Sibirerin schritt ohne ein Wort auf ihn zu.

"Fort mit diesem Weibe!" befahl Iwan Ogareff.

Zwei Soldaten suchten Marfa Strogoff fortzureissen. Sie wich zurueck, blieb
aber wenige Schritte vor ihrem Sohne stehen.

Der Henker erschien. Jetzt trug er wieder den blossen Saebel in der Hand,
aber dieser leuchtete in heller Weissgluth, wie er ihn aus dem Becken mit
wohlriechenden Kohlen gezogen hatte.

Michael Strogoff sollte nach der gewoehnlichen Sitte der Tartaren geblendet
werden, indem man eine weissgluehende Klinge dicht vor seinen Augen
vorbeifuehrte.

Michael Strogoff leistete keinen Widerstand. Fuer seinen Blick war nichts
vorhanden, als seine Mutter, die er mit den Augen zu verzehren suchte!
All' sein Leben draengte sich in diesem letzten Liebesblick zusammen!

Mit weit geoeffneten Augen, die Arme nach ihm ausbreitend, sah Marfa
Strogoff ihn an ...

Die gluehende Klinge streifte die Augen Michael Strogoff's.

Ein Schrei der Verzweiflung. Leblos sank die alte Marfa zu Boden.

Michael Strogoff war blind.

Nach Ausfuehrung seines Befehls zog sich der Emir mit seinem ganzen Hofe
zurueck. Bald waren nur noch Iwan Ogareff und die Fackeltraeger auf dem
Platze.

Iwan Ogareff zog das kaiserliche Schreiben aus der Tasche, oeffnete es und
hielt dasselbe in grausamem Spott dem Courier des Czaaren vor die Augen.

"Lies doch nun, Michael Strogoff, lies, und gehe nach Irkutsk, zu melden,
was Du gesehen hast! Der wahrhafte Courier des Czaaren, das bin ich, das
ist Iwan Ogareff!" Mit diesen Worten verbarg der Verraether den Brief
wieder an seiner Brust. Dann verliess er, ohne sich umzuwenden, den Platz,
und lautlos folgten ihm die Fackeltraeger.

Michael Strogoff war allein, wenig Schritte von seiner Mutter, welche noch
leblos, vielleicht wirklich todt, auf der Erde lag.

In der Ferne hoerte man das Schreien und Singen, das Laermen der Orgie.
Festlich erleuchtet prangte die unglueckliche Stadt.

Michael Strogoff lauschte; der Platz schien ihm still und verlassen.

Tastend suchte er die Stelle zu erreichen, auf der seine Mutter
niedersank. Seine Hand fand sie, er neigte sich ueber sie, er legte sein
Antlitz auf das ihre, er hoerte die Schlaege ihres Herzens. Dann schien es,
als fluesterte er ihr einige Worte zu.

Lebte die alte Marfa noch, und hoerte sie, was ihr Sohn zu ihr sagte?

Jedenfalls machte sie nicht die geringste Bewegung.

Michael Strogoff kuesste ihr die Stirn und das weisse Haar. Dann erhob er
sich, tastete mit den Fuessen, suchte seine Hand auszustrecken, um den Weg
zu finden, und schritt langsam nach dem Ende des Platzes.

Ploetzlich erschien Nadia.

Sie ging gerade auf ihren Gefaehrten zu. Ein Dolch, den sie bei sich trug,
diente ihr, die Fesseln zu durchschneiden, welche Michael Strogoff's Arme
drueckten.

Bei seiner Blindheit wusste dieser nicht, wer ihn befreite, denn Nadia
hatte noch kein Wort gesprochen.

Nachher erst fluesterte sie:

"Bruder, mein Bruder!

-- Nadia, erwiderte Michael Strogoff, Du, Nadia!

-- Komm, Bruder! antwortete sie. Meine Augen werden nun die Deinigen sein,
ich werde Dich nach Irkutsk fuehren!"




                            Sechs tes Capitel.


                          Ein Freund unterwegs.


Nach Verlauf einer halben Stunde hatten Michael Strogoff und Nadia Tomsk
verlassen.

Ueberhaupt gelang es im Laufe dieser Nacht einer ganzen Anzahl Gefangenen
zu entweichen, da Soldaten und Officiere im Taumel der wilden
Festlichkeiten die bisher gewohnte strenge Ueberwachung jenes
Menschenknaeuels vernachlaessigten. Nadia vermochte also, nachdem man sie
erst mit den anderen Gefangenen weggefuehrt hatte, zu entfliehen und nach
dem Plateau zurueck zu kehren, gerade als Michael Strogoff vor den Emir
geschleppt wurde.

Unter der Zuschauermenge verloren, hatte sie Alles mit angesehen. Nicht
ein Schrei entfuhr ihr, als die weissgluehende Saebelklinge die Augen ihres
Begleiters streifte. Sie erzwang sich die Kraft, unbeweglich und lautlos
zu verharren. Eine providentielle Ahnung gab ihr den Rath ein, sich zurueck
zu halten, um ihre Freiheit zu sichern und den Sohn Marfa Strogoff's nach
dem Ziele zu geleiten, das er zu erreichen geschworen hatte. Einen
Augenblick wohl stand das Herz ihr still, als sie die alte Sibirerin
ohnmaechtig niedersinken sah, aber _ein_ Gedanke reichte hin, ihr all' die
fruehere Entschlossenheit zurueck zu geben.

"Ich werde der treue Hund des Blinden sein!" sagte sie sich.

Als Iwan Ogareff sich entfernte, suchte Nadia sich im Dunkel zu verbergen.
Sie wartete gelassen, bis die Menge sich vom Plateau verlief. Verlassen,
wie ein elendes Geschoepf, das man nicht weiter zu fuerchten hatte, war
Michael Strogoff allein gelassen worden. Sie sah, wie er sich zu seiner
Mutter hin tastete, sich ueber sie beugte, ihre Stirn voll heisser Liebe
kuesste und dann zu entfliehen suchte ...

Einige Minuten spaeter verliessen Beide Hand in Hand den Abhang des Huegels,
folgten bis zum Ende der Stadt den Ufern des Tom und gelangten unbemerkt
durch eine Oeffnung des Umfassungswalles.

Nur die eine Strasse nach Irkutsk verlief dort in oestlicher Richtung. Nadia
fuehrte Michael Strogoff moeglichst schnell mit sich fort, in der Besorgniss,
es moechten die Plaenkler des Emirs nach Schluss der thierischen Orgie, die
sie jetzt feierten, wieder ausschwaermen und jeden Weg verlegen. Ihr galt
es also, Jenen zuvor zu kommen, und Krasnojarsk, das uebrigens 500 Werst
von Tomsk entfernt liegt, eher als sie zu erreichen. Sich seitwaerts von
der Strasse zu wagen, das hiess dem Ungewissen, Unbekannten, wahrscheinlich
aber dem drohenden Verderben entgegen zu gehen.

Wie Nadia die Anstrengungen der Nacht vom 16. zum 17. August zu ertragen
vermochte; woher sie die Kraefte nahm, eine so lange Tagereise auszuhalten;
wie ihre von dem anstrengenden Marsche der vorhergehenden Tage noch
blutenden Fuesse sie bis dahin tragen konnten, - wohl ist das kaum
begreiflich. Aber trotzdem erreichte sie am naechsten Tage, zwoelf Stunden
nach dem Aufbruch aus Tomsk, mit Michael Strogoff den Flecken Semilowskoe,
- nach einem Wege von fuenfzig Werst Laenge.

Michael Strogoff hatte noch keine Silbe gesprochen. Nicht Nadia hielt
seine Hand, sondern er schloss sich die ganze Nacht ueber an die seiner
Begleiterin; aber Dank dieser treuen Hand, die ihn, wenn auch leise
zitternd, leitete, war er gewohnten schnellen Schrittes gegangen.

Semilowskoe erwies sich fast vollstaendig verlassen. Aus Furcht vor den
Tartaren waren die Einwohner nach der Provinz Yeniseisk entflohen, und nur
zwei oder drei Haeuser bewohnt geblieben. Allen Reichthum der Stadt an
nuetzlichen und werthvollen Gegenstaenden hatte man auf Karren fort
geschafft.

Dennoch konnte Nadia nicht umhin, hier einige Stunden Halt zu machen.
Beide bedurften nothwendig der Nahrung und der Ruhe.

Das junge Maedchen fuehrte seinen Begleiter also nach dem Ende des
Marktfleckens. Dort fand sich ein Haus mit offen stehender Thuer. Sie
traten ein. Neben dem in sibirischen Haeusern gebraeuchlichen ungeheuren
Ofen stand mitten in der Stube eine einfache hoelzerne Bank. Beide setzten
sich dort nieder.

Jetzt erst schaute Nadia ihrem geblendeten Gefaehrten in's Gesicht, wie sie
ihn wohl noch nie angesehen hatte. Aus ihrem Blicke sprach noch mehr als
Dankbarkeit, mehr als Mitleid mit dem Unglueck. Haette nur Michael Strogoff
sie sehen koennen, er haette in ihrem verzweifelten Blick den Ausdruck der
Ergebenheit ohne Grenzen, der innigsten Zaertlichkeit lesen muessen.

Die von der hellgluehenden Klinge geroetheten Lider bedeckten zur Haelfte die
trockenen Augen des Blinden. Die Sklerotika (die weisse Augenhaut) erschien
leicht gefaltet, wie verhornt, die Pupille auffallend vergroessert; die Iris
(Regenbogenhaut) zeigte ein dunkleres Blau als vordem; Wimpern und
Augenbrauen waren zum Theil verbrannt und versengt, - scheinbar aber hatte
der so durchdringende Blick des jungen Mannes sich keineswegs veraendert.
Wenn er nicht sehen konnte, wenn seine Blindheit vollstaendig war, so
ruehrte das von der totalen Zerstoerung der Lichtempfindlichkeit der
Netzhaeute und Sehnerven durch die Hitze des gluehenden Stahles her.

Jetzt streckte Michael Strogoff seine hilflosen Haende aus.

"Du bist hier, Nadia? fragte er.

-- Ja, ich bin bei Dir, erwiderte das junge Maedchen, ich werde Dich niemals
verlassen, Michael."

Michael Strogoff erzitterte im Innern, als Nadia zum ersten Male seinen
wahren Namen aussprach. Er begriff, dass seine Gefaehrtin Alles wusste, wer
er sei und welche Bande ihn mit der alten Marfa verknuepften.

"Nadia, fuhr er fort, wir werden uns trennen muessen.

-- Uns trennen? Und warum, Michael?

-- Ich will Dir kein Hinderniss Deiner Reise sein. Dein Vater erwartet Dich
in Irkutsk. Du musst zu ihm eilen.

-- Mein Vater wuerde mir fluchen, Michael, wenn ich Dich, nach dem, was Du
fuer mich gethan, verlassen wollte.

-- Nadia, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und drueckte die Hand, welche
das junge Maedchen in die seinige gelegt hatte, Du hast an Niemand als an
Deinen Vater zu denken.

-- Michael, antwortete Nadia fast bitter, Du bedarfst meiner jetzt mehr,
als mein Vater! Willst Du denn darauf verzichten, nach Irkutsk zu kommen?

-- Niemals! sagte Michael Strogoff schnell und in einem Tone, der seine
ganze fruehere Energie durchklingen liess.

-- Du besitzest aber jenen Brief nicht mehr ...

-- Den Brief, den Iwan Ogareff mir raubte!... Ja wohl, doch auch das soll
mich nicht abhalten, Nadia! - Sie haben mich als Spion verurtheilt, - gut,
so werde ich handeln wie ein Spion. In Irkutsk will ich Alles sagen, was
ich gesehen, was ich gehoert habe, und, beim allmaechtigen Gott, ich schwoere
es, dass der Verraether mich noch einmal zu Gesicht bekommen soll; nur muss
ich vor ihm in Irkutsk ankommen.

-- Und doch sprichst Du von Trennung, Michael!

-- Die Nichtswuerdigen haben mir Alles gestohlen, Nadia.

-- Mir blieben noch einige Rubel und meine Augen. Ich kann fuer Dich mit
ihnen sehen und Dich dahin fuehren, wohin Du allein niemals gelangen
wuerdest.

-- Und wie sollen wir weiter reisen?

-- Zu Fuss.

-- Und wovon leben?

-- Wir betteln.

-- Nun denn, mit Gott!

-- Komm, Michael."

Die beiden jungen Leute nannten sich nicht mehr Bruder und Schwester, das
gemeinsame Unglueck kettete sie noch inniger an einander. Beide verliessen
das Haus, nachdem sie eine Stunde geruht hatten. Nadia durcheilte vorher
die Strassen des kleinen Ortes, und es war ihr geglueckt, einige Stuecken
"Tschornekhleb", d. i. eine Art Gerstenbrod, und etwas Meth, der in
Russland mit dem Namen "Meed" bezeichnet wird, zu erlangen. Beides kostete
ihr nichts, denn sie hatte sich bezwungen, als Bettlerin anzuklopfen. Das
Brod und der Meth saettigten nothduerftig Michael Strogoff's Hunger und
Durst. Nadia hatte ihm den groesseren Theil des kaerglichen Mahles
aufgenoethigt. Er ass die Brodbissen, die ihm seine Gefaehrtin einen nach dem
andern reichte; er trank aus der Kuerbisflasche, die sie an seine Lippen
setzte.

"Isst Du auch, Nadia? fragte er wiederholt.

-- Ja wohl, Michael", beruhigte ihn das junge Maedchen, waehrend es sich doch
mit den Ueberresten begnuegte.

Michael Strogoff und Nadia verliessen Semilowskoe und begaben sich wieder
auf den muehseligen Weg nach Irkutsk. Energisch widerstand das junge
Maedchen jeder Ermuedung. Haette Michael Strogoff sie gesehen, es waere ihm
wohl der Muth gesunken, weiter zu ziehen. Nadia aber beklagte sich nicht,
und da Michael Strogoff keinen leisen Seufzer hoerte, so ging er mit einer
Hast, die er selbst nicht zu zuegeln vermochte. Und warum? Durfte er
hoffen, den Tartaren zuvor zu kommen? Er war zu Fuss, ohne Geld und -
blind, und wenn Nadia, seine einzige Fuehrerin, ihm entrissen werden
sollte, blieb ihm ja nichts Anderes uebrig, als sich an die Seite der
Strasse zu legen und elend zu verderben. Konnte er dagegen durch ungebeugte
Energie nach Krasnojarsk gelangen, so war vielleicht noch nicht Alles
verloren, da der Gouverneur, dem er sich zu entdecken gedachte, ihm ohne
Zweifel die noethigen Mittel gewaehren wuerde, um Irkutsk zu erreichen.

Michael Strogoff wanderte also karg an Worten und versunken in Gedanken
weiter. Er hielt Nadia's Hand. Beide blieben ununterbrochen vereinigt. Es
schien, als beduerften sie der Sprache zum Austausch ihrer Gedanken gar
nicht mehr. Von Zeit zu Zeit unterbrach Michael Strogoff wohl das
Schweigen.

"Sprich doch zu mir, Nadia, sagte er.

-- Wozu das, Michael? Wir denken ja zusammen!" antwortete die junge
Lieflaenderin und bemuehte sich, ihre Erschoepfung nicht durch ihre Stimme zu
verrathen.

Manchmal aber sanken ihre Fuesse zusammen, als staende ihr Puls schon still,
ihr Schritt verlangsamte sich und mit flehend geoeffneten Armen blieb sie
ein wenig zurueck, dann hemmte auch Michael Strogoff seine Schritte und
richtete die Augen auf das junge Maedchen, so als koenne er es in der
Dunkelheit, die ihn umgab, erkennen. Seine Brust hob sich; er suchte seine
Begleiterin noch besser zu unterstuetzen und nahm den ermuedenden Weg wieder
auf.

Diese ununterbrochenen Anstrengungen sollten aber heute eine ueberaus
glueckliche Wendung erfahren, welche Beiden fuer die Zukunft eine grosse
Erleichterung versprach.

Seit zwei Stunden hatten sie Semilowskoe verlassen, als Michael Strogoff
stehen blieb und fragte:

"Ist die Strasse menschenleer?

-- Vollstaendig verlassen, antwortete Nadia.

-- Hoerst Du nicht hinter uns irgend ein Geraeusch?

-- Ja, wirklich.

-- Das koennten Tartaren sein; wir werden uns verbergen muessen. Passe wohl
auf!

-- Warte ein wenig, Michael!" erwiderte Nadia und ging die Strasse einige
Schritte, bis zu einer nahen Biegung rueckwaerts.

Michael Strogoff blieb, angestrengt lauschend, einige Augenblicke allein.

Nadia kehrte sehr bald zurueck und meldete:

"Es ist ein Wagen hinter uns, den ein junger Mann fuehrt.

-- Ist er allein?

-- So viel ich sehen kann, ja."

Michael Strogoff zoegerte einen Moment. Sollte er sich verbergen? - oder
sollte er im Gegentheil bei der sich bietenden Gelegenheit versuchen, auf
diesem Wagen, wenn auch nicht fuer sich selbst, so doch vielleicht fuer sie,
einen Platz zu erhalten? Er wuerde sich damit begnuegen, eine Hand auf den
Wagen zu stuetzen; ja, er wuerde diesen selbst mit schieben, denn seine Fuesse
versagten ihm voraussichtlich niemals den Dienst, aber er fuehlte wohl, dass
Nadia durch die lange, achttaegige Wanderung vom Obi bis hierher am Ende
ihrer Kraefte sein muesse.

Er wartete.

Der Wagen zeigte sich bald an dem Knie der Strasse.

Es war ein sehr verfallenes, fuer hoechstens drei Personen eingerichtetes
Fuhrwerk, eine in der dortigen Gegend sogenannte Kibitka.

Gewoehnlich bilden drei Pferde die Bespannung einer solchen Kibitka; diese
wurde aber nur von einem Pferde mit langer Behaarung und dickbuschiger
Maehne und Schweif gezogen, dessen offenbar mongolische Abstammung seine
Staerke und Ausdauer verrieth.

Als Fuehrer sass ein junger Mann auf dem Wagen, neben welchem ein Hund
neugierig hervorguckte.

Nadia erkannte bald, dass der junge Mann ein Russe sei. Er hatte ein
freundliches, ruhiges, Vertrauen erweckendes Gesicht. Besondere Eile
schien er auch nicht zu haben. Er trottete ruhigen Schrittes dahin, um
sein Pferd nicht ueberanzustrengen, und wer ihn so sah, haette gewiss nie
geglaubt, dass er auf einem Wege fahre, den die wilden Horden der Tartaren
jederzeit abschneiden konnten.

Nadia fasste Michael Strogoff's Hand sicherer und trat zur Seite.

Die Kibitka hielt; laechelnd sah deren Fuehrer das junge Maedchen an.

"Ei, wo wandert Ihr denn hin?" fragte er mit freundlich theilnehmendem
Blicke.

Der Ton dieser Stimme belehrte Michael Strogoff, dass er dieselbe irgendwo
schon einmal gehoert habe. Ohne Zweifel genuegte ihm dieser Anhaltepunkt, um
den Fuehrer der Kibitka wieder zu erkennen, denn seine sorgenvolle Stirn
heiterte sich ploetzlich auf.

"Nun, wohin wollt Ihr denn? wiederholte der junge Mann, indem er sich
direct an Michael Strogoff wandte.

-- Wir gehen nach Irkutsk, antwortete dieser.

-- Aber, Vaeterchen, Du weisst wohl gar nicht, dass es noch viele, viele Werst
bis Irkutsk ist.

-- O ja, das weiss ich.

-- Und Du reisest zu Fuss?

-- Wie Du siehst.

-- Fuer Dich mag das angehen, aber die junge Dame ...

-- Das ist meine Schwester, fiel Michael Strogoff ein, der es fuer
gerathener hielt, ihr diese Bezeichnung wieder beizulegen.

-- Ja, das ist ganz gut, Vaeterchen. Aber traue meinem Worte, sie wird zu
Fuss niemals nach Irkutsk kommen.

-- Guter Freund, begann Michael Strogoff und naeherte sich dem Wagen, die
Tartaren haben uns gepluendert und ich besitze keine Kopeke, sie Dir
anzubieten; doch wenn Du nur meine Schwester mit auf den Wagen nehmen
willst, so werd' ich Dir gern zu Fuss folgen, noethigenfalls laufen, um Dich
keine Stunde aufzuhalten ...

-- Aber, Bruder, fiel ihm Nadia in's Wort,... ich will das nicht, nein, ich
will nicht!... Mein Bruder ist blind, mein Herr!

-- Blind! rief der junge Mann mit bewegter Stimme.

-- Die Tartaren blendeten ihm die Augen durch Feuer! setzte Nadia dazu,
waehrend sie die Haende ausstreckte, um sein Mitleid anzurufen.

-- Die Augen haben sie Dir ausgebrannt? - O, Du armes Vaeterchen! - Nun, ich
will nach Krasnojarsk. Warum willst Du nicht mit Deiner Schwester auf
meinem Wagen Platz nehmen? Wenn wir uns etwas einrichten, werden alle drei
Platz finden. Mein Hund wird nichts dagegen haben, weiter zu Fuss zu gehen.
Nur fahre ich nicht sehr schnell, um mein Pferd zu schonen.

-- Wie ist Dein Name, Freund? fragte Michael Strogoff.

-- Ich heisse Nicolaus Pigassof.

-- Diesen Namen werd' ich niemals vergessen, betheuerte Michael Strogoff.

-- Nun komm, steig' auf, blindes Vaeterchen. Hinten im Wagen mag Deine
Schwester neben Dir sitzen; ich werde davor Platz finden, um das Pferd zu
fuehren. Im Wagen liegt schoene Birkenrinde und Gerstenstroh - es ist wie
ein warmes Nest darin. Allons, Sersko, mach' Platz!"

Der Hund sprang, ohne sich bitten zu lassen, herab. Er war von sibirischer
Race mit grauem Fell, von mittlerer Groesse, mit grossem, gutmuethigem Kopfe
und schien sehr an seinem Herrn zu haengen.

Michael Strogoff und Nadia richteten sich schnell in der Kibitka ein.
Michael Strogoff hatte die Haende ausgestreckt, um die Nicolaus Pigassof's
zu suchen.

"Meine Hand willst Du druecken, Vaeterchen? sagte Nicolaus. Hier ist sie!
Druecke sie, soviel es Dir Vergnuegen macht."

Die Kibitka setzte sich wieder in Bewegung. Das Pferd, welches Nicolaus
Pigassof nie mit der Peitsche antrieb, war ein Passgaenger. Wenn Michael
Strogoff auch an Schnelligkeit nicht viel gewann, so blieben ihm und Nadia
doch weitere Koerperanstrengungen erspart.

Die Erschoepfung des jungen Maedchens war auch so gross, dass es, geschaukelt
von dem gleichmaessigen Schwanken der Kibitka, bald in tiefen, fast
todtenaehnlichen Schlaf verfiel. Michael Strogoff und Nicolaus Pigassof
betteten die muede Schlaeferin so gut es ging auf Birkenlaub und Stroh. Der
mitleidige junge Mann war innig bewegt, und wenn sich aus Michael
Strogoff's Lidern keine Thraene draengte, so lag es daran, dass das gluehende
Eisen deren Quelle versiegen gemacht hatte.

"Es ist ein nettes Maedchen, sagte Nicolaus.

-- O ja, erwiderte Michael Strogoff.

-- Die Pueppchen wollen immer stark sein, Vaeterchen, immer muthig, und im
Grunde sind sie doch nur schwach. - Kommt Ihr von weit her?

-- Von sehr weit.

-- Arme Leutchen, - das musste Dir sehr weh thun, als sie Deine Augen
verbrannten.

-- Ja gewiss, erwiderte Michael Strogoff sich umwendend, als haette er
Nicolaus sehen koennen.

-- Und Du weintest dabei nicht?

-- Doch.

-- O, ich haette wohl auch geweint. Zu denken, dass man seine Lieben niemals
wiedersehen soll! Aber, sie koennen Euch doch sehen, darin liegt ja
wenigstens _ein_ Trost.

-- Ja, vielleicht. - Sage mir, Freund, fragte Michael Strogoff, solltest Du
mich noch niemals gesehen haben?

-- Dich, Vaeterchen? Dass ich nicht wuesste.

-- Mir kommt der Ton Deiner Stimme so bekannt vor.

-- Sieh da! versetzte Nicolaus laechelnd. Er kennt den Klang meiner Stimme.
Du fragst mich das vielleicht, um zu erfahren, woher ich komme. O, das
will ich Dir sagen. Ich komme von Kolyvan.

-- Von Kolyvan? wiederholte Michael Strogoff. Dann bin ich Dir aber doch
begegnet. Du warst dort im Telegraphenamte?

-- Das trifft, bestaetigte Nicolaus. Ich wohnte daselbst als Beamter.

-- Und bliebst dort bis zum letzten Augenblick?

-- Nun, ich war wohl verpflichtet, bis zum Aeussersten auszuharren.

-- Das geschah an dem Tage, da ein Englaender und ein Franzose, die Haende
voller Rubelstuecke, sich um den Platz an Deinem Schalter stritten und der
Englaender die ersten Verse der Bibel abtelegraphiren liess?

-- Das mag sein, Vaeterchen, doch ich entsinne mich dessen nicht.

-- Wie? Daran erinnerst Du Dich nicht?

-- Ich lese die abzusendenden Depeschen niemals. Es ist meine Pflicht, sie
zu vergessen, und das Kuerzeste, gar keine Kenntniss von ihnen zu nehmen."

Diese Antwort schloss Michael Strogoff den Mund.

Inzwischen bewegte sich die Kibitka in ihrem maessigen Tempo weiter, das
Michael Strogoff so gern etwas beschleunigt haette. Doch Nicolaus und sein
Pferd erschienen an jenes so gewoehnt, dass weder der Eine noch das Andere
je davon abgingen. Drei Stunden lang zog das Pferd in gleichem Schritte
weiter, dann ruhte es waehrend einer Stunde, - und das Tag und Nacht. An
den Haltestellen weidete das Thier und die Insassen der Kibitka nahmen in
Gesellschaft des treuen Sersko einen Imbiss ein. Die Kibitka war mindestens
fuer zwanzig Personen verproviantirt, und Nicolaus stellte opferwillig
seine Vorraethe den beiden Gaesten, die er fuer Bruder und Schwester hielt,
zur Verfuegung.

Nach eintaegiger Ruhe gewann Nadia ihre Kraefte so ziemlich wieder. Nicolaus
sorgte nach Kraeften fuer ihr Wohlergehen. Die Reise ging, wenn auch
langsam, doch regelmaessig und unter ganz leidlichen Verhaeltnissen von
statten. Es kam auch vor, dass Nicolaus waehrend der Nacht, die Zuegel in den
Haenden, einschlief, wobei sein ungestoertes Schnarchen ein beredtes Zeugniss
fuer sein ruhiges Gewissen ablegte. Dann haette man beobachten koennen, dass
Michael Strogoff die Zuegel des Pferdes zu erlangen und dieses in
schnelleren Gang zu bringen suchte, zum groessten Erstaunen Sersko's, der
das indess schweigend geschehen liess. Unwiderruflich verlangsamte sich
dieser Trab aber sofort wieder zu dem alten Passgang, sobald Nicolaus
erwachte; nichtsdestoweniger hatte die Kibitka einige Werst ueber die
reglementmaessige Geschwindigkeit gewonnen.

So kreuzte man den Ischimsk-Strom, durchzog die Flecken Ischimskoe,
Berikylskoe, Kuskoe, den Mariinsk-Fluss, die gleichnamige Ortschaft,
Bogostowskoe und kam endlich ueber den Tschula, einen unbedeutenderen
Wasserlauf, der Westsibirien von Ostsibirien scheidet. Die Strasse
durchschnitt hier bald ungeheure Haiden, welche einen ausgedehnten
Ueberblick gestatteten, bald dichte Tannenwaelder, die gar kein Ende zu
nehmen schienen.

Alles war oede; die Wohnstaetten der Menschen fast ausnahmslos verlassen.
Die Landleute fluechteten sich ueber den Yenisei, in der Meinung, dass dieser
breite Strom den Tartaren Halt gebieten werde.

Am 22. August erreichte die Kibitka den Flecken Atschinsk, 380 Werst von
Tomsk. Hundertzwanzig Werst trennten sie nun noch von Krasnojarsk. Kein
Zwischenfall hatte die Fahrt gestoert. Seit sechs Tagen vereinigt waren
Nicolaus, Michael Strogoff und Nadia die naemlichen geblieben, jener
bezueglich seiner unerschuetterlichen Ruhe, diese unruhig und besorgt wegen
der Stunde, in der sich ihr Gefaehrte von ihnen trennen wuerde.

Michael Strogoff sah wirklich die durchfahrenen Landstrecken durch die
Augen Nicolaus' und des jungen Maedchens. Abwechselnd beschrieben ihm Beide
die Gegenden, durch welche die Kibitka fuhr. Er wusste, ob in der Umgebung
ein Wald oder eine offene Ebene sei, ob sich ein verlorenes Haeuschen in
der Steppe oder ein Sibirer in der Ferne zeigte. Nicolaus' Zunge stand
selten still. Er liebte es, zu plaudern, und bei seiner eigenen
Anschauungsweise der Dinge hoerte man ihm gern zu.

Eines Tages fragte ihn Michael Strogoff, wie die Witterung sei.

"O, recht schoen, Vaeterchen, antwortete er, aber wir haben nun auch die
letzten angenehmen Sommertage. Der Herbst ist in Sibirien kurz und bald
genug werden sich die ersten Winterfroeste melden. Vielleicht beschliessen
die Tartaren, waehrend der schlechten Jahreszeit Cantonnements zu
beziehen?"

Unglaeubig schuettelte Michael Strogoff den Kopf.

"Du glaubst es nicht, Vaeterchen, bemerkte Nicolaus. Du denkst, sie werden
bis Irkutsk vordringen?

-- Ich fuerchte es, erwiderte Michael Strogoff.

-- Ja ... Du kannst Recht haben. Sie haben da einen Schurken bei sich, der
ihren Kriegseifer nicht auf halbem Wege erkalten lassen wird. - Hast Du
von Iwan Ogareff gehoert?

-- Gewiss.

-- Weisst Du, dass es sehr schlecht ist, sein Vaterland zu verrathen?

-- Ja, das ist es ... antwortete Michael Strogoff, der seine Ruhe muehsam zu
bewahren suchte.

-- Vaeterchen, versetzte Nicolaus, mir scheint, es empoert Dich gar nicht so
sehr, von Iwan Ogareff sprechen zu hoeren. Jedes russische Herz zittert
doch sonst vor Wuth, wenn man diesen Namen ausspricht.

-- Glaube mir, Freund, ich hasse ihn mehr, als Du ihn jemals hassen
koenntest.

-- Das ist unmoeglich, erklaerte Nicolaus; nein, das ist nicht moeglich! Wenn
ich an Iwan Ogareff denke, an das Boese, das er unserm heiligen Russland
zugefuegt hat, so uebermannt mich der Zorn und wenn ich ihn unter den Haenden
haette ...

-- Nun, wenn Du ihn haettest, Freund?

-- Ich glaube, ich wuerde ihn umbringen.

-- Und ich, ich weiss das gewiss", erklaerte ruhig Michael Strogoff.




                            Siebentes Capitel.


                     Die Ueberschreitung des Jenisei.


Am 25. August kam die Kibitka mit sinkendem Tage in Sicht von Krasnojarsk
an. Die Reise von Tomsk bis hierher hatte acht Tage in Anspruch genommen.
Wenn sie trotz aller Bemuehungen Michael Strogoff's nicht schneller vor
sich ging, kam das daher, dass Nicolaus nur sehr wenig schlief. Daraus
ergab sich die Unmoeglichkeit, die Gangart seines Pferdes zu beschleunigen,
das unter anderen Haenden nur sechzig Stunden zu dieser Strecke gebraucht
haette.

Zum Glueck war von den Tartaren noch gar nichts zu spueren. Kein Plaenkler
liess sich bis jetzt auf der von der Kibitka verfolgten Strasse sehen. Es
erschien das ganz unbegreiflich, und offenbar musste ein sehr gewichtiger
Umstand die Truppen des Emirs verhindert haben, ohne Verzug nach Irkutsk
zu weiter zu marschiren.

In der That war ein solches Hinderniss eingetreten. Ein neues in aller Eile
gesammeltes russisches Corps war aus dem Gouvernement Jeniseisk auf Tomsk
gezogen, um diese Stadt womoeglich wieder zu erobern. Freilich erwies es
sich der Heeresmacht Feofar-Khan's gegenueber noch zu schwach und hatte
sich wieder zurueckziehen muessen. Nach Vereinigung seiner eigenen Truppen
mit den Soldaten der Khanate von Khokhand und Kunduz verfuegte Feofar-Khan
ueber eine Gesammtzahl von 250,000 Mann, denen die russische Regierung noch
keine hinreichende Truppenmacht entgegen zu stellen vermochte. So
fruehzeitig die Invasion zu ersticken schien nicht ausfuehrbar, und
jedenfalls konnten die Tartarenhaufen versuchen, nach Irkutsk
aufzubrechen.

Am 22. August kam es zu jenem Treffen bei Tomsk, von dem Michael Strogoff
zunaechst nichts wusste, das aber hinreichend erklaert, warum der Vortrab des
Emirs Krasnojarsk noch am 25. unbelaestigt gelassen hatte.

Kannte Michael Strogoff auch die juengsten Ereignisse nicht, so wusste er
doch das Eine, dass er den Tartaren um mehrere Tage voraus war und nicht
daran zu verzweifeln brauchte, Irkutsk vor ihnen zu erreichen. Die
Hauptstadt Ostsibiriens lag jetzt noch 850 Werst (= 900 Kilometer) von ihm
entfernt.

Er rechnete uebrigens darauf, dass es ihm in Krasnojarsk, einer Stadt von
etwa 12,000 Seelen, an Transportmitteln nicht fehlen koenne. Da Nicolaus
Pigassof in dieser Stadt bleiben wollte, machte sich die Beschaffung eines
Fuehrers und eines anderen schnelleren Fuhrwerkes noethig. Michael Strogoff
hoffte, es werde ihm, wenn er sich an den Gouverneur der Stadt wendete,
seine Identitaet und seine Eigenschaft als Courier des Czaaren nachwies, -
was ihm nicht schwer fallen konnte, - gewiss gelingen, mit dessen Hilfe
Irkutsk in kuerzester Zeit zu erreichen. Er hatte dann dem wackeren
Nicolaus Pigassof nur noch seinen herzlichen Dank abzustatten und
unverzueglich mit Nadia abzureisen, denn diese wollte er nicht eher
verlassen, als bis er sie den Haenden ihres Vaters uebergeben haette.

Nicolaus' Entschluss, in Krasnojarsk zu bleiben, galt freilich nur "unter
der Bedingung, dort Verwendung zu finden".

Dieses Muster eines Beamten strebte nur darnach, sich, nachdem er seinen
Posten in Kolyvan bis zum letzten Augenblick behauptet, der
Telegraphen-Verwaltung sofort wieder zur Verfuegung zu stellen.

"Wie koennte ich einen Gehalt angreifen, den ich nicht verdient haette?"
wiederholte er mehrfach.

Fuer den Fall, dass man seiner Dienste auch in Krasnojarsk nicht benoethigte,
wollte er, da letztere Stadt mit Irkutsk noch immer in telegraphischer
Verbindung stehen musste, sich entweder nach Udinsk, oder auch nach der
Hauptstadt Sibiriens begeben. Dann setzte er aber seine Reise mit dem
Bruder und der Schwester fort, und wo haetten diese einen sicherern Fuehrer,
einen ergebeneren Freund finden koennen?

Die Kibitka befand sich jetzt nur noch eine halbe Werst von Krasnojarsk.
Rechts und links bemerkte man jene zahlreichen Kreuze, wie sie sich hier
an den Strassen in der Naehe der Stadt finden. Es war um sieben Uhr des
Abends. An dem klaren Himmel zeichneten sich die Silhouetten der Kirchen
und die Profile der an dem steilen Abhange des Jenisei erbauten Haeuser ab.
Das Wasser des Flusses erglaenzte in den letzten Lichtstrahlen der
Atmosphaere.

Die Kibitka hielt an.

"Wo sind wir, Schwester? fragte Michael Strogoff.

-- Eine halbe Werst von den ersten Haeusern der Stadt, belehrte ihn Nadia.

-- Ist die ganze Stadt eingeschlafen? fuhr Michael Strogoff fort. Kein Laut
dringt zu meinen Ohren.

-- Und ich sehe auch kein Licht erglaenzen, keinen Rauch in die Luft
emporsteigen, fuegte Nadia hinzu.

-- Eine eigenthuemliche Stadt! sagte Nicolaus. Hier macht man keinen Laermen
und legt sich sehr zeitig nieder!"

In Michael Strogoff stieg eine boese Ahnung auf. Er hatte Nadia noch nicht
mitgetheilt, welche Hoffnung er auf Krasnojarsk setzte, wo er die Mittel
zur sicheren Fortsetzung ihrer Reise zu erlangen glaubte. Jetzt fuerchtete
er, seine Hoffnung werde noch einmal getaeuscht werden. Aber Nadia hatte
seine Gedanken errathen, obgleich sie nicht begriff, warum ihr Gefaehrte
jetzt, nach Verlust des kaiserlichen Handschreibens, so sehr eilte, nach
Irkutsk zu kommen. Eines Tages hatte sie mit Bezug hierauf auch einige
Worte fallen lassen.

"Ich habe geschworen, nach Irkutsk zu gehen!" Darauf beschraenkte sich
seine ganze Antwort.

Um jedoch den Zweck seiner Sendung zu erfuellen, musste er in Krasnojarsk
noch ein schnelles Befoerderungsmittel finden.

"Nun, Freund, wandte er sich an Nicolaus, weshalb fahren wir nicht weiter?

-- Ich befuerchte, die Bewohner der Stadt durch das Geraeusch unsres Wagens
aus dem Schlafe zu stoeren."

Durch einen leichten Streich mit der Peitsche setzte Nicolaus sein Pferd
wieder in Bewegung. Sersko schlug einige Male an und die Kibitka rollte
maessig schnell die Strasse hinab, die nach Krasnojarsk hinein fuehrte.

Zehn Minuten spaeter befand sie sich in der Hauptstrasse.

Auch Krasnojarsk war verlassen! Kein Athener belebte "das nordische
Athen", wie Frau von Bourboulon die Stadt genannt hat. Keine jener so
praechtig bespannten Equipagen rollte durch die breiten, reinlichen
Strassen. Kein Fussgaenger wandelte auf den Trottoirs der schoenen, in
monumentalem Style erbauten Holzhaeuser. Keine elegante, nach neuester
Pariser Mode gekleidete Sibirerin, promenirte in jenem herrlichen Parke,
der, in einem Birkenwalde angelegt, sich bis an das Ufer des Jenisei
fortsetzte. Die grosse Glocke der Kathedrale schwieg, die Glockenspiele der
Kirchen blieben stumm, waehrend sonst nur selten der Gesang derselben in
den russischen Staedten nicht ertoent. Doch hier war Alles erstorben. Kein
lebendes Wesen athmete mehr in der sonst so verkehrsreichen Stadt!

Das letzte Telegramm aus dem Cabinet des Czaaren vor Unterbrechung der
telegraphischen Verbindung befahl dem Gouverneur, der Garnison, den
Einwohnern allen, Krasnojarsk zu verlassen, jeden werthvollen Gegenstand
und Alles, was den Tartaren haette von Nutzen sein koennen, wegzuschaffen
und nach Irkutsk zu fluechten. Dieselbe Verordnung traf die Einwohner aller
kleineren Ortschaften der Provinz. Die russische Regierung suchte vor den
Schritten der Feinde eine Wueste herzustellen. Solche eines Rostopschin
wuerdige Befehle wurden nicht einen Augenblick lang kritisirt. Man kam
ihnen einfach nach, und deshalb blieb auch kein lebendes Wesen in
Krasnojarsk zurueck.

Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus durchwanderten schweigend die Strassen
der Stadt. Sie selbst verursachten das einzige Geraeusch, das in dieser
todten Stadt ertoente. Von den Empfindungen, die ihn marterten, liess
Michael Strogoff zwar aeusserlich nichts merken, aber es kochte doch
manchmal auf in ihm ueber das unersaettliche Missgeschick, welches ihn
verfolgte und seine Hoffnungen noch einmal so bitter taeuschte.

"Grosser Gott, jammerte Nicolaus, in dieser Wuestenei werde ich meinen
Gehalt nimmer ehrlich verdienen koennen.

-- Guter Freund, redete ihm Nadia zu, Sie werden mit uns den Weg nach
Irkutsk einschlagen muessen.

-- Freilich muss ich das! antwortete Nicolaus. Zwischen Udinsk und Irkutsk
muss die Leitung noch im Stande sein und da ... Wollen wir weiter,
Vaeterchen?

-- Warten wir bis morgen, erwiderte Michael Strogoff.

-- Du hast Recht, bestaetigte Nicolaus. Wir muessen den Jenisei passiren und
dazu sehen koennen.

-- Sehen koennen!" murmelte Nadia mit einem Gedanken an ihren blinden
Gefaehrten.

Nicolaus hatte doch ihre Bemerkung gehoert und wendete sich an Michael
Strogoff.

"Verzeihe, Vaeterchen, sagte er. Ach, Nacht und Tag, das ist fuer Dich ja
gleichgiltig!

-- Mache Dir keine Vorwuerfe, Freund, beruhigte ihn Michael Strogoff und
strich dabei mit der Hand ueber seine Augen. Mit Dir als Fuehrer kann ich
auch noch etwas nuetzen. Ruhe jetzt einige Stunden aus. Auch Nadia mag sich
durch den Schlummer staerken. Morgen wird es ja wieder Tag."

Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus hatten nicht lange zu suchen, um eine
Ruhestaette zu finden. Das erste Haus, dessen Thuere sie oeffneten, war ja
ebenso leer, wie alle die anderen. Nur einige Haufen Laubwerk fanden sich
darin vor. In Ermangelung besseren Futters musste das Pferd sich mit diesem
begnuegen. Von dem noch nicht erschoepften Proviant aus der Kibitka erhielt
jeder seinen Theil. Nachdem sie dann vor einem bescheidenen, an der Wand
haengenden Bilde der Panaghia, welches das letzte Flaemmchen einer Lampe
beleuchtete, ihre Knie gebeugt, schliefen Nicolaus und das junge Maedchen
bald ein, waehrend Michael Strogoff, den der Schlaf noch floh, neben ihnen
wachte.

Am folgenden Tage, dem 26. August, fuhr die wieder angeschirrte Kibitka
durch den Birkenpark nach dem Ufer des Jenisei.

Michael Strogoff war sehr besorgt. Auf welche Weise sollte der Fluss
ueberschritten werden, wenn man, wie anzunehmen war, alle Boote und Faehren
zerstoert hatte, um das Vordringen der Tartaren zu verzoegern? Er kannte den
Jenisei, den er schon manchmal passirte, sehr gut, ebenso die
betraechtliche Breite desselben, wie die heftigen Stromschnellen zwischen
den Inseln in seinem Bette. Unter gewoehnlichen Verhaeltnissen verlangt die
Ueberschreitung des Jenisei mittels besonderer fuer den Transport von
Reisenden, Wagen und Pferden eingerichteter Faehren eine Zeit von drei
Stunden, und dabei erreichen diese Faehrboote das rechte Ufer nur unter dem
Aufwande der groessten Anstrengungen. Wie sollte nun, beim Mangel jedes
Transportmittels, die Kibitka von einem Ufer zum andern gelangen?

"Und ich muss doch hinueber kommen!" sagte sich Michael Strogoff wiederholt.

Der Tag begann zu grauen, als die Kibitka an einer dort auslaufenden Allee
des Parkes das linke Stromufer erreichte. An dieser Stelle erhebt sich das
Uferland etwa hundert Fuss ueber der Wasserflaeche, so dass diese bis auf
weite Entfernung hin zu uebersehen ist.

"Entdeckt Ihr eine Faehre? fragte Michael Strogoff, indem er seine Augen,
eine Folge frueher Gewohnheit, hier- und dorthin wendete, als koenne er
selbst noch sehen.

-- Noch ist es kaum Tag, antwortete Nadia. Auf dem Strome liegt ein so
dichter Dunst, dass man kaum das Wasser zu sehen vermag.

-- Doch ich hoere das Rauschen der Wellen", setzte Michael Strogoff noch
hinzu.

Wirklich drang aus den tieferen Nebelschichten ein Brausen von auf
einander treffenden Stroemungen und Gegenstroemungen herauf. Das zu dieser
Jahreszeit sehr angeschwollene Wasser rauschte mit furchtbarer Gewalt
dahin. Alle Drei horchten und warteten auf das Verschwinden des
Nebelvorhanges. Rasch stieg nun die Sonne ueber den Horizont empor und ihre
ersten warmen Strahlen tranken die angesammelten Duenste weg.

"Nun? fragte Michael Strogoff.

-- Der Nebel beginnt zu weichen, Bruder, antwortete ihm Nadia; schon
durchdringt ihn allmaelig das Licht des Tages.

-- Das Niveau des Flusses siehst Du noch nicht?

-- Bis jetzt noch nicht.

-- Etwas Geduld, Vaeterchen, sagte Nicolaus. Es wird sich Alles machen. Da,
es erhebt sich schon ein frischer Wind; er wird die Nebel bald vertreiben.
Schon zeigen die hohen Huegel des andern Ufers ihre dichten Baumreihen. Die
dienstwilligen Sonnenstrahlen verzehren die angehaeuften Wasserduenste. O,
wie schoen das ist, Du armer Blinder, und welches Unglueck fuer Dich, dies
praechtige Schauspiel nicht geniessen zu koennen!

-- Siehst Du ein Fahrzeug? fragte Michael Strogoff.

-- Ich sehe keines, antwortete Nicolaus.

-- Sieh scharf hinaus, Freund, laengs dieses Ufers und laengs des anderen,
soweit Deine Augen reichen. Ein Boot! eine Barke, nur ein Canot aus
Baumrinde!"

Nicolaus und Nadia, die sich an den aeussersten Birkenstaemmen des steilen
Ufers anhielten, bogen sich fast bis ueber den Fluss hinaus. Ihr
Gesichtskreis gewann dadurch noch mehr an Ausdehnung. Der Jenisei ist an
dieser Stelle nicht weniger als anderthalb Werst breit und bildet zwei
ungleich grosse Arme, in welchen die Wellen mit erstaunlicher Schnelligkeit
dahin schiessen. Zwischen diesen Armen liegen mehrere Inseln zerstreut, die
mit ihren Erlen, Weiden und Pappeln wie eben so viele im Flusse verankerte
Fahrzeuge aussehen. Ueber diesen erheben sich die Huegel des oestlichen
Ufers, gekroent mit Waeldern, deren Baumgipfel jetzt in purpurnem
Morgenlichte flammten. Stromaufwaerts und stromabwaerts erstreckte sich der
Lauf des Jenisei bis ueber Gesichtsweite hinaus. Das ganze wunderbar schoene
Panorama entrollte sich in einem Umfange von mindestens fuenfzig Werst.

Ein Boot aber zeigte sich weder am rechten noch am linken Ufer, noch auch
an dem Rande der Inseln. Schafften die Tartaren also das Material zum Bau
einer Schiffbruecke nicht selbst von Sueden hierher, so musste ihr Zug auf
Irkutsk durch den schwer ueberschreitbaren Jenisei eine nicht
unbetraechtliche Verzoegerung erfahren.

"Ich erinnere mich, begann da Michael Strogoff, eines kleinen
Ausschiffungsplatzes, weiter oben, nahe den letzten Haeusern von
Krasnojarsk. Dort legten die Faehren an. Lass uns den Fluss hinauf ziehen,
Freund, und sieh dabei zu, ob nicht eine einzige Barke vergessen worden
ist."

Nicolaus wendete sich nach der angedeuteten Richtung. Nadia ergriff
Michael Strogoff's Hand und fuehrte ihn schnellen Schrittes dahin. Eine
Barke, nur ein hinreichend grosses Boot, um die leichte Kibitka zu tragen,
und in Ermangelung dessen, nur ein Kahn, um die Insassen der letzteren
ueberzufuehren, - und Michael Strogoff wuerde keinen Augenblick gezoegert
haben, die Ueberschreitung des Stromes zu wagen.

Zwanzig Minuten spaeter hatten alle drei die beschraenkte Landungsstelle
erreicht, einen kleinen Hafen, dessen letzte Haeuser bis an das Niveau des
Flusses herab reichten, etwa wie ein sich an Krasnojarsk anschliessender
kleiner Vorort.

Auch hier fand sich jedoch kein Fahrzeug am Ufer, kein Kahn an der
Pfahlwand, ja, nicht das Geringste, aus dem sich ein fuer drei Personen
hinreichendes Floss haette herstellen lassen.

Michael Strogoff befragte Nadia ueber den Befund, und diese gab leider die
wenig trostreiche Antwort, dass ihr unter den gegebenen Verhaeltnissen eine
Ueberschreitung des Flusses schlechterdings unmoeglich scheine.

"Wir kommen hinueber", erklaerte Michael Strogoff.

Die Nachsuchungen begannen auf's Neue. Man durchstoeberte die an dem
Abhange gelegenen Gebaeude, welche ebenso verlassen waren, wie die in der
eigentlichen Stadt. Hoechstens die Thueren haette man dort ausheben koennen.
Es waren uebrigens nur vollkommen leere Huetten aermerer Leute. Nicolaus sah
sich in der einen um, Nadia durchsuchte die andere. Selbst Michael
Strogoff trat hier und da ein und tastete nach irgend einem Gegenstande,
der ihm jetzt haette von Nutzen sein koennen.

Nicolaus und das junge Maedchen hatten sich vergeblich in den Huetten
umgesehen und wollten schon jede fernere Nachsuchung aufgeben, als sie
ihre Namen rufen hoerten.

Beide sahen sich auf dem Abhange um und gewahrten Michael Strogoff auf der
Schwelle einer Hausthuer.

"Kommt hierher!" rief dieser.

Die Beiden folgten sofort seinem Rufe und traten in das Huettchen ein.

"Was ist das hier? fragte Michael Strogoff und beruehrte mit der Hand
verschiedene in einer Art Speisegewoelbe liegende Gegenstaende.

-- Das sind Schlaeuche, bedeutete ihm Nicolaus, wahrhaftig, ein volles
halbes Dutzend.

-- Sind sie gefuellt?

-- Ja wohl, mit Kumiss, ein Fund zu sehr gelegener Zeit, um unseren Proviant
zu erneuern."

Der "Kumiss" ist ein aus Stuten- oder Kameelmilch bereitetes staerkendes,
sogar berauschendes Getraenk, und Nicolaus hatte alle Ursache, sich dieses
Fundes zu freuen.

"Leg' einen bei Seite, sagte Michael Strogoff zu ihm, aber entleere sofort
alle uebrigen.

-- Sogleich, Vaeterchen.

-- Diese sollen uns den Jenisei ueberschreiten helfen.

-- Und das Floss?

-- Das stellt die Kibitka selbst vor, welche ja leicht genug ist, um selbst
zu schwimmen. Uebrigens werden wir und das Pferd sie vermittels dieser
Schlaeuche halten.

-- Gut ausgedacht, Vaeterchen, rief Nicolaus, und mit Gottes Hilfe werden
wir gluecklich den Hafen erreichen ... vielleicht nicht in gerader Linie,
denn die Stroemung ist sehr stark.

-- Das thut nichts, versicherte Michael Strogoff. Lass uns nur erst hinueber
kommen, die Strasse nach Irkutsk finden wir schon wieder.

-- An's Werk also", sagte Nicolaus, der sofort daran ging, die Schlaeuche zu
entleeren und sie nach der Kibitka zu schaffen.

Nur ein mit Kumiss gefuellter Schlauch ward reservirt, die andern, mit Luft
aufgeblasen und sorgfaeltig verschlossen, sollten als schwimmende Traeger
dienen. Zwei derselben band man an die Seiten des Pferdes, um dieses ueber
Wasser zu halten. Zwei andere wurden an dem Sitzkasten der Kibitka
zwischen den Raedern angebracht, um diese zu tragen und sie als Floss
benutzen zu koennen.

Diese Arbeit war bald vollendet.

"Du wirst Dich doch nicht fuerchten, Nadia? fragte Michael Strogoff.

-- Nein, Bruder, erwiderte das junge Maedchen.

-- Und ich, rief Nicolaus, ich erreiche endlich die Erfuellung meiner
Traeume, gleich in der Kutsche zu schwimmen."

Das hier sanfter geneigte Ufer beguenstigte den Stapellauf (wenn man so
sagen darf) der Kibitka. Das Pferd zog sie bis zum Rande des Wassers, und
bald schwamm der ganze Apparat sammt dem Pferde auf den Wellen des
Flusses. Sersko schwamm dabei munter nebenher.

Die drei in dem Sitzkasten stehenden Passagiere hatten aus Vorsicht die
Fussbekleidung abgelegt, doch reichte ihnen, Dank der Tragkraft jener
Schlaeuche, das Wasser kaum bis an die Knoechel.

Michael Strogoff fuehrte die Zuegel des Pferdes und lenkte es, nach den
Anweisungen, welche ihm Nicolaus gab, schief gegen den Strom, ohne das
Thier im vorzeitigen Kampfe gegen das Wasser zu sehr anzustrengen. So
lange die Kibitka sich direct mit der Stroemung bewegte, ging Alles ganz
gut von statten, und schon nach wenigen Minuten hatte sie die Quais von
Krasnojarsk passirt. Sie wich dabei nach Norden zu ab, und es lag auf der
Hand, dass sie das jenseitige Ufer nur weit stromabwaerts von der Stadt
erreichen werde. Doch hierauf legte man kein besonderes Gewicht.

Die Fahrt ueber den Jenisei waere nun, trotz der sehr mangelhaften
Hilfsmittel, ohne zu grosse Schwierigkeit ausgefuehrt worden, wenn sich die
Stroemung in ihren gewoehnlichen, regelrechten Verhaeltnissen bewegt haette.
Ungluecklicher Weise kreuzten sich aber mehrere Wirbel auf der Oberflaeche
des schaeumenden Wassers, und bald wurde die Kibitka, trotz aller
Anstrengungen Michael Strogoff's, sie in einer andern Linie zu erhalten,
unwiderstehlich in einen dieser Trichter hinein gezogen.

Die Gefahr war gross. Die Kibitka hielt nicht mehr die Richtung nach dem
oestlichen Ufer ein, sie ging nicht ferner stromab, sondern drehte sich mit
ungemeiner Schnelligkeit und nahm eine nach dem Mittelpunkte dieser
Bewegung geneigte Stellung an, wie der Reiter auf der Bahn eines engen
Circus. Ihre Schnelligkeit wuchs noch mehr. Das Pferd vermochte kaum noch
den Kopf ueber dem Wasser zu halten und lief Gefahr, in dem Wirbel erstickt
zu werden. Auch Sersko hatte einen Stuetzpunkt an der Kibitka suchen
muessen.

Michael Strogoff begriff recht wohl, was hier vorging. Er fuehlte sich in
einer immer enger werdenden Spirale dahin gezogen, der er nicht entgehen
konnte. Er sprach kein Wort. Seine Augen schienen die Gefahr sehen zu
wollen, um sie leichter zu vermeiden - sie konnten es nicht!

Auch Nadia schwieg. Ihre Haende klammerten sich krampfhaft an das Geruest
des Wagens, und so sicherte sie sich gegen die ungeordneten Bewegungen
desselben, als er sich immer mehr dem Depressionscentrum zuneigte.

Begriff auch Nicolaus den ganzen Ernst der Lage? Ueberwog in ihm das
Phlegma oder die Verachtung der Gefahr, der Muth oder die
Gleichgiltigkeit? Hatte das Leben keinen Werth fuer ihn und galt es ihm,
nach einem Ausdrucke der Orientalen, so viel, "wie eine Hotelwohnung fuer
fuenf Tage", die man wohl oder uebel am sechsten Tage raeumen muss? Jedenfalls
zeigte sein immer laechelndes Gesicht keine Spur einer Veraenderung.

Die Kibitka verblieb also in dem reissenden Strudel und das Pferd stand am
Ende seiner Kraefte. Ploetzlich warf Michael Strogoff alle Kleidungsstuecke,
die ihm hinderlich sein konnten, ab und stuerzte sich in das Wasser; dann
ergriff er mit maechtigem Arme den Zuegel des halb scheu gewordenen Pferdes
und riss es so maechtig fort, dass es sich bis ueber den anziehenden
Kreiswirbel hinaus arbeitete, und sobald die Kibitka wieder in die
geordnete Stroemung kam, trieb sie mit erneuter Schnelligkeit weiter.

"Hurrah!" rief Nicolaus.

Nur zwei Stunden nach dem Verlassen des Landungsplatzes hatte die Kibitka
den groesseren Arm des Stromes ueberschritten und landete, freilich sechs
Werst stromab von der Abfahrtsstelle, an dem Ufer einer Insel.

Das Pferd zog nun den Wagen vollends hinauf auf das Land, wo dem wackeren
Thiere gern eine Stunde Ruhe gegoennt wurde. Dann fuhr die Kibitka unter
dem schuetzenden Dache praechtiger Birken quer ueber das ganze Eiland und
langte an dem schmaeleren Arme des Jenisei an.

Hier vollzog sich die Ueberfahrt leichter. Kein Wasserwirbel unterbrach
den Strom des zweiten Bettes, die Bewegung des Wassers war aber eine so
schnelle, dass die Kibitka das rechte Ufer erst fuenf Werst stromabwaerts
erreichte. Im Ganzen war sie also um elf Werst verschlagen worden.

Diese grossen Stromadern des sibirischen Gebietes, welche bis jetzt noch
nirgends ueberbrueckt sind, bilden ueberall sehr fuehlbare Hindernisse der
Communication. Alle erwiesen sich auch Michael Strogoff mehr oder weniger
verderblich. Auf dem Irtysch hatten die Tartaren die Faehre, welche ihn und
Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel
erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen.
Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jenisei noch verhaeltnissmaessig
am gluecklichsten ab.

"Das waere gar nicht so amuesant gewesen, aeusserte Nicolaus, als er, sich die
Haende reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche
Schwierigkeiten geboten haette.

-- Und was fuer uns nur schwer durchzufuehren war, antwortete Michael
Strogoff, das, guter Freund, wird fuer die Tartaren nahezu unmoeglich sein!"




                             Achtes Capitel.


                    Ein Hase, der ueber den Weg laeuft.


Michael Strogoff konnte nun endlich glauben, dass die Strasse bis nach
Irkutsk frei sei. Er hatte die bei Tomsk zurueckgehaltenen Tartaren gewiss
weit ueberholt, und wenn die Soldaten des Emirs nach Krasnojarsk kamen,
fanden sie da nur eine verlassene Stadt und ausserdem keinerlei Hilfsmittel
zur Ueberschreitung des Jenisei. Einige Tage Aufenthalt ergaben sich
hieraus unzweifelhaft, da man erst eine hier noch dazu schwer
anzubringende Schiffsbruecke schlagen musste, um sich einen Uebergang
herzustellen.

Zum ersten Male seit dem traurigen Zusammentreffen mit Iwan Ogareff in
Omsk fuehlte sich der Courier des Czaaren weniger beunruhigt und durfte
hoffen, dass sich kein neues Hinderniss zwischen ihm und seinem Ziel erheben
werde.

Die Kibitka rollte nun schraeg nach Suedosten und traf nach einem Wege von
etwa fuenfzehn Werst wieder auf die lange Strasse durch die Steppe.

Der Weg hier war gut, ja dieser Theil der Strasse zwischen Krasnojarsk und
Irkutsk wird sogar fuer den besten gehalten. Der Wagen erlitt keine Stoesse
durch unebenen Boden mehr, dichter Schatten schuetzte die Reisenden vor den
Strahlen der Sonne, und manchmal erhoben sich hier Waelder von Fichten und
Cedern, die sich wohl hundert Werst weit erstrecken. Hier dehnt sich nicht
mehr die unendliche Steppe aus, deren Grenzlinie am Horizont mit der des
Himmels verschmilzt. Doch dieses reiche Land war jetzt leer, alle Flecken
und Doerfer verlassen. Hier gab es keine sibirischen Bauern mehr, die zum
groessten Theil einen slavischen Typus zeigen. Rings gaehnte eine Wueste und,
wie wir wissen, eine kuenstliche Wueste auf Befehl der Regierung.

Das Wetter hielt sich schoen; bei den schon kuehleren Naechten aber erwaermte
sich die Luft nur schwer an den Strahlen der Sonne. Schon rueckten die
ersten Tage des Septembers heran, und in dieser in ziemlich hoher Breite
gelegenen Gegend verkuerzte sich zusehends der Bogen des Tagesgestirns ueber
dem Horizont. Der Herbst waehrt hier nicht lange, obwohl dieser Theil des
sibirischen Gebietes nicht ueber dem 55. Grade der Breite, also etwa so
hoch wie Kopenhagen oder Edinburgh, liegt. Manchmal folgt sogar der Winter
so gut wie unvermittelt auf den Sommer. Und hart treten diese Winter des
asiatischen Russlands auch auf, wenn man bedenkt, dass sie das Quecksilber
im Thermometer nicht selten zum Gefrieren bringen (was ja erst bei
ungefaehr 42 deg. unter Null geschieht) und man eine Temperatur von -20 deg. fuer
eine ganz ertraegliche haelt.

Die Witterung beguenstigte also die Reisenden; sie war weder stuermisch noch
regnerisch, die Hitze nur maessig, die Naechte frisch. Nadia's und Michael
Strogoff's Gesundheit erhielt sich stets gut, ja seit der Abreise aus
Tomsk hatten sie fast alle frueheren Beschwerden vergessen.

Nicolaus Pigassof befand sich niemals besser als jetzt.

Ihm galt diese Reise fuer einen Spazierweg, eine angenehme Excursion, mit
der er seine freie Zeit als dienstloser Beamter ausfuellte.

"Ganz entschieden, behauptete er, ist das weit besser, als zwoelf Stunden
des Tages auf dem Stuhle am Schalter zu sitzen oder mit dem Manipulator
(der Handgriff an den Telegraphenapparaten, mit dem die elektrischen
Zeichen gegeben werden) zu arbeiten."

Inzwischen gelang es Michael Strogoff auch, Nicolaus zu vermoegen, dass er
das Pferd in etwas schnelleren Gang brachte. Um das zu erreichen, hatte er
ihm anvertraut, dass Nadia und er im Begriffe seien, ihren nach Irkutsk
verbannten Vater aufzusuchen, und dass sie grosse Eile haetten, dahin zu
kommen. Natuerlich durfte man dem Pferde nicht zu viel zumuthen, denn
wahrscheinlich traf man auf dem Wege kein anderes, um dasselbe zu
ersetzen; wurde ihm aber nach etwa je fuenfzehn Werst genuegend Ruhe
gegoennt, so konnte man in vierundzwanzig Stunden doch bequem sechzig Werst
zuruecklegen. Uebrigens war das Pferd gut bei Kraeften und schon seiner Race
nach fuer laengere Anstrengungen besonders geeignet. An reichlichem Futter
fehlte es ihm laengs der Strasse nicht, ueberall sprosste fettes, frisches
Gras fast im Ueberfluss. Also konnte man ihm ein solches Arbeitsquantum
wohl zumuthen.

Nicolaus fuegte sich diesen Gruenden. Ihm ging die Lage dieser jungen Leute,
welche sich anschickten, das Exil ihres Vaters zu theilen, herzlich nahe.
Nichts erschien ihm ruehrender. Mit zufriedenem Laecheln sagte er auch zu
Nadia:

"Himmlische Guete, wie wird sich auch Herr Korpanoff freuen, wenn seine
Augen Euch wahrnehmen, seine Arme sich zum Empfange oeffnen. Wenn ich bis
Irkutsk mitgehe, und wie die Sachen liegen, wird mir das immer
wahrscheinlicher, werdet Ihr mir gestatten, Zeuge dieses Wiedersehens zu
sein? Ja, nicht wahr?"

Dann schlug er sich vor die Stirn.

"Aber wenn ich an seinen Schmerz denke, fuhr er fort, zu sehen, dass sein
armer Sohn geblendet worden ist! O, in dieser Welt mischt sich Freude und
Schmerz doch immer!"

Jedenfalls bewegte sich die Kibitka jetzt schneller vorwaerts und legte,
Michael Strogoff's Rechnung nach, zehn bis zwoelf Werst in der Stunde
zurueck.

Am 28. August kamen die Reisenden durch den Flecken Balaisk, achtzig Werst
von Krasnojarsk, und am 29. durch Ribinsk, vierzig Werst von Balaisk.

Am folgenden Tage erreichte die kleine Gesellschaft in einer Entfernung
von fuenfunddreissig Werst Kamsk, einen groesseren Ort, den der gleichnamige
Fluss, ein kleiner von den Sayanskbergen herabkommender Nebenarm des
Jenisei, bespuelt. Die Stadt bildet eigentlich nur eine rings um einen
grossen Platz errichtete Gruppe von hoelzernen Haeusern; ueber diese hinaus
ragt aber der hohe Glockenthurm einer Kathedrale, deren goldenes Kreuz
hell in der Sonne funkelte.

Die Haeuser waren verlassen. Kein Relais war bedient, kein Gasthof bewohnt;
kein Pferd in den Staellen, kein Hausthier auf der Steppe. Man hatte die
Befehle des moskowitischen Gouvernements mit peinlicher Strenge vollzogen.
Was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstoert.

Als sie Kamsk verliessen, theilte Michael Strogoff seinen beiden
Reisegefaehrten mit, dass sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines
Staedtchen, Nishny-Udinsk, antreffen wuerden. Nicolaus antwortete, dass er
dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation
befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so
blieb ihm gar nichts anderes uebrig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens
Beschaeftigung zu suchen.

Die Kibitka konnte den Fluss an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde
passiren und gelangte wieder auf die Strasse, auf welcher nun, zwischen
Jenisei und einem seiner groessten Zufluesse, der Angara, die Irkutsk selbst
beruehrt, wenigstens bezueglich der Wasserlaeufe, ein ernsthaftes Hinderniss
nicht mehr zu gewaertigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka noch ein
solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Gruenden nicht mehr besonders
verzoegert werden.

Zwischen Kamsk und dem naechsten Dorfe lag eine grosse Strecke von etwa
einhundertdreissig Werst. Natuerlich wurden unterwegs die noethigen Pausen
nicht versaeumt, "ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr
gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen wuerde". Nach
stillschweigender Uebereinkunft wusste das treue Thier, dass es nach je
fuenfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem
Thiere, einen Vertrag abschliesst, so muss er von beiden Theilen auch streng
beobachtet werden.

Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka
Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers.

Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollstaendigung seines
Mundvorraths umsah, gluecklicher Weise ein Dutzend "Pogatchas", das ist
eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer grossen Menge in Wasser gekochtem
Reis. Dieser Zuwachs passte recht gut zu dem Vorrath an Kumiss, mit dem die
Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war.

Hier wurde laengere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag
des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun
fuenfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine
Spur. Michael Strogoff glaubte also gegruendete Aussicht zu haben, seine
Reise binnen acht, hoechstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem
Grossfuersten zu erscheinen.

Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, etwa dreissig Schritt vor der
Kibitka, ueber den Weg.

"O weh! rief Nicolaus.

-- Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche
das geringste Geraeusch erregt.

-- Siehst Du nicht" ... antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich
ploetzlich verduestert hatte.

Doch er unterbrach sich.

"Ach nein, fuhr er fort, Du kannst ja nicht sehen; das ist gut fuer Dich,
Vaeterchen.

-- Ich sehe aber auch nichts, sagte Nadia.

-- Desto besser, desto besser! Aber ich ... ich sah ...

-- Nun was denn? fragte Michael Strogoff dringender.

-- Einen Hasen, der unsern Weg kreuzte!" antwortete Nicolaus.

Wenn ein Hase Jemand ueber den Weg laeuft, so haelt das der Volksglaube in
Russland allgemein fuer das Vorzeichen eines drohenden Ungluecks.

Aberglaeubisch wie alle Russen hatte Nicolaus die Kibitka angehalten.

Michael Strogoff verstand recht gut das Zoegern seines Gefaehrten, obgleich
er den Glauben an eine gewisse Vorbedeutung bezueglich des vorueberlaufenden
Hasen keineswegs theilte. Er suchte also Jenen zu beruhigen.

"O, deshalb ist nichts zu fuerchten, Freund, sagte er.

-- Fuer Dich nichts, fuer sie auch nicht, Vaeterchen, das weiss ich, erwiderte
Nicolaus, wohl aber fuer mich!"

Dann fuhr er fort:

"Dem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen!"

Er trieb das Pferd wieder an.

Trotz des ungluecklichen Vorzeichens verlief der Tag doch ohne jede
Stoerung.

Am naechsten Tage, dem 6. September, gegen Mittag, hielt die Kibitka in
Alsalewsk, das ebenso verlassen war, wie die ganze Umgebung.

Hier fand Nadia auf der Schwelle eines Hauses zwei solche starke Messer,
wie sie die sibirischen Jaeger zu gebrauchen pflegen. Sie gab das eine
Michael Strogoff, der es unter seinen Kleidern verbarg, und bewahrte
selbst das andere.

Die Kibitka befand sich nun noch fuenfundsiebzig Werst von Nishny-Udinsk
entfernt.

Waehrend dieser beiden Tage hatte Nicolaus niemals seine fruehere gute Laune
wiederfinden koennen. Das ueble Vorzeichen hatte ihn tiefer beruehrt, als man
haette glauben sollen, und wenn er frueher fast unaufhoerlich plauderte, so
verfiel er jetzt manchmal in so duesteres Schweigen, dass Nadia Muehe hatte,
ihn zu erwecken. Sein ganzes Innere erschien wie umgewandelt, was bei
einem Bewohner des Nordens weniger auffallen darf, von dessen
aberglaeubischen Vorfahren die duestere hyperboraeische Mythologie herruehrt.

Von Jekaterinenburg aus verlaeuft die Strasse nach Irkutsk fast stets
parallel dem 55. Breitengrade, hinter Biriusinsk aber wendet sie sich
herab nach Suedosten, so dass sie den 100. Meridian schief durchschneidet.
Sie haelt nun die kuerzeste Linie nach der Hauptstadt Sibiriens ein und
wendet sich ueber den letzten Auslauf der Sayanskberge. Dieses Gebirge
stellt selbst nur einen Vorwall der grossen Altaikette dar, welche man hier
schon in einer Entfernung von zweihundert Werst vor sich sieht.

Die Kibitka eilte also auf dieser Strasse hin. Ja, sie eilte. Man fuehlte
recht wohl, dass Nicolaus jetzt nicht mehr daran dachte, sein Pferd zu
schonen, und dass er selbst Eile hatte, anzukommen. Ein wenig Fatalist
trotz seiner Resignation, hielt er sich nirgends mehr fuer sicher, als in
den Mauern von Irkutsk. Gewiss haetten viele Russen dieselbe Empfindung
gehabt, und nicht wenige von ihnen haetten wohl gar das Pferd gewendet, um
die Stelle nicht zu ueberschreiten, an der ihnen ein Hase ueber den Weg
gelaufen war!

Den Beobachtungen nach, welche Jener machte und von deren Richtigkeit sich
Nadia ueberzeugte, bevor sie dieselben Michael Strogoff mittheilte, schien
es allerdings moeglich, dass die Reihe der ihnen bevorstehenden Pruefungen
noch immer nicht abgeschlossen sei.

Von Krasnojarsk bis hierher zeigte sich das Aussehen des Landes nicht
sonderlich veraendert, hier aber trugen die Waelder Spuren von Zerstoerungen
durch Feuer und Schwert, die Wiesen auf beiden Seiten der Strasse waren
verwuestet, und es lag auf der Hand, dass daselbst eine bedeutende
Truppenmacht vorueber gekommen sein musste.

Dreissig Werst vor Nishny-Udinsk wurde die Spur einer erst neuerdings
stattgefundenen Zerstoerung immer deutlicher, die ihrer Natur nach nur von
der Hand der Tartaren herruehren konnte.

Hier waren in der That die Felder nicht allein von den Hufen der Pferde
zertreten, die Waelder von der Axt des Holzhauers gefaellt. Die in weiten
Zwischenraeumen laengs der Strasse verstreuten Haeuser standen nicht nur leer,
nein, zum Theil sah man sie verheert, zum Theil durch Feuer zerstoert. Die
Waende verriethen noch durch ihre Vertiefungen das Anschlagen von Kugeln.

Michael Strogoff's Beunruhigung kann man sich leicht vorstellen. Es
schwand ihm jeder Zweifel, dass ein Tartarencorps vor nicht langer Zeit auf
dieser Strasse gehaust hatte, und doch konnten das unmoeglich Soldaten des
Emirs gewesen sein, denn sie haetten ihn, wenn sie den Wagen einholten,
ganz bestimmt treffen muessen. Aber wer sollten diese neuen Eindringlinge
sein, auf welchem Wege durch die Steppe waren sie bis zur Hauptstrasse nach
Irkutsk vorgedrungen? Welchen neuen Feinden ging der Courier des Czaaren
noch entgegen?

Michael Strogoff theilte seine Befuerchtungen weder Nadia, noch Nicolaus
mit, um diese nicht vor der Zeit oder vielleicht ueberhaupt unnoethig zu
beunruhigen. Im Uebrigen war er ja entschlossen, seinen Weg fortzusetzen,
so lange ihn kein unbesiegbares Hinderniss aufhielt. Dann wollte er sehen,
was sich noch thun liesse.

Am folgenden Tage kennzeichnete sich ein neuerlicher Durchzug einer
starken Reiterschaar immer deutlicher. Ueber dem Horizonte lagerten
verdaechtige Rauchwolken. Die Kibitka bewegte sich nur vorsichtig weiter.
Da und dort brannten in einem Dorfe wohl noch einige Haeuser, die gewiss
erst innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden angezuendet worden waren.

Am 8. September endlich stand die Kibitka ploetzlich still; das Pferd
scheute zurueck. Sersko bellte Klagelaute.

"Was giebt es, fragte Michael Strogoff.

-- Hier liegt ein Leichnam!" antwortete Nicolaus, der sofort vom Wagen
sprang.

Es war der Koerper eines graesslich verstuemmelten Mujiks.

Nicolaus bekreuzte sich. Mit Michael Strogoff's Hilfe schleppte er den
Todten nach der Boeschung der Strasse. Er gedachte ihn auch ordentlich zu
begraben und wenigstens tief zu verscharren, um die Raubthiere der Steppe
von den Resten dieses Koerpers abzuhalten, doch Michael Strogoff liess ihm
nicht die Zeit dazu.

"Vorwaerts, Freund, rief er, vorwaerts, wir duerfen uns auch nicht eine
Stunde aufhalten."

Die Kibitka setzte ihren Weg fort.

Haette Nicolaus uebrigens allen Leichen, welchen sie weiterhin begegneten,
die letzte Ehre erweisen wollen, er waere nimmer fertig geworden. Mehr in
der Naehe von Nishny-Udinsk fand man die Koerper der Ermordeten zu Fuenfzigen
auf der Erde liegend.

Dennoch musste man diesem Wege so lange folgen, als es ausfuehrbar war, ohne
den Feinden in die Hand zu fallen. Die Richtung wurde also unveraendert
beibehalten, obgleich sich die Zeichen einer entsetzlichen Zerstoerung mit
jedem Dorfe mehrten.

Alle diese Ortschaften, deren Namen auf ihre Gruendung durch verbannte
Polen hinwiesen, waren allen Schrecken der Verwuestung und Pluenderung
ausgesetzt gewesen. Noch war das Blut der armen Opfer nicht getrocknet.
Wie es ueberhaupt zu diesem furchtbaren Ereigniss gekommen war, das konnte
Niemand erklaeren, da sich keine lebende Seele fand, die es haette sagen
koennen.

An demselben Tage Nachmittag gegen vier Uhr erkannte Nicolaus am Horizonte
die hohen Thuerme der Kirchen von Nishny-Udinsk. Rings um sie waelzten sich
dichte Dunstmassen, welche von Wolken offenbar nicht herruehrten.

Nicolaus und Nadia sahen sich aufmerksam um und theilten Michael Strogoff
die Ergebnisse ihrer Beobachtungen mit. Ein Entschluss musste gefasst werden.
War die Stadt verlassen, so konnte man sie wohl ohne Gefahr passiren,
hielten sie aber die Tartaren unbegreiflicher Weise besetzt, so galt es,
sie um jeden Preis zu umgehen.

"Lasst uns vorsichtig weiter fahren, empfahl Michael Strogoff, aber
jedenfalls vorsichtig."

Noch eine Werst wurde zurueckgelegt.

"Das sind keine Wolken, Bruder, das ist Rauch! rief Nadia, ach, Bruder,
man zuendet dort die Stadt an!"

Leider wurde das mit jedem Schritte deutlicher. Mitten durch die
Dunstmassen zuengelten rauchige Flammen. Immer dichter stieg der Qualm auf
und waelzte sich gen Himmel. Einen Fluechtling sah man aber nicht.
Wahrscheinlich fanden die Brandstifter die Stadt, welche sie der
Zerstoerung weihten, schon verlassen. Waren es aber Tartaren, die diese
Verwuestung anrichteten, oder thaten es Russen nur auf hoeheren Befehl? Lag
es in der Absicht der Regierung des Czaaren, dass keine Stadt, kein Flecken
vom Jenisei und von Krasnojarsk aus den Soldaten des Emirs eine Zuflucht
bieten solle? Sollte Michael Strogoff, wenn er diese Fragen erwog, nun
zurueckbleiben oder seinen Weg fortsetzen?

Erst vermochte er sich nicht zu entscheiden. Nach gruendlicher Erwaegung des
Fuer und Wider hielt er es aber doch fuer das Wichtigste, selbst um den
Preis einer Reise durch die unwirthliche Steppe, nur den Tartaren nicht in
die Haende zu fallen. Eben gedachte er Nicolaus vorzuschlagen, die Strasse
zu verlassen und erst nach Umgehung von Nishny-Udinsk nach derselben
zurueckzukehren, als von der rechten Seite her ein Schuss krachte. Eine
Kugel pfiff herueber, und zu Tode getroffen stuerzte das Pferd der Kibitka
zusammen.

Gleichzeitig sprengten wohl ein Dutzend Reiter auf die Strasse und
umringten die Kibitka. Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus waren, ehe sie
recht zur Besinnung kommen konnten, gefangen und wurden eiligst nach
Nishny-Udinsk abgefuehrt.

Auch bei diesem unerwarteten Angriff verlor Michael Strogoff seine
Kaltbluetigkeit nicht. Da er seine Feinde nicht sehen konnte, war es ihm
auch unmoeglich, sich irgendwie zu vertheidigen. Haette er seine Augen
gebrauchen koennen, er wuerde es wohl versucht haben, obwohl das nur zu
einem schrecklichen Blutvergiessen gefuehrt haette. Doch wenn er nichts sah,
so konnte er doch hoeren und verstehen, was Jene sagten.

An ihrer Sprache erkannte er, dass diese Soldaten Tartaren waren, und an
ihren Worten, dass sie der Armee der Feinde vorausschwaermten.

Aus den kurzen Reden, welche Jene jetzt fuehrten, und aus einigen Brocken
ihrer spaeteren Unterhaltung erfuhr Michael Strogoff Folgendes:

Diese Soldaten standen nicht unter dem directen Befehl des Emirs, der noch
immer hinter dem Jenisei zurueckgehalten war. Sie bildeten eine Abtheilung
einer dritten Colonne, zusammengesetzt aus Tartaren der Khanate von
Khokhand und Kunduz, mit welcher sich die Armee Feofar-Khan's naechstens in
der Naehe von Irkutsk zu vereinigen gedachte.

Auf Iwan Ogareff's Rath hatte sich diese Abtheilung, um den Erfolg des
Einfalls in die oestlichen Provinzen zu sichern, nach Ueberschreitung der
Grenze des Gouvernements Semipalatinsk laengs der Suedkueste des
Balkhachsee's und dem Fusse des Altaigebirges hingeschlichen. Gefuehrt von
einem Officier des Khans von Kunduz erreichte sie sengend und brennend den
oberen Lauf des Jenisei. Dort hatte der Officier in Voraussicht der durch
den Czaaren getroffenen Massregeln zur Erleichterung des Uebergangs der
Armee des Emirs eine ganze Flotille von Barken angesammelt, welche
entweder als solche oder als Brueckenmaterial dienen sollten. Nach Umgehung
des Gebirges war diese dritte Abtheilung dann im Thale des Jenisei
herabgezogen und hatte die Strasse nach Irkutsk erst in der Naehe von
Alsalewsk wieder betreten. Hieraus erklaerte sich die Anhaeufung von Ruinen
jenseit dieser Stadt, das unzweifelhafte Merkmal der Kriegfuehrung dieser
Horden. Nishny-Udinsk verfiel eben demselben Schicksal, und die Tartaren,
in einer Gesammtstaerke von 50,000 Mann, hatten es schon verlassen, um sich
einiger wichtiger Stellungen vor Irkutsk zu bemaechtigen. In kurzer Zeit
sollten sie mit den Truppen des Emirs zusammentreffen.

So lagen die Dinge zu jener Zeit, - gewiss eine gefaehrliche Lage fuer den
vollstaendig isolirten Theil des oestlichen Sibiriens und fuer die
verhaeltnissmaessig wenigen Vertheidiger seiner Hauptstadt.

Michael Strogoff erfuhr also von der Ankunft einer dritten Colonne der
Tartaren vor Irkutsk, sowie von der bevorstehenden Vereinigung des Emirs
und Iwan Ogareff's mit der Hauptmacht ihrer Truppen. Ein Angriff auf
Irkutsk und die Eroberung der Stadt erschien hiernach nur noch als eine
Frage der Zeit.

Welche Gedanken bestuermten hierbei Michael Strogoff! Wer wuerde erstaunen,
wenn er in dieser Lage endlich allen Muth, alle Hoffnung verlor? Und doch
war das nicht der Fall, denn seine Lippen murmelten immer und immer wieder
die Worte:

"Ich werde dennoch ankommen!"

Eine halbe Stunde nach jenem Ueberfall durch die Reiter betraten Michael
Strogoff, Nicolaus und Nadia Nishny-Udinsk. In einiger Entfernung folgte
der treue Hund ihnen nach. In dieser ringsum brennenden Stadt, welche eben
die letzten Marodeure verliessen, sollten sie nicht bleiben.

Die Gefangenen wurden auf Pferde geworfen und eiligst weiter geschleppt.
Nicolaus verhielt sich resignirt, wie immer, Nadia unerschuettert in ihrem
Glauben an Michael Strogoff, und dieser zwar aeusserlich gleichgiltig, aber
immer bereit zu entfliehen, sobald sich eine Gelegenheit boete.

Den Tartaren entging es keineswegs, dass einer ihrer Gefangenen blind war,
und ihre natuerliche Rohheit benutzte diesen Umstand, um mit dem armen
Ungluecklichen noch ihr Spiel zu treiben. Man ritt in schnellem Schritte.
Michael Strogoff's Pferd, das nur von ihm geleitet wurde, machte oefters
Seitenspruenge, welche den Zug in Unordnung setzten. Dann regnete es
Injurien und Rohheiten, die das Herz des jungen Maedchens brachen und
Nicolaus empoerten. Aber was vermochten sie dagegen? Die Sprache der
Tartaren war ihnen nicht gelaeufig und ihr Dazwischentreten wurde barsch
zurueckgewiesen.

Um ihrer Bosheit die Krone aufzusetzen, kamen die Soldaten auf den
Gedanken, Michael Strogoff's Pferd zu wechseln und ihm auch noch ein
blindes Thier zu geben. Die Ursache hierzu gab die Vermuthung eines der
Reiter, den Michael Strogoff sagen hoerte:

"Vielleicht kann der verdammte Russe da aber doch sehen!"

Dieses geschah etwa sechzig Werst von Nishny-Udinsk, zwischen den Doerfern
Tatan und Chibarlinskoe. Michael Strogoff wurde also auf dieses Pferd
gesetzt, dessen Zuegel man ihm in die Hand gab. Dann trieb man es durch
Peitschenschlaege, Steinwuerfe und lautes Schreien in Galop.

Das blinde Pferd stiess, da es von seinem ebenfalls blinden Reiter nicht in
gerader Richtung erhalten werden konnte, einmal gegen einen Baum, das
andere Mal kam es ganz vom Wege ab. Dann jagten sie es mit Hieben und
Stoessen wieder zurueck.

Michael Strogoff widersprach nicht. Er liess keine Klage hoeren. Stuerzte
sein Pferd, so wartete er, bis man es wieder auf die Fuesse brachte. Das
geschah dann auch, und das grausame Spiel begann von Neuem.

Bei dieser wahrhaft unmenschlichen Behandlung konnte Nicolaus sich nicht
mehr zurueckhalten. Er wollte seinem Begleiter zu Hilfe eilen. Man hielt
ihn zurueck und misshandelte ihn.

Gewiss haette dieses Spiel noch lange Zeit zum groessten Ergoetzen der Tartaren
fortgedauert, als ihm ein ernster Zwischenfall ein Ende machte.

Im Laufe des 10. Septembers brach das blinde Pferd auch wieder aus und
lief geraden Wegs auf eine etwa vierzig Fuss tiefe Schlucht neben der
Strasse zu.

Nicolaus wollte ihm nach, - man hielt ihn zurueck. Das fuehrerlose blinde
Pferd stuerzte mit seinem Reiter in die Tiefe.

Nadia und Nicolaus schrieen voll Entsetzen auf; sie mussten glauben, dass
ihr ungluecklicher Gefaehrte bei diesem Fall zerschmettert sei.

Als endlich nachgesehen wurde, traf man Michael Strogoff ausser dem Sattel
und unverwundet, waehrend das Pferd zwei Fuesse gebrochen hatte und voellig
dienstuntauglich geworden war.

Man liess es an der Stelle verenden, ohne ihm den Gnadenstoss zu geben, und
band Michael Strogoff an den Sattel eines Tartaren fest, so dass er dem
Detachement zu Fusse folgen musste.

Ihm entlockte es keine Klage, keinen Widerspruch! Er wanderte schnellen
Schrittes, so dass sich der Strick, der ihn mit dem Reiter verband, kaum
anspannte. Er blieb immer "der Mann von Eisen", von dem General Kissoff
dem Czaaren gesprochen hatte.

Am naechsten Tage, dem 11. September, erreichte der kleine Zug den Flecken
Chibarlinskoe.

Hier trug sich ein Ereigniss zu, das von sehr ernsten Folgen werden sollte.

Die Nacht war gekommen. Waehrend einer Stunde der Rast hatten die
tartarischen Reiter sich mehr oder weniger betrunken. Sie wollten jetzt
wieder aufbrechen.

Da wurde Nadia, welche bis jetzt wie durch ein Wunder von den Soldaten
achtungsvoll behandelt worden war, von einem derselben insultirt.

Michael Strogoff zwar sah weder die Beleidigung, noch den Beleidiger, aber
Nicolaus hatte diesen fuer ihn gesehen.

Ganz ruhig, ohne es sich weiter zu ueberlegen und ohne sich von seiner That
Rechenschaft zu geben, schritt Nicolaus gerade auf den frechen Burschen
zu, und bevor dieser eine Bewegung machen konnte, ihn aufzuhalten, ergriff
Jener eine in der Satteltasche steckende Pistole und schoss sie dem
Tartaren mitten auf die Brust ab.

Der die Abtheilung commandirende Officier kam auf den Knall des Schusses
herzugelaufen.

Die Reiter wollten den ungluecklichen Nicolaus erwuergen, doch auf ein
Zeichen des Officiers begnuegte man sich, ihn zu fesseln, band ihn quer auf
ein Pferd, und fort ging es wieder in tollem Galop.

Der Strick, mit dem Michael Strogoff angebunden war und der schon halb
durchnagt sein mochte, riss bei der unerwartet heftigen Bewegung des
Pferdes, und sein halb betrunkener Reiter sprengte in wildem Laufe hinaus,
ohne es nur gewahr zu werden.

Michael Strogoff und Nadia befanden sich allein auf der Landstrasse.




                             Neuntes Capitel.


                              In der Steppe.


Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie waehrend
ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich
aber Alles veraendert! Damals gewaehrleisteten ihnen ein bequemer Tarantass,
eine haeufig gewechselte Bespannung und mit allem Nothwendigen
ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt
zogen sie zu Fuss dahin, ohne die Moeglichkeit, sich ein Befoerderungsmittel
zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise
sie nur die dringendsten Lebensbeduerfnisse befriedigen wuerden, - und dabei
trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch,
dass Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia's sah.

Den Freund, den ihnen ein gluecklicher Zufall zufuehrte, hatten sie unter
den traurigsten Umstaenden wieder verloren.

Michael Strogoff lagerte auf der Boeschung der Strasse; Nadia stand daneben
und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.

Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon
verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Huette zeigte
sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und
Nadia standen ganz, ganz allein.

"Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus!
Das Zusammentreffen mit uns musste Dir so verhaengnissvoll werden!"

Michael Strogoff erwiderte nichts.

"Michael, fuhr Nadia fort, weisst Du es nicht, dass er Dich zu schuetzen
suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, dass er sein Leben fuer
Dich wagte?"

Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand
gestuetzt, hing er seinen Gedanken nach. Hoerte er ueberhaupt, da er keine
Antwort gab, was das junge Maedchen zu ihm sprach?

Gewiss, denn als Nadia hinzufuegte:

"Wohin soll ich Dich fuehren, Michael? antwortete er:

-- Nach Irkutsk.

-- Auf der grossen Landstrasse?

-- Ja, Nadia."

Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekraeftigten Vorhaben,
sein Ziel unter allen Umstaenden zu erreichen, abzubringen. Auf der
Landstrasse gelangte er auf kuerzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde
von Feofar-Khan's Heere zeigte, wuerde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu
verlassen.

Nadia fasste Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.

Am folgenden Morgen, dem 12. September, goennten sie sich nach einem
Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoe eine kurze Rast. Die
ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus'
Leichnam vielleicht an der Strasse liegen geblieben sei; doch vergeblich
durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen
Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiss
sparte man ihn fuer eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers
bei Irkutsk auf.

Erschoepft vom Hunger, der ihren Gefaehrten ebenso schrecklich quaelte, war
Nadia so gluecklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas
trockenes Fleisch und mehrere "Sukharis" (d. s. Brode, welche durch
Verdunstung ausgetrocknet ihre Naehrfaehigkeit auf unbegrenzte Zeit
bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem
so grossen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung
war also fuer mehrere Tage gesichert, und Wasser konnte ja in einer Gegend,
welche tausend kleine Zufluesse zur Angara durchrieselten, nicht leicht
fehlen.

Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren
Schrittes weiter und verlangsamte diesen hoechstens ein wenig mit Ruecksicht
auf seine Begleiterin, waehrend diese sich eifrig bemuehte, nicht zurueck zu
bleiben. Gluecklicher Weise konnte ihr Gefaehrte ja nicht sehen, in welch'
beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.

Michael Strogoff schien es jedoch zu fuehlen.

"Deine Kraefte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.

-- O nein, antwortete sie.

-- Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.

-- Ja wohl, Michael."

Im Laufe dieses Tages mussten sie einen kleinen Fluss, die Oka,
ueberschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so dass sie ohne
Schwierigkeiten an's andere Ufer kamen.

Der Himmel war bedeckt, die Temperatur ertraeglich; freilich drohte die
Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fussreise sicher nur
vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber
ziemlich schnell vorueber.

So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu
wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rueckwaerts sorgsam auslugte.
Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang waehrend
der Nacht. In einigen Huetten entdeckte Nadia auch noch einiges
Schaffleisch, welches hier so gewoehnlich ist, dass ein Pfund desselben nur
zwei und eine halbe Kopeke kostet.

Aber ganz wider Michael Strogoff's noch immer genaehrte Hoffnung fand sich
kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren
alle getoedtet oder geraubt. Zu Fuss mussten sie die Reise durch die
grenzenlose Steppe fortsetzen.

Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf
Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort
stand ein verlassener Wagen. Die Koerper der ungluecklichen Sibirer
bezeichneten die Strasse und haeuften sich in der Naehe der Doerfer. Nadia
kaempfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.

Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Ruecken her.
Die von Iwan Ogareff gefuehrte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte
jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jenisei hinunter
gesendeten Barken bei Krasnojarsk laengst bereit, um den Uebergang ueber den
Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg fuer die Eindringlinge frei.
Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches
Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fuerchtete also stuendlich das
Auftauchen der tartarischen Plaenkler.

Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine hoeher gelegene Stelle
und blickte aufmerksam ueber die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt
verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.

Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff
bemerkte, dass er die arme Nadia zog, so verzoegerte er seine Schritte. Sie
sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus. Das junge Maedchen erinnerte
an Alles, was ihnen jener Begleiter waehrend weniger Tage gewesen war.

Michael Strogoff suchte dem jungen Maedchen durch seine Antworten immer
einige Hoffnung einzufloessen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er
wusste recht gut, dass der Arme dem Tode gewiss nicht entgehen wuerde.

Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:

"Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?"

Von seiner Mutter! Nadia hatte das aengstlich vermieden. Warum sollte sie
seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drueckte der
Sohn damals nicht den letzten Kuss auf die stummen Lippen, als ihre Leiche
auf dem Plateau bei Tomsk lag?

"Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir
dadurch ein Vergnuegen."

Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzaehlte alles,
was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufaelligen Zusammentreffen in
Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie
gestand, wie ein unerklaerlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten
Gefangenen hingezogen und wie gern sie fuer jene gesorgt, aber auch, wie
sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit
hielt sie Michael Strogoff ja noch fuer Nicolaus Korpanoff.

"Der ich immer haette bleiben sollen", fiel da der Blinde ein, um dessen
Stirn sich duestere Wolken lagerten.

Nach einer Pause fuegte er dann hinzu:

"Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter
nicht zu sehen.

-- Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen,
der Zufall nur hat Dich ihr zugefuehrt.

-- Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!

-- Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geissel ueber Marfa
Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! - Es giebt keinen Eid, der einen
Sohn hindern koennte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.

-- Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff
traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) moegen es mir vergeben.

-- Michael, sagte das junge Maedchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte
mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu duerfen. Von Dir beleidigt mich
nichts.

-- Sprich, Nadia!

-- Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch
immer so dringend nach Irkutsk?"

Michael Strogoff drueckte die Hand seiner Fuehrerin waermer, aber er gab
keine weitere Antwort.

"Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?

-- Nein, er war mir unbekannt.

-- Soll ich annehmen, Michael, dass nur das Verlangen, mich meinem Vater
zuzufuehren, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?

-- Nein, Nadia, ich wuerde Dich taeuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir
erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann
ich Dich nach Irkutsk fuehren, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil
mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, haelt mich nicht Deine
Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste
vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiss nicht,
wann das Unglueck muede sein wird, uns zu pruefen, aber ich weiss, dass ich an
dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Haende Deines Vaters gefuehrt
zu haben, Dir innig danken werde fuer Deine treue Leitung auf meinem Wege!

-- Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das
ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, draengst Du jetzt so, in
Irkutsk einzutreffen?

-- Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muss! gestand ihr Michael Strogoff.

-- Auch jetzt noch?

-- Auch jetzt, und es wird mir gelingen!"

Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Hass gegen den
Verraether. Aber Nadia merkte es, dass ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte,
nicht Alles sagen durfte.

Drei Tage spaeter, am 15. September, erreichten Beide den Flecken
Kuitunskoe, siebzig Werst von Tulunowskoe.

Das junge Maedchen hielt sich nur mit aeusserster Anstrengung noch aufrecht.
Ihre wunden Fuesse versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem
Schmerze, sie bekaempfte die Ermuedung; ihr einziger Gedanke war:

"Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!"

Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes Hinderniss, keine
Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste
Erschoepfung fuehlten sie.

So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach
Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen laengs des Weges, die
Brandstaetten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung
uebergehenden Leichname an den Seiten der Strasse.

Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht.
Michael Strogoff erschoepfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen,
diese Verzoegerung zu erklaeren. Bedrohten schon hinreichende russische
Streitkraefte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte
isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle
musste es dem Grossfuersten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen,
und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenueber als ein
Fortschritt zu seiner Abwehr.

Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber
trat ihm das Truegerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele,
und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als laege die Rettung des
Grossfuersten nur allein in seinen Haenden.

Sechzig Werst trennen Kuitunskoe von Kimilteiskoe, einem kleinen Flecken
unweit der Dinka, welche der Angara zustroemt. Nicht ohne Besorgniss dachte
Michael Strogoff an das Hinderniss, welches dieser nicht so unbedeutende
Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Faehren oder Boote zu finden, darauf
durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen
Reisen in guenstigeren Jahreszeiten, dass dieser Fluss nur mit Gefahr zu
durchwaten war. Dafuer unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein
weiterer Strom oder Fluss die Strasse, welche in einer Laenge von noch 230
Werst nach Irkutsk fuehrte.

Um Kimilteiskoe zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage.
Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie
verliessen sie die physischen Kraefte. Michael Strogoff wusste das nur zu
gut.

Waere er nicht blind gewesen, Nadia haette gewiss zu ihm gesagt:

"Geh', Michael, lass mich in einer Huette zurueck. Geh' nach Irkutsk! Richte
Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag'
ihm, dass ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden
wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fuerchte mich nicht. Vor den
Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich fuer ihn, fuer
Dich! Geh' Du, Michael, - ich kann es nicht mehr!..."

Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael
Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermuedung des
jungen Maedchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so
schneller.

Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide
Kimilteiskoe. Von dem Gipfel eines Huegels bemerkte Nadia eine minder
dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten
sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis
erhellten.

Nadia fuehrte ihren Begleiter quer durch die verwuestete Ortschaft. Die
Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fuenf bis
sechs Tagen hier durchpassirt sein.

Bei den letzten Haeusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.

"Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.

-- Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch
einige Stunden ruhen?

-- Ich waere gern noch bis ueber die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich
haette den Fluss gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewusst. Aber Du
kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?

-- Komm, Michael!" lautete Nadia's Antwort, mit der sie die Hand ihres
Gefaehrten ergriff und ihn weiter fuehrte.

In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Strasse
nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte,
wollte das junge Maedchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim
Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine
grenzenlose Wueste, in der sich der kleine Fluss verlor. Kein Baum, kein
Huegel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische
Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphaere, durch deren
ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt
haette.

Ploetzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Fuesse in
eine Aushoehlung des Bodens gekommen waeren.

Aus der Steppe her ertoente Gebell.

"Hoerst Du das?" fragte Nadia.

Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie ein verzweifelter, letzter
Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.

"Nicolaus! Nicolaus!" rief das junge Maedchen, von einer duesteren Ahnung
erfuellt.

Michael Strogoff horchte und schuettelte den Kopf.

"Komm, Michael, komm!" bat Nadia.

Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich
eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kraefte wieder.

"Wir sind von der Strasse abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht
mehr den feinsandigen Fussboden, sondern ein duerres Gras unter seinen Fuessen
fuehlte.

-- Ja, es muss sein!... erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener
Hilferuf."

Einige Minuten spaeter befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom
Flusse entfernt.

Ein zweites Bellen liess sich hoeren, das zwar schwaecher, aber unzweifelhaft
naeher erscholl.

Nadia blieb stehen.

"Ja, sagte Michael, das war Sersko's Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.

-- Nicolaus!" rief das junge Maedchen.

Keine Antwort liess sich vernehmen.

Nur einige Raubvoegel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des
Himmels.

Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete
Ebene zu ueberschauen, sah aber nichts.

Doch noch einmal erklang eine Stimme in klaeglichem Tone.

"Michael!" verstanden sie deutlich.

Dann sprang ein Hund, ueber und ueber blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.

Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael
stammeln koennen. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.

Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Haenden.

Da erhob Sersko ein neues Gebell und stuerzte auf einen ungeheuren
Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.

Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stueck auf,
kehrte aber zurueck und stiess auf den Hund.

Noch einmal stuerzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der
furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier
zusammen.

Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.

"Da ... da!" rief sie.

Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die
Steppe erhellte, haette sie mit dem Fusse daran gestossen.

Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.

Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals
eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu
sterben oder unter dem Zahne der Woelfe oder den Schnaebeln der Raubvoegel
umzukommen. Eine schreckliche Todesart fuer das Opfer, welches der Boden
gefangen haelt, welches die Erde halb erdrueckt, die der Verurtheilte nicht
von sich zu stossen vermag, da ihm die Arme am Koerper befestigt werden, wie
die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in
der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so
langsam naht!

Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!

... Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun
leider zu spaet werden sollte.

Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert,
und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die
gefraessigen Voegel.

Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus
dem Grabe zu befreien.

Nicolaus' schon geschlossene Augen oeffneten sich noch einmal.

Er erkannte Michael und Nadia.

"Lebt wohl, meine Freunde, fluesterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch
einmal gesehen zu haben ... Betet fuer mich!..."

Das waren seine letzten Worte.

Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureissen, welche durch festes
Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich,
den Koerper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch
schluege. - Es schlug nicht mehr.

Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der
Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergroesserte das Loch, Nicolaus
Pigassof's Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe fuer den Entseelten. Der
treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.

Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstrasse ein lauter
Tumult.

Michael Strogoff horchte.

Aus dem Geraeusch erkannte er, dass sich eine Abtheilung Berittener nach der
Dinka zu bewege.

"Nadia, Nadia!" sagte er heimlich.

Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge
Lieflaenderin.

"Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.

-- Ah, die Tartaren!" fluesterte sie.

Jene Reiter gehoerten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell
auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.

"Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen", sagte Michael
Strogoff.

Schweigend setzte er seine Arbeit fort.

Bald ward der Koerper des armen Nicolaus mit ueber der Brust gekreuzten
Haenden in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael
Strogoff und Nadia ein letztes Gebet fuer das harmlose und gute Geschoepf,
das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.

"Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde ueberfuellte,
nun sollen die Steppenwoelfe Dich nicht verzehren!"

Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorueberziehenden
Reiterschwarm.

"Vorwaerts, Nadia!" sagte er.

Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstrasse
nicht mehr einhalten, sondern musste sich quer durch die Steppe schlagen,
um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der
Dinka keine besondere Eile.

Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch fuer ihn sehen. Er
nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Suedwesten der Provinz.

Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurueck? Wie kam
es, dass ihn die Anstrengung nicht ueberwaeltigte? Wie konnte er sich
unterwegs ernaehren? Welch uebermenschliche Energie half ihm, die ersten
Abhaenge der Sayanskberge zu ueberklettern? - Weder Nadia noch er haetten auf
diese Fragen die Antwort gewusst.

Und doch, - zwoelf Tage spaeter, am 2. October, breitete sich eine ungeheure
Wasserflaeche vor Michael Strogoff's Fuessen aus.

Er stand am Baikalsee.




                             Zehntes Capitel.


                            Baikal und Angara.


Der Baikalsee liegt 1700 Fuss ueber dem Meere. Seine Laenge betraegt gegen 900
Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von
Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, dass derselbe "Frau
Meer" genannt sein will und in Wuth geraeth, wenn man ihn "Herr See"
titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in
demselben ertrunken.

Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zufluessen ernaehrte Suesswasserbecken wird
von einem praechtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen
anderen Abfluss als die Angara, welche bei Irkutsk vorueber stroemt und sich
etwas oberhalb der Stadt in den Jenisei ergiesst. Die Berge, welche den See
einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des
orographischen Systems des Altaigebirges.

In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kaelte schon bemerkbar. Der
Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthuemlichen
klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann
vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man
schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um
fuenf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank waehrend der langen Nacht wohl
bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis
Anfang des naechsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des
Baikal. Waehrend des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuss
tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach
belebt.

Geschehe es nun wegen des Verstosses gegen die gute Lebensart, wenn man ihn
"Herr See" nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde,
jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stuermen bewegt. Seine, gleich
denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Floessen, den
Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpfluegen, nicht wenig
gefuerchtet.

An der Suedwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen
Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was
konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten,
als hier erschoepft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch
uebrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren
zuruecklegen musste, um sein Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst laengs
der Suedkueste bis zum Abfluss der Angara, und achtzig Werst von diesem
Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine
Reise von drei Tagen fuer einen kraeftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch
zu Fusse zuruecklegen sollte.

Konnte aber Michael Strogoff noch fuer einen solchen Mann gelten?

Der Himmel schien ihm diese letzte Pruefung ersparen zu wollen. Das
Unglueck, sein hartnaeckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende
des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er oede und verlassen glaubte
und der es auch sonst immer ist, - heut' war er es nicht.

Etwa fuenfzig Personen standen an dem Winkel, der die suedwestliche Spitze
des Sees bildet.

Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die
letzten Abhaenge eines Berges herunterstieg.

Einen Augenblick konnte das junge Maedchen wohl fuerchten, hier wieder nur
eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet waere, an den
Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes
Entfliehen unmoeglich sein musste.

Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.

"Das sind Russen!" rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber
fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael
Strogoff's nieder.

Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie
zukamen, fuehrten den Blinden und das junge Maedchen nach einer Stelle des
Ufers, an der ein Floss befestigt lag.

Das Floss schien zur Abfahrt bereit.

Diese Russen, Leute aus allen Staenden, waren Fluechtlinge, welche die
naemliche Absicht hier an der Kueste des Baikal vereinigt hatte. Von den
tartarischen Plaenklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen,
und da das zu Lande ziemlich unmoeglich war, seitdem die Feinde sich auf
beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel
dadurch zu erreichen, dass sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die
Stadt durchstroemt.

Wie huepfte Michael Strogoff's Herz vor Freude, als er diese Absicht
vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten fuer ihn auf. Er hatte
aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er fuer
angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.

Der Plan der Fluechtlinge war sehr einfach. Nahe dem noerdlichen Ufer des
Sees zeigte sich eine Stroemung bis zum Abfluss der Angara hin, und diese
wollten sie zunaechst benutzen, um nach jenem Ausgussthore des Baikal zu
gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit
einer Schnelligkeit von zehn bis zwoelf Werst die Stunde dahin. Binnen
anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.

Am Seeufer fehlte es natuerlich an jedem Schiff oder Boot. Man musste diese
zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floss, wie man deren haeufig auf den
sibirischen Stroemen begegnet. Das noethige Holz lieferte ein Tannenwald in
der Naehe. Die mittels Weidenzweigen so gut als moeglich verbundenen Staemme
bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden
haetten.

Auf dieses Floss fuehrte man auch Michael Strogoff und Nadia. Das junge
Maedchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter
etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf
dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.

Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm
bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich fuer einen Bewohner von
Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen
des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fuegte nur hinzu,
dass die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der
Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.

Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kaelte
empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der
Oberflaeche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das
Floss auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das
doch zwischen den Ufern der Angara misslicher zu gestalten, wenn sich die
Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhaeuften.

Alle Umstaende draengten also darauf hin, dass die Fluechtlinge baldmoeglichst
abreisten.

Um acht Uhr Abends loeste man die Seile und von der Stroemung gefuehrt folgte
das Floss dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte
Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.

Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando uebernommen. Es war ein
Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebraeuntem Gesicht. Ein dichter weisser
Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmuetze trug er auf dem Kopfe und
zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen
Guertel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Fuessen.
Schweigend sass er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch
Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens
reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floss in der
Stroemung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung
nach der offenen See zu hindern.

Wir erwaehnten schon, dass Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse
Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl
Maenner, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen
Einfalle auf der Reise ueberraschte Pilger, einige Moenche und ein Pope. Die
Pilger trugen den Reisestab, die Kuerbisflasche im Guertel und sangen mit
klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom
Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein
schon bejahrter Mann, trug am Guertel eine kleine Sammelbuechse mit
Vorlegeschloss, wie man sie an den Eingaengen der Kirchen trifft. Alles, was
er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehoerte nicht
ihm, und er besass nicht einmal den Schluessel zu der Buechse, welche erst
bei seiner Rueckkehr geoeffnet werden sollte.

Die Moenche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie
die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, dass sie
einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln
nahe der Kueste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von
Troitsa, die des heiligen Antonius und des heiligen Theodosius in Kiew,
der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das
von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altglaeubigen, und begaben sich
nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach
Irkutsk.

Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren,
welche das russische Reich zaehlt. Seine Kleidung sah erbaermlicher aus, als
die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich
nicht ueberragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und
sein Stueck Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schliesst und
Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten
der Tartaren dadurch zu entziehen gewusst, dass er sie nach den noerdlichen
Provinzen schaffte, waehrend er in seiner Parochie bis zum letzten
Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen muessen, und da die
Strasse nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.

Diese verschiedenen kirchlichen Personen sassen auf dem Vordertheil des
Flosses zusammen, beteten in regelmaessigen Zwischenraeumen, erhoben ihre
Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres
Gebets hoerte man ihre Lippen ein "Slava Bogu", das ist Ehre sei Gott,
fluestern.

Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in
tiefer Erschoepfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur
sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.

Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes,
der die Wirkung der Stroemung hemmte, noch vierzig Werst von dem Ausflusse
der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr
Nachmittag nicht erreichen. Den Fluechtlingen kam das insofern zu statten,
als sie den Fluss hinunter waehrend der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre
Reise nach Irkutsk beguenstigen musste.

Die einzige Besorgniss des alten Schiffers betraf nur die Bildung von
Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden
schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach
Westen ziehen. Diese waren nicht zu fuerchten, da sie in die Angara, deren
Muendung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden
vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der
Stroemung angezogen und pressten sich zwischen die Flussufer. Das brachte
dann wohl Schwierigkeiten, Verzoegerungen oder gar unuebersteigliche
Hindernisse hervor, die das Floss aufzuhalten drohten.

Michael Strogoff war es also vom hoechsten Interesse, den Zustand des Sees
zu kennen, fuer den Fall, dass Eisschollen in groesserer Anzahl auftreten
sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und liess sich von
ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserflaeche vorging.

Waehrend dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem
Baikalsee noch mancherlei eigenthuemliche Erscheinungen, unter andern das
Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees
gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersaeulen erhoben sich
zu betraechtlicher Hoehe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen
Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von
der Kaelte verdichtet wurden. Gewiss haette dieses Schauspiel das Auge jedes
Touristen ergoetzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum
Vergnuegen bereiste.

Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluss der
Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Kueste zur Rechten
erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die
wenigen am steilen Strande erbauten Haeuser.

Leider waelzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen
zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch
erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluss zu verstopfen,
sowie die Kaelte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.

Das Floss erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann
wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen
vorzunehmen. Die Staemme drohten aus einander zu weichen und mussten
nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Stroemung der
Angara sicherer zu widerstehen.

Waehrend der schoenen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein-
und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier
entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der
russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl
durch Dampfboote, als auch durch Kuestenfahrer aller Art sehr belebt.

Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den
Verwuestungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten.
Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst in ihrem Hafen
ueberwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig,
reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt
Ostsibiriens zurueckgezogen.

Der alte Seemann erwartete also gewiss nicht, hier noch weitere Fluechtlinge
aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floss nur anlegte, zwei
Passagiere mit aller Hast aus einem veroedeten Hause herabgelaufen.

Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.

Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff's,
der verwundert den Kopf emporrichtete.

"Was hast Du, Nadia? fragte er.

-- Unsere beiden Reisegefaehrten, Michael.

-- Jener Franzose und jener Englaender, denen wir in dem Engpasse des Ural
begegneten?

-- Dieselben."

Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus
dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthuellt zu werden.

Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr fuer den
Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael
Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf
dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine
Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute ueber
das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt
wurde. Sie wussten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.

Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.

"Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Englaender sich eingeschifft
haben, so bitte sie, zu mir zu kommen."

Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der
Zufall, sondern die Gewalt der Umstaende, ebenso wie Michael Strogoff, nach
dem Hafen von Livenitchnaia gefuehrt hatte.

Man erinnert sich, dass sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor
der graesslichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloss, abreisten.
Sie zweifelten gar nicht daran, dass ihr alter Reisegefaehrte um's Leben
gebracht worden sei, und wussten also nicht, dass er auf Befehl des Emirs
damals nur geblendet wurde.

Noch an demselben Abend verliessen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten,
Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte ueber den Feldzug nur aus dem
Lager der Russen zu entsenden.

Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in groesster Eile nach Irkutsk.
Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und haetten das auch unzweifelhaft
durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres,
welche durch das Thal des Jenisei ganz unerwartet aus Sueden heraufzog,
aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der
Dinka abgeschnitten und mussten in Folge dessen nach dem Baikalsee
herabziehen.

Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen.
Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmoeglich, nach Irkutsk
hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee belagert
wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floss ankam.

Die Absicht der Fluechtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel
vermehrte der Umstand, dass es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen
gluecklichen Erfolg und auf die Moeglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen.
Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.

Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um
fuer sich und seinen Begleiter Erlaubniss mitzufahren zu erlangen, und bot
ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern wuerde, an.

"Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt
nur sein Leben, nichts weiter." Die beiden Journalisten schifften sich ein
und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.

Harry Blount war noch immer der steife, frostige Englaender, der waehrend
der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.

Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewoehnlich, was unter den
gegebenen Verhaeltnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.

Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet,
als er eine Hand auf seiner Schulter fuehlte.

Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes frueheren
Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.

Fast haette er vor Verwunderung einen Schrei ausgestossen, als er das junge
Maedchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.

"Kommen Sie mit mir", bat Nadia.

Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm
nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.

War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon gross genug, Nadia auf
dem Flosse zu begegnen, so ueberschritt es alle Grenzen, als sie auch
Michael Strogoff's ansichtig wurden, den sie laengst nicht mehr am Leben
glaubten.

Michael Strogoff sprach bei ihrer Annaeherung nicht.

Alcide Jolivet wendete sich an das junge Maedchen.

"Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die
Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!"

Das lebhafte Gefuehl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet's und seines
Gefaehrten Zuegen. Einen Augenblick spaeter sassen Beide neben Michael
Strogoff, drueckten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen
habe.

"Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie duerfen nicht
wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben
hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniss zu bewahren. Versprechen Sie mir
das?

-- Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.

-- Auf Gentlemans Wort, fuegte Harry Blount hinzu.

-- Ich danke, meine Herren.

-- Koennen wir Ihnen nach irgend welcher Seite nuetzlich sein? fragte Harry
Blount. Wuenschen Sie, dass wir Sie bei der Ausfuehrung Ihrer Auftraege
unterstuetzen?

-- Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.

-- Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstoert, sagte Alcide Jolivet.

-- Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind fuer mich genug!"

Eine halbe Stunde spaeter trieb das Floss, nachdem es den kleinen Hafen
verlassen, in den Fluss hinein. Es war gegen fuenf Uhr Abends. Schon brach
die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die
Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.

Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael
Strogoff's Geheimniss zu bewahren, so verliessen sie ihn doch nicht. Sie
plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der
Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wusste, eine vollstaendige
Vorstellung von dem thatsaechlichen Zustande der Dinge.

Es lag ausser Zweifel, dass die Tartaren Irkutsk bedraengten und die drei
Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Hoechst wahrscheinlich standen
der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.

Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren
zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem
Grossfuersten noch zu uebergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal
bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso
wenig als frueher Nadia.

Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide
Jolivet zu Michael Strogoff folgendermassen begann:

"Wir muessen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf
dem Relais zu Ichim zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.

-- Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich fuer einen Feigling zu halten!

-- Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes
Schurken verdientermassen mit der Knute bearbeitet, so dass er noch lange
die Spuren davon tragen wird.

-- Nein, nicht mehr lange!" antwortete einfach Michael Strogoff.

Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein
Gefaehrte alle die harten Pruefungen des Schicksals, welche Michael Strogoff
nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rueckhalt bewunderten sie
seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Maedchens einigermassen
die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben
Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau aeusserte: "In der That, das ist
ein Mann!"

Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floss ungemein schnell
mit der Stroemung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich
zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Taeuschung
schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker
Bilder ziehe unaufhoerlich an ihm vorueber. Hier zeigten sich sonderbar
gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein
schaeumender Bergstrom hervorsprang, manchmal oeffnete sich ein weites Thal
vor ihren Blicken, in dem ein zerstoertes Dorf noch rauchte, oder ein
dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterliessen
auch die Tartaren ueberall hinreichend erkennbare Spuren, so sah man sie
doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den naeheren Umgebungen
von Irkutsk zusammendraengten.

Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und
der alte Seemann hielt das Floss, von dem er die zu nahe heran treibenden
Eisschollen mit kraeftiger Hand abstiess, immer streng in der Mitte der
Stroemung der Angara.




                             Elftes Capitel.


                           Zwischen zwei Ufern.


Gegen acht Uhr Abends huellte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus
sehen liess, eine tiefe Finsterniss die ganze Umgebung ein. Da es jetzt
Neumond war, stieg auch dieser nicht ueber den Horizont empor. Von der
Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen
Felsen an den Seiten verschwammen in maessiger Hoehe mit den schwarzen, tief
herabhaengenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu
Zeit rauschte ein Windstoss von Osten her und schien in dem engen Thale der
Angara zu ersterben.

Die Dunkelheit beguenstigte nach der einen Seite gewiss das Vorhaben der
Fluechtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren laengs der
Ufer, so liess sich doch annehmen, dass das Floss ungesehen von ihnen
voruebergleiten werde. Ebenso wenig stand zu befuerchten, dass die Belagerer
stromaufwaerts von Irkutsk den Fluss gesperrt haben sollten, da sie recht
gut wussten, dass die Russen aus dem Sueden der Provinz keine Hilfe zu
erwarten hatten. In kurzer Zeit musste freilich die Natur schon allein
diese Flusssperre herstellen, wenn die Kaelte die einzelnen Schollen fest
aneinander loethete.

Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter
in den Fluss eindrang, liessen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr
vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem
Gemurmel, dass dasselbe am Ufer unmoeglich gehoert werden konnte. Auf der
Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Koerper der Fluechtlinge kaum
die ebene Flaeche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am
Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnuegte sich, nur die
Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geraeusch zu erreichen war.

Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer guenstiger
Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum
unuebersteigbaren Hinderniss wurde. Waere es ueberhaupt moeglich gewesen, den
Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn
jetzt zum Theil die Schollen jeder Groesse und Form und das
Aneinanderprallen und Krachen derselben uebertoente gleichzeitig jedes sonst
vielleicht hoerbare verdaechtige Geraeusch.

Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Fluechtlinge, deren
Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie
draengten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der aeusseren
Temperatur, welche waehrend der Nacht bis auf 10 deg. unter Null herabging,
besser zu ertragen. Der schwache Wind, der ueber die schneebedeckten Berge
im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.

Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses
gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten
Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters
nach Kraeften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern
sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwaertige Situation
beschaeftigte vollstaendig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein
Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche
Allen verderblich werden musste.

Fuer einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein laengst erstrebtes
Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch
in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er
sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein wuerde,
an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fuerchtete nur noch
eine einzige letzte Stoerung, das Floss moechte durch die Anhaeufung von
Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte
nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch
durch ein letztes kuehnes Wagstueck seine Absicht durchzusetzen.

Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kraefte wieder
gewonnen, welche das Unglueck wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals
den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, dass Michael Strogoff
nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und dass
sie bei der Hand sein muesse, ihn zu fuehren. Je mehr sie sich aber Irkutsk
naeherte, desto deutlicher trat ihr auch das Bild ihres Vaters vor das
geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er
liebte, jedoch - woran sie niemals zweifelte, - mit dem ganzen Feuer
seines Patriotismus kaempfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr
jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen,
ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts
sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor's
niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie
ganz natuerlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater ueberhaupt
wieder zu sehen, ihres edelmuethigen Reisegefaehrten, ihres "Bruders", der
nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen
wuerde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!...

Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschaeftigten sich nur mit dem
einen Gedanken, dass die Situation hoechst dramatisch sei und, gut in Scene
gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben muesse. Der Englaender
dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner
Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit
doch nicht ganz erwehren.

"Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muss selbst bewegt sein, um
Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem
beruehmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich
nicht ..."

Dabei suchte er mit seinen beruehmten Reporteraugen immer das Dunkel zur
Seite des Flusses zu durchdringen.

Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein die Finsterniss und
zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Waelder hervor. Hier stand ein
ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die
traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur dass diese
gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara
war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten
ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben
wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Stroemung
wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Koerper zog das Floss
unbemerkt dahin.

Hier drohte also keine besondere Gefahr.

Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen
und vorzueglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz
zufaellig und zwar durch folgenden Umstand:

Auf der rechten Seite des Flosses liegend, liess derselbe einmal seine Hand
in's Wasser haengen. Ploetzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine
klebrige Substanz, etwa ein Mineraloel, seine Haut benetzte.

Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, - er konnte sich nicht
taeuschen. Das war eine Lage fluessiger Naphtha, welche auf der Oberflaeche
der Angara schwamm und mit der Stroemung hinabtrieb.

Schwamm das Floss also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so
ungemein leicht entzuendlich ist? Woher ruehrte diese Naphtha? Hatte sie ein
natuerliches Phaenomen an die Oberflaeche der Angara gefuehrt, oder sollte sie
als Zerstoerungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in
Brand zu setzen suchten? Eine Art der Kriegfuehrung freilich, welche unter
gesitteten Voelkern nicht wohl vorkommen koennte.

Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt
er es fuer gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu
machen, und Beide kamen auch ueberein, ihre Reisegefaehrten nicht unnoethig
durch diese neue Gefahr zu aengstigen.

Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm impraegnirt von
fluessigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen
Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China,
in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die
Oberflaeche. Dort ist das "Oelgebiet", ein Pendant zu dem Theile
Nordamerikas, der diesen Namen wirklich traegt.

Bei gewissen religioesen Festen giessen die Eingebornen im Hafen zu Baku,
welche Feueranbeter sind, fluessige Naphtha auf die Oberflaeche des Meeres,
die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat
sich die brennbare Schicht dann ueber das Wasser verbreitet, so zuenden sie
dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das
unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde
auf und niederbewegt.

Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das musste zum Unheil auf den
Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht
oder aus Unvorsichtigkeit angezuendet wurde, jedenfalls haette es sich in
einem Augenblicke bis ueber Irkutsk hinaus verbreitet.

Auf dem Flosse selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher
sein; desto mehr waren die verschiedenen Feuersbruenste an beiden Ufern der
Angara zu fuerchten, denn es genuegte ja schon ein brennendes Holzstueckchen,
vielleicht ein blosser Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.

Die Besorgnisse Harry Blount's und Alcide Jolivet's gegenueber dieser neuen
Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht
rathsamer, vorlaeufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen
und eine Zeit lang zu warten? - Sie legten sich wohl diese Frage vor.

"Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiss
ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen wuerde."

Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.

Inzwischen schwamm das Floss schnell zwischen den Eisschollen hinab, die
sich immer enger und enger zusammendraengten.

Bisher hatte man an den Uferabhaengen der Angara noch nirgends tartarische
Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, dass das Floss deren
Vorpostenkette noch nicht erreicht haben koenne. Gegen zehn Uhr Abends
glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die
sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der
andern sprangen, schnell naeher herankamen.

"Tartaren!" dachte er.

Er schlich sich in die Naehe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und
lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdaechtigen Bewegungen.

Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.

"Das sind nur Woelfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch
werden wir uns zu vertheidigen suchen muessen, ohne dabei Geraeusch zu
machen."

Wirklich mussten die Fluechtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen
die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kaelte nach diesen Gegenden
verschlagen hatte. Die Woelfe witterten das Floss, und bald fielen sie
dasselbe an. Die Fluechtlinge mussten sich also, ohne von Feuerwaffen
Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte
des Flosses untergebracht, die Maenner bewaffneten sich mit Stangen, Messern
oder einfachen Stoecken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu
schicken. Kein Ausruf liess sich hoeren, nur das Geheul der Woelfe
erschuetterte die Luft.

Michael Strogoff hatte nicht unthaetig bleiben wollen. Er streckte sich an
der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Flosses nieder, ergriff
sein furchtbares Messer, und wusste dieses allemal, wenn ein Wolf in
erreichbarer Naehe vorueberkam, demselben in den Hals zu stossen. Harry
Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre uebrigen muthigen
Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich
mehrere der Fluechtlinge ernsthafte Bisswunden davon trugen.

Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Luecken in
der Bande der Woelfe fuellten sich immer von Neuem und jedenfalls war die
ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.

"Das hat auch gar kein Ende!" sagte Alcide Jolivet, waehrend er den
bluttriefenden Dolch schwang.

Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Woelfe noch immer
in ganzen Banden ueber das Treibeis.

Die erschoepften Fluechtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu
ihrem Nachtheil. Eben stuerzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende
Woelfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie gluehende Kohlen
leuchteten, auf die Plattform des Flosses. Ohne Zoegern eilten Alcide
Jolivet und Harry Blount auf diese zu, waehrend Michael Strogoff sich
denselben kriechend zu naehern suchte, als die Scene sich ploetzlich
veraenderte.

Binnen wenigen Secunden hatten die Woelfe nicht nur das Floss, sondern auch
die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten
verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten
Flussufers.

Es ruehrte das daher, dass Woelfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen,
und jetzt die ganze Flaeche der Angara ploetzlich in hellem Lichte glaenzte.

Es war der Wiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken
Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwaermten also Tartaren umher,
die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flussabwaerts die
beiden Ufer besetzt hielten. Die Fluechtlinge traten jetzt in die
gefaehrliche Zone ihrer naechtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt
noch dreissig Werst von ihnen entfernt.

Es war jetzt gegen halb zwoelf Uhr Nachts. Das Floss glitt wieder versteckt
zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur
dann und wann flog ein heller Lichtschein ueber dasselbe hin. Auf der
Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen,
die sie haette verrathen koennen.

Die erwaehnte Ortschaft brannte ausserordentlich schnell nieder. Ihre aus
Fichtenholz erbauten Haeuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen
fuenfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und
Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebruell der Tartaren.

Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den groesseren Eisschollen
einsetzte, das Floss mehr nach der rechten Seite, so dass sie eine
Entfernung von drei- bis vierhundert Fuss von dem durch den Brand
erleuchteten Flussufer trennte.

Nichtsdestoweniger haetten die Fluechtlinge, auf die zuweilen ein greller
Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden muessen, wenn die Brandstifter nicht
allzu eifrig mit der Zerstoerung des Ortes beschaeftigt gewesen waeren. Jeder
wird sich aber leicht die Besorgniss Alcide Jolivet's und Harry Blount's
vorstellen koennen, wenn diese an den so fluechtigen Brennstoff dachten, auf
dem das Floss noch immer schwamm.

Ganze Funkengarben spruehten aus den Haeusern auf, welche ebenso vielen
brennenden Schmelzoefen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese
Funken fuenf- bis sechshundert Fuss hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer
selbst schienen die Baeume, im Widerscheine des roethlichen Lichtes, selbst
in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die
Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und
Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstoerung des Flosses und der
Tod seiner Insassen musste dann die nothwendige Folge sein.

Zum Glueck wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies
fortwaehrend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.
Moeglicherweise konnten die Fluechtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr
entgehen.

Wirklich liessen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und
nach erblasste der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und
bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara,
welche hier einen scharfen Bogen bildet.

So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniss schuetzte wieder das
Floss. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie
zwar nicht, hoerte sie aber, uebrigens glaenzten auch die Feuer der aeussersten
Vorposten hell durch die Nacht.

Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedraengten
Eisschollen noethig, mit groesster Vorsicht weiter zu fahren.

Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle
waren vollauf beschaeftigt, da die Fuehrung des Flosses immer schwieriger und
das Bett des Flusses immer enger wurde.

Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.

Alcide Jolivet folgte ihm.

Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten
gewechselten Worte.

"Achtung, dort rechts!

-- Links draengen ein paar Schollen heran!

-- Stoss' ab, fest mit der Stange!

-- Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest ...

-- Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist
nichts zu thun.

-- Hoeren Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.

-- Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!"

Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floss wirklich
aufgehalten, so gelangten die Fluechtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk,
sondern mussten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen,
das von den Eisschollen gedrueckt bald unter ihnen in Stuecke gehen wuerde.
Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Baender zu reissen, die
von einander weichenden Fichtenstaemme unter das Eis zu gerathen und den
Ungluecklichen waere nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die
schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages haetten sie dann die
Tartaren ohne Zweifel entdecken muessen, von deren Hand keine Gnade zu
hoffen war.

Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt,
zurueck. Er naeherte sich derselben, fasste ihre Hand und legte ihr die oft
wiederholte Frage vor: "Bist Du bereit, Nadia?" - welche sie wie immer mit

"Ich bin stets und zu Allem bereit!" beantwortete.

Noch einige Werst draengte sich das Floss zwischen dem Schollengewirr dahin.
Verengerte sich die Angara noch mehr, so musste sich ein Eisschutz bilden,
der die Weiterbenutzung der Wasserstrasse so gut wie unmoeglich machte.
Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fuehlte
man Stoesse und sah, wie das Floss abwich. Hier musste man sich vor dem
vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren.
Immer wiederholten sich unerwuenschte Verzoegerungen.

Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige Stunden. Erreichten die
Fluechtlinge Irkutsk nicht vor fuenf Uhr des Morgens, so konnten sie auch
alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.

Gegen halb zwei Uhr stiess das Floss trotz aller Anstrengungen gegen einen
compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrueckenden Schollen
draengten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich
fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert waere.

An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so dass die Breite
ihres Bettes nur noch die Haelfte der gewoehnlichen betrug. Hieraus erklaerte
sich diese Anhaeufung von Schollen, welche allmaelig mit einander
verloetheten, sowohl durch den ganz betraechtlichen Druck, unter dem sie
standen, als auch durch die Kaelte, welche fuehlbar zunahm. Fuenfhundert
Schritt weiter unten dehnte sich das Flussbett wieder aus, und hier trieben
einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank loesten, in
der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annaeherung der Ufer haette sich
die Schollenwand nicht bilden koennen und das Floss waere nach wie vor von
der Stroemung fortgetragen worden. Gegen den ungluecklichen Zufall war aber
nicht das Geringste zu thun, und die Fluechtlinge mussten eben auf jede
Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.

Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um
sich Kanaele durch das Eisfeld zu brechen, haetten sie vielleicht gerade
noch Zeit gehabt, das Hinderniss bis zu der wieder erweiterten Stelle des
Stromes zu beseitigen. Aber keine Saege, keine Spitzhaue war zur Hand, um
die von der Kaelte granitartig verhaertete Kruste mit Aussicht auf Erfolg
anzugreifen.

Was nun?

In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara.
Ein ganzer Kugelregen war auf das Floss gerichtet. Man hatte die Armen also
noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestaetigung, dass es jetzt
auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt
dienten die Fluechtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs.
Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden
Dunkelheit nur durch Zufall trafen.

"Komm, Nadia", raunte Michael Strogoff dem jungen Maedchen in's Ohr.

Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia "bereit zu Allem" Michael
Strogoff's Hand.

"Wir muessen jetzt die Eisbank uebersteigen, fluesterte er, aber Keiner darf
gewahr werden, dass wir das Floss verlassen!"

Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschuetzt von
der Finsterniss, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach,
auf die Eisflaeche.

Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln
rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke
mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riss ihnen die Haende
auf, aber sie kamen doch vorwaerts.

Zehn Minuten spaeter erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier
ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier
und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.

Nadia verstand Michael Strogoff's Absichten.

Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest
hing. "Komm", sagte Nadia.

Beide legten sich auf das Eisstueck, das sich nach einigem Schwanken von
der Bank abloeste.

Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich,
der Weg stand offen.

Michael Strogoff und Nadia hoerten noch das Knallen der Gewehre, die
Ausrufe der Verzweiflung, das Bruellen der Tartaren ... Dann verstummten
langsam diese Ausbrueche der entsetzlichen Angst und der teuflischen
Freude.

"Unsre armen Gefaehrten!" seufzte Nadia.

Waehrend einer Stunde trug die Stroemung jene Eisscholle mit Michael
Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu
befuerchten, dass sie unter ihnen in Stuecke gehen koenne. Von der staerksten
Stroemung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserflaeche erhalten, und doch
handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an
einem der Quais in Irkutsk landen sollte.

Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres.
Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fuehlte jetzt, dass er es erreichen
werde!...

Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen
Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.

Zur Rechten ruehrte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den
Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.

Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.

"Endlich!" murmelte er fuer sich.

Aber ploetzlich stiess Nadia einen furchtbaren Schrei aus.

Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden
Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von
blaeulichen Reflexen ueberstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck
an, und dann rief er, als haetten sich seine Augen auf's Neue dem Lichte
erschlossen:

"Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!"




                            Zwoelftes Capitel.


                                 Irkutsk.


Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zaehlt unter gewoehnlichen
Verhaeltnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an
der rechten Seite der Angara traegt seine von einer hohen Kathedrale
ueberragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten
Haeuser.

Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Hoehe des Berges, ueber den
in einer Entfernung von zwanzig Werst die grosse sibirische Heerstrasse
fuehrt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthuermen, seinen den
Minarets aehnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische
Art ausgehoehlten Daechern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese
Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt
selbst betritt. Zur Haelfte in byzantinischem, zur Haelfte in chinesischem
Stile erbaut, wird sie doch zu einer europaeischen durch die macadamisirten
Strassen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanaele in denselben, die
reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebaeude aus Ziegelstein und
Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die
zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur
Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat,
endlich durch eine grosse Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der
Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser
Moden nichts Fremdes sind.

Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstaette der Bewohner einer
ganzen Provinz, furchtbar ueberfuellt. Alle Beduerfnisse fanden hier dennoch
reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen
Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht
werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale,
den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fuerchten, und
konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwuesten lassen.

Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm
fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Haenden die
Verwaltungsgeschaefte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer
Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich
ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des
unerklaerlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende
Persoenlichkeit.

Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuss, in der
Staerke von etwa 2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit
Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.

Ausserdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge
eigenthuemlicher Verhaeltnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt
eingeschlossen.

Ueber jene Verhaeltnisse nur einige Worte.

Eine wichtige politische Reise hatte den Grossfuersten in diese entlegenen
Provinzen Ostasiens gefuehrt.

Der Grossfuerst beruehrte die hauptsaechlichsten Staedte Sibiriens, reiste mehr
als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen
Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den
transbaikalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische
Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.

An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der
Grossfuerst nach Irkutsk zurueck, von wo er den Weg nach Europa wieder
einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso
gefaehrlichen, als urploetzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die
Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die
Verbindung mit Russland schon unterbrochen. Einige Telegramme von
Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort
zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umstaenden
zerstoert worden.

Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.

Dem Grossfuersten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu
organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchfuehrte, von der er
bei anderer Gelegenheit hinlaengliche Proben gegeben hat.

Die Nachrichten ueber die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine
nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens
musste auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht
rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk
zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrueckten, nicht aus, den
tartarischen Heersaeulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe
offenbar nicht entgehen konnte, so musste die Stadt vor allen Dingen in den
Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.

Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in
die Haende der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der
Grossfuerst, dass der Emir von Bukhara und die verbuendeten Khans in Person
die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, dass der zweite Fuehrer
dieser Barbarenhaeuptlinge, Iwan Ogareff, ein frueherer russischer Officier
war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.

Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen,
veranlasst, alle Staedte und Doerfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der
Hauptstadt suchte, musste sich noch weiter hinaus, jenseit des Baikalsees,
begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde hoechst wahrscheinlich nicht
gelangen konnte. Die Vorraethe an Getreide und Fourrage wurden fuer die
Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft
in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.

Irkutsk, gegruendet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und
der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende
Holzbruecken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des
Fahrwassers oeffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstaedten am
linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine
Schwierigkeiten. Die Vorstaedte wurden geraeumt, die Bruecken abgebrochen.
Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara waere unter dem Feuer der
Belagerten nicht leicht auszufuehren gewesen.

Der Fluss konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt
ueberschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines
Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schuetzte.

Alle kraeftigen Arme wurden nun zunaechst zu Fortificationsarbeiten
verwendet. Man war Tag und Nacht thaetig. Der Grossfuerst fand eine ueberaus
eifrige Bevoelkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch
ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern -
Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der
Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwaelle aufgeworfen. Ausserdem
war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara
speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht
weggenommen werden. Sie musste belagert und gestuermt werden.

Das dritte tartarische Armeecorps, - dasselbe, welches im Thale des
Jenisei hinaufgezogen war, - erschien am 24. September vor Irkutsk. Es
besetzte sofort die verlassenen Vorstaedte, deren Haeuser uebrigens meist
niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des
Grossfuersten keine Hindernisse zu bieten.

Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen
von dem Emir und seinen Verbuendeten gefuehrten Heerhaufen.

Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das
Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der
in den groesseren Staedten zurueckgelassenen Besatzungen unter dem Befehle
Feofar-Khan's vereinigt.

Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst fuer
unausfuehrbar erklaerte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst
stromabwaerts mittels Schiffbruecken ueber den Fluss. Der Grossfuerst griff
hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stoeren, aus Mangel
an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so
blieb er, gewiss mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.

Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flussseite; dann marschirten
sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des
Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Waeldchen
nieder, und begannen nach voelliger Einschliessung der Stadt die regelrechte
Belagerung.

Iwan Ogareff bemuehte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu
leiten, nur gingen ihm die noethigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu
erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines
Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.

Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geaendert.
Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem
Marsche auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Grossfuerst die
jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wusste. An diesen beiden Ursachen
scheiterte seine urspruengliche Absicht und er sah sich zu einer
regelrechten Belagerung genoethigt.

Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Ruecksicht auf
die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stuermen. Er warf seine
Truppen auf die scheinbar schwaechsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe
wurden aber muthig abgeschlagen. Der Grossfuerst und seine Officiere setzten
sich bei dieser Gelegenheit ruecksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit
ihrer eigenen Person ein und fuehrten die Civilbevoelkerung mit auf die
Waelle. Buerger und Mujiks erfuellten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem
zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den
Waellen zu erobern. An dem einen Ende der grossen, zwei Werst langen und
oben und unten an der Angara ausmuendenden Strasse von Bolchaia kam es zu
einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Buerger setzten den Tartaren
einen so hartnaeckigen Widerstand entgegen, dass sich diese zuletzt in ihre
frueheren Stellungen zurueckziehen mussten.

Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt
nicht erlangen konnte. Wir wissen, dass seine Absicht dahin ging, in die
Stadt einzudringen, sich dem Grossfuersten zu naehern, dessen Vertrauen zu
erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu
ueberliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des
Czaar stillen.

Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis in das Lager an der Angara,
trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszufuehren.

In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus
dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der
Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In hoechstens sechs Tagen mussten
sie eintreffen, also wurde es noethig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch
Verrath zu ueberwaeltigen.

Iwan Ogareff zoegerte keinen Augenblick. -

Eines Abends, am 2. October, wurde in dem grossen Salon des
Gouvernementspalastes, in dem der Grossfuerst residirte, ein Kriegsrath
abgehalten.

Dieses am Ende der Bolchaiastrasse gelegene Gebaeude beherrscht weithin den
Lauf des Flusses. Gegenueber den Fenstern seiner Hauptfacade sah man das
Lager der Tartaren; haetten letztere weiter tragende Belagerungsgeschuetze
besessen, so waere dieses Gebaeude ganz unhaltbar gewesen.

Der Grossfuerst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef
der Kaufleute und eine Anzahl hoehere Officiere besprachen eben
verschiedene nothwendige Massregeln.

"Meine Herren, begann der Grossfuerst, unsere dermalige Lage ist Ihnen
hinlaenglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, dass wir Irkutsk bis
zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir
leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an
mir soll es gewiss nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser
Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.

-- Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der General Voranzoff, dass Sie
auf die Bevoelkerung von Irkutsk zaehlen koennen.

-- Gewiss, General, antwortete der Grossfuerst, und ich erkenne diesen
eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die
Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth
verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den
Waellen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern koennen. Sie hoeren
meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie,
dieselben weiter zu verbreiten.

-- Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete.
Darf ich wohl auch fragen, nach welchem laengsten Zeitraume auf das
Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?

-- Hoechstens nach sechs Tagen, erklaerte der Grossfuerst. Erst heute Morgen
ist ein gewandter und kuehner Emissaer in die Stadt gekommen, der mir
mittheilt, dass fuenfzigtausend russische Truppen unter Fuehrung des Generals
Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am
Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kaelte ihren Zug
aufzuhalten vermoegen. Fuenfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren
in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.

-- Ich erlaube mir hinzuzufuegen, dass wir sofort, wenn Eure kaiserliche
Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu
folgen.

-- Ich danke, mein Herr, sagte der Grossfuerst. Warten wir es ab, bis die
Spitzen unserer Colonnen auf den naechsten Hoehen erscheinen, dann wollen
wir die Feinde zerschmettern."

Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.

"Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen.
Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke
erhalten und den Tartaren den Uebergang ermoeglichen.

-- Wuerden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der
Kaufleute.

-- Sprechen Sie.

-- Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreissig und vierzig Grade unter
Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen
Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Stroemung Schuld zu
sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den
Fluss zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, dass sie auf diesem Wege
nie nach Irkutsk hinein gelangen werden."

Der Generalgouverneur bestaetigte die Bemerkung des Chefs der
Kaufmannschaft.

"Das ist gewiss ein recht gluecklicher Umstand, aeusserte der Grossfuerst.
Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualitaet in's Auge zu
fassen."

Er wandte sich dann an den Director der Polizei.

"Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.

-- Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der
Polizeidirector, dass mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift
uebergeben wurde ...

-- Ausgehend von ...?

-- Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich
hier auf Fuenfhundert belaeuft."

Die politischen Verbannten, welche sonst ueber die ganze Provinz verbreitet
sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem
Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die
Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschaeften
oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der
japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der
Grossfuerst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und
sie als tuechtige Vertheidiger erkannt.

"Was wuenschen die Verbannten? fragte der Grossfuerst.

-- Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniss, ein besonderes
Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu duerfen.

-- O, erwiderte der Grossfuerst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen,
ich wusste es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das
Recht, sich fuer ihr Vaterland zu schlagen.

-- Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu koennen, sagte der
Generalgouverneur, dass Sie keine besseren Soldaten zu finden vermoegen.

-- Doch sie brauchen dann einen Fuehrer, bemerkte der Grossfuerst. Wer soll
das sein?

-- Sie wuenschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen,
antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten
ausgezeichnet hat.

-- Ist es ein Russe?

-- Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.

-- Sein Name ...?

-- Wassili Fedor."

Der Verbannte war der Vater Nadia's.

Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk seinem Berufe als
Arzt. Ein kenntnissreicher und im Umgange liebenswuerdiger Mann, war er
gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede
Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er
den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen
zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der uebrigen
Bevoelkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit
des Grossfuersten zu erregen. Bei mehreren Ausfaellen hatten sie mit dem
Blute ihre Schuld an das heilige Russland bezahlt. Wassili Fedor benahm
sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt,
doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die
Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, dass
sie beabsichtigen koennten, ihn zu ihrem Fuehrer auszuersehen.

Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der
Grossfuerst, dass ihm derselbe nicht unbekannt sei.

"In der That, bestaetigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein
muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluss auf die anderen
Verbannten von grosser Bedeutung.

-- Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Grossfuerst.

-- Seit zwei Jahren.

-- Und seine Auffuehrung ...?

-- Er fuegt sich, antwortete der Polizeidirector, als verstaendiger Mann den
Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.

-- General, antwortete der Grossfuerst, lassen Sie mir denselben ohne Zoegern
zufuehren."

Der Befehl des Grossfuersten ward ausgefuehrt, und noch vor Ablauf einer
halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.

Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster,
gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, dass sein ganzes Leben sich in
dem Worte: Kampf! zusammen fassen liess, und dass er gekaempft, aber auch
gelitten hatte. Seine Zuege erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia
Fedor.

Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persoenlich
schmerzlich beruehrt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der
achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief
hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise
seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniss ausgewirkt hatte,
ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.

Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli.
Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze ueberschritten hatte, was war
aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe
musste der unglueckliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine
Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!

Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Grossfuersten und erwartete
von diesem angesprochen zu werden.

"Wassili Fedor, begann der Grossfuerst, Deine Genossen in der Verbannung
haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu duerfen. Sie vergessen doch
nicht, dass in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben
bereit sein muss?

-- Sie sind sich dessen bewusst, erwiderte Wassili Fedor.

-- Sie wuenschen Dich als Anfuehrer?

-- Ja, kaiserliche Hoheit.

-- Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?

-- Wenn das Heil Russlands es erheischt, gewiss.

-- Commandant Fedor, sagte der Grossfuerst, Du bist nicht mehr verbannt.

-- Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann ueber Solche den Befehl fuehren, die
es noch sind?

-- Sie sind es nicht mehr."

In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten
Genossen, jetzt seiner Waffengefaehrten.

Tief bewegt drueckte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Grossfuersten
und verliess das Gemach.

Der Letztere wendete sich an seine Officiere.

"Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen
ausstelle, sagte er laechelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt
Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen."

Diese den Verbannten von Irkutsk gewaehrte Gnade entsprach in der That
ebenso einer grossherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.

Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die
Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara
wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen
einige an den alten Pfeilern der frueheren hoelzernen Bruecke haengen blieben.
Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar
konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt
hatte, nur schwer in der ganzen Oberflaeche zufrieren. Die Gefahr eines
Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also
nicht sonderlich zu fuerchten.

Eben schlug es zehn Uhr. Der Grossfuerst verabschiedete seine Officiere und
wollte sich gerade in seine Gemaecher zurueckziehen, als vor dem Palaste ein
auffallender Tumult entstand.

Fast gleichzeitig oeffnete sich die Thuer des Salons, ein Feldjaeger trat ein
und ging auf den Grossfuersten zu.

"Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!"




                           Dreizehntes Capitel.


                          Ein Courier des Czaar.


Eine unwillkuerliche Bewegung fuehrte alle Theilnehmer der Berathung nach
der halb offenen Thuer zurueck. Ein Courier des Czaar, in Irkutsk
angekommen! Wenn die Officiere nur einen Augenblick ueber die
Wahrscheinlichkeit dieser Thatsache nachgedacht haetten, mussten sie
dieselbe fuer unmoeglich ansehen.

Der Grossfuerst war lebhaft auf seinen Feldjaeger zugeschritten.

"Lass den Courier eintreten!" sagte er.

An der Schwelle erschien ein Mann. Seine aeussere Erscheinung zeugte von
grosser Erschoepfung. Er trug die abgenutzte, halb zerrissene Kleidung eines
sibirischen Bauern, an der sogar einige Loecher von Kugeln sichtbar waren.
Seinen Kopf bedeckte eine moskowitische Muetze. Auf der Wange sah man eine
kaum verharschte Schramme. Offenbar hatte dieser Mann einen langen und
beschwerlichen Weg hinter sich. Seine in schlechtem Stande befindliche
Fussbekleidung verrieth auch, dass er einen Theil seiner Reise zu Fuss
zurueckgelegt haben musste.

"Seine kaiserliche Hoheit der Grossfuerst?" fragte er eintretend.

Der Grossfuerst ging auf ihn zu.

"Du bist Courier des Czaar? fragte er.

-- Ja, Hoheit.

-- Und kommst ...?

-- Aus Moskau.

-- Und hast Moskau verlassen?

-- Am 15. Juli.

-- Dein Name ...?

-- Michael Strogoff."

Es war Iwan Ogareff. Er hatte den Namen und Charakter desjenigen
angenommen, den er unschaedlich gemacht zu haben glaubte. In Irkutsk kannte
ihn weder der Grossfuerst, noch irgend Jemand Anderes, so dass er sein
Gesicht nicht einmal zu entstellen brauchte. Da er in der Lage war, seine
etwa angezweifelte Identitaet zu beweisen, hatte er keine Entdeckung zu
fuerchten. Er schickte sich jetzt also an, nachdem er das Ziel durch seinen
eisernen Willen erreicht hatte, durch Verrath und Meuchelmord das Drama
des feindlichen Einfalles zu kroenen.

Nach der Antwort Iwan Ogareff's gab der Grossfuerst seinen Officieren ein
Zeichen mit der Hand, worauf sich diese zurueckzogen.

Der falsche Michael Strogoff und er blieben allein in dem Salon zurueck.

Der Grossfuerst betrachtete Iwan Ogareff einige Augenblicke mit scharfer
Aufmerksamkeit. Dann begann er:

"Du hast Moskau am 15. Juli verlassen?

-- Ja, Hoheit, und habe Seine Majestaet den Czaaren in der Nacht vom 14. zum
15. Juli im Neuen Palais gesprochen.

-- Du hast einen Brief des Czaar?

-- Ja, hier ist er."

Iwan Ogareff uebergab dem Grossfuersten das kaiserliche Schreiben, das er auf
das kleinste Format zusammengebrochen hatte.

"Dieser Brief ist Dir in diesem Zustande uebergeben worden?

-- Nein, Hoheit, doch musste ich das Couvert zerstoeren, um ihn vor den
Soldaten des Emirs besser verbergen zu koennen.

-- Warst Du Gefangener der Tartaren?

-- Ja, kaiserliche Hoheit, wenigstens einige Tage lang. Daher kommt es
auch, dass ich trotz meiner Abreise am 15. Juli von Moskau, wie sie dieser
Brief auch angiebt, erst am 2. October in Irkutsk eingetroffen bin, d. h.
also, nach einer Reise von neunundsiebenzig Tagen."

Der Grossfuerst nahm den Brief. Er faltete ihn auseinander, erkannte die
Signatur des Czaar, nebst der von dessen eigener Hand geschriebenen
Eingangsformel. An der Authenticitaet dieses Schreibens, wie an der
Identitaet des Ueberbringers konnte also kein Zweifel sein. Hatte sein
wildes Antlitz auch erst einiges Misstrauen in dem Grossfuersten erweckt, so
schwand dieses doch jetzt vollstaendig.

Einige Augenblicke verhielt sich der Grossfuerst schweigend. Er durchlas
langsam den Brief, wie um seinen Sinn recht scharf zu fassen.

Endlich nahm er wieder das Wort.

"Michael Strogoff, sagte er, Du kennst den Inhalt dieses Schreibens?

-- Ja, Hoheit, ich konnte in die Lage kommen, dasselbe vernichten zu
muessen, um es nicht den Tartaren in die Haende fallen zu lassen, und war
fuer diesen Fall bedacht, dessen Text Eurer kaiserlichen Hoheit moeglichst
genau mittheilen zu koennen.

-- Du weisst also, dass dieser Brief uns auferlegt, eher in Irkutsk zu
sterben, als die Stadt auszuliefern?

-- Ich weiss es.

-- Und weisst auch, dass er mir die Bewegungen der Truppen mittheilt, welche
aufgeboten worden sind, den Einfall zu bekaempfen?

-- Ja, Hoheit, aber diese Bewegungen sind verunglueckt.

-- Wie so?

-- Nun Ichim, Omsk, Tomsk, um nur von den bedeutendsten Staedten Sibiriens
zu sprechen, sind den Soldaten Feofar-Khan's nach und nach in die Haende
gefallen.

-- Ohne dass es zu Gefechten gekommen waere? Sollten unsere Kosaken nicht auf
die Tartaren getroffen sein?

-- Mehrmals, kaiserliche Hoheit.

-- Und sie sind zurueckgeschlagen worden?

-- Sie verfuegten nur ueber ungenuegende Kraefte.

-- Wo haben die Treffen, von denen Du sprichst, stattgefunden?

-- Bei Kolyvan, Tomsk ..."

Bis hierher hatte Iwan Ogareff nur die Wahrheit gesagt, um aber die
Vertheidiger von Irkutsk zu entmuthigen, uebertrieb er die durch die
Truppen des Emirs erlangten Vortheile und fuegte hinzu:

"Und ein drittes Mal vor Krasnojarsk.

-- Und das letzte Treffen?... fragte der Grossfuerst, ueber dessen Lippen kaum
die Worte kamen.

-- Das war mehr als ein Treffen, Hoheit, das war eine Schlacht.

-- Eine Schlacht?

-- Zwanzigtausend Russen, die aus den Grenzprovinzen und dem Gouvernement
Tobolsk heranzogen, stuerzten sich 150,000 Tartaren entgegen und wurden
trotz ihres verzweifelten Muthes fast aufgerieben.

-- Du luegst, rief der Grossfuerst, der vergeblich seinen Zorn zu bemeistern
suchte.

-- Ich spreche die Wahrheit, Hoheit, antwortete frostig Iwan Ogareff. Ich
war selbst bei der Schlacht von Krasnojarsk gegenwaertig und gerieth eben
da in Gefangenschaft!"

Der Grossfuerst ward wieder ruhiger und gab Iwan Ogareff durch ein Zeichen
zu erkennen, dass er nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifle.

"An welchem Tage fand die Schlacht von Krasnojarsk statt? fragte er.

-- Am 2. September.

-- Und jetzt sind alle tartarischen Truppen um Irkutsk concentrirt?

-- Alle.

-- Und Du schaetzest diese ...?

-- Auf 400,000 Mann."

Diese Angabe beruhte wiederum auf einer zu demselben Zwecke vorgebrachten
Uebertreibung Iwan Ogareff's.

"Und aus den westlichen Provinzen habe ich keinen Entsatz zu erwarten?
fragte der Grossfuerst.

-- Nein, kaiserliche Hoheit, mindestens nicht vor Ausgang des Winters.

-- Nun wohl, so hoere, Michael Strogoff. Sollte ich auch weder von Osten
noch von Westen her Unterstuetzung bekommen, und zaehlten die Barbaren
600,000 Mann, ich werde Irkutsk niemals uebergeben!"

Das boshafte Auge Iwan Ogareff's bedeckte sich ein wenig. Der Verraether
schien sagen zu wollen, dass der Bruder des Czaar seine Rechnung ohne
Ruecksicht auf Verraetherei machte.

Der Grossfuerst hatte bei seinem nervoesen Temperament alle Muehe, bei diesen
Ungluecksbotschaften seine Ruhe zu bewahren. Er ging im Salon auf und ab
vor den Augen Iwan Ogareff's, die ihm wie einer schon seiner Rache
verfallenen Beute folgten. Er blieb an den Fenstern stehen, blickte nach
den Wachtfeuern der Tartaren und suchte sich ueber ein Geraeusch
aufzuklaeren, das ja meist nur von den in der Angara dahintreibenden und
aneinander prallenden Eisschollen herruehrte.

Eine Viertelstunde verging, ohne dass er eine weitere Frage stellte. Dann
nahm er den Brief nochmals zur Hand und durchlas eine besondere Stelle
desselben.

"Du weisst, Michael Strogoff, dass hierin von einem Verraether die Rede ist,
vor dem ich mich hueten soll?

-- Ja, Hoheit.

-- Er soll unter irgend einer Verkleidung nach Irkutsk einzudringen suchen
und sich um mein Vertrauen bewerben, um zur gegebenen Zeit die Stadt den
Tartaren zu ueberliefern.

-- Ich kenne das Alles, kaiserliche Hoheit, und weiss auch, dass Iwan Ogareff
geschworen hat, persoenlich an dem Bruder des Czaar seine Rache zu nehmen.

-- Warum?

-- Man sagt, dieser Officier sei von dem Grossfuersten zu einer entehrenden
Degradation verurtheilt worden.

-- Ja, richtig, ... ich entsinne mich ... doch, er verdiente es, dieser
Elende, der spaeter gegen sein Vaterland diente, um einen Einfall der
Barbaren zu organisiren.

-- Seiner Majestaet dem Czaar, fuhr Iwan Ogareff fort, kam es vor allem
darauf an, Sie, kaiserliche Hoheit, von den verbrecherischen Absichten
gegen Ihre Person in Kenntniss zu setzen.

-- Ja, der Brief enthaelt die noethigen Aufschluesse ...

-- Und Seine Majestaet haben das mir auch selbst mitgetheilt und mir
vorzueglich eingeschaerft, mich bei meiner Reise durch Sibirien ja vor
diesem Verraether zu hueten.

-- Bist Du ihm begegnet?

-- Ja, Hoheit, nach der Schlacht von Krasnojarsk. Haette er vermuthen
koennen, dass ich der Traeger eines an Eure kaiserliche Hoheit gerichteten
Schreibens war, das seine abscheulichen Plaene enthuellte, so wuerde er mir
keine Gnade gewaehrt haben.

-- Gewiss, dann waerst Du verloren gewesen, antwortete der Grossfuerst. Doch
wie bist Du ueberhaupt entkommen?

-- Dadurch, dass ich mich in den Irtysch stuerzte.

-- Und wie kamst Du nach Irkutsk herein?

-- Bei Gelegenheit eines an diesem Abende unternommenen Ausfalles, welcher
der Vertreibung einer Tartarenabtheilung galt. Ich mischte mich unter die
Vertheidiger der Stadt, es gelang mir, mich zu erkennen zu geben, und so
fuehrte man mich sofort vor Eure kaiserliche Hoheit.

-- Gut, Michael Strogoff, antwortete der Grossfuerst. Du hast bei Deiner
Schwierigen Reise Muth und Eifer gezeigt. Ich werde Dich nicht vergessen.
Hast Du mir einen Wunsch vorzutragen?

-- Nein, ausser dem, mich an der Seite Eurer kaiserlichen Hoheit schlagen zu
duerfen.

-- Es sei, Michael Strogoff, ich nehme Dich von heute ab in meinen
persoenlichen Dienst und Du wirst auch in diesem Palaste Wohnung erhalten.

-- Und wenn nun Iwan Ogareff sich, wie er die Absicht haben soll, Eurer
kaiserlichen Hoheit unter einem falschen Namen vorstellt? ...

-- So wird er mit Deiner Hilfe, da Du ihn ja kennst, entlarvt werden, und
soll den Tod unter der Knute erleiden. Geh!"

Iwan Ogareff salutirte vor dem Grossfuersten militaerisch, indem er nicht
vergass, dass er Kapitaen bei dem Corps der Couriere des Czaar sei, und zog
sich zurueck.

Iwan Ogareff begann seine Rolle also mit unleugbarem Erfolge zu spielen.
Das Vertrauen des Grossfuersten hatte er schnell und im vollsten Masse
errungen. Er konnte dasselbe missbrauchen, wo und wann es ihm beliebte. Er
sollte ja gar in dem Palaste selbst wohnen, wuerde in alle Geheimnisse der
Vertheidigung eingeweiht sein. Er hatte demnach die Situation vollstaendig
in der Hand. Niemand in Irkutsk kannte ihn, Niemand konnte ihm seine Maske
abreissen. Er beschloss also ohne Zoegern an's Werk zu gehen.

Die Zeit draengte in der That. Jedenfalls musste die Auslieferung der Stadt
vor Eintreffen der aus dem Norden und Osten erwarteten Russen erfolgen;
letzteres konnte sich aber nur um wenige Tage handeln. Waren die Tartaren
erst Herren von Irkutsk, so waeren sie gewiss nur schwer wieder daraus zu
vertreiben gewesen. Und wenn sie auch gezwungen wuerden, es spaeter wieder
aufzugeben, so wuerde das doch nicht geschehen, als bis sie es von Grund
aus zerstoert und den Kopf des Grossfuersten zu Feofar-Khan's Fuessen gelegt
haetten.

Da Iwan Ogareff jetzt nichts hinderte, zu sehen, zu beobachten und zu
handeln, so beschaeftigte er sich schon vom andern Tage an damit, die Waelle
zu besichtigen. Ueberall ward er von den Glueckwuenschen der Officiere,
Soldaten und Buerger begruesst. Dieser Courier des Czaaren erschien ihnen wie
ein Band, welches sie auf's Neue mit dem Kaiserreiche verknuepfte. Iwan
Ogareff erzaehlte bei dieser Gelegenheit mit einer Sicherheit, welche ihn
niemals im Stiche liess, von den Drangsalen seiner Reise. Dann sprach er,
ohne das zu Anfange zu sehr zu betonen, von dem Ernste der Lage, wobei er,
ebenso wie vor dem Grossfuersten, die Erfolge der Tartaren und die Kraefte,
ueber welche sie verfuegten, absichtlich uebertrieb. Seiner Darstellung nach
waren die bevorstehenden Zuzuege, selbst wenn sie rechtzeitig eintrafen,
gewiss unzureichend, und es stand zu befuerchten, dass eine Schlacht unter
den Mauern von Irkutsk ebenso verderblich ausfallen wuerde, wie die Treffen
bei Kolyvan, Tomsk und Krasnojarsk.

Mit solchen Hiobsposten ging Iwan Ogareff aber keineswegs verschwenderisch
um. Er liess diese mit kluger Berechnung nur nach und nach hoeren. Er schien
nur zu antworten, wenn man ihn fragte, und dann scheinbar nur mit
Widerwillen. Allemal aber fuegte er hinzu, dass man sich bis auf den letzten
Mann vertheidigen und die Stadt eher in die Luft sprengen muesse, bevor man
sie uebergebe.

Auf jede Weise suchte er die ueble Lage schlimmer darzustellen. Die
Garnison und die Bevoelkerung von Irkutsk waren gluecklicher Weise aber viel
zu patriotisch, um sich einschuechtern zu lassen. Von allen diesen Soldaten
und Buergern einer am Ende der asiatischen Welt isolirten Stadt dachte auch
kein Einziger nur entfernt an eine Uebergabe. Die Verachtung der Russen
gegen jene Barbaren kannte eben keine Grenzen.

Dagegen argwoehnte auch Keiner die haessliche Rolle, welche Iwan Ogareff
spielte, Keiner konnte vermuthen, dass dieser scheinbare Courier des Czaar
ein erbaermlicher Verraether war.

Ganz erklaerlicher Weise trat Iwan Ogareff seit seiner Ankunft in Irkutsk
bald in naehere Beziehungen zu einem der begeistertsten Vertheidiger der
Stadt, zu Wassili Fedor.

Es ist dem Leser bekannt, von welch' verzehrender Unruhe der unglueckliche
Vater gequaelt ward. Wenn seine Tochter, wie er der Datumsangabe ihres
letzten Briefes nach annehmen musste, Russland wirklich zu jener Zeit
verlassen hatte, was mochte dann jetzt aus ihr geworden sein? Wuerde sie
dennoch versuchen, die von den Feinden ueberschwemmten Provinzen zu
bereisen, oder schmachtete sie vielleicht schon lange in Gefangenschaft?
Wassili Fedor fand kein anderes Betaeubungsmittel fuer seinen Schmerz, als
sich gegen die Tartaren zu schlagen, eine Gelegenheit, die sich leider
viel zu selten darbot.

Als Fedor da die so unerwartete Ankunft eines Couriers des Czaar vernahm,
sagte ihm ein Vorgefuehl, dass er von diesem werde Nachrichten ueber seine
Tochter einziehen koennen. Wenn er sich auch nicht verhehlte, dass diese
Hoffnung auf sehr schwachen Fuessen stehe, so klammerte er sich doch gern an
sie an. War dieser Courier nicht auch gefangen gewesen, wie es Nadia
vielleicht heute noch war?

Wassili Fedor suchte also Iwan Ogareff auf, der begierig diese Gelegenheit
ergriff, mit dem Commandanten in taegliche Beruehrung zu kommen. Dachte der
Renegat wohl daran, auch diese Gelegenheit auszunuetzen?

Wie dem auch sei, jedenfalls entsprach Iwan Ogareff mit geschickt
verstelltem Eifer dem Entgegenkommen des Vaters Nadia's. Schon am Morgen
nach der Ankunft des vermeintlichen Couriers begab jener sich nach dem
Palaste des Grossfuersten. Dort theilte er Iwan Ogareff die Umstaende mit,
unter welchen seine Tochter hoechst wahrscheinlich das europaeische Russland
verlassen hatte, und sagte ihm, welche Unruhe er jetzt um ihretwillen
empfinde.

Iwan Ogareff kannte Nadia nicht, trotzdem er sie ja auf dem Relais zu
Ichim an jenem Tage gesehen hatte, wo sie sich mit Michael Strogoff
daselbst befand. Damals hatte er aber weder auf sie noch auf die beiden
Journalisten geachtet, die sich gleichzeitig auf jenem Posthofe
aufhielten. Er war also ausser Stande, Wassili Fedor die gewuenschten
Nachrichten ueber seine Tochter mitzutheilen.

"Wann hat Ihre Tochter, fragte Iwan Ogareff, das russische Gebiet etwa
verlassen?

-- Ungefaehr zu derselben Zeit, wie Sie, antwortete Wassili Fedor.

-- Ich verliess Moskau am 15. Juli.

-- Nadia wahrscheinlich ganz zu derselben Zeit, wenigstens gab mir ihr
letzter Brief diesen Termin an.

-- Sie war am 15. Juli in Moskau?

-- Ja gewiss, an eben diesem Tage.

-- Richtig ..." sagte zoegernd Iwan Ogareff.

Dann aber schien er seine Meinung zu aendern.

"Nein, nein, ich taeusche mich doch ... ich verwechsele jetzt das Datum,
fuegte er hinzu, leider ist es zu wahrscheinlich, dass ihre Tochter die
Grenze noch ueberschritten hat, und Sie koennen nun hoechstens die einzige
Hoffnung hegen, dass sie sich hat zurueckhalten lassen, wenn sie von dem
Einfall der Tartaren Nachricht erhielt.

Wassili Fedor neigte betruebt den Kopf. Er kannte Nadia zu gut und wusste,
dass nichts im Stande sein wuerde, sie von ihrem Vorsatz abzubringen.

Iwan Ogareff beging hier eine unnoethige Grausamkeit. Er haette Wassili
Fedor mit einem Worte beruhigen koennen. Hatte Nadia auch, wie wir wissen,
die sibirische Grenze unter ganz besondern Umstaenden passirt, so haette
Wassili Fedor doch, wenn Jener ihm die Uebereinstimmung jenes Datums und
des ergangenen Verbotes erwaehnte, glauben muessen, dass sie nicht den
Gefahren der Invasion ausgesetzt gewesen sei und sich, wenn auch
gezwungen, doch noch auf europaeischem Gebiete befinden werde.

Iwan Ogareff, ein Mann, der von Anderer Leiden niemals beruehrt wurde,
folgte dabei nur seiner Natur, er haette jenes Wort sprechen koennen ... er
sprach es nicht. Wassili Fedor zog sich mit gebrochenem Herzen zurueck.
Nach dieser Erkundigung schwand ihm die letzte Hoffnung.

An den beiden folgenden Tagen, dem 3. und 4. October, liess der Grossfuerst
den vermeintlichen Michael Strogoff wiederholt zu sich bescheiden und
befahl ihm, alles zu wiederholen, was er im kaiserlichen Cabinet des Neuen
Palais gehoert hatte. Iwan Ogareff antwortete, da er sich auf solche Fragen
vorbereitet hatte, stets ohne Zoegern. Er verheimlichte dabei absichtlich
nicht, dass die Regierung des Czaar durch den Einfall vollstaendig
ueberrascht und der Aufstand in tiefster Verschwiegenheit vorbereitet
worden sei, da die Tartaren schon die Linie des Obi besetzt hatten, als
die ersten Nachrichten davon nach Moskau gelangten, und endlich, dass in
den russischen Provinzen Nichts bereit sei, eine zur Vertreibung der
Feinde hinreichende Truppenmacht schnell nach Sibirien zu werfen.

Da er uebrigens vollkommen sein freier Herr war, begann Iwan Ogareff nun
Irkutsk recht eigentlich zu studiren, den Zustand der Befestigungen und
vorzueglich deren schwaechste Punkte auszuspaehen, um davon Nutzen ziehen zu
koennen, wenn irgend ein Umstand ihn an der Ausfuehrung der geplanten
Verraetherei hindern sollte. Ganz besonders nahm das Thor von Bolchaia
seine Aufmerksamkeit in Anspruch, da er dieses zu ueberliefern
beabsichtigte.

An diesem Abend kam er zwei Mal an das Thor. Er ging hier auf und ab ohne
die Kugeln der Belagerer zu fuerchten, deren erste Posten noch keine Werst
weit von demselben entfernt waren; er wusste recht gut, dass ihm nichts
widerfahren koenne, ja, dass man ihn sogar erkenne.

Da bemerkte er einen Schatten, der geraeuschlos bis an den Fuss der Erdwerke
heranschlich.

Sangarre war es, die ihr Leben auf's Spiel setzte, um von Iwan Ogareff
Nachricht zu erlangen.

Uebrigens erfreuten sich die Belagerten seit zwei Tagen einer Ruhe, an
welche die Tartaren sie bisher nicht gewoehnt hatten.

Es geschah das auf Anordnung Iwan Ogareff's. Der Lieutenant Feofar-Khan's
wollte alle Versuche, die Stadt mit Gewalt zu erobern, aufgeschoben
wissen. Deshalb schwieg die Artillerie seit seiner Ankunft in Irkutsk
vollkommen. Vielleicht, - wenigstens setzte er noch einige Hoffnung
hierauf, - liess die Wachsamkeit der Belagerten doch etwas nach. Fuer jeden
Fall hielten sich bei den Vorposten einige tausend Tartaren bereit, seiner
Zeit gegen das von seinen Vertheidigern entbloesste Thor vorzugehen, wenn
von Iwan Ogareff die Stunde fuer den Angriff bestimmt worden waere.

Das konnte ja nicht lange dauern. Die Entscheidung musste fallen, bevor die
russischen Hilfstruppen vor Irkutsk anlangten. Iwan Ogareff's Beschluss war
gefasst und an diesem Abend glitt ein Billet den Wall hinab in die Hand
Sangarre's.

Am andern Tage, in der Nacht vom 5. zum 6. October, wollte Iwan Ogareff
Irkutsk den Todfeinden seines Vaterlandes ueberliefern.




                           Vierzehntes Capitel.


                     Die Nacht vom 5. zum 6. October.


Iwan Ogareff's Plan war mit groesster Sorgfalt vorbereitet und musste, im
Falle nicht ganz unvorhergesehene Ereignisse dazwischen traten, gewiss
gelingen, wenn er nur dafuer sorgen konnte, das Thor von Bolchaia zur Zeit,
wo er es ausliefern wollte, von Vertheidigern entbloesst zu halten.
Gleichzeitig sollte die Aufmerksamkeit der Belagerten nach einer andern
Seite der Stadt abgelenkt werden. So hatte er mit dem Emir verabredet.

Ein Scheinangriff flussauf- und flussabwaerts auf dem rechten Ufer der Angara
sollte an beiden Stellen mit moeglichster Kraftaufwendung ausgefuehrt und
auch eine Ueberschreitung des Stromes nach dem linken Ufer versucht
werden. Dabei durfte man voraussetzen, dass das Thor von Bolchaia ziemlich
verlassen werden wuerde, zumal da die tartarischen Vorposten vor demselben
weiter zurueckgezogen werden sollten, um den Glauben zu erregen, sie waeren
an anderen Stellen verwendet worden.

Der 5. October war herangekommen. Vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden
sollte die Hauptstadt von Sibirien in den Haenden des Emirs, der Grossfuerst
in der Gewalt Iwan Ogareff's sein.

Im Laufe dieses Tages entstand in dem Thale der Angara eine ganz
ungewoehnliche Bewegung. Von den Fenstern des Palastes und der Haeuser am
Ufer erkannte man deutlich, dass daselbst sehr umfassende Vorbereitungen
betrieben wurden. Viele tartarische Abtheilungen marschirten nach einem
Punkte zusammen und verstaerkten die Truppenmacht, welche der Emir
persoenlich befehligte. Alles das gehoerte zu der verabredeten Diversion und
wurde moeglichst auffaellig in's Werk gesetzt.

Iwan Ogareff verhehlte auch dem Grossfuersten nicht, dass von jener Seite ein
Angriff zu befuerchten sei. Er glaube annehmen zu muessen, sagte er, dass von
beiden Seiten der Stadt ein Sturmangriff geplant werde, und rieth dem
Grossfuersten, die bedrohten Punkte moeglichst zu verstaerken.

Alles, was man sehen konnte, bestaetigte Iwan Ogareff's Ansicht, der man
sich bald Rechnung zu tragen entschloss. Nach einem im Palais abgehaltenen
Kriegsrathe erging der Befehl, die verfuegbare Hauptmacht an beiden Enden
der Stadt, wo sich deren Waelle auf den Strom stuetzten, zu concentriren.

Das war es, was Iwan Ogareff vor Allem wuenschte. Er rechnete zwar bestimmt
nicht darauf, dass das Thor von Bolchaia ganz von Mannschaften entbloesst
wuerde, aber diese konnten doch nur in geringer Staerke daselbst verbleiben.
Iwan Ogareff suchte der Diversion der Tartaren eine solche Bedeutung zu
geben, dass der Grossfuerst sich genoethigt sehen sollte, alle disponiblen
Kraefte gegen dieselbe aufzubieten.

Die Verhaeltnisse wurden uebrigens durch ein Ereigniss von ungewoehnlicher
Bedeutung, wiederum einer Erfindung Iwan Ogareff's, ungemein erschwert,
ein Ereigniss, welches jedoch sehr wesentlich zur Erreichung seiner
Absichten beitragen musste. Wenn auch kein Angriff auf Irkutsk an den von
dem Thore von Bolchaia entferntestem Punkte unternommen wurde, so haette
jener Zwischenfall hingereicht, alle Kraefte der Vertheidiger dahin zu
concentriren, wo es Iwan Ogareff wuenschte. Gleichzeitig musste es eine
entsetzliche Katastrophe ueber die arme Stadt herbeifuehren.

Es waren also alle Aussichten vorhanden, jenes Thor zur bestimmten Stunde
fast unbedeckt zu finden, waehrend mehrere tausend Tartaren in Verstecken
bereit lagen, gegen dasselbe anzustuermen.

Waehrend dieser Tage hielten sich die Garnison und die Bevoelkerung von
Irkutsk immerfort auf jedes Ereigniss gefasst. Alle Massnahmen zur
Vertheidigung bei dem erwarteten Angriff auf bisher weniger beunruhigte
Punkte wurden eiligst getroffen. Der Grossfuerst und der General Voranzoff
visitirten die auf ergangenen Befehl verstaerkten Posten. Das Elitecorps
Wassili Fedor's hielt den noerdlichen Theil der Stadt besetzt, aber mit der
Weisung, immer dahin beizuspringen, wo die Gefahr am groessten waere. Mit
diesen rechtzeitigen und auf Befehl Iwan Ogareff's getroffenen Massregeln
wuchs die Hoffnung, den beabsichtigten Angriff abzuschlagen. Das Ufer der
Angara war mit der geringen Menge Artillerie besetzt worden, ueber die man
eben verfuegte. Wenn die Tartaren aber abgewiesen wurden, so konnte man
erwarten, dass sie fuer den Augenblick entmuthigt, einen erneuten Angriff
doch mindestens einige Tage verschieben wuerden. Die von dem Grossfuersten
erwarteten Truppen mussten aber doch nun jede Stunde eintreffen. Das Heil
oder das Verderben von Irkutsk hing also nur an einem Faedchen.

An diesem Tage ging die Sonne um sechs Uhr zwanzig Minuten auf und um fuenf
Uhr vierzig Minuten unter, nach Beschreibung eines Tagesbogens von elf
Stunden. Zwei Stunden noch kaempfte die Daemmerung gegen das Dunkel der
Nacht. Dann huellte sich Alles in Finsterniss, und auch auf das Erscheinen
des Mondes, der sich gerade in Conjunction befand, war ja nicht zu
rechnen.

Die tiefe Dunkelheit musste offenbar Iwan Ogareff's Plaene beguenstigen.

Schon seit mehreren Tagen leitete eine ziemlich heftige Kaelte auf die
bevorstehende Strenge des sibirischen Winters ueber und an eben diesem
Abend war sie doppelt fuehlbar. Die auf der rechten Seite der Angara
aufgestellten Truppen, welche ihre Anwesenheit nicht verrathen sollten,
hatten deshalb kein Wachtfeuer angezuendet. Sie litten von der auffaelligen
Erniedrigung der Temperatur ganz entsetzlich. Wenige Schritte unter ihnen
schwammen die Eisschollen hin, welche der Strom mit herantrieb. Den ganzen
Tag ueber sah man sie in gedraengten Massen in breitem Zuge zwischen beiden
Ufern. Dieser von dem Grossfuersten und seinen Officieren beobachtete
Umstand ward fuer besonders gluecklich angesehen. Es lag auf der Hand, dass
an eine Ueberschreitung der Angara gar nicht zu denken sei, so lange
dieses Gewirr von Eisstuecken das Bett derselben bedeckte. Die Tartaren
konnten weder Boote noch Floesse benutzen. Dabei brauchte man nicht zu
befuerchten, dass sie einen Uebergang auf dem etwa frisch aneinander
gefrorenen Eise versuchen wuerden, da dieses fuer die Passage einer starken
Colonne offenbar zu wenig haltbar war.

Wenn diese Verhaeltnisse auch den Vertheidigern von Irkutsk ganz
vortheilhaft erschienen, so haette Iwan Ogareff sie doch bedauern muessen.
Doch im Gegentheil! Der Verraether wusste ja recht gut, dass die Tartaren gar
nicht ernstlich daran dachten, die Angara zu passiren, und dass alle ihre
hierauf abzielenden Bewegungen nur eine Kriegslist seien.

Gegen zehn Uhr Abends veraenderte sich die Oberflaeche des Flusses zum
groessten Erstaunen und auch zum Nachtheile der Belagerten ganz wunderbar.
Der bisher unpraktikable Uebergang wurde frei. Das ganze Bett des Stromes
reinigte sich. Die Eisschollen, die seit einigen Tagen schon in grosser
Menge dahinjagten, verschwanden ploetzlich stromabwaerts, und nur fuenf bis
sechs schwankten noch vereinzelt zwischen den beiden Ufern. Sogar ihre
Structur veraenderte sich gegenueber denjenigen, welche man zu sehen gewohnt
war, ganz auffallend. Sie erschienen nur als einzelne von einem groesseren
Eisfelde mit glatten Raendern abgeloeste Splitter.

Die russischen Officiere meldeten, als sie die Veraenderungen am Flusse
wahrnahmen, dieselben dem Grossfuersten. Sie erklaerten sich uebrigens
dadurch, dass das Eis sich an einer engern Stelle der Angara gestaut hatte
und einen festen Schutz bildete.

Man weiss, dass dem so war.

Die Passage der Angara musste also jetzt leichter zu forciren sein, was die
Russen nun zu noch groesserer Vorsicht nach dieser Seite noethigte.

Bis Mitternacht blieb Alles ruhig. Gerade an der Ostseite, vor dem Thore
von Bolchaia, konnte man nicht die geringste Bewegung wahrnehmen. Kein
Feuerschein gluehte in dem Walde, der in der Entfernung mit den niedrigen
Wolken des Horizontes verschmolz.

Im Thale der Angara verrieth dagegen ein vielfacher Wechsel der Feuer eine
allgemeine Bewegung des Heeres.

Etwa eine Werst stromauf- und stromabwaerts von den Stellen, wo die
Erdwerke sich den Abhaengen des Flussufers anschlossen, liess sich ein
dumpfes Geraeusch vernehmen, ein Beweis dafuer, dass daselbst tartarische
Truppenmassen aufgestellt waren, welche irgend eines Befehles harrten.

Noch eine Stunde verging. Alles blieb wie vorher.

Es schlug zwei Uhr auf dem Glockenthurme der Kathedrale in Irkutsk, und
auch nicht eine ernsthafte Bewegung der Belagerer deutete auf weitere
feindliche Absichten.

Der Grossfuerst und seine Officiere fragten sich, ob sie nicht in einer
Taeuschung befangen waeren, zu glauben, dass die Tartaren einen Versuch zur
Ueberrumpelung der Stadt wagen wollten. Fast in keiner der vorhergehenden
Naechte ging es so ruhig zu. Immer blitzten sonst in der Vorpostenkette
einzelne Flintenschuesse auf und brausten einige groebere Geschosse durch
die Luft, - heute blieb Alles still.

Dennoch verweilten der Grossfuerst, der General Voranzoff und deren
Adjutanten Jeder auf seinem Posten, bereit je nach den Umstaenden die
noethigen Befehle zu geben und zu ertheilen.

Wir wissen, dass Iwan Ogareff ein Zimmer des Palastes bewohnte. Eigentlich
war dasselbe ein geraeumiger Saal im Erdgeschoss, dessen Fenster nach einer
Seitenterrasse zu lagen. Mit nur wenigen Schritten ueber diese Terrasse
gewann man einen Standpunkt, von welchem aus die Angara weithin zu
uebersehen war.

In jenem Saale herrschte eben tiefe Finsterniss.

Der Entscheidungsstunde ungeduldig entgegensehend, stand Iwan Ogareff
darin an einem Fenster. Offenbar sollte das Signal zum Losbrechen von ihm
ausgehen. Hatte er dasselbe einmal gegeben und die meisten Vertheidiger
von Irkutsk nach den offen angegriffenen Stellen gelockt, so wollte er das
Palais verlassen, um sein Bubenstueck zu vollenden.

Er wartete also im Dunklen, lauernd wie ein Raubthier, das sich auf seine
Beute stuerzen will.

Einige Minuten vor zwei Uhr verlangte der Grossfuerst, dass Michael Strogoff,
- denn nur dieser Name war ihm ja bekannt, - vor ihn gefuehrt werde. Ein
Adjutant begab sich nach dessen Wohnung, fand aber die Thuer geschlossen.
Er rief ...

Iwan Ogareff stand unbeweglich und im Dunklen nicht sichtbar am Fenster,
huetete sich aber zu antworten.

Man meldete dem Grossfuersten, dass der Courier des Czaar augenblicklich im
Palais nicht anwesend sei.

Da schlug es zwei Uhr. Das war der Zeitpunkt fuer die mit den Tartaren
verabredete Diversion, zu welcher Letztere schon fertig aufmarschirt
waren.

Iwan Ogareff oeffnete das Fenster seines Zimmers und begab sich nach dem
noerdlichen Ende der Seitenterrasse.

Im Dunklen unter ihm rauschten die Fluthen der Angara, die sich hoerbar an
den Pfeilern der frueheren Bruecke brachen.

Iwan Ogareff zog ein Feuerzeug aus der Tasche, entzuendete dadurch ein
Stueckchen mit Pulver impraegnirten Schwamm und warf diesen in den Fluss ...

Auf Iwan Ogareff's Befehl waren jene Stroeme Mineraloels auf die Oberflaeche
der Angara geleitet worden.

Auf dem rechten Ufer des Flusses befanden sich oberhalb Irkutsk, zwischen
dem Dorfe Poschkafsk und der Stadt, ergiebige Naphthaquellen. Iwan Ogareff
verdankte man den teuflischen Gedanken, mittels derselben Irkutsk in Brand
zu stecken. Er brachte also die ungeheuren Reservoirs, welche den
vorraethigen Brennstoff enthielten, in seine Gewalt. Die Durchbrechung
eines Stuecks der Umfassungsmauer reichte hin, um jenen in starkem Strome
ausfliessen zu lassen.

Das war eben in dieser Nacht einige Stunden vorher geschehen, und war die
Ursache, weshalb das Floss mit dem wirklichen Couriere des Czaar, mit Nadia
und den uebrigen Fluechtlingen in einem Strome von Mineraloel schwamm. Durch
die Oeffnungen jener, Millionen von Kubikmetern enthaltenden Reservoirs
hatte sich die fluessige Naphtha wie ein Sturzbach ergossen und sich, der
natuerlichen Bodenneigung folgend, auf dem Wasser der Angara verbreitet,
auf dem sie ja in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes obenauf
schwimmen musste.

So fuehrte Iwan Ogareff Krieg! Mit den Tartaren im Bunde handelte er wie
ein Tartar auch gegen seine eigenen Landsleute. -

Der brennende Schwamm fiel in die Wellen der Angara.

In einem Augenblick, so als ob der Strom aus Alkohol bestaende, flammte die
ganze Flaeche desselben fast mit elektrischer Geschwindigkeit auf. Zwischen
den beiden Ufern waelzten sich blaeuliche Feuerwogen. Darueber wirbelten
dicke Rauchwolken empor. Die wenigen noch in der Stroemung vorhandenen
Eisschollen wurden von der Gluth ergriffen, schmolzen wie Wachs am Ofen
und mit Zischen und Pfeifen schoss das verdampfende Wasser in die Hoehe.

Gleichzeitig knatterte am suedlichen und noerdlichen Ende der Stadt das
Kleingewehrfeuer. Die Batterien im Thale der Angara oeffneten ihren groben
Mund. Mehrere Tausend Tartaren stuerzten sich stuermend auf die Erdwerke.
Die hoelzernen Gebaeude am Flusse und dem Abhange daneben fingen an allen
Enden Feuer. Eine entsetzliche Helligkeit besiegte das Dunkel der Nacht.

"Endlich!" sagte Iwan Ogareff fuer sich.

Er konnte sich mit vollem Rechte Glueck wuenschen. Sein Angriffsplan ging
fuerchterlich in Erfuellung. Die Vertheidiger von Irkutsk standen ploetzlich
zwischen dem Sturmangriff der Tartaren und den Schrecken des Brandes.

Die Glocken heulten und Alles, was in der Bevoelkerung noch kraeftige
Glieder hatte, eilte herbei nach den bedrohten Punkten und den von dem
Feuer zerstoerten Haeusern, um wenigstens die uebrige Stadt zu retten.

Das Thor von Bolchaia entbehrte nun fast jeder Bedeckung. Nur wenige Mann
sah man an demselben. Diese waren noch dazu unter dem Einflusse des
Verraethers aus dem kleinen Corps der Verbannten erwaehlt, um die letzten
Ursachen der kommenden Ereignisse von sich abwaelzen und eher durch den
politischen Hass jener Mannschaften erklaeren zu koennen.

Iwan Ogareff ging nach seinem jetzt von der brennenden Angara hell
erleuchteten Zimmer zurueck. Dann machte er sich bereit, auszugehen.

Doch kaum oeffnete er die Thuer, als sich ein Weib mit durchnaesster Kleidung
und wild herab haengendem Haar in das Zimmer stuerzte.

"Sangarre!" rief Iwan Ogareff im ersten Schrecken, da er kein anderes
weibliches Wesen, als die Zigeunerin, vermuthen konnte.

Aber nicht Sangarre war es, sondern Nadia.

In dem Augenblicke, als das junge Maedchen auf der Eisscholle, dem letzten
Zufluchtsorte, bei dem Aufleuchten des Feuers einen Schreckensruf
ausstiess, hatte Michael Strogoff sie mit den Armen umschlungen und sich
mit ihr in das Wasser gestuerzt, um unter demselben einen Schutz gegen die
Flammen zu finden. Wie erwaehnt befand sich die Scholle, welche sie trug,
nur etwa noch dreissig Klaftern oberhalb des ersten Quais von Irkutsk.

Nachdem er unter dem Wasser hingeschwommen, gelang es Michael Strogoff,
daselbst mit Nadia an das Land zu kommen.

Endlich winkte Michael Strogoff sein heissersehntes Ziel. Er war in
Irkutsk!

"Zum Palaste des Gouverneurs!" rief er Nadia zu.

Kaum zehn Minuten spaeter erreichten Beide den Eingang des Palais, um
dessen Grundmauern das Feuer gierig, aber unschaedlich emporzuengelte.

Weiterhin standen die Haeuser am Ufer alle in Flammen.

Michael Strogoff und Nadia traten ohne Hindernisse in das jetzt ueberall
offene Gebaeude. Mitten in der allgemeinen Verwirrung bemerkte sie, trotz
ihrer triefenden Kleidung, Niemand.

In dem grossen Parterresaale draengte sich eine Anzahl Officiere, um sich
Befehle einzuholen, neben Soldaten, um letztere auszufuehren. Hier wurden
Michael Strogoff und Nadia durch das Stossen und Draengen der erregten Menge
von einander getrennt.

Rathlos durchirrte Nadia die Saele des Erdgeschosses mit lautem Rufen nach
ihrem Begleiter und verlangte, vor den Grossfuersten gefuehrt zu werden.

Da oeffnete sich vor ihr die Thuer zu einem vom Feuerscheine hell
erleuchteten Zimmer. Sie trat ein und stand unerwartet vor dem Manne, den
sie in Ichim, wie in Tomsk gesehen hatte, gegenueber Demjenigen, dessen
ruchlose Hand in der naechsten Stunde die Stadt ausliefern sollte.

"Iwan Ogareff!" rief sie entsetzt.

Der Elende zitterte, als er seinen Namen hoerte. Sein ganzer Plan musste ja
scheitern, wenn dieser Name laut wurde. Ihm blieb nur Eines uebrig: das
lebende Wesen, wer das auch sei, umzubringen, weil es seinen wahren Namen
kannte.

Iwan Ogareff drang auf Nadia ein; aber in der Hand des jungen Maedchens,
das sich durch eine Mauer im Ruecken zu decken suchte, blitzte schon ein
Messer, um sich zu vertheidigen.

"Iwan Ogareff! rief sie nochmals lauter und im Bewusstsein, dass dieser
verabscheute Name ihr Hilfe herbeirufen werde.

-- Ah, Du wirst schweigen lernen! versetzte der Verraether.

-- Iwan Ogareff!" rief das unerschrockene Maedchen zum dritten Male mit
einer Stimme, deren Staerke ihr toedtlicher Hass nur verdoppelte.

In wahnsinniger Wuth riss Iwan Ogareff einen Dolch aus seinem Guertel,
sprang auf Nadia zu und draengte sie nach einer Ecke des Raumes.

Jetzt waere es um sie geschehen gewesen, als eine unwiderstehliche Hand den
Schurken von ihr wegriss und zur Erde schleuderte.

"Michael!" rief Nadia.

Es war Michael Strogoff.

Die Ausrufe Nadia's hatten ihm den Weg gewiesen; durch sie war er zu dem
Zimmer Iwan Ogareff's gelangt und durch die halb offen gebliebene Thuer
eingetreten.

"Sei ohne Furcht, Nadia, sagte er, sich zwischen diese und Iwan Ogareff
stellend.

-- Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Bruder!... Der Verraether ist
bewaffnet ... Er kann auch sehen, und Du ..."

Iwan Ogareff war wieder aufgestanden, und da er mit dem Blinden leichtes
Spiel zu haben waehnte, rannte er auf Michael Strogoff zu.

Dieser packte ihn aber mit der einen Hand am Arme, lenkte mit der andern
seine Waffe ab und warf ihn wieder zu Boden.

Todtenbleich vor Wuth und Scham erinnerte sich Iwan Ogareff, dass er ja
einen Degen habe. Er riss diesen aus der Scheide und stellte sich wieder
zum Angriff bereit.

Auch hatte er Michael Strogoff erkannt. Einen Blinden! Er hatte es ja nur
mit einem Blinden zu thun. Die Partie stand offenbar gut fuer ihn.

Erschreckt durch die Gefahr, welche ihrem Freunde in einem so ungleichen
Kampfe drohte, eilte Nadia zur Thuer, um nach Hilfe zu rufen.

"Schliesse die Thuer, Nadia! sagte Michael Strogoff. Rufe Niemand, lass die
Rache mir allein! Jetzt braucht der Courier des Czaar diesen Schurken
nicht mehr zu fuerchten. Er mag heran kommen, wenn er es wagt. Ich erwarte
ihn!"

Iwan Ogareff kauerte sich, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Tiger zusammen.
Er suchte das Geraeusch seines Trittes, selbst das Hauchen seines Athems
dem Ohre des Blinden zu verbergen. Er wollte ihn toedtlich treffen, bevor
er seine Annaeherung gewahr wuerde. Der Schuft dachte nicht daran, sich
ehrlich zu schlagen, er wollte den, dessen Namen er gestohlen hatte,
einfach ermorden.

Voll Entsetzen und doch voll Vertrauen betrachtete Nadia diese
fuerchterliche Scene mit einer Art Bewunderung. Michael Strogoff's
unerschuetterliche Ruhe schien auch ueber sie gekommen zu sein. Als Waffe
besass Michael Strogoff nur sein sibirisches Jaegermesser, und seinen mit
dem Degen bewehrten Gegner sah er ja nicht einmal. Aber durch welche Gnade
des Himmels vertraute er so sicher seiner Ueberlegenheit ueber Jenen? Wie
konnte er, ohne dass ein Wort fiel, immer bereit sein, der Degenspitze des
Feindes zu begegnen?

Iwan Ogareff starrte mit sichtlicher Angst auf seinen Gegner. Diese
uebermenschliche Ruhe erdrueckte ihn. Doch wenn er dann seinen Verstand zu
Rathe zog, sagte er sich wieder, dass ja der Vortheil ganz auf seiner Seite
sei. Diese Unbeweglichkeit des Blinden aber machte ihn erstarren. Er
suchte sich die Stelle aus, wo er sein Opfer treffen wollte ... Er glaubte
sie gefunden zu haben ... Was hielt denn seinen Arm zurueck?

Endlich sprang er auf und fuehrte einen heftigen Stoss gegen Michael
Strogoff's Brust.

Eine geschickte und unerklaerliche Bewegung des Messers Michael Strogoff's
lenkte den Stahl ab. Der Blinde war nicht getroffen, und kaltbluetig schien
er, ohne von der Stelle zu weichen, einen zweiten Angriff zu erwarten.

Aus Iwan Ogareff's Stirn perlte ein eiskalter Schweiss. Er trat erst einen
Schritt zurueck und drang dann auf's Neue vor. Aber der Todesstreich
misslang ihm ebenso wie das erste Mal. Eine einfache Parade des breiten
Messers draengte den nutzlosen Degen zur Seite.

Rasend vor Wuth und Schrecken gegenueber dieser lebenden Bildsaeule heftete
der Verraether seinen Blick auf die weit geoeffneten Augen des Geblendeten.
Diese Augen, welche in dem tiefsten Abgrund seiner Seele zu lesen schienen
und doch unmoeglich sehen konnten, wirkten auf ihn mit einer Art
entsetzlicher Zauberkraft.

Ploetzlich stiess Iwan Ogareff einen Schrei aus. In seinem Innern ward es
unerwartet klar.

"Er sieht, rief er, er kann sehen!..."

Und wie ein Raubthier scheu seine Hoehle zu gewinnen sucht, wich er in den
Hintergrund des Saales zurueck.

Da belebte sich die Statue, der Blinde ging sicheren Schrittes auf Iwan
Ogareff zu und sagte:

"Ja wohl, er kann sehen! Ich sehe noch den Knutenhieb, mit dem ich Dich
elenden Verraether gebrandmarkt habe. Ich sehe auch die Stelle, an der mein
Messer Dich treffen soll. Auf, wehre Dich Deines Lebens. Ich erweise Dir
noch die unverdiente Ehre eines Zweikampfes! Mein Messer genuegt mir gegen
Deinen Degen!

-- Er sieht! rief freudig erschreckt Nadia. Guetiger, gerechter Gott, ist
das moeglich?"

Iwan Ogareff fuehlte sich verloren. Noch einmal aber raffte er den letzten
Muth zusammen und stuerzte sich mit dem Degen auf seinen unerschuetterlichen
Gegner. Die beiden Klingen kreuzten sich, aber ein Messerhieb Michael
Strogoff's, gefuehrt von der geuebten Hand des sibirischen Jaegers, sprengte
die Klinge in Stuecke und durch das Herz getroffen sank der Elende leblos
zu Boden.

In diesem Augenblick wurde die Zimmerthuer von aussen aufgestossen. Begleitet
von einigen Officieren erschien der Grossfuerst auf der Schwelle.

Letzterer trat vor. Auf dem Fussboden erkannte er die Leiche Desjenigen,
den er fuer den Courier des Czaar gehalten hatte.

Mit drohender Stimme fragte er.

"Wer hat diesen Mann getoedtet?

-- Ich that es", antwortete Michael Strogoff.

Einer der Officiere setzte einen Revolver an dessen Schlaefe.

"Dein Name? fragte der Grossfuerst.

-- Kaiserliche Hoheit, erwiderte Michael Strogoff, fragen Sie mich lieber
zuerst nach dem Namen dessen, der vor Ihren Fuessen liegt.

-- Diesen Mann erkenne ich. Es ist ein Diener meines Bruders, ein Courier
des Czaar.

-- Dieser Mann, Hoheit, ist kein Courier des Czaar! Das ist Iwan Ogareff!

-- Iwan Ogareff? rief der Grossfuerst.

-- Ja, Iwan, der Verraether seines Vaterlandes.

-- Aber Du, wer bist Du denn?

-- Ich bin Michael Strogoff."




                           Fuenfzehntes Capitel.


                                 Schluss.


Michael Strogoff war in der That jetzt weder blind, noch war er es jemals
gewesen. Eine rein menschliche, gleichzeitig moralische und physikalische
Ursache hatte die Wirkung der gluehenden Saebelklinge vereitelt, die der
Scharfrichter Iwan Ogareff's damals vor seinen Augen vorbeifuehrte.

Der Leser erinnert sich, dass bei Vollziehung des grausamen Urtheils die
alte Marfa verzweifelt und mit erhobenen Armen unweit ihres Sohnes stand.
Michael Strogoff sah sie an, wie ein Sohn eben seine Mutter ansehen wird,
wenn er weiss, dass es zum letzten Male sein soll. Aus seinem Herzen quollen
ihm die Thraenen in die Augen, die sein Stolz vergeblich zurueck zu draengen
suchte. Diese sammelten sich unter den Augenlidern, und ihre Verdampfung
auf der Hornhaut rettete ihm die Sehkraft. Da sich die aus den Thraenen
gebildete Dampfschicht zwischen der gluehenden Klinge und den Augaepfeln
befand, vermochte sie die Wirkung der Hitze unschaedlich zu machen. Es ist
das derselbe Vorgang, als wenn ein Giesser nach Anfeuchtung seiner Hand mit
Wasser diese ungestraft durch einen Strahl fluessigen Eisens fuehrt.

Michael Strogoff hatte die Gefahr schnell erkannt, welche ihm daraus
erwachsen koenne, wenn er sein Geheimniss gegen irgend Jemand offenbarte.
Ebenso durchschaute er auch den Nutzen, den er aus diesem Umstande
bezueglich der Durchfuehrung seiner Aufgabe ziehen koenne. Nur dass er fuer
blind galt, schien seine persoenliche Freiheit einigermassen sicher zu
stellen. Er musste also blind scheinen, er musste es fuer Alle sein, selbst
fuer Nadia, und niemals durfte eine unbewachte Bewegung seinerseits an der
Wahrheit seiner Rolle einen Zweifel erregen. Sein Entschluss stand fest. Er
musste selbst sein Leben wagen, um einen Beweis von seiner Erblindung zu
geben, und wir wissen, wie unbedenklich er es auf's Spiel setzte.

Nur seine Mutter allein kannte den wahren Sachverhalt, ihr hatte er es
damals auf dem Platze vor Tomsk in's Ohr gefluestert, als er in der
Dunkelheit ueber jene gebeugt sie mit seinen heissen Kuessen bedeckte.

Man entsinnt sich auch, dass, als Iwan Ogareff in herzlosem Spotte das
kaiserliche Schreiben vor Michael Strogoff's geblendete Augen hielt,
dieser dasselbe lesen konnte, und natuerlich Alles gelesen hatte, was die
verruchten Plaene des Verraethers enthuellte. Hieraus erklaert sich auch sein
verdoppeltes Draengen, in Irkutsk anzukommen und sich daselbst seiner
Mission wenigstens muendlich zu entledigen. Er wusste, dass die Stadt
verrathen werden solle, dass des Grossfuersten Leben in der ernstesten Gefahr
schwebe. Die Rettung des Bruders seines Czaar, ja das Heil ganz Sibiriens
ruhte also in seiner Hand.

Mit wenigen Worten wurden dem Grossfuersten alle die frueheren Vorkommnisse
mitgetheilt, wobei Michael Strogoff mit Waerme den Antheil hervorhob, der
Nadia bei der Ueberwindung der zahlreichen Hindernisse gebuehrte.

"Wer ist das junge Maedchen? fragte der Grossfuerst.

-- Die Tochter Wassili Fedor's, eines Verbannten.

-- Die Tochter des Commandanten Fedor, fuhr aber der Grossfuerst fort, ist
nicht mehr die Tochter eines Verbannten. In Irkutsk giebt es jetzt keine
Verbannten mehr!"

Nadia fiel, ueberwaeltigt von der Freude, der sie leichter erlag als den
harten Schlaegen des Schicksals, dem Grossfuersten zu Fuessen, der sie jedoch
mit der einen Hand wieder aufzog und die andere Michael Strogoff darbot.

Eine Stunde spaeter lag Nadia in den Armen ihres Vaters.

Michael Strogoff, Nadia und Wassili Fedor waren vereinigt und hoch
schlugen ihre Herzen im Uebermass des Glueckes.

Der Angriff der Tartaren auf die Stadt schlug gaenzlich fehl. Wassili Fedor
hatte mit seiner kleinen Truppe die ersten Anstuermenden niedergemacht, die
vor dem Thore von Bolchaia in der Meinung, dasselbe schon offen zu finden,
erschienen, waehrend Jener mit instinctivem Vorgefuehl darauf drang, hier
zur Vertheidigung zurueck zu bleiben.

Gleichzeitig mit der Zurueckweisung der Tartaren gelang es den Belagerten
auch, die Feuersbrunst zu bewaeltigen. Die Naphtha auf der Oberflaeche der
Angara war bald verbrannt, und die auf die Haeuser laengs des Flusses
concentrirten Flammen verschonten die uebrigen Theile der Stadt.

Noch vor Tagesanbruch zogen sich die Truppen Feofar-Khan's, unter
Zuruecklassung einer grossen Anzahl auf den Waellen umherliegender Todter, in
ihr Lager zurueck.

Zu den Gefallenen gehoerte auch die Zigeunerin Sangarre, welche sich
vergeblich mit Iwan Ogareff in Verbindung zu setzen versucht hatte.

Die beiden folgenden Tage wagten die Belagerer keinen erneuten Angriff.
Iwan Ogareff's Tod hatte sie entmuthigt. Dieser Mann war die Seele des
ganzen Kriegszuges, und er allein besass durch seine unausgesetzten
Agitationen Einfluss genug auf die Khans und deren Heerhaufen, um sie zu
dem Versuch einer Eroberung des asiatischen Russlands zu verleiten.

Inzwischen blieben die Einwohner und die Besatzung von Irkutsk, angesichts
der noch andauernden Einschliessung, stets gleichmaessig wachsam und
kampfbereit.

Am 7. October aber donnerte beim ersten Tagesgrauen der eherne Mund von
Geschuetzen auf den umgebenden Hoehen der Stadt.

Es war der Gruss der Hilfsarmee, die unter der Fuehrung des Generals
Kisselef heranrueckte und dem Grossfuersten ihr Eintreffen anmeldete.

Die Tartaren bedachten sich nicht lange. Sie wollten nicht Gefahr laufen,
unter den Mauern von Irkutsk eine Schlacht annehmen zu muessen, und hoben
daher das Lager im Thale der Angara eiligst auf.

Endlich konnte Irkutsk befreit wieder aufathmen.

Mit den ersten russischen Truppen waren aber auch zwei Freunde Michael
Strogoff's in die Stadt eingezogen, - die unzertrennlichen Collegen Harry
Blount und Alcide Jolivet. Es war ihnen gelungen, ueber den Eisschutz das
rechte Ufer der Angara zu erreichen und mit den uebrigen Fluechtlingen zu
entkommen, bevor die brennende Angara das Floss ergriffen hatte. In Alcide
Jolivet's Notizbuch fand sich hierueber die lakonische Bemerkung:

"Beinahe umgekommen wie eine Citrone in der Punschbowle!"

Sie freuten sich herzlich, Nadia und Michael Strogoff heil und gesund
wieder zu treffen, vorzueglich als sie erfuhren, dass ihr muthiger Gefaehrte
nicht blind sei. Harry Blount fuehlte sich veranlasst, als eigene
Beobachtung zu notiren:

"Rothgluehendes Eisen scheint unzureichend zu sein, die Sensibilitaet des
Sehnerven zu zerstoeren. Das Verfahren bedarf der Modification."

Nachdem sie in Irkutsk ein behagliches Unterkommen gefunden, gingen sie
an's Werk, ihre Reiseerlebnisse in Ordnung nieder zu schreiben. Nach
London und nach Paris flogen dann zwei hochinteressante Berichte ueber den
Einfall der Tartaren, welche sich wunderbarer Weise kaum in den
untergeordnetsten Punkten widersprachen.

Der ganze Feldzug verlief uebrigens hoechst ungluecklich fuer den Emir und
seine Verbuendeten. Dieser ebenso nutzlose Einfall, wie alle anderen gegen
den russischen Koloss gerichteten Angriffe, sollte ihnen sehr verderblich
werden. Bald sahen sie sich von den kaiserlichen Truppen abgeschnitten,
welche in rascher Folge alle eroberten Staedte wieder in ihre Gewalt
brachten. Dazu trat der Winter mit ungewoehnlicher Strenge auf, so dass von
den durch die Kaelte decimirten Horden nur ein schwacher Bruchtheil die
Steppen der Tartarei wieder erreichte.

Die Strasse von Irkutsk nach dem Uralgebirge war wieder frei. Den
Grossfuersten draengte es, nach Moskau zurueckzukehren, doch er verschob seine
Abreise, um einer ruehrenden Ceremonie beizuwohnen, die sich wenige Tage
nach dem Einzuge der russischen Truppen vollzog.

Michael Strogoff befand sich an Nadia's Seite und sagte zu ihr in
Gegenwart ihres Vaters:

"Nadia, noch immer meine Schwester, hast Du bei Deiner Abreise von Riga
nach Irkutsk einen andern Kummer zurueckgelassen, als die Trauer um Deine
Mutter?

-- Nein, antwortete Nadia, gar keinen andern.

-- Kein Stueckchen Deines Herzens ist dort zurueck geblieben?

-- Keines, Bruder.

-- Dann, Nadia, glaube ich nicht anders, als dass es Gottes Absicht war, uns
nicht nur zur vereinten Ueberwindung so schwerer Pruefungen, sondern wohl
fuer immer zusammen zu fuehren."

Mit beseligter Freude sank Nadia in Michael Strogoff's Arme.

Dann wendete sich dieser zu Wassili Fedor.

"Mein Vater! sagte er leicht erroethend.

-- Nadia, antwortete Wassili Fedor, mir wird es alle Zeit nur eine Freude
sein, Euch Beide meine Kinder zu nennen!"

Die Vermaehlungsfeier ging in der Kathedrale von Irkutsk vor sich. Sie war
nur einfach hinsichtlich des aeusseren Pompes, aber erhebend durch die
ungeheure Theilnahme der ganzen Bevoelkerung, welche ihrer tiefen
Dankbarkeit gegen die beiden jungen Leute Ausdruck verleihen wollte, deren
Irrfahrten schon in Aller Munde lebten.

Selbstverstaendlich fehlten auch Alcide Jolivet und Harry Blount nicht bei
dieser Hochzeit, ueber die sie ihren Lesern doch Bericht erstatten wollten.

"Nun, und das macht Ihnen noch keine Lust, das Gleiche zu thun? fragte
Alcide Jolivet seinen Collegen.

-- Pah, erwiderte Harry Blount, haette ich freilich eine Cousine so wie
Sie ...

-- Meine Cousine ist nicht mehr zu haben! unterbrach ihn lachend Alcide
Jolivet.

-- Desto besser, meinte Harry Blount, denn man spricht unter der Hand von
Schwierigkeiten zwischen London und Peking. - Haetten Sie keine Lust
zuzusehen, was dort vorgeht?

-- Alle Wetter, liebster Blount, rief Alcide Jolivet, eben wollte ich Ihnen
diesen Vorschlag machen!"

Stehenden Fusses brachen die beiden Unzertrennlichen auf nach dem
Himmlischen Reiche.

Einige Tage nach der Hochzeit begaben sich auch Michael Strogoff und
Nadia, natuerlich begleitet von Wassili Fedor, auf die Rueckreise nach
Europa. Diese Schmerzensstrasse auf dem Herweg wurde zum Glueckspfade fuer
den Rueckweg. Sie eilten in groesster Schnelligkeit dahin auf einem jener
praechtigen Schlitten, welche wie ein Eilzug ueber Sibiriens eisbedeckte
Steppen fliegen.

Nur am Ufer der Dinka goennten sie sich einen einzigen Rasttag.

Michael Strogoff fand die Stelle wieder auf, an der er den armen Nicolaus
begraben hatte. Dort ward ein Kreuz aufgestellt, und Nadia verrichtete ein
letztes Gebet an der Ruhestaette des ergebenen, heldenmuethigen Freundes,
den Beide niemals vergessen konnten.

In Omsk empfing sie die alte Marfa in dem kleinen Haeuschen der Strogoff's.
Mit inniger Liebe umarmte sie Die, welche sie im Herzen schon tausend Mal
ihre Tochter genannt hatte. Heute durfte die alte Sibirerin ihren Sohn
erkennen und ihrem muetterlichen Stolze genug thun.

Nach einigen Tagen Aufenthalt in Omsk reisten Michael und Nadia Strogoff
nach Europa weiter. Wassili Fedor liess sich in Petersburg nieder, und
weder sein Sohn noch seine Tochter verliessen ihn jemals, ausser wenn sie
der bejahrten Mutter in der Ferne einen Besuch abstatteten.

Der junge Courier wurde vom Czaar empfangen, der ihm eine Stellung in
seiner unmittelbaren Umgebung anwies und ihm das Ritterkreuz des heiligen
Georg aushaendigte.

Michael Strogoff gelangte spaeter zu hohen Ehren im Reiche. Aber nicht die
Geschichte seiner Erfolge wollten wir hier berichten, sondern nur die
seiner maennlich ueberwundenen Pruefungen und Leiden.



                       Ende des Courier des Czaar.






                                FUSSNOTEN


    1 Eine Art Blaettergebackenes.

    2 Dieses Kleidungsstueck heisst "_dakha_"; es ist sehr leicht und doch
      fuer Kaelte fast undurchdringlich.

    3 Eine russische Geldmuenze im Werthe von 5 Rubeln.

    4 Dieses Wort entspricht vollkommen dem in Europa gebraeuchlichen "Sir"
      und wird gegenueber dem Sultan von Bukhara gewoehnlich angewendet.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die Originalausgabe erschien in zwei Baenden, die in der elektronischen
Fassung vereinigt sind. Die Inhaltsverzeichnisse am Schluss der beiden
Baende wurden an den Beginn des Textes gesetzt.

Die Fussnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt.

Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:

      Seite 1-6: "Keliwan" geaendert in "Kolywan" ("Nishny-Nowgorod, Perm,
      Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan,
      Tomsk")
      Seite 1-12: "Krasnojask" geaendert in "Krasnojarsk" ("Und die
      meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte")
      Seite 1-15: "Okfotsk" geaendert in "Ochotsk" ("es zwei Districte, die
      von Ochotsk")
      Seite 1-16: "Elamks" geaendert in "Elamsk", "Nishny, Udinsk" in
      "Nishny-Udinsk", "Blagowestenks" in "Blagoweshensk", "Orloneskaga"
      in "Orlomskaya" ("Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk,
      Elamsk, Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk,
      Verkne-Nertschinsk, Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde,
      Orlomskaya, Alexandrowskoe, Nicolajewsk")
      Seite 1-26: "Ovirenna" geaendert in "Ovicenna" ("deren schon die
      Ovicenna's und andere Gelehrte")
      Seite 1-49: "Tschermissen" geaendert in "Tscheremissen" ("Finnen,
      Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken")
      Seite 1-87: "spezielle" geaendert in "specielle" ("dass ihn eine
      specielle Mission berechtigte")
      Seite 1-101: "Ordnnng" geaendert in "Ordnung" ("Nun, er ist bis
      Kolyvan noch in Ordnung?")
      Seite 1-111: "Zaun" geaendert in "Zaum" ("Von Zaum und Gebiss keine
      weitere Spur")
      Seite 1-137: "Nikolaus" geaendert in "Nicolaus" ("Nicolaus Korpanoff,
      Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff")
      Seite 1-189: "bivuakirten" geaendert in "bivouakirten" ("mit
      Wachposten besetzten Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren")
      Seite 1-216: "Omsk" geaendert in "Tomsk" ("nach gluecklicher Umgehung
      von Tomsk")
      Seite 1-218: "begehende" geaendert in "bestehende" ("und Haidekraut
      bestehende Gruppen von Zwergbaeumen")
      Seite 1-233: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "Gewehrfeuer!" ("Das
      ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer!")
      Seite 1-234: "Diahinsk" geaendert in "Diachinsk" ("vielleicht nach
      Diachinsk oder einem andern, durchzuschlagen")
      Seite 2-19: "Instinkt" geaendert in "Instinct" ("ein wahrhaft
      aussergewoehnlicher Instinct, noch maechtiger entwickelt")
      Seite 2-25: "Stellvertreters des" hinzugefuegt vor "Emirs" ("des
      Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiss bald mit")
      Seite 2-38: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "nicht!" ("gilt meinem
      Sohne noch nicht!")
      Seite 2-43: "bivouaquirte" geaendert in "bivouakirte" ("waehrend das
      Gros der Armee vor den Mauern bivouakirte")
      Seite 2-76: "Daily Telegraph" geaendert in "Daily-Telegraph" ("Ihre
      Leser des Daily-Telegraph werden")
      Seite 2-77: "Ein" geaendert in "Eine" ("Eine Stunde spaeter trabten
      sie schon auf der")
      Seite 2-99: "Hoffnnng" geaendert in "Hoffnung" ("glaubte. Jetzt
      fuerchtete er, seine Hoffnung werde")
      Seite 2-112: "slawischen" geaendert in "slavischen" ("die zum groessten
      Theil einen slavischen Typus zeigen")
      Seite 2-113: "20 deg." geaendert in "-20 deg." ("-20 deg. fuer eine ganz
      ertraegliche haelt")
      Seite 2-143: Punkt hinzugefuegt hinter "Meere" ("Der Baikalsee liegt
      1700 Fuss ueber dem Meere.")
      Seite 2-206: "vorher gehenden" geaendert in "vorhergehenden" ("Fast
      in keiner der vorhergehenden Naechte")

Nicht vereinheitlicht wurden mehr als einmal vorkommende
Schreibweisenvarianten: "Baikal" und "Baikal"; "Flosse" und "Flosse";
"Ischim" und "Ichim"; "Jenisei", "Jenisei" und "Yenisei" bzw. "Jeniseisk",
"Jeniseisk" und "Yeniseisk"; "Kamtschatka" und "Kamschatka"; "Kolywan" und
"Kolyvan"; "Madeleine" und "Madelaine"; "Nischny-Nowgorod",
"Nishny-Nowgorod", "Nischnij-Nowgorod" und "Nishnij-Nowgorod"; "Officier"
und "Offizier"; "Sibirier(in)" und "Sibirer(in)"; "Sylbe" und "Silbe".





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)***



                                 CREDITS


October 12, 2010

            Project Gutenberg TEI edition 1
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            Stefan Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at
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                                  1.F.1.


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           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
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obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
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Foundation was created to provide a secure and permanent future for
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Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
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    Chief Executive and Director
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***FINIS***